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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DIESEM HEFT IST N R - 5 DER MITTEILUNGEN DER DEUT* 
SCHEN GHRTENSTHDTGESELLSCHHFT BEIGESCHLOSSEN 
GUTACHTEN VON KÜNSTLERN UND 
GEWERBLERN 
(FORTSETZUNG AUS HEFT 17 DER STREITFRAGEN IM DEUTSCHEN 
KUNSTGEWERBE) 
PROFESSOR H. PFEIFER, BRHUNSCHWEIG, SCHREIBT: 
uf Ihr gefcbätjtes Schreiben vom 6. d. M. geftatte ich mir 
folgendes zu erwidern mit dem ergebenen Bemerken, 
daß Sie von meinen Äußerungen entfprecbenden Gebrauch 
machen dürfen: □ 
Den Erfolg, welchen das deutfche Kunftgewerbe auf der Welt» 
ausftellung in St. Louis errungen hat und welcher ihm hohes 
Hnfehen auch im Huslande erwarb, ift anerkanntermaßen im 
wefentlichen jenen Leiftungen zu verdanken, welche durch das 
Zufammenwirken von bedeutenden Künftlern und von ent» 
fprechend gewählten tüchtigen kunftgewerblichen Firmen ent» 
ftanden find. □ 
Nicht anders verhält es fich nach meiner Überzeugung mit 
den Erfolgen der diesjährigen deutfchen Kunftgewerbeausftellung 
in Dresden. In jenen Fällen, wo kunftgewerbliche Firmen ohne 
Zuziehung von Künftlern als felbftändige Ausfteller auftraten, 
bildeten unbefriedigende oder rückftändige Leiftungen die Regel. 
Nur das Befte, das wirklich künftlerifch Gediegene kann im 
großen Wettkampf der Nationen beftehen, und deshalb follten 
unfere Induftriellen dankbar fein, daß durch die aufopfernde 
Tätigkeit von Künftlern vielfach geradezu Vorbildliches gefchaffen 
worden ift. □ 
Ganz befonders erfcheint bei den neuen Beftrebungen einer 
einheitlichen harmonifchen Raumkunft ein einheitlich künftlerifch 
leitender Geift unbedingt erforderlich. Architektur, Plaftik, 
Malerei und Kunftgewerbe müffen ficb einem Gedanken unter» 
ordnen, wenn fie zu einer größeren Wirkung ficb zufammen» 
fcbließen follen. Gerade dadurch kommt das einzelne kunft 
gewerbliche Erzeugnis erft zur vollen Geltung, daß es fich 
harmonifch einfügt in ein Ganzes, nicht dadurch, daß es fich 
unbekümmert um die Nachbarfchaft als etwas Selbftändiges 
vordrängen will. □ 
Aus diefer allgemein anzuerkennenden Tatfache geht meines 
Erachtens die Bedeutung der künftlerifchen Leitung in kunft 
gewerblichen Fragen von felbft mit Notwendigkeit hervor. 
Dadurch werden nicht die Intereffen der Künftler einfeitig be» 
vorzugt, fondern in gleichem Maße gewinnen die Intereffen der 
Kunftgewerbetreibenden. □ 
Es ift natürlich nicht ausgefchloffen, daß gelegentlich die In 
duftriellen auch fdblecht beraten werden von folcben, die ficb 
Künftler nennen, die in Wirklichkeit aber nur einige Äußerlich 
keiten den echten Künftlern abgeguckt haben. Wo gäbe es aber 
menfcblicbe Einrichtungen ohne Schwächen? □ 
Was nun die fogenannten Lehrwerkftätten betrifft, fo halte 
ich fie als unerläßlich für eine gefunde Weiterentwicklung unterer 
Kunftgewerbefchulen. Die hohe Blüte, in welcher das Kunft» 
handwerk vom Mittelalter bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts 
ftand, verdankte es ficherlidb zum großen Teil jenem Umftande, 
daß die jungen Leute in den Werkftätten ihre Kunft und ihr 
Handwerk praktifch lernten, bis fie fchließlicb ihr Meifterftück 
felbft ausdenken und anfertigen konnten. Wenn diefe Art des 
praktifchen Werkftättenunterrichts fich beute wieder allgemein 
einfübren ließe - leider fprecben einftweilen noch viele Gründe 
gegen diefe Möglichkeit — fo könnte man ruhig unfere Kunft 
gewerbefchulen eingehen laffen und damit auch auf Lehrwerk» 
ftätten an ihnen verzichten. □ 
Aus der Denkfcbrift der Königlichen Akademie für grapbifche 
Künfte und Buchgewerbe zu Leipzig, welche gelegentlich der 
Ausftellung von Schülerarbeiten in der III. Deutfchen Kunft 
gewerbeausftellung, Dresden 1906, verfaßt wurde, habe ich zu 
meiner Freude erfeben, daß dort in diefem Sinne praktifcb 
gearbeitet wird. Hochachtungsvoll 
Braunfcbweig, HERMANN PFEIFER, Architekt, 
den 8. Auguft 1906 Prof. d. tecbn. Hocbfcftule Braunfcbweig 
PROFESSOR L. HABICH, DARMSTHDT, SCHREIBT: 
Die III. Deutfche Kunftgewerbeausftellung bat durch ihre 
Nebeneinanderftellung felbftändiger Fabrikerzeugniffe und von 
Künftlern beeinflußter Erzeugniffe bewiefen, daß der große 
Auffcbwung, den die deutfche kunftgewerbliche Induftrie ge 
nommen hat, ausfchtießlicb auf die Initiative der Künftler zurück- 
zuführen ift. □ 
Man betrachte nur die felbftändigen Leiftungen, z. B. der Möbel 
fabriken bis vor wenigen Jahren. Die ganze Arbeit war reft- 
los auf den Ungefchmack des Publikums zugefcbnitten. □ 
Es wäre febr fcblimm, wenn durch irgend ein Machtgebot die 
Künftler aus ihren fchwer eroberten Pofitionen zurückgedrängt 
würden. In den Fabriken waren ja auch fchon früher Künftler 
tätig, aber fie haben durch Verfchweigung ihres Namens und 
durch materielle Abhängigkeit ihren künftlerifchen Ehrgeiz ver 
loren. Es gibt dafür zabllofe Beifpiele. Es gibt aber anderer- 
feits auch Beifpiele, die fich die Fabrikbefitjer vor Augen halten 
follten, die beweifen, daß aus reiner Begeifterung für die Sache 
Künftler wie BRUNO PAUL, KRÜGER, PANKOK und viele andere 
jahrelang ohne jeden materiellen Vorteil, fogar unter großen 
Verluften ficb der Erfindung neuer fchöner Formen gewidmet 
haben. In Darmftadt haben Künftler auf eigene Koften Häufer 
gebaut und ausgeftattet. □ 
Wenn die Fabriken wieder felbftändig arbeiten können, fo 
werden die Künftler, die jetjt fogar die Ausftellungen arrangie 
ren müffen, die erften fein, anzuerkennen, daß ihre Bevor 
mundung überflüffig geworden ift. O 
Einftweilen verhieben die Fabrikanten, die oft nur ihre Bücher 
zu führen verfteben (denn Meifter gibt es darunter nur febr 
wenige), ohne Künftler auszukommen, und fie laffen vielfach 
mißverftandene Kopien anfertigen mit kleinen Variationen,
	        
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