MODE UND HANDARBEIT
JUTTA SICKA Gürtelteile in Weißftickerei mit etwas Gold auf Seide
gefellfcbaftlicbe Tracht. Er ift das geziemende Kleidungsftück
für die Rusftellungsetöffnung, für die Trauungsakte am Vor=
mittag, für den Befucb und für Matinées, für die Promenade,
für die Tee- oder Kaffeevifite am Nachmittag und beim Vortrag,
in England ift es fogar für die gefchäftlichen Befuche am Vor
mittag unerläßlich. Doch ift man in diefer Beziehung am Kon
tinent nicht fo ftreng und kann fich zu diefem Zweck des ge
wöhnlichen kurzen FUltagsrockes, des Saccos oder des förm
lichen Jacketts bedienen. Für das Vortragsauditorium gibt es
keine ftrengbindende Regel, doch beftebt im Publikum eine
geheime Übereinftimmung, die je nach dem Ort und der Art
des Vortrages, fowie nach der Perfönlichkeit des Vortragenden
eine Unterfcheidung liebt, die fich in einem mehr oder minder
feierlichen Kleide ausdrückt. Man würde es nach Möglichkeit
zu vermeiden fuchen, am Tage den Frack oder den Smoking
anzulegen. Beide find Abendkleider, wobei zu bemerken ift,
daß unter Umftänden, wie bei feftlicben Diners, der Nachmittag
zum Abend gehört. Hier leuchtet der Einfluß der englifchen
Sitte durch, die durch ihre Begrüßungsformeln den Tag in zwei
Hälften teilt: »Good Morning« bis Mittag und bis nach dem
Lunch, und »Good Evening« vom frühen Nachmittag an. Der
Empfang bei Hofe nötigt allerdings zur Ausnahme, wenn er am
Vormittag, gegen den Mittag hin ftattfindet; hier gilt nur der
Frack oder die Uniform. Als feftlicbes Abendkleid dient er zur
Hochzeitstafel, zum offiziellen Diner, zum Ball, zum Abend
empfang und für den Theaterbefuch im Parkett, namentlich der
Hoftbeater. Die zwanglofere Form ift der Smoking. Wir ziehen
ihn mit Vorliebe ins Theater an, wo er gegen den Frack in der
Majorität ift. Er ift das angenebmfte und leichtefte Kleidungs
ftück und bat feinen Platj im vornehmen Klub, bei den zwang-
lofen Hausdiners und bei den fogenannten Thés dansants. Er
ift die leichtere Abart des Fracks, ebenfo wie das Jackett oder
der Cutaway die zwanglofere Form des Gebrocks ift. Der
Cutaway kann daher bei Nacbmittagsbefuchen, auf der Promenade
und ähnlichen Anläßen den Gebrock erfe^en. Bei ganz zwang-
lofen abendlichen Zufammenkünften, fowie im Vorftadttbeater
und auf der Galerie wird der Smoking durch einen leicht und
elegant gefchnittenen, kurzen Rock von fcbwarzer oder mindeft
dunkler Farbe, einreihig zu knöpfen und mit lichter Wefte ftets
offen zu tragen, erfetjt. Bevor wir aber das pbantafiebegabte
und farbenreiche Gebiet der Weften aufdecken, ift es nötig,
einen Blick auf die Hofen zu werfen. Der Gebrock verlangt
nach moderner Sitte eine dunkelgraue, geftreifte Hofe. Vom
Cutaway gilt dasfelbe, wenn er aus fcbwarzem Stoff bergeftellt
ift. Zum kurzen AUtagsrock gehört eine Hofe aus gleichem
Material, wenn der Rock einreihig zu knöpfen ift; ift er doppel
reihig (double breasted), fo kann die Hofe auch in einem anderen,
geftreiften Stoff bergeftellt fein. □
Nun die Wefte. Sie erlaubt unter Umftänden künftlerifcbe
Launen in bezug auf Farbe und Stoffmufter und bringt Ab-
wecbflung in die Einförmigkeit. Sie ftellt Probleme und bildet
das dekorative Element im Alltagsgewand. Sie zeigt das Maß
an, wie weit der Farbenfinn und der gute Gefcbmack des
Trägers entwickelt ift, oder fie zeigt das Gegenteil an. Für das
mehr oder minder feierliche Kleid ift fie allerdings an die
ftrenge Konvention gebunden. Zum Gehrock, zum fchwarzen
Jackett, zum Frack und Smoking gehört eine Wefte vom
gleichen Stoff wie der Rock. Für den Frack ift eine einreihige,
weiße Wefte aus Leinendrill oder Piqué bei allen Abend 3
gelegenbeiten nicht nur ftattbaft, fondern febr berechtigt. Die
Wefte zum Gehrock bat im Ausfcbnitt einen weißen Einfatjftreifen.
Zum kurzen, dunklen Rock, den man abends bei zwanglofen
Gelegenheiten an Stelle des Smokings trägt, ftebt eine licht-
graue Seiden- oder Leinenwefte, die ein Mufter haben kann,
durchaus vorteilhaft. In dem kurzen, offenen Alltagsrock ift jedes
Weftenpbantafieftück ftattbaft, vorausgefetjt, daß es binficbtlicb
der Farbe einen barmonifcben Kontraft zur Gefamtwirkung bildet.
Mehr noch als die Wefte bat die Krawatte die Erinnerung an
die farbenfrohe Tradition des biftorifchen Koftüms bewahrt. Sie
ift ein Stück Heraldik, das der Herrentracht aus den befferen
Zeiten des Koftüms geblieben ift. In dem kleinen Seidenknoten,
den man zum Alltagskleid trägt, ift jede Farbenfreude am Platte.
Trägt man jedoch eine farbige Wefte, fo ift zu bedenken, daß
zwei Farbenwirkungen in Konkurrenz treten. Man wird fonacb
wählen müffen, ob man die Harmonie durch Übereinftimmung
oder durch den Kontraft berftellt. Der Kontraft ift das Kühnere
und Edlere. Hier liegen die größeren Siege, aber auch die
größeren Niederlagen. Bei den ftreng formellen Kleidern, die
fcbon die Geltung einer Uniform haben, bat fich allerdings auch
für die Krawatte eine Verbindlichkeit ausgebildet, die nicht um
gangen werden kann. Es gibt keine ftattbafte Abweichung von
der Regel, daß zum Frack die weiße Binde, zum Smoking die
fcbwarze Binde und zum Gebrock die Baufchkrawatte gehört.
Die lange Form der Selbftbinder gehört dem Jackett und dem
kurzen Rock an. Krawatten, die man fertig gebunden und
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