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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

MODE  UND  HANDARBEIT

L.:  KORREKTE  KLEIDUNG
as  Thema  ift  recht  geeignet,  Kopffcbütteln  und  Mißbilligung
in  jenen  Kreifen  hervorzurufen,  wo  nach  gut  kleinbürgerlieber
  Sitte  die  Solidität  eines  Menfcben  durch  nichts  fo
leicht  in  Mißkredit  geraten  kann,  als  durch  forgfältige  und
korrekte  Kleidung.  Wenn  auch  nach  jener  Huffaffung  faloppe
Erfcbeinung  als  ein  Zeichen  von  Vertrauenswürdigkeit  und  um
erfebütterten  bürgerlichen  Tugenden  gilt,  fo  gibt  es  doch  febon
eine  verruchte  Klaffe  Menfcben  mit  ftarkem  Übergewicht,  die
der  Meinung  ift,  daß  die  Sorgfalt  für  unteren  äußeren  Menfcben
und  die  gewählte  Kleidung  zu  den  gefellfcbaftlicben  Hnftandspflicbten
  gehört  und  für  die  moralifche  Unzulänglichkeit  ebenfo
wenig  einen  Maßftab  bildet,  wie  fcblecbtes  Schubwerk  und  ein
febmutpger  Hemdkragen,  für  das  Übermaß  an  feelifcber  Bildung.
Aber  die  bange  Briefkaftenfrage  fo  manchen  jungen  Mannes:
»Wie  kleide  ich  mich  korrekt?«,  verrät  eine  ziemlich  allgemeine
Hilflofigkeit,  die  in  folcben  Fällen  befteht,  und  dem  ftrebfamen
Jüngling  auf  der  Laufbahn  zur  Gefellfcbaftsfähigkeit  manchen
lächerlichen  Irrtümern  und  Verlegenheiten  ausfetjt.  Der  wohlmeinende ­
  Rat,  die  Konverfationsftücke  der  großen  Refidenzbübnen
  zu  befueben,  hilft  in  der  Regel  wenig,  flnzug  und  Huftreten ­
  der  Scbaufpieler  in  folcben  Stücken  gibt  jenem,  der  feben
kann,  nüt)licbe  Huffchlüffe.  Aber  die  wenigften  können  feben.
Für  die  meiften  alfo,  die  ficb  begreiflicherweife  nicht  mit  dem
Bewußtfein  begnügen,  der  Nation  der  Dichter  und  Denker  anzugehören, ­
  fondern  auch  anftändig  und  der  europäifchen  Gefellfchaftsfitte
  gemäß  gekleidet  fein  wollen,  bleibt  die  Frage  noch
ungelöft.  Sie  bedeutet  ganz  entfehieden  einen  Mangel  an  formaler ­
  Bildung,  die  in  England  und  Hmerika  zu  einer  feftftebenden
  Tradition  geworden  ift,  und  die  Formen  der  guten
Gefellfcbaft  in  allen  Ländern  beberrfcht.  Wir  haben  keine  folcbe
Tradition,  die  vor  Verftößen  bewahrt.  Um  fo  wichtiger  ift  es,
die  Details  der  Hngelegenbeit  zu  behandeln,  nicht  um  deren
Wichtigkeit  zu  übertreiben,  fondern  die  Kenntnis  und  Anwendung
allgemein  zu  verbreiten,  und  gerade  dadurch,  wie  alles  zur
Selbftverftändlicbkeit  und  Gewohnheit  gewordene  von  der
Tagesordnung  abzufetjen.  Viele  glauben  zwar  ihre  Unwiffenheit
  in  der  Kleiderordnung  zu  bemänteln,  indem  fie  die  Hbficht
markieren,  die  ich  dem  Regelzwang  wiederfetjt  und  folcher  Hrt
geiftige  Unabhängigkeit  bekundet.  Aber  das  bedeutet  in  der
Regel  nicht  viel  mehr  als  einen  bornierten  Heroismus,  der  eine
verzeihliche  Ungefcbicklicbkeit  zur  Ungezogenheit  ftempelt.  Die
ftarke  Perfönlichkeit  darf  fich  jede  Eigenwilligkeit  erlauben.  Ihr
gefteigertes  Selbftbewußtfein  kann  fich  zu  dem  Paradoxon  bebekennen. ­
  Was  man  felbft  trägt  ift  Mode,  was  die  anderen  tragen
ift  unmodern!  Aber  nicht  jeder  ift  eine  Perfönlichkeit,  die  ihre
Mode  bilden  darf,  ohne  lächerlich  zu  fein.  Für  die  Allgemeinheit ­
  gibt  es  nichts  ratfameres,  als  fich  an  das  gefellfchaftlich
übliche  zu  halten.  »Cbercbez  la  botte  vernie«  ift  in  diefer  Sache
pädagogifcher  Grundfat,.  Es  ift  das  Merkmal  einer  guten  Erziehung, ­
  äußerlich  nicht  aufzufallen.  Der  modernfte  Menfcb  ift
derjenige,  der  am  wenigften  auffällt.  Man  fällt  am  wenigften
auf,  wenn  man  in  der  Gefellfcbaftstracbt  auf  die  gute,  das  will
fagen  auf  die  herkömmliche  Sitte  achtet.  Der  zerftreute,  weltunkundige ­
  Gelehrte,  deffen  gefellfchaftliches  Auftreten  eine  Kette
drolliger  Verkehrtheiten  bildet,  ift  mit  Recht  eine  ftebende  Wit}=blattfigur,
  die  aber  im  Leben  immer  peinlich  wirkt.  Die  deutfehe

Gelehrtengalerie  enthält  das  Porträt  eines  Mannes,  der  tiefe
Gelehrfamkeit  mit  dem  Anftand  des  Weltmannes  zu  vereinigen
wußte,  es  ift  Leibniz.  Es  darf  nicht  vergeffen  werden,  daß  der
karikaturiftifche  Typus  des  deutfehen  Gelehrten  in  Kulturländern
wie  England  und  Amerika  vollftändig  fehlt.  Auch  der  Künftler
darf  nur  in  feltenen  Fällen  eine  Ausnahme  von  der  Regel  machen,
namentlich,  wenn  feine  Eigenheiten  mehr  abfonderlich  als  originell
find.  Die  künftlerifche  Jugend,  die  fich  die  Haare  lang  wachfen
läßt  und  mit  dem  römifchen  Radmantel  fich  raffaelitifch  ftilifiert,
berechtigt  wenig  zu  der  Hoffnung,  daß  fie  dem  Geift  der  neuen
Zeit  dienlich  und  den  Feffeln  des  Epigonentums  entwachfen
werde,  es  fei  denn,  daß  fie  den  Radmantel  und  die  langen  Haare
den  Frifeurjünglingen,  die  eine  Lebenslüge  brauchen,  überläßt.
Aber  auch  jenen,  die  den  Kinderfchuben  akademifcher  Romantik
entwachfen  find,  gereicht  es  nicht  zum  Vorteil,  in  gelben  Stiefeln
mit  fchwarzem  Gebrock  und  Scblappbut  als  Wodan-Enkel  in  der
modernen  Gefellfcbaft  aufzutreten.  Wenn  man  alfo  von  der
Regel  abweichen  und  nicht  allzu  febroff  abfteeben  oder  das  Odium
mangelhafter  Bildung  auf  fich  laden  will,  muß  es  mit  febr  viel
Takt  und  mit  viel  Originalität,  die  natürlich  immer  Recht  behält,
gefebeben,  wobei  es  felbftverftändlicb  ift,  daß  dem  vorgerückten
Alter  größere  Duldfamkeit  eingeräumt  ift,  als  der  vorberrfebenden
  jungen  Generation.  □
Es  ift  bezeichnend,  daß  gerade  die  modernen  Künftlervereinigungen,
  die  Sezeffionen,  zugunften  des  Gefellfcbaftskleides
erziehlich  wirken  wollen,  indem  fie  auf  den  Einladungskarten
zu  den  Ausftellungseröffnungen  vorfchreiben:  »Herren  erfcheinen
im  Gebrock«.  Die  Frage,  wie  man  fich  korrekt  kleidet,  ift  vielfältig ­
  und  hat  fo  viele  Seiten,  als  es  gefellfcbaftlicbe  Gelegenheiten ­
  gibt.  Der  Gebrock  ift  die  bäufigfte  und  unentbebrlicbfte

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