VOLKSKUNST UND HEIMFITSCHUTZ
Elektrizität ufw. aus, fo ift es lächerlich, diefe in den Formen des
Mittelalters geftalten zu wollen. Das Wohnen in einer Burg
leidet an inneren Unmöglichkeiten, weil die Bewohner für eine
folcbe fehlen. Die Fürften von heute find in ihren Lebensgewobm
beiten und ihren Hufgaben nicht mehr die alten. □
Untere Zeit fcbeint mir namentlich nach fozialer Richtung zu
ernft zu folcben angeblich »kunfttinnigen« Spielereien zu fein.
Es muß im Volk eine tiefe Mißftimmung entfteben, wenn man
angetichts der großen Aufgabe, die Kunft zu einem nationalen
Gemeingut zu machen, bedeutende Mittel auf die in ihrer wiffen-
fcbaftlicben Zuverläffigkeit immer zweifelhafte, meift vom näcbften
Gefcblecbt als falfcb erkannte Wiederberftellungen, überhaupt auf
nut)lofe und daher unkünfterifche Hrbeiten verwendet. Denn
die Baukunft bat ihre böcbfte Hufgabe in der Zweckerfüllung.
Und welchen anderen als einen bewußt unwahren Zweck bat
der Bau von Verteidungswerken und Wohnräumen, die niemals
verteidigt oder bewohnt werden tollen und verteidigt und be=
wohnt werden können, während allerorten taufende von ernften,
förderfamen und die Nation erfreuende Aufgaben fich dem ernfter
Denkenden aufdrängen. □
Will man den deutfchen Kaifern unterer Zeit ein würdiges
Denkmal fetjen, fo weift ihre größte Tat den richtigen Weg, näm
lich ihr foziales Wirken. Unter diefem Wirken verftebe ich nicht
lediglich die Wohltätigkeit. Sozial wirkt die Kunft auch dann,
wenn fie es verftebt, Werte zu erzeugen, die der ganzen Menge
zur geiftigen Erhebung dienen. Nun ift der Burgherr, der auf
einfamer Höbe von dem Volke fich durch Feftungsmauern Hb-
fcbließende, nun einmal im gefchichtlicben Empfinden, fowohl der
Städter, wie der Bauern, der foziale Feind, mit dem fie durch
das ganze Mittelalter hindurch zu ringen batten. Der Bau einer
Burg kann alfo nur als Hnfcbauungslebrmittel, als Darftellung
einer meift nicht erfreulichen Vergangenheit Wert haben. Aber
da ftebt der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg, oder
als biftorifcb-politifcbe Demonftration gegen die moderne Staats
ordnung. Und dies wird wohl nicht die eigentliche Abficht des
Komitees fein. Nur ein drittes kann als der wabrfcbeinlicbe
Vater des Gedankens gelten: nämlich die Gedankenlofigkeit! □
Man fpricht fo viel von Idealen. Der ideale deutfcbe Kaifer,
der ideale preußifcbe König, wie der ideale Graf von der Mark
ift nicht ein Ritter, der gepanzert zu Roß hinter feinem Burgtor
hält: Das ift eine Erfcheinung, die in Koftümfeften fich fehr gut
macht, fonft aber in unterem getarnten nationalen Leben keine
Heimat bat. Der ideale Fürft ift vielmehr ein bocbgeftellter
Mann, der, inmitten feines Volkes, diefem zu Heil und Liebe
lebt und fchaflft. Will man das Verhältnis zwifchen Fürft und
Volk, wie es uns allen zur Freude im deutfchen Volke tief ein
gewurzelt ift, zur künftlerifcben Darftellung bringen, fo muß man
eben nicht ins Mittelalter greifen, wo das Verhältnis, fo wie es
jet)t fich entwickelte, noch nicht beftand, fondern man muß Werke
planen, die den Künftler anfpornen, für fein Volk, für die engere
Heimat ebenfo Großes und Gutes zu leiften, wie der moderne
Fürft. Das Ziel muß fein: Die Stärkung der künftlerifcben
Kultur im Landesteile. Alfo in Gegenwart und Zukunft liegen
die Ziele, die zu erreichen uns fördert, nicht in der Vergangen
heit: Vorwärts, nicht rückwärts! Die Zeit der »Ritter« ift tot.
Man halte ihre Refte in böchften Ehren, man zeige die ver-
gangenen Zeiten der Menge im Theater oder im biftorifcben Feft»
zug, dort, wo jeder erkennt, daß es fich um feftlicben Mummen-
fcbanz bandle; man baue aber nicht Burgen mit ernfter Miene,
in der Meinung, daß man damit etwas anderes leifte als eben
Mummenfcbanz. Ift die Stimmung der Fefttage vorüber, fo folgt
der Ekel vor der inneren Unwahrheit. Wer am Tage nach dem
fcbönen Fefte noch in der Rüftung berumläuft, ift eben ein Narr!
Um dem Vorwurf zu entgehen, daß ich bloß Negatives zu
bieten habe, erlaube ich mir anzugeben, welche Maßnahmen
einer Ruine gegenüber mir als richtig erfcheinen:
1. Aufräumen des Schuttes, fo daß die erhaltenen Bauteile klar
erkennbar werden. □
2. Auffübren von Stützen einfacher Art, wo die Mauern um
zufallen droben. Diefe Stütjen find fo zu behandeln, daß man
fie ohne weiteres als moderne Hilfskonftruktionen erkennt. □
3. Wiederaufftellen berabgefallener Bauteile dort, wo dies ohne
Ergänzungen und mit unzweifelhafter Richtigkeit gefcbeben kann.
Unter diefer Richtigkeit verftehe ich das, was nicht erft auf dem
Wege arcbäologifcber Studien als richtig erkannt zu werden braucht,
fondern was ohne Aufwand von Wiffenfcbaft fich von felbft ergibt.
4. Entfernen des Baum- und Sträucherwuchfes foweit, daß die
Ruine von nab und fern überficbtlicb wird, unter Beibehaltung
einiger fchöner Baumgruppen, die womöglich an früher nicht
bebauten Stellen (in alten Höfen oder Gärten) fteben tollten.
5. Genaue zeichnerifche Aufnahme der Ruine, forgfältige arcbäo-
logifche Rekonftruktion auf demPapier und Herausgabe eines
guten, billigen Buches, das es dem Befucber ermöglicht, fich in
der Pbantafie die Ruine fo richtig wie möglich zu ergänzen.
Herftellung eines die Rekonftruktion erläuternden Modelles und
Sammlung aller folcher Gegenftände, Akten und Abbildungen,
die die Gefchicbte der Burg erläutern. □
6. Sollte die keineswegs zu bekämpfende Abficht befteben, auf
der Ruine Neubauten zu errichten (Wohnungen, Ausfichtstürme,
Gaftbäufer ufw. ufw.), fo find diefe »im Geifte der Alten« zu
fcbaffen. Das heißt nicht in der den Alten ganz fern liegenden
Abficht, daß das Neue für ein früher Gefchaffenes, für ein Älteres,
«Idealeres« oder dergleichen gehalten werden foll, als es tat-
fächlich ift. Der »Geift der Alten« beruht nicht in romanifcher
oder gotifcher Form, fondern in fchlicbter Wahrheitsliebe. Mittel
alterlichen Arbeiten fiebt man ohne weiteres Zweck und Zeit
an. So foll auch das Neue fo gefcbaflren werden, daß man ohne
weiteres erkennt: Diefer Teil gehört nicht der alten Burg an,
fondern ift nach Zweck und Form ein Einbau des XX. Jahrhunderts.
Daß die Gruppe troß ftiliftifcber und zwecklicher Verfcbiedenbeit
ein künftlerifcbes Ganze bilde, dafür bat der Baukünftler zu
forgen, der keineswegs arcbäologifcbe Kenntniffe dazu braucht, die
Gruppe berzuftellen. Denn auch die alten Burgherren bauten,
ohne fich auf dem Wege der Archäologen über das zu unter
richten, was ihre Vorgänger in diefem oder jenem Falle ge-
fcbaffen hätten; fie fchufen dem jeweiligen Zwecke gemäß, alfo
rein künftlerifcb!« g e z.: CORNELIUS GURLITT
R. Voigtländers Verlag, Leipzig □ Druck von Otto Regel, Leipzig
Für die Redaktion: Jofepb Flug. Lux,
Dresden-Blafewitj, Scbubertftraße 38
o Gefcbäftsftelle für Öfterreicb: □
Buchhandlung Carl von Hölzl, Wien 1/1, Opemgaffe 2
280