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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DIE MIETSWOHNUNG 
$ 
AMERIKANISCHE 
MASCHINENMÖBEL 
rnzizLi 
iinrmiiiriaii 
flllgemcine Merkmale: 
Keine individuellen, fon= 
dem fachliche, anftändige 
Typen, wie fie die Menge 
und der Markt braucht 
L.: GRUNDSÄTZE FÜR DIE GESTALTUNG 
DES WOHNRAUMES 
(FORTSETZUNG AUS HEFT 2,3,4 und 6 DES LAUFENDEN JAHRGANGS) 
VI. 
DAS MHSCHINENMÖBEL 
ie Nomadcnhaftigkeit des Dafeins in der Mietswohnung 
kann nicht treffender, als durch den ftatiftifchen Nachweis 
bezeugt werden, daß in einer mittleren Stadt, wie Dres= 
den, mindeftens 60 Prozent der Einwohnerfchaft alle zwei Jahre die 
Wohnung wechfelt. In größeren Städten dürfte die Labilität noch 
► größer, in kleineren Provinzftädten allerdings kleiner fein. Es 
ift eine Erfcheinung, die mit der Natur des Mietswohnungswefen 
zufammenhängt. Nicht nur wirtfcbaftlicbe Urfachen, fondern auch 
die noch immer allzu langfam eingreifenden Reformen im Miets» 
bausbau find die Hebel diefer Bewegung. Ein Neubau der Nach» 
barfcbaft, der einleuchtende hygienifcbe und formale Wobnungs= 
verbefferungen aufweift, wird in der Regel als hinreichender Anlaß 
für eine Überfiedlung zu betrachten fein. Stadtverwaltungen, die 
nicht von vornherein auf die möglichfte Vollendung des Wobnungs- 
wefens gefeben und die kurzficbtige Politik einer auf Koften der 
Qualität gerichteten Mietsbausfpekulation gefördert oder geduldet 
haben, tragen nun den verdienten Schaden. Immer entfcbloffener 
wird die Tendenz zur Wobnungsfiedlung außerhalb der Städte, 
die lieh entvölkern. Huch jene Siedlungsaktion, die ihre Aufgabe 
künftlerifcb nicht ernft genug genommen haben, werden in der 
Konkurrenz nicht befteben, was durchaus gerecht ift. Da nun 
der Fall der Freizügigkeit feit dem Beftande von Mietswobnungen 
gegeben ift und das Ende der Bewegung fo lange nicht abgefeben 
werden kann, als es überhaupt Mietswobnungen geben wird, fo 
erwäcbft für die gewerbliche Produktion die künftlerifdbe Aufgabe, 
mit diefem Umftande zu rechnen. Das haben aber die MöbeU 
tifchler und die Künftler, die für die Bedürfniffe der Wohnung 
fchaffen, nicht getan. Es ftellt fich nun endlich die Frage ein, ob 
es nicht geradezu fündbaft ift, für das Mobiliar der Mietswobnung 
der koftbaren Hölzer, die feine künftlerifcbe Arbeit daran, zu 
verfebwenden. Nach jedem Umzug haben trot} aller mühevollen 
Sorgfalt folcbe vornehme Stücke eine Schramme. Bald fehen fie 
kläglich aus, wie jede heruntergekommene Eleganz. Der Haus 
frau blutet das Herz. Jede Verlegung, die unvermeidlich das 
fündteure Möbel erleidet, trifft fie als perfönlicbes Leid. Die 
wenigften Menfchen können der fchönen Mietswobnung eigentlich 
froh werden. »Ach, wenn die Möbel nicht wären!« ift der ewige 
Refrain. Tro^ der fchönen Einzelftücke ift in der Regel die feböne 
Mietswobnung nicht einmal fchön. Was immer auch die Haus 
frauen fich einbilden mögen! In den meiften fogenannten fchönen 
und modernen Wohnungen gibt es nur Möbel an fich. Möbel, 
die wie Plaftiken find. Oft find fie direkt von der Ausftellung 
her und dann paffiert es, daß ein folcber Raum aus lauter fchönen 
Einzelftücken befteht, aus Fragmenten und Teilen, die kein 
Ganzes bilden wollen. Ein Schrank ift hoch, ein anderer nieder, 
und ein unruhige planlofe Konturenlinie gliedert die Wand 
ohne Ordnung und ohne Klarheit. Ich muß fagen, daß ich felbft 
auf großen Ausftellungen viele moderne Räume gefeben habe, 
die an ganz demfelben Mangel des Arcbitekturgefübls leiden. 
Es ift ein Beweis, wie felbft unter den modernen Künftlern das 
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