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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Künftler, und find die in dem mir beigelegten Abdruck ange» 
führten Befchwerden zum größten Teil nicht ftichhaltig! □ 
Befonders hoch anzuerkennen und von bedeutendem Wert 
erachte ich es, daß von feiten der Künftler auch kleine fachtüchtige 
Handwerker mit Aufträgen betraut und fomit zu Kunftband» 
werkern herangebildet werden, und wird dadurch der Kunft- 
finn im Publikum auch da geweckt, wo bisher noch wenig oder 
nichts zu fpüren war. □ 
Infolgedeffen erblicke ich darin, daß der Künftler einen Auf» 
trag übernimmt und die verfchiedenen Arbeiten an ihm bekannte 
leiftungsfähige Kunfthandwerker weiter vergibt bezw. diefelben 
vorfchlägt, durchaus keinen Nachteil des Kunfthandwerks oder 
Kunftgewerbes überhaupt, fondern ich betrachte dies als eine 
Erleichterung des betreffenden Handwerkers, welcher die Arbeiten 
übertragen bekommt. □ 
Jedoch dürfte hierbei zu berückfichtigen fein, daß die Erteilung 
der Aufträge durch Künftler fich immer auf einer höheren Stufe 
halten müffen und daß das im Handwerk verpönte Submiffions* 
wefen nur im geringften Maße angewendet wird. □ 
Im übrigen bleibt für jeden Kunftgewerbetreibenden genügend 
Gelegenheit übrig, Aufträge vom Publikum direkt zu übernehmen, 
indem fich die Aufträge, welche durch Künftler erteilt werden 
können, immer in gewiffen Grenzen halten werden und die 
breite Maffe nach wie vor fich direkt an die Gefchäftsinhaber 
wenden wird. □ 
Mit dem Wunfcbe, daß fich das Kunftgewerbe ungehemmt 
auf der eingefchlagenen Bahn weiter entwickeln möge, zeichne 
hochachtungsvoll ergebenft 
(gez.) BERNHARD GÖBEL 
Meine früheren vorftehenden Auslaffungen erhalte ich voll und 
ganz aufrecht. □ 
Freiberg, den 13. Juli 1907 BERNHARD GÖBEL 
ARCHITEKTUR UND KUNSTGEWERBE *) 
VON ARCH. PROF. FRITZ SCHUMACHER 
an bat oft als auf etwas ganz Anormales darauf bim 
gewiefen, daß es in unterer Zeit nicht die Architektur 
ift, die das Kunftgewerbe leitet, fondern daß im Gegem 
teil das voraneilende Kunftgewerbe die Architektur aufrüttelnd 
beeinfluffen muß. In früheren Epochen ift das niemals fo ge» 
wefen. Das Kunftgewerbe fcbwamm ftets im Kielwaffer der 
Architektur und erft heute war die erfte Tat des aufftrebenden 
Kunftgewerbes die, alle architektonifche Beeinfluffung zunäcbft 
einmal über Bord zu werfen. □ 
Zwifcben den beiden Schaffensgebieten find alfo fraglos ganz 
neuartige Unklarheiten eingetreten und vielleicht erklären fich 
daraus manche der Befonderbeiten unteres heutigen Experi» 
mentierens. Wir wollen verfucben, die Grenzbeeinfluffungen 
etwas näher ins Auge zu faffen. □ 
*) Architektur ift nicht lediglich eine Fachangelegenbeit, fondern eine 
Angelegenheit des Volkes und der Kultur. Diefer immer breiteren 
Boden gewinnenden Auffaffung entfpringt die erfreuliche Tatfacbe, daß 
anerkannte Baukünftler mehr und mehr aus dem engen Kreis der 
Facbgenoffen beraustreten und fich an ein größeres Publikum wenden, 
um ihre Grundlage und Anfcbauungen über das Wefen der Baukunft 
darzulegen und das Verftändnis der Architektur zu fördern. □ 
Es ift bekannt, daß der Arch. Prof. Frit> Schumacher, Dresden, ein 
feinfinniger Arcbitekturfcbriftfteller ift; fein jüngftes, bei Diedericbs in 
Jena erfcbienenes Buch »Streifzüge eines Architekten«, aus dem wir 
den Freunden unterer Sache die kleine Lefeprobe bieten, ift eine fcböne 
und willkommene Gabe, die Dank und Beifall der Lefer finden wird. 
Daß zunäcbft einmal ein Bruch gerade mit der offiziellen 
Architektur des neunzehnten Jahrhunderts nötig war, brauche 
ich nicht lange zu erörtern. Die Unnatur wiffenfchaftlicher Stil» 
pflege zeigte fich im imitierten Renaiffancefcbrank und im goti» 
fcben Buffet vielleicht noch deutlicher wie am gotifchen Haufe 
und der Renaiffancevilla, und daß nicht die Architektur, fondern 
das Kunftgewerbe zuerft hiergegen Front machte, bat den febr 
einfachen Grund in feiner größeren Beweglichkeit. Der Mann, 
der reformatorifcbe Gedanken hegt, kann fie verhältnismäßig 
leicht in einem Schrank oder einer Tapete zum Vorfcbein bringen. 
Vielleicht ftirbt er, ohne Gelegenheit zu bekommen, fie an einem 
Bauwerke zu erproben. Daraus ergibt fich ganz von felbft, daß 
die Experimentierchancen des Kunftgewerbes ungleich größer 
find, als die der Architektur, und daß das Vorangeben des Kunft» 
gewerbes auf dem Wege neuer Verfuche felbftverftändlich war. 
Und nun, nachdem diefe erfte Befreiung von der Architektur 
vorüber ift, erkennt man, daß alle die Errungenfcbaften an 
guten Muttern, Geräten, Fliefen, Teppichen und Beleucbtungs» 
körpern zerflattern, wenn fie nicht arcbitektonifcb zufammen» 
gehalten werden. Man beginnt zu fpüren, daß felbft das ge» 
fcbickte malerifche Aneinanderreiben kunftgewerblicher Einzel» 
leiftungen eigentlich keine Löfung eines Innenraumes gibt, fondern 
daß ein bindendes Element kräftigerer Art dazu treten muß. 
Notgedrungen fucht man wieder Fühlung mit der Architektur. 
Man taftet nach einem architektoni fcben Prinzip, in das fich all 
die gewonnenen Schäle einfügen laffen, und es entftebt die 
Frage, wie fich das Verhältnis von Kunftgewerbe zu Architektur 
neu geftaltet. Selbftverftändlich gibt es diefer Frage gegenüber 
Leute, die nun von feiten des architektonifchen Einfluffes aus 
das Kunftgewerbe fozufagen zurückgeftalten möchten und andere 
Leute, die umgekehrt, von feiten des kunftgewerblicben Ein» 
fluffes aus die Architektur aus den Angeln beben zu können 
glauben. Das find klare Wege. So einfach aber ift die Sache 
in Wahrheit augenfcheinlich nicht. In Wahrheit laufen die Wege 
zwifcben Kunftgewerbe und Architektur viel verfcblungener, und 
es gilt die Frage zu erwägen: wo liegen die Berührungspunkte 
zwifcben Kunftgewerbe und Architektur, und wo liegen diefe 
Berührungspunkte nicht. □ 
Die negative Seite der Frage bat fich durch die Entwicklung 
des lebten Jahrzehnts ziemlich deutlich geklärt. Das neue Wollen 
zeigte fich naturgemäß zuerft im Flachornament; hier konnte 
es fich am mübelofeften, von keinen materiellen Schwierigkeiten 
gehemmt, entwickeln, und zugleich fiel hier jede Eigenart dem 
Laien, der ftets dem Ornament am ebeften zugänglich zu fein 
pflegt, am finnfälligften ins Auge. □ 
So entwickelte fich hier rafcb ein neuartiges fruchtbares Prin» 
zip im rbytbmifcben Verteilen von Flecken und Grund, von 
ruhigen, formal durcbgebildeten Punkten und bewegten Linien. 
Und in der erften Freude an felbftändigen Leiftungen glaubte 
man deshalb ohne weiteres, fozufagen vom Tapetenmufter aus 
die Architektur neu geftalten zu können. □ 
Der Erfolg war fürchterlich. Es entftanden jene teppichartigen 
oder gar mit ftilifiertem Pflanzengerank garnierten Faffaden, 
die zuerft das neue Wollen diskreditierten. Deutlich konnte 
man lefen: was für das Ornament entwickelt ift, bedeutet zu» 
näcbft noch nichts für die Architektur. Ja, man konnte fofort 
weiter folgern, es bedeutet noch nichts für alle dreidimenfio» 
nalen, kubifcb konftruierten Gebilde, alfo in erfter Linie noch 
nichts für das Möbel. Das ift eine in ihrer Selbftverftändlich» 
keit fo banale Weisheit, daß man fich nicht fcheuen würde, fie 
auszufprechen, wenn man nicht noch mannigfache Symptome 
für die gegenteilige Praxis fäbe. Noch find die Arbeiten nicht 
völlig überwunden, welche die aus dem Rhythmus des flachen 
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