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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

VOLKSKUNST UND HEIMFITSCHUTZ 
Elektrizität ufw. aus, fo ift es lächerlich, diefe in den Formen des 
Mittelalters geftalten zu wollen. Das Wohnen in einer Burg 
leidet an inneren Unmöglichkeiten, weil die Bewohner für eine 
folcbe fehlen. Die Fürften von heute find in ihren Lebensgewobm 
beiten und ihren Hufgaben nicht mehr die alten. □ 
Untere Zeit fcbeint mir namentlich nach fozialer Richtung zu 
ernft zu folcben angeblich »kunfttinnigen« Spielereien zu fein. 
Es muß im Volk eine tiefe Mißftimmung entfteben, wenn man 
angetichts der großen Aufgabe, die Kunft zu einem nationalen 
Gemeingut zu machen, bedeutende Mittel auf die in ihrer wiffen- 
fcbaftlicben Zuverläffigkeit immer zweifelhafte, meift vom näcbften 
Gefcblecbt als falfcb erkannte Wiederberftellungen, überhaupt auf 
nut)lofe und daher unkünfterifche Hrbeiten verwendet. Denn 
die Baukunft bat ihre böcbfte Hufgabe in der Zweckerfüllung. 
Und welchen anderen als einen bewußt unwahren Zweck bat 
der Bau von Verteidungswerken und Wohnräumen, die niemals 
verteidigt oder bewohnt werden tollen und verteidigt und be= 
wohnt werden können, während allerorten taufende von ernften, 
förderfamen und die Nation erfreuende Aufgaben fich dem ernfter 
Denkenden aufdrängen. □ 
Will man den deutfchen Kaifern unterer Zeit ein würdiges 
Denkmal fetjen, fo weift ihre größte Tat den richtigen Weg, näm 
lich ihr foziales Wirken. Unter diefem Wirken verftebe ich nicht 
lediglich die Wohltätigkeit. Sozial wirkt die Kunft auch dann, 
wenn fie es verftebt, Werte zu erzeugen, die der ganzen Menge 
zur geiftigen Erhebung dienen. Nun ift der Burgherr, der auf 
einfamer Höbe von dem Volke fich durch Feftungsmauern Hb- 
fcbließende, nun einmal im gefchichtlicben Empfinden, fowohl der 
Städter, wie der Bauern, der foziale Feind, mit dem fie durch 
das ganze Mittelalter hindurch zu ringen batten. Der Bau einer 
Burg kann alfo nur als Hnfcbauungslebrmittel, als Darftellung 
einer meift nicht erfreulichen Vergangenheit Wert haben. Aber 
da ftebt der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg, oder 
als biftorifcb-politifcbe Demonftration gegen die moderne Staats 
ordnung. Und dies wird wohl nicht die eigentliche Abficht des 
Komitees fein. Nur ein drittes kann als der wabrfcbeinlicbe 
Vater des Gedankens gelten: nämlich die Gedankenlofigkeit! □ 
Man fpricht fo viel von Idealen. Der ideale deutfcbe Kaifer, 
der ideale preußifcbe König, wie der ideale Graf von der Mark 
ift nicht ein Ritter, der gepanzert zu Roß hinter feinem Burgtor 
hält: Das ift eine Erfcheinung, die in Koftümfeften fich fehr gut 
macht, fonft aber in unterem getarnten nationalen Leben keine 
Heimat bat. Der ideale Fürft ift vielmehr ein bocbgeftellter 
Mann, der, inmitten feines Volkes, diefem zu Heil und Liebe 
lebt und fchaflft. Will man das Verhältnis zwifchen Fürft und 
Volk, wie es uns allen zur Freude im deutfchen Volke tief ein 
gewurzelt ift, zur künftlerifcben Darftellung bringen, fo muß man 
eben nicht ins Mittelalter greifen, wo das Verhältnis, fo wie es 
jet)t fich entwickelte, noch nicht beftand, fondern man muß Werke 
planen, die den Künftler anfpornen, für fein Volk, für die engere 
Heimat ebenfo Großes und Gutes zu leiften, wie der moderne 
Fürft. Das Ziel muß fein: Die Stärkung der künftlerifcben 
Kultur im Landesteile. Alfo in Gegenwart und Zukunft liegen 
die Ziele, die zu erreichen uns fördert, nicht in der Vergangen 
heit: Vorwärts, nicht rückwärts! Die Zeit der »Ritter« ift tot. 
Man halte ihre Refte in böchften Ehren, man zeige die ver- 
gangenen Zeiten der Menge im Theater oder im biftorifcben Feft» 
zug, dort, wo jeder erkennt, daß es fich um feftlicben Mummen- 
fcbanz bandle; man baue aber nicht Burgen mit ernfter Miene, 
in der Meinung, daß man damit etwas anderes leifte als eben 
Mummenfcbanz. Ift die Stimmung der Fefttage vorüber, fo folgt 
der Ekel vor der inneren Unwahrheit. Wer am Tage nach dem 
fcbönen Fefte noch in der Rüftung berumläuft, ift eben ein Narr! 
Um dem Vorwurf zu entgehen, daß ich bloß Negatives zu 
bieten habe, erlaube ich mir anzugeben, welche Maßnahmen 
einer Ruine gegenüber mir als richtig erfcheinen: 
1. Aufräumen des Schuttes, fo daß die erhaltenen Bauteile klar 
erkennbar werden. □ 
2. Auffübren von Stützen einfacher Art, wo die Mauern um 
zufallen droben. Diefe Stütjen find fo zu behandeln, daß man 
fie ohne weiteres als moderne Hilfskonftruktionen erkennt. □ 
3. Wiederaufftellen berabgefallener Bauteile dort, wo dies ohne 
Ergänzungen und mit unzweifelhafter Richtigkeit gefcbeben kann. 
Unter diefer Richtigkeit verftehe ich das, was nicht erft auf dem 
Wege arcbäologifcber Studien als richtig erkannt zu werden braucht, 
fondern was ohne Aufwand von Wiffenfcbaft fich von felbft ergibt. 
4. Entfernen des Baum- und Sträucherwuchfes foweit, daß die 
Ruine von nab und fern überficbtlicb wird, unter Beibehaltung 
einiger fchöner Baumgruppen, die womöglich an früher nicht 
bebauten Stellen (in alten Höfen oder Gärten) fteben tollten. 
5. Genaue zeichnerifche Aufnahme der Ruine, forgfältige arcbäo- 
logifche Rekonftruktion auf demPapier und Herausgabe eines 
guten, billigen Buches, das es dem Befucber ermöglicht, fich in 
der Pbantafie die Ruine fo richtig wie möglich zu ergänzen. 
Herftellung eines die Rekonftruktion erläuternden Modelles und 
Sammlung aller folcher Gegenftände, Akten und Abbildungen, 
die die Gefchicbte der Burg erläutern. □ 
6. Sollte die keineswegs zu bekämpfende Abficht befteben, auf 
der Ruine Neubauten zu errichten (Wohnungen, Ausfichtstürme, 
Gaftbäufer ufw. ufw.), fo find diefe »im Geifte der Alten« zu 
fcbaffen. Das heißt nicht in der den Alten ganz fern liegenden 
Abficht, daß das Neue für ein früher Gefchaffenes, für ein Älteres, 
«Idealeres« oder dergleichen gehalten werden foll, als es tat- 
fächlich ift. Der »Geift der Alten« beruht nicht in romanifcher 
oder gotifcher Form, fondern in fchlicbter Wahrheitsliebe. Mittel 
alterlichen Arbeiten fiebt man ohne weiteres Zweck und Zeit 
an. So foll auch das Neue fo gefcbaflren werden, daß man ohne 
weiteres erkennt: Diefer Teil gehört nicht der alten Burg an, 
fondern ift nach Zweck und Form ein Einbau des XX. Jahrhunderts. 
Daß die Gruppe troß ftiliftifcber und zwecklicher Verfcbiedenbeit 
ein künftlerifcbes Ganze bilde, dafür bat der Baukünftler zu 
forgen, der keineswegs arcbäologifcbe Kenntniffe dazu braucht, die 
Gruppe berzuftellen. Denn auch die alten Burgherren bauten, 
ohne fich auf dem Wege der Archäologen über das zu unter 
richten, was ihre Vorgänger in diefem oder jenem Falle ge- 
fcbaffen hätten; fie fchufen dem jeweiligen Zwecke gemäß, alfo 
rein künftlerifcb!« g e z.: CORNELIUS GURLITT 
R. Voigtländers Verlag, Leipzig □ Druck von Otto Regel, Leipzig 
Für die Redaktion: Jofepb Flug. Lux, 
Dresden-Blafewitj, Scbubertftraße 38 
o Gefcbäftsftelle für Öfterreicb: □ 
Buchhandlung Carl von Hölzl, Wien 1/1, Opemgaffe 2 
280
	        
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