Gartenftadtland Hellerau
flm Eicbcrt
Nach einer zumeift anftrengenden und ermüdenden Werkftatt>
arbeit werden die Lehrlinge ftundenlang in überfüllte Schub
ftuben gepfergt, müffen fie ihr vorgefcbriebenes Penfum deutfcben
Huffa^, Rechnen oder Zeichnen leiften, wie fie vorher ihr Penfum
Hrbeit in den Werkftätten leiften mußten. Viel Vorteil haben
die Lehrlinge von diefem Unterricht, der teilweife für fie »zu
hoch« ift, der der Gründlichkeit und Syftematik zumeift, der
notwendigen Wechfelbeziehung zur Werkftättenausbildung immer
entbehrt, nicht. □
Die Folge diefer Ausbildung ift dann ein Sinken der Tüchtig«
keit, dem durch die Bildungsbeftrebungen der flrbeiterorgani«
fationen nur teilweife entgegengewirkt werden kann. □
Hier kann nur eine Lehrlingsausbildung Wandel fcbaffen, die
fich von den gefcbilderten Mängeln der heutigen handwerks«
mäßigen Lehrlingszüchterei ganz frei hält. Dem Lehrling lediglich
gibt, ohne ihn nach allen Regeln auszunutjen, fein ganzes Sinnen
und Trachten auf den Beruf konzentriert, ihm wie unabfichtlich
die theoretifchen und praktifchen Kenntniffe diefes Berufes ver=
mittelt, ihn mit Hrbeitsfreudigkeit für diefen Beruf erfüllt. Ich
glaube, daß fich fo am beften ein tüchtiger, leiftungsfäbiger
Arbeiterftamm beranbilden ließe, der, wenn auch nicht die ganze
Mifere unteres Gewerbes befeitigen, fo doch an ihrer Befeitigung
entfcheidend mitwirken könnte. □
Die Dresdener Werkftätten für Handwerkskunft befinden fich
hier mit ihren Lehrwerkftätten auf dem beften Wege zur Er
reichung diefes Zieles. Ich billige den Lehrplan ganz; gegen
diefe Art Lehrlingsausbildung habe ich nur die eine Einwendung,
daß fie für die große Mehrzahl der Schüler die Zahlung eines
Lehrgeldes fordert. Damit find leider wieder diejenigen Arbeiter
elemente von der Ausbildung in diefen Lehrwerkftätten aus«
gefchloffen, die das Hauptkontingent an Lehrlingen für die
heutige handwerksmäßige Lehrlingszüchterei ftellen. Denn die
meiften Arbeiter können heutzutage für ihre Kinder kein Lehr
geld zahlen, find oft genug aber auf einen kleinen Verdienft
diefer Kinder angewiefen. Diefer Umftand dürfte auch bewirken,
daß die neue Lebrwerkftätte bzw. Lehrlingsausbildung wieder
nur wenigen Bemittelten zugute kommt und fomit auch nur
eine kleine Elite auserwäblt Tüchtiger beranbilden kann. □
FRIEDRICH NAUMANN, SCHÖNEBERG-BERLIN
Ich kann meinesteils nur fagen, daß ich alles das, was in diefem
Bericht enthalten ift, mit befonderer Freude gelefen habe, denn
alle Stellen unferer Vclkswirtfcbaft, an denen künftlerifcbe
Qualitätsarbeit geleiftet wird, die fowobl für den befferen In
landsbedarf, als für den Export fich eignet, verdienen die befon-
dere Beachtung des Volkswirtfcbaftlers überhaupt und des
Sozialpolitikers im befonderen. Volkswirtfcbaftlicb ift es immer
meine Anficht gewefen, daß wir Deutfcben mit geringen und
billigen Maffenartikeln den Weltmarkt nicht auf die Dauer uns
erhalten können, da jede billige Ware, in der nur Fleiß und
Arbeitskraft, aber keine befondere Kunftfertigkeit enthalten ift,
im Laufe der nädbften Jahrzehnte uns von Völkern mit geringeren
Bedürfniffen nacbgemacbt werden wird, ein Vorgang, für den
fcbon jetjt genügende Beifpiele vorhanden find. Das, was uns
die weniger kultivierten Nationen nicht nachmachen können, ift
die Heranziehung eines Arbeiterftandes von befonderen tech-
nifchen oder künftlerifcben Leiftungen. Auch wird jede Art von
Qualitätsinduftrie in der von Ihnen vertretenen Hausausftattung
und Raumkunft die Vorbedingungen geben, um den Arbeiter
einesteils eine erhöhte eigene Befriedigung an ihrer Tätigkeit
und andernteils erhöhte Löhne zu gewähren. Der fozialpolitifche
Fortfcbritt bängt keineswegs allein von gefetylicben Beftimmungen
über Arbeiterfcbut) und Arbeiterkoalition ab, fo wichtig diefe
felbftverftändlicb find, fondern überall dort, wo die gefet}licben
Minimalbeftimmungen über Arbeiterfcbut} längft erfüllt find und
wo die wirklichen Rechte der Arbeiter in keiner Weife mehr
angefocbten werden, dort erbebt fich in voller Reinheit erft die
Frage, auf welche Weife der Gefamtertrag der von Unternehmern,
Angeftellten und Arbeitern geleifteten Arbeit gefteigert werden
kann. Gerade das ift mir an Ihren Darlegungen fo wohltuend,
daß in ihnen die Hebung des perfönlicben Schaffens der einzelnen
Arbeiter in den Mittelpunkt der Erwägungen geftellt wird. Aber
felbft wenn fich diefer Lehrplan nicht in der Art eines offiziellen
Schemas auf andere Induftriezweige übertragen läßt, fo ift es
unter allen Umftänden von hohem Wert, daß an einer Stelle
gezeigt wird, was auf dem Gebiet künftlerifch-technifcher Er
ziehung geleiftet werden kann. □
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