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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

TECHNIK  UND  KUNST  IM  GEWERBE

Hand  nehmen  konnte,  ohne  den  Leib  eines  Gnomen  oder  Mönch»
leins  zu  umfchließen,  jeder  Zigarrenabfcbneider  das  Modell  einer
berühmten  Perfönlichkeit  trug,  jedes  Gefäß  mit  Blattwerk,  Girlanden
  und  fonftiger  Putjmacberei  überladen  war,  die  Wände
ftrotjten  mit  fcblecbten  Bildern,  Fächern,  japanifchen  Schirmen
und  Photographien.  Diefe  Zeit  fcheint  noch  nicht  ganz  über»
wunden,  wenngleich  die  Gebildeten  im  Volke  wieder  zur  Sach»
lichkeit  neigen  und  bei  ihren  Einkäufen  die  Forderung  des  guten
Gefchmackes  fördern  helfen.  □
Den  gemeinfamen  Hnftrengungen  von  tüchtigen,  ernften  Künft»
lern  und  vereinzelten,  hochftehenden  Betrieben  ift  es  gelungen,
auch  im  Kleingerät  die  Grundlage  der  Qualität  und  der  orga»
nifchen  Formgebung  zur  allgemeinen  Geltung  zu  bringen  und
für  den  Bedarf  bereit  zu  ftellen,  die  dem  Beßrer  dauernde
Freude  bereiten.  Für  die  Beurteilung  diefer  Dinge  ift  der  Grund»
fat)  maßgebend,  daß  man  allen  fogenannten  Luxus  aus  den
Käufern  fortfehaffen  und  zur  Hufrichtigkeit  und  Einfachheit  zu»
rückkehren  foll,  wenn  man  will,  daß  die  Kunft  wieder  im  Haufe
beginne.  Die  Sorge  muß  darauf  gerichtet  fein,  nicht  die  goldene
Regel  zu  verleben:  »Behalten  Sie  nichts  in  Ihrem  Heim,  wovon
Sie  nicht  wiffen,  daß  es  nüijlich  ift,  wovon  Sie  nicht  glauben
dürfen,  daß  es  fchön  ift.«  □

6HRTENMÖBEL
Wo  finden  wir  in  den  öffentlichen  Gartenanlagen,  in  den
Hlleen  und  Platjanlagen  der  Stadt  Sitjbänke,  die  fich  durch
fachliche  fchöne  Form  auszeichnen  und  den  Nüfjlichkeitsgedan»
ken  in  edler  Geftaltung  verkörpern?  Wir  finden  fie  nicht.
Die  öffentliche  Fürforge  hat  die  Pflicht,  erzieherifch  zu  wir»
ken.  Sie  hat  die  Hufgabe,  für  das  Schöne  zu  forgen,  denn
das  fchlecbtbin  Notwendige  forgt  für  fich  felber.  In  der  Tat
tut  die  öffentliche  Fürforge  das  Gegenteil.  Die  Verfcblechte»
rung  des  äußeren  Lebensbildes  ift  auf  ihr  Beifpiel  zurückzu»
führen.  Die  erzieherifche  Kraft  eines  einzigen  guten  Vorbildes,
von  der  Öffentlichkeit  gegeben,  wäre  unberechenbar.  Der  Fürft
alten  Schlages  empfand  noch  die  Pflicht,  durch  ein  edles  Vorbild
die  Kulturböbe  zu  beftimmen.  Wir  finden  diefen  Geift  in  allen
Gebrauchsformen  ausgedrückt.  Wir  müffen  in  die  alten  Fürften»
gärten  gehen,  die  da  und  dort  noch  erhalten  find,  um  die  Vor»
bilder  für  das  Neufchaffen  in  dem  hier  befproebenen  Zweige  zu
finden.  Dort  gibt  es  weder  die  armfeligen  Bankgerippe  aus
dünnen  Eifenftäben  mit  zwei  oder  drei  braungeftrichenen  Latten,
noch  die  Birkenholzbänke  aus  Gußeifen,  fondern  es  gibt  dort
jene  unverkünftelten,  einfach  monumentalen  und  ftandfeften
Gartenbänke  aus  Stabbolz,  weiß  geftrichen  oder  lackiert,  bebag»
lieh  und  einladend  anzufeben  und  mit  febönem  Sproffenwerk
verfehen.  Diefe  anmutende  Erinnerung  im  Herzen  und  von  der
klaren  Erkenntnis  für  das,  was  das  Leben  nötig  bat,  geleitet,
haben  die  neuen  Künftler  auch  auf  diefem  Gebiet  wieder  Eigen»
artiges  gefchaffen,  das  fich  den  guten  Vorbildern  wieder  geiftes»
verwandt  anfchließt.  □
Wie  groß  die  Macht  des  guten  Beifpiels  war,  finden  wir
in  der  Tatfache  beftätigt,  daß  diefes  einfache  edle  Gartengeftüble
zu  jener  Zeit  auch  in  den  kleinen  Bürgergärten  und  Bauern»
gärten  anzutreffen  war.  Seit  die  unperfönlicb  gewordene  Ver»

waltung  aufgehört  bat,  der  Öffentlichkeit  ein  edles  Beifpiel  zu
bieten,  ift  der  Sinn  für  diefe  fachlich  künftlerifche  Geftaltung  in
der  Hllgemeinbeit  verkümmert,  und  die  Neuzeit  findet  in  den
privaten  Gärten  diefelben  erbärmlichen  Gebilde,  wie  fie  die
öffentlichen  Anlagen  zur  Schau  bieten.  Huf  diefen,  wie  auf
anderen  Gebieten  die  Kunftempfänglichkeit  und  den  Sinn  für
edle  Geftaltung  wieder  zu  erwecken,  bleibt  in  der  heutigen
Zeit  der  privaten  Fürforge,  den  gemeinfamen  Hnftrengungen
der  Künftler,  der  Kunftfreunde  und  den  unter  diefer  Führung
febaffenden  Gewerben  vorentbalten.  Die  Erkenntnis  hat  fich
auf  diefem  Wege  wieder  allgemeine  Geltung  verfchafft,  daß  auch
die  Pflege  des  Schönen  zu  den  Lebensnotwendigkeiten  des  HU»
tags  gehört.  Sie  wird  gewiß  auch  die  öffentliche  Fürforge
wieder  dabin  bringen,  daß  fie  ihre  Pflicht  binficbtlicb  der  edlen
Geftaltung  wieder  erkennt  und  durch  ihre  Einrichtungen  ein
weithin  Achtbares  und  erzieberifches  Beifpiel  für  den  Schönheits»
finn  gibt.  □
Der  Blick  auf  die  edlen  Vorbilder  aus  den  Zeiten  der  Kultur
und  auf  die  hier  dargebotenen  des  neuen  künftlerifcben  Schaf»
fens  belehrt  uns,  daß  auch  die  Gartenbänke,  ebenfo  wie  die
nach  ähnlichen  Prinzipien  gebauten  Gartenhäufer,  ein  Stück
Hrcbitektur  find.  In  dem  Gartenbezirk  haben  wir  folche  Gebilde
nötig,  um  an  fchönen  Punkten  Ruheplätze  zu  febaffen  und  zu»
gleich  die  Grundlinien  der  künftlerifchen  Gartengeftaltung,  die
räumliche  Rhythmik  der  Gartenanlage  zu  betonen.  Die  weißen
Bänke  und  Luftbäufer  erfüllen  ebenfo  wie  die  fteinernen  Pia»
ftiken  und  die  gemauerten  Fontänen  eine  architektonifcbe  Funk*
tion,  die  ebenfo  an  den  praktifchen  Zweck,  wie  an  das  geheim«
nisvolle  Gefetj  des  harmonifchen  Geftaltens  gebunden  ift.  Wir
finden  diefes  Gefet)  an  den  fchönen  Gartenbildern  der  Vergangen«
beit  in  den  Fürftengärten,  in  den  Bürger»  und  Bauerngärten
mit  gleicher  Kraft  wirkfam.  Wir  finden  fie  nicht  in  den  be«
tagten  Beftandteilen  der  neuzeitlichen  öffentlichen  Anlagen  und
kleineren  privaten  Gärten.  Die  Erneuerung  der  Gartenkunft
hat  jedoch  da  und  dort  den  privaten  Gärten  wieder  ein  künft*
lerifches  Hntlifj  gegeben  und  die  ideale  Einheit  zwifeben  Haus»
architektur  und  Gartenarchitektur  bergeftellt.  □
Die  nach  Entwürfen  moderner  Künftler  ausgefübrten  Garten»
möbel  flehen  im  Dienfte  der  fchönen  Gartenkunft  und  bilden
einen  Beftandteil  derfelben.  Sie  unterfteben  einem  Scbönbeits»
begriff,  der  fich  als  vollendete  Sachlichkeit  ausdrückt.  Das
fcblechtbin  Notwendige  ift  niemals  ganz  zweckmäßig  und  nie»
mals  ganz  praktifcb,  wenn  ihm  die  Segnung  diefer  Schönheit
fehlt.  Das  beftätigen  die  großen  und  kleinen  Gartenfchöpfungen
der  alten  Zeit  und  die  künftlerifchen  Gartenbeifpiele  der  Gegen«
wart.  Diefe  Beifpiele  mehren  fich  von  Tag  zu  Tag;  wann  aber
werden  die  Verwaltungen  öffentlicher  Hnlagen  und  Wege  diefem
Zug  der  Zeit  folgen?  □

IN  DER  HAUPTSACHE  SIND  DIE  AUFGABEN  ZWEIFACHER ­
  ART:  DEM  WISSEN  FORM  UND  DEM  ZWECKMÄSSIGEN ­
  ANMUT  ZU  VERLEIHEN.  JOHN  RUSKIN

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