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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

KUNSTPOLITIK

flusftattung  follen  diefelben  den  Anforderungen  genügen,  die  man  an
den  neuzeitigen  Landbausbau  ftellt,  einfcbließlicb  des  Gartens.  □
Die  ganze  Anlage  foll  nicht  den  monotonen  Charakter  einer  »Villen»
kolonie«  tragen,  die  mit  Recht  von  hervorragenden  Künftlern  als  »Villen»
friedböfe«  bezeichnet  worden  Find,  fondern  fie  foll  mehr  in  der  malerifchen,
  ungezwungenen  Art  einer  Gartenftadt  errichtet  werden.  Das
herrliche,  ftimmungsvolle  Gelände  des  ganzen  Ampertales  halte  ich  für
die  Errichtung  von  Wobnbausbauten  febr  geeignet:  die  Gegend  zwi»
fcben  Bruck  —  Dachau  —  Haimbaufen,  Scbleißbeim  ufw.  bis  herein  gen
Schwabing.  Vorortverkehr,  Telegraphen,  Telephon,  Fahrrad,  Auto  und
eventuell  eine  konftante  Automobilomnibus»Verbindung  vermitteln
leicht  alle  Vorzüge  der  Großftadt.  Die  Häuschen  follen  in  der  Regel
bei  kleiner  Anzahlung  in  ratenweifer  Tilgung  des  Kauffcbillings  von
den  Genoffenfcbaften  erworben  werden  können.  Für  Gebildete  bedarf
es  keines  Hinweifes  auf  die  eminenten  Vorteile,  die  das  Wohnen  am
Lande,  im  eigenen  Haufe  bietet.  Es  feien  deshalb  nur  die  finanziellen
Vorteile,  die  leider  noch  zu  wenig  Beachtung  finden,  bervorgeboben.
Wohnt  ein  Künftler  z.  B.  30  Jahre  in  einer  Mietswobnung,  fo  zahlt
er  im  Durcbfcbnitt  1000  Mark  pro  anno,  oder  zufammen  30000  Mark!
Dazu  kommen  noch  die  diverfen  Umzugskoften.  Hätte  dagegen  diefer
Künftler  vor  30  Jahren  Gelegenheit  gehabt,  ein  eigenes  Haus  zu  er»
werben,  für  die  gleichen  Wobnungsanfprüche  und  Raumverbältniffe,
er  hätte  nur  15—20  000  Mark  auszugeben  brauchen.  Dazu  noch  der
Garten.  Die  Behaglichkeit  des  eigenen  Heims!  Nach  feinem  Tode  aber
hätte  er  in  diefem  Falle  an  die  10000  Mark  an  Miete  erfpart  und  feinen
Erben  noch  dazu  ein  fcbuldenfreies  Haus  mit  Garten  binterlaffen!  □
Übrigens  können  diefer  Genoffenfcbaft  nicht  nur  bildende  Künftler,
fondern  auch  Dichter,  Scbriftfteller,  Mufiker  und  andere  Künftler  und
Künftlerinnen  beitreten.  Auch  Kunftfreunde  find  willkommen.  □

KUNSTPOLITIK  IN  LEIPZIG
reiunddreißig  Leipziger  Maler,  die  durch  die  Nachricht,  ein  Kunft»
freund  wolle  der  Stadt  zur  Errichtung  einer  Hocbfcbule  für
angewandte  Kunft  300000  Mark  zur  Verfügung  ftellen,  fich  lebhaft
beunruhigt  fühlen,  weil  fie  fürchten,  daß  für  die  Leipziger  Künftler  der
Kampf  um  die  Exiftenz  noch  fcbwieriger  werden  könne,  haben  an  das
Stadtverordnetenkollegium  folgende  Eingabe  gerichtet:  »Einer  An»
regung  der  Direktion  des  Kunftgewerbemufeums  zufolge  ift  geplant,
fich  im  Rats»  und  Stadtverordnetenkollegium  fcblüffig  zu  werden  über
die  Gründung  einer  Hocbfcbule  für  angewandte  Kunft  in  Leipzig.  Durch
eine  folcbe  Gründung  würde  die  Leipziger  Künftlerfcbaft  auf  das  fcbwerfte
in  ihrer  Exiftenz  bedroht  werden.  Denn  bei  dem  Mangel  an  Aufträgen
und  der  beifpiellos  geringen  Kau  Au  ft  des  Leipziger  Publikums  find  die
meiften  der  in  Leipzig  anfäffigen  Künftler  genötigt,  ihre  Exiftenzmittel
in  denfelben  Gebieten  zu  fuchen,  die  auch  die  Ziele  der  in  Frage  fteben»
den  Kunftfcbule  fein  follen:  Unterricht  in  allen  Zweigen  bildender  Kunft,
Arbeit  für  Buchgewerbe,  Entwürfe  und  Ausführung  kunftgewerblicher
Objekte  ufw.  Auch  kann  ein  Bedürfnis  nach  gewaltfamer  Hebung  des
Leipziger  Kunftbandwerks  auf  folcbe  Weife  nicht  geeignet  erfcbeinen.
Das  Kunftbandwerk  würde  vielmehr  in  biefiger  Stadt  ganz  von  felbft
auf  natürliche  Weife  in  die  Höbe  kommen,  fobald  fich  ein  lebhafteres
Bedürfnis  nach  folcben  Erzeugniffen  zeigen  würde  und  man  den  Künft»
lern  durch  verftändnisvoll  erteilte  Aufträge  Gelegenheit  zu  höherer  Ent«
Wicklung  ihrer  Fähigkeiten  geben  würde,  anftatt  der  immer  wieder
verfucbten  unglückfeligen  Preisausfcbreiben  mit  unklarem  Programm.
Die  Unterzeichneten  find  der  feften  Zuverficbt,  daß  es  nicht  in  der  Ab»
ficht  der  ftädtifeben  Verwaltung  liegen  könne,  die  an  fich  febon  febwie»
rigen  Verbältniffe  der  Leipziger  Künftlerfcbaft  noch  unglücklicher  zu
geftalten,  und  erlauben  fich  deshalb  an  das  Stadtverordnetenkollegium
die  ergebene  Bitte  zu  richten,  von  einer  Unterftütjung  der  geplanten

Gründung  aus  ftädtifeben  Mitteln  im  Intereffe  der  Leipziger  Künftler»
febaft  abfeben  zu  wollen.«  Hierzu  wird  noch  gemeldet:  Der  Oberbürger«
meifter  der  Stadt  Leipzig  bat  bereits  den  Künftlern  die  Zuficherung
gegeben,  daß  fie  nichts  zu  befürchten  hätten.  Sollte  wirklich  aus  Privat»
mittein  eine  folcbe  Kunftbocbfcbule  gegründet  werden,  fo  würde  fie  keine
Unterftüt)ung  aus  ftädtifeben  Mitteln  zu  hoffen  haben.  □
Diefer  Vorgang,  den  die  »Werkftatt  der  Kunft«  berichtet,  ift  febr  bedenklich.
  Künftler  fuchen  die  Kunftbetätigung  zu  hemmen,  um  nicht
ihr  Brot  zu  verlieren!  Ift  das  Kunftpolitik?  Nein,  das  ift  kleinliche,
zünftlerifcbe  Handwerksmeifterpolitik,  Innungspolitik,  Anftreicherpolitik,
nicht  Kunftpolitik!  Nur  durch  kräftige  Entfaltung  künftlerifcben  Lebens,
durch  energifches  Einwirken  auf  das  Publikum,  durch  Weckung  künft»
lerifeber  Anfprücbe  und  durch  allgemeine  Gefcbmackerziebung  wird  der
Kunftentwicklung  im  allgemeinen  und  dem  Künftler  im  befonderen  ge»
dient,  nicht  durch  ängftlicbes  Fernbalten  des  Zuzuges  von  außen.  Würde
es  etwa  febaden,  wenn  den  Millionären  von  Leipzig  die  Kulturpflicbt,
die  fich  mit  dem  überflüffigen  Geld  verbindet,  deutlich  vor  Augen  ge»
rückt  und  die  Wahrheit  erfcbloffen  würde,  daß  künftlerifcbe  Arbeit  zu
den  Vorausfetjungen  des  Anftandes  und  der  Bildung  gehört.  Weder
die  Eingabe  der  33  Künftler,  noch  die  Antwort  des  Oberbürgermeifters
läßt  viel  Hoffnung  übrig,  daß  es  mit  den  kunftarmen  Zuftänden
beffer  wird.  □

PREISRUSSCHREIBEN
WIESBADEN
er  Magiftrat  erläßt  ein  Preisausfcbreiben  zur  Erlangung  von  Ent»
würfen  für  ein  neues  Mufeumsgebäude.  Es  find  drei  Preife
von  5000,  3000  und  2000  Mark  ausgefetjt.  Außerdem  foll  der  Ankauf
weiterer  Entwürfe  für  je  500  Mark  nicht  ausgefcbloffen  fein.  Zugelaffen
find  fämtlicbe  deutfehe  Architekten.  Preisrichter  find  der  Oberbürger»
meifter,  der  Stadtbaurat  Prof.  HofmanmDarmftadt,  Prof.  MeffebBerlin
und  Prof,  von  SeidbMüncben.  Die  Unterlagen  find  beim  Stadtbauamt
zu  erhalten.  □
DRESDEN
er  Ausfcbuß  für  Errichtung  eines  Schillerdenkmals  in  Dresden
bat  befcbloffen,  zur  Erlangung  von  Entwürfen  einen  öffentlichen
Wettbewerb  auszufchreiben,  an  dem  fich  Bildhauer,  die  in  Dresden
und  Vororten  wohnen  oder  ihre  Werkftatt  haben,  beteiligen  können.
Die  Geftaltung  des  Denkmals  wird  dem  Ermeffen  des  Künftlers  über»
laffen,  nur  foll  von  einem  Brunnen  Abftand  genommen  werden.  Her»
ftellungsfumme  50000  Mark.  Preife  3500  Mark.  Die  Entwürfe  find
bis  zum  2.  März  1908  beim  Pförtner  des  Kunftgewerbemufeums  ab»
zuliefern.  □

R.  Voigtländer 8  Verlag,  Leipzig  □  Druck  von  Otto  Regel,  Leipzig
Für  die  Redaktion:  Jofepb  Aug.  Lux,  Dresden-Blafewit)
□  Gefcbäftsftelle  für  öfterreicb:  □
Buchhandlung  Carl  von  Hölzl,  Wien  1/1,  Opemgaffe  2

296
            
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