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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Gartenftadtland Hellerau 
flm Eicbcrt 
Nach einer zumeift anftrengenden und ermüdenden Werkftatt> 
arbeit werden die Lehrlinge ftundenlang in überfüllte Schub 
ftuben gepfergt, müffen fie ihr vorgefcbriebenes Penfum deutfcben 
Huffa^, Rechnen oder Zeichnen leiften, wie fie vorher ihr Penfum 
Hrbeit in den Werkftätten leiften mußten. Viel Vorteil haben 
die Lehrlinge von diefem Unterricht, der teilweife für fie »zu 
hoch« ift, der der Gründlichkeit und Syftematik zumeift, der 
notwendigen Wechfelbeziehung zur Werkftättenausbildung immer 
entbehrt, nicht. □ 
Die Folge diefer Ausbildung ift dann ein Sinken der Tüchtig« 
keit, dem durch die Bildungsbeftrebungen der flrbeiterorgani« 
fationen nur teilweife entgegengewirkt werden kann. □ 
Hier kann nur eine Lehrlingsausbildung Wandel fcbaffen, die 
fich von den gefcbilderten Mängeln der heutigen handwerks« 
mäßigen Lehrlingszüchterei ganz frei hält. Dem Lehrling lediglich 
gibt, ohne ihn nach allen Regeln auszunutjen, fein ganzes Sinnen 
und Trachten auf den Beruf konzentriert, ihm wie unabfichtlich 
die theoretifchen und praktifchen Kenntniffe diefes Berufes ver= 
mittelt, ihn mit Hrbeitsfreudigkeit für diefen Beruf erfüllt. Ich 
glaube, daß fich fo am beften ein tüchtiger, leiftungsfäbiger 
Arbeiterftamm beranbilden ließe, der, wenn auch nicht die ganze 
Mifere unteres Gewerbes befeitigen, fo doch an ihrer Befeitigung 
entfcheidend mitwirken könnte. □ 
Die Dresdener Werkftätten für Handwerkskunft befinden fich 
hier mit ihren Lehrwerkftätten auf dem beften Wege zur Er 
reichung diefes Zieles. Ich billige den Lehrplan ganz; gegen 
diefe Art Lehrlingsausbildung habe ich nur die eine Einwendung, 
daß fie für die große Mehrzahl der Schüler die Zahlung eines 
Lehrgeldes fordert. Damit find leider wieder diejenigen Arbeiter 
elemente von der Ausbildung in diefen Lehrwerkftätten aus« 
gefchloffen, die das Hauptkontingent an Lehrlingen für die 
heutige handwerksmäßige Lehrlingszüchterei ftellen. Denn die 
meiften Arbeiter können heutzutage für ihre Kinder kein Lehr 
geld zahlen, find oft genug aber auf einen kleinen Verdienft 
diefer Kinder angewiefen. Diefer Umftand dürfte auch bewirken, 
daß die neue Lebrwerkftätte bzw. Lehrlingsausbildung wieder 
nur wenigen Bemittelten zugute kommt und fomit auch nur 
eine kleine Elite auserwäblt Tüchtiger beranbilden kann. □ 
FRIEDRICH NAUMANN, SCHÖNEBERG-BERLIN 
Ich kann meinesteils nur fagen, daß ich alles das, was in diefem 
Bericht enthalten ift, mit befonderer Freude gelefen habe, denn 
alle Stellen unferer Vclkswirtfcbaft, an denen künftlerifcbe 
Qualitätsarbeit geleiftet wird, die fowobl für den befferen In 
landsbedarf, als für den Export fich eignet, verdienen die befon- 
dere Beachtung des Volkswirtfcbaftlers überhaupt und des 
Sozialpolitikers im befonderen. Volkswirtfcbaftlicb ift es immer 
meine Anficht gewefen, daß wir Deutfcben mit geringen und 
billigen Maffenartikeln den Weltmarkt nicht auf die Dauer uns 
erhalten können, da jede billige Ware, in der nur Fleiß und 
Arbeitskraft, aber keine befondere Kunftfertigkeit enthalten ift, 
im Laufe der nädbften Jahrzehnte uns von Völkern mit geringeren 
Bedürfniffen nacbgemacbt werden wird, ein Vorgang, für den 
fcbon jetjt genügende Beifpiele vorhanden find. Das, was uns 
die weniger kultivierten Nationen nicht nachmachen können, ift 
die Heranziehung eines Arbeiterftandes von befonderen tech- 
nifchen oder künftlerifcben Leiftungen. Auch wird jede Art von 
Qualitätsinduftrie in der von Ihnen vertretenen Hausausftattung 
und Raumkunft die Vorbedingungen geben, um den Arbeiter 
einesteils eine erhöhte eigene Befriedigung an ihrer Tätigkeit 
und andernteils erhöhte Löhne zu gewähren. Der fozialpolitifche 
Fortfcbritt bängt keineswegs allein von gefetylicben Beftimmungen 
über Arbeiterfcbut) und Arbeiterkoalition ab, fo wichtig diefe 
felbftverftändlicb find, fondern überall dort, wo die gefet}licben 
Minimalbeftimmungen über Arbeiterfcbut} längft erfüllt find und 
wo die wirklichen Rechte der Arbeiter in keiner Weife mehr 
angefocbten werden, dort erbebt fich in voller Reinheit erft die 
Frage, auf welche Weife der Gefamtertrag der von Unternehmern, 
Angeftellten und Arbeitern geleifteten Arbeit gefteigert werden 
kann. Gerade das ift mir an Ihren Darlegungen fo wohltuend, 
daß in ihnen die Hebung des perfönlicben Schaffens der einzelnen 
Arbeiter in den Mittelpunkt der Erwägungen geftellt wird. Aber 
felbft wenn fich diefer Lehrplan nicht in der Art eines offiziellen 
Schemas auf andere Induftriezweige übertragen läßt, fo ift es 
unter allen Umftänden von hohem Wert, daß an einer Stelle 
gezeigt wird, was auf dem Gebiet künftlerifch-technifcher Er 
ziehung geleiftet werden kann. □ 
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