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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Gebiete. Das ift für die Entwicklung und Denkweife des Nach' 
wucbfes wertvoll und ein großer Vorzug der Schule. □ 
Jede Nachgiebigkeit der Regierung wird deshalb nur Schaden 
und ihr kaum Dank bringen. Die Verantwortung für den 
Verfall der deutfcben konkreten Arbeit haben aber die Behörden, 
die Hüter der Schulen. □ 
Die ethifchen Werte diefer Arbeit haben die Schulen bisher 
beffer gehütet als die meiften der proteftierenden Firmen. Darum 
tollten die Fähigkeiten und Einflüffe der Schulen nicht gemindert 
werden. □ 
Die Schulen haben auch jetjt fchon in Dresden erfreuliche Fähig» 
keiten gezeigt. Teils geben fie aber nicht, wie das Programm 
es tagte, ein Bild darüber, wie weit in der Schule felbft »im 
Material« gearbeitet wird, d. b. wie weit die Schulen fchon werk» 
ftattähnliche Lehre zu bieten vermögen. Vielfach entfpricht die 
in der Ausftellung vorgeführte Ausführungstechnik der Modelle 
oder Entwürfe nicht der Kraft und Sitte der Schule, fondern 
fie zeigt nur die Fähigkeit einiger mit der Schule zufammen» 
wirkender »Firmen«. Über die werkftattmäßige Ausrüftung der 
Schulen geben manche Schulen ein irreführendes, viel zu günftiges 
Bild. Eine andere bezeichnende Seite zeigten einige Schulen 
darin, daß fie verfchiedene technifche und äfthetifche Klaffen auf 
den Gegenftand eines Zweckes losgelaffen hatten und fo zwar 
die Technik reich und in einzelnen Zweigen rühmlich, aber das 
ganze Werk beinahe als ein Gefchmacksungeheuer erzeugt hatten. 
Leider lehren auch einige Schulen noch amtlich die Imitation, 
die Vortäufchung befferer Stoffe, die fremden Techniken eigen 
find. Das ift befonders bedauerlich, weil darin ein unnachbarlicher 
und unehrlicher Geift waltet, der unlauteren Wettbewerb gegen 
ganze Berufsftände treibt. Es wird Selbftbetrug geübt und un« 
echter Reichtum gefeiert. Es ift auch deshalb ärgerlich, weil folcher 
Arbeit keine erzieberifche und aufklärende Kraft innewobnt. Sie 
täufcbt den Laien über den wahren Wert feines Befitjes. So finden 
wir noch in den Lehrplänen »Marmormalen und Holzmalen« ftatt 
eines Bemalens oder Schmückens aller bemalbaren oder bemalens* 
nötigen Stoffe. □ 
Durch die Ausftellung ift erkennbar, daß an ihrer bisherigen 
Ausbildung alle Parteien noch erhebliche Schwächen zeigen. 
Die Künftler zeigen vielfach recht mangelhafte Kenntnis von der 
Materialbearbeitung und infolgedeffen wenig Verftändnis für die 
dabei nötigen Rückfichten in der Formgebung. Die Techniker 
zeigen häufig reizlofe und irreführende, nicht felbftbewußte Tech* 
nik. Bisweilen ift fie überfeinert und fpielerifcb. □ 
Die Stärke der Praxis liegt beute in der Technik, die der 
Schule in der Beberrfchung der formalen und farbigen Äftbetik. 
Was jene zu viel bat, bat diefe zu wenig. Wie die Äftbetik der 
Schulen durch ihre Alleinkultur in Übertreibungen ausartete, 
wie fie ftets ohne Feffelung an die Technik ficb verirren muß, 
fo ift die Technik der heutigen Induftrie, infolge ihrer künft* 
lerifcben Schwäche vielfach in Raffiniertheit ausgeartet. So hat 
beute jede Partei ihre Acbillesferfe! So ift aber für jede auch die 
Richtung gezeigt, wohin fie ftreben und wo fie ficb ergänzen 
muß. Beide find zum Zufammenleben gefchaffen. □ 
Die Schulen haben keinen anderen Scbut} gegen Verknöcherung 
ihres Unterrichtes, als den der fteten Fühlung mit dem lebens* 
vollen Schaffen. Diefe ift nur durch Zufammenarbeiten mit der 
Praxis oder durch befondere Lehraufträge möglich. □ 
Wenn Handwerk und Induftrie ficb dazu verfteben, bei ihren 
Aufträgen Schüler mitarbeiten zu laffen, fei es durch Ausführung 
von Entwürfen der Schüler oder durch tecbnifcbes Mitarbeiten 
diefer, fo ift fcbon viel gewonnen. So ähnlich arbeitete gelegentlich 
der Ausftellung z. B. die Magdeburger Schule mit den dortigen 
Induftrien und Gewerben. Es befteht hierbei aber für die Schule 
die Gefahr, daß Induftrielle und Gewerbler nicht mit den Schulen 
in gleichem Geifte ftreben, und für die Firmen die Gefahr, daß 
dabei die Aufträge zu langfam und zu teuer ausgefübrt werden, 
weil es gerade hier, wo Schüler mitwirken, oft ohne Verwerfen 
nicht geben wird und weil Probieren für eine gute Lehre fich 
geradezu empfiehlt. Deshalb dürften beute wenige Firmen Nei* 
gung haben, mit den Schulen zufammenzugeben. Darum aber 
auch tollten grundfätjlich den Schulen und Verfuchswerkftätten 
Aufträge nicht unterlagt fein. □ 
Über Erfahrungen mit Aufträgen in der Leipziger Königl. Aka* 
demie für Buchgewerbe und Graphik kann ich melden: Die Gründe 
zu Aufträgen lagen einerfeits darin, daß die Auftraggeber, die 
zumeift induftrielle Firmen waren, in manchen Fällen mit Leipziger 
Ateliers oder ihren Kollegen nicht verkehren wollten. Es wurde 
ftark nach dem Neuen und nach neuen Namen gefucht. Anderer» 
feits wollten fie die Schule durch Vorführung der Fähigkeiten 
ihrer beften Schüler unterftütjen. Dabei fpielte auch bisweilen 
Eigennut) mit, infofern fie nicht mehr die ihnen bekannten Cba* 
raktere von Arbeit haben mochten. Sie hofften neue Reize zu 
finden und verfuchten es mittelft Wettbewerbes unter den beften 
noch unbekannten Kräften der Stadt, die am ficherften in der 
Schule zu finden find. Bei dem gefchäffliehen Verkehr mit der 
Schule kommt dem Praktiker noch der Vorteil, daß diefe gemäß 
ihrem Anfeben fchon gewiffe Qualitätsgewäbr bietet. Aber die fo 
gefuchten Arbeiten find wohl immer langfamer entftanden und 
wohl nie billiger geworden, als Aufträge bei den im Leben fteben* 
den Kräften. Doch ift diefe dem Gefcbäftsmann unangenehme Seite 
jedesmal vorher bekannt gegeben worden, bat aber ganz feiten 
abgefchreckt oder das Zufammenarbeiten geftört. Der Grund 
für das langfamere und nicht billigere Auftragsverfabren mit 
der Schule liegt in der Lebrarbeitsweife und in befonderen Be« 
ftimmungen, die dazu feitens der Schuldirektion getroffen wurden. 
Ich habe z. B. bisweilen auch, um zu bindern, daß die Ent* 
würfe draußen durch geringere Kräfte verderbt oder 
mißverftanden ausgeführt auf den Markt kämen, zur 
Bedingung gemacht, daß fie in der Akademie bis zur 
Auflage bearbeitet würden, daß alfo nur die Auflage 
draußen entfteben follte. Hierzu wurden die Probe* 
drucke, Probemodelle ufw. für die Auflage feitens der 
Schule geliefert. Es ift auch fchon bei ftaatlidben Druckaufträgen 
an Firmen das Modell (Entwurf, Sat), Klifchee, Probedruck) bis 
zur Auflage in der Akademie bearbeitet und koftenlos überreicht 
worden. So wurden die Fähigkeiten der Schule (Lehrer und 
Schüler) der Induftrie koftenlos zur Verfügung geftellt. Hier 
bat alfo das Gegenteil von unlauterem Wettbewerb, eine Unter* 
ftütpmg der Praxis ftattgefunden. Eine andere wertvolle Seite 
von Scbulwerkftätten ift die, daß manche feböne Werke gefchaffen 
werden können, die fonft nie entftünden. □ 
Da die Leipziger Schule annähernd lebensmäßige, wenn auch 
viel befcheidener eingerichtete Verfuchswerkftätten befit)t, ift diefe 
Lebrweife und Art des Zufammenwirkens mit der Praxis leichter 
möglich. Schwierig wird die Sache, wo in der Schule nur die 
erften Entwürfe möglich find und wo für febwierige Techniken, 
die teure, komplizierte Einrichtungen, Mafchinen und Werkzeuge 
fordern, entworfen wird. In diefem Falle dürften von Schülern 
ohne innigfte Kenntnis und Berückfichtigung der Ausfübrungs* 
teebniken, d. b. alfo ohne vorbergegangene praktifche Lehre, feiten 
rentable und feiten muftergültige Werkzeichnungen oder Modelle 
aus den erften Entwürfen abgeleitet werden können. Dann 
müßte das geduldigfte und gutwilligfte Zufammenwirken mit der 
Praxis walten. Oder die Schulen müßten zur Durchführung der 
Lehre felbftändig und mit den bezüglichen zu einer Technik 
gehörenden Werkzeugen ausgerüftet fein. □ 
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