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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DHS  BHUERNHFOIS  IM  DEUTSCHEN  REICHE
m  Verlag  der  Firma  GERHARD  KUEHTMHNN  in  Dresden  ift
ein  monmentales  Werk  über  das  Bauernhaus  im  Deutfcben
Reiche  erfebienen,  das  aus  einem  ftattlicben  Textband  und
einem  febr  umfangreichen  Tafelmaterial  beftebt.  Huf  fachkundiger ­
  Grundlage  ift  das  Bauernbaus  aller  Gegenden  Deutfcblands
in  bezug  auf  das  Etbnograpbifcb-künftlerifcbe  und  Tecbnifcb-konftruktive
  ebarakteriftifeb  dargeftellt  und  eine  erfchöpfende  Behandlung ­
  des  ungeheuren  Stoffes  in  überficbtlicber  Form  zum
erßen  Male  geboten.  Das  Werk  leiftet  der  Wiffenfcbaft  außerordentliche ­
  Dienfte,  indem  es  die  Typen  deutfcben  Bauernbaufes
in  den  einzelnen  Landesteilen  feftftellt,  aus  der  Verwandtfchaft
ihrer  Form  das  Gemeinfame  und  das  Befondere  in  der  Lebensweife ­
  der  einzelnen  deutfcben  Volksftämme  bervorbebt  und  auf
die  Grundform  des  germanifchen  und  indogermanifeben  Kaufes
Schlüffe  vorbereitet.  Haben  fich  vorzugsweife  Anthropologen
mit  der  Unterfuchung  diefes  Stoffes  befaßt,  fo  ift  es  diesmal  von
facbmännifcb-arcbitektonifcher  Seite  gefebeben  und  dem  Gegenftand
  der  Vorzug  einer  bau  fach  verftändigen  Behandlung  gefiebert
worden.  Wenn  auch  die  antbropologifch-etbnograpbifcheForfchung
in  diefem  Werke  ein  außerordentlich  wertvolles  und  in  feiner  Art
einzig  daftebendes  Material  findet,  fo  ift  das  Werk  in  erfter  Linie
doch  für  den  Architekten  von  hervorragender  praktifeber  Bedeutung, ­
  der  fein  Schaffen  auf  die  intime  Kenntnis  der  beimifeben
volkstümlichen  Überlieferung  gründet.  Der  Nu^en,  den  diefe
umfaffende  Arbeit  gerade  in  diefer  Hinficht  zu  ftiften  geeignet
erfebeint,  ift  unberechenbar,  wenn  man  bedenkt,  wie  in  den
letjten  Jahrzehnten  felbft  in  landwirtfcbaftlicben  Neubauten  der
Kafernentypus  der  Großftädte  den  Vorrang  gewann.  Keine  Provinz
des  Deutfcben  Reiches  ift  von  dem  Flugfand  diefer  Bauverbeerung
  ganz  verfebont  geblieben.  Die  Schaffung  diefes  STANDARD-WORK
  bezeichnet  geradezu  einen  Wendepunkt  in  der  Baugefmnung
  und  berechtigt  zu  der  Hoffnung,  daß  der  geiftige  und
künftlerifcbe  Tiefftand  in  der  ländlichen  Architektur,  auch  was
die  Numbauten  betrifft,  bald  überwunden  fein  wird.  Jedenfalls
findet  der  Bauausführende  in  dem  Studium  diefes  prächtigen
guellenmateriats  eine  enorme  Förderung  und  Erleichterung
feiner  Architekturaufgabe,  wenn  er  fie  ernft  nimmt  und  die
Pflicht  erkennt,  die  zum  febönen  Bauen  im  Sinne  der  organifchen
Vollkommenheit  und  des  beimifeben  Baugedankens  verbindet.
Für  den  Künftler,  der  fich  aus  der  unmittelbaren  Anfcbauung
bereichert,  wird  vor  allem  der  Bilderatlas  die  größere  Bedeutung
haben  und  der  Textband  nur  die  lexikograpbifcbe  Ergänzung
nur  zum  gelegentlichen  Nacbfcblagen  liefern.  Immerhin  machen
die  vielen  Textilluftrationen,  die  teebnifeb-konftruktiven  Erläuterungen ­
  auch  diefen  Band  nicht  nur  gefchicbtlich,  fondern  auch
unmittelbar  praktifch  intereffant.  Die  biftorifeb-geograpbifeben
Cbarakteriftiken,  die  Studien  über  Dorfanlagen  und  Gehöfte,
über  die  Raumteilungen  und  den  Aufbau  der  zahlreichen  Bauembaustypen,
  über  die  konftruktive  und  architektonifche  Durchbildung, ­
  über  die  innere  Einrichtung  und  Ausftattung,  über  das
Baumaterial  und  die  charakteriftifchen  Zierformen  find  eingehende ­
  inftruktive  Studien  vorhanden,  die  alle  Provinzen  umfaffen
  und  von  einem  großen  Stab  von  Mitarbeitern  geliefert
wurden,  die  nicht  nur  mit  dem  Stoff,  fondern  mit  den  lokalen
Vorausfet)ungen  wohl  vertraut  waren.  Bearbeitet  find  die  Provinzen ­
  Weftbannover,  Weftfalen,  Oldenburg,  Oberfriesland,  die
Wefermarfchen,  Oftbannover,  Braunfcbweig,  das  Gebiet  der  Elbemündung ­
  abwärts  von  Bergedorf,  Scbleswig-Holftein  mit  Ausnahme ­
  der  Elbmarfcben,  Lübeck  und  Lauenburg,  Mecklenburg,
Pommern,  Provinz  Oftpreußen,  Provinz  Weftpreußen,  Provinz
Pofen,  Mark  Brandenburg,  Schießen  nebft  Grenzgebieten,  Königreich ­

  Sachfen,  Sacbfen-Altenburg,  die  Altmark  nebft  den  füdlicben
Grenzgebieten,  Thüringen,  Heften,  Provinz  Heffen-Naffau  und
Großberzogtum  Heften,  Rbeinprovinz  und  Grenzgebiet  Rbeinprovinz-Weftfalen,
  Lothringen,  Bayrifche  Rbeinpfalz,  Elfaß,  Baden,
Württemberg,  Bayern.  Über  das  Bauernbaus  in  der  Schweiz
und  in  Öfterreicb-Ungarn  find  Seperatwerke  von  ähnlicher  Anlage ­
  erfchienen,  über  die  wir  fpäter  noch  zur  Sprache  kommen
werden.  Ein  Arbeitskomitee  batte  fich  gebildet,  dem  die  Herren
Profeffor  K.  E.  O.  FRITSCH  in  Berlin,  Geheimer  Baurat  HINCKEL-DEIN
  in  Berlin,  Geheimer  Baurat  VON  DER  HUDE  in  Berlin,
Provinzialkonfervator  LUTSCH  in  Breslau  und  Oberbaurat  Profeffor ­
  K.  SCHAEFER  in  Karlsruhe  und  fpäter  noch  Geheimer
Baurat  HOSSFELD  in  Berlin,  Profeffor  KOSSMANN  in  Karlsruhe ­
  und  in  weiterer  Folge  noch  Profeffor  AUGUST  THIERSCH
in  München  und  Bauinfpektor  PANTLE  in  Stuttgart  angebörten.
Namhafte  Beihilfen  aus  Staats»  und  Provinzialfonds  der  verfebäedenen
  Regierungen  ermöglichten  die  koftfpielige  Ausarbeitung ­
  und  Druckberftellung  des  umfangreichen  Werkes,  trotj  der
umfaffenden  Arbeit  an  der  zahlreiche  Architekten-  und  Ingenieurvereine ­
  durch  Mitarbeit  von  Hunderten  ihrer  Mitglieder  beteiligt
waren,  die  aus  allen  Teilen  des  Reiches  und  aus  den  entlegenften
Gegenden  den  Stoff  in  Aufnahmen,  Zeichnungen  und  Skizzen
und  Befprecbungen  zufammentrugen,  kann  es  möglich  fein,  daß
die  Spezialbearbeitung  einzelner  Länder  weiteres  intereffantes
Material  zutage  fördert.  Insbefondere  ift  das  binfichtlicb  Bayerns
möglich,  wo  das  Intereffe  für  Volkskunde  und  Volkskunft  mit
beifpiellofer  Begeifterung  gepflegt  wurde.  Ich  möchte  es  daher
nicht  unterlaffen,  in  diefem  Zufammenbang  auf  ein  Spezialwerk
über  das  bayrifche  Bauernbaus  binzuweifen,  das  der  bekannte
Münchener  Architekt  FRANZ  ZELL  in  der  füddeutfeben  Verlagsanftalt ­
  berausgegeben  bat.  Die  prächtigen  Aufnahmen  und  das
reiche  charakteriftifche  Bildermaterial  zeichnen  diefes  Spezialwerk
aus,  wie  es  mit  Rückficbt  auf  die  im  Gebiete  des  baytifchen
Bauernbaufes  bewanderte  und  fachkundige  Perfönlicbkeit  des
Herausgebers  nicht  anders  zu  erwarten  war.  Diefes  Werk  ift
daher  jenen  wärmftens  zu  empfehlen,  die  fich  für  das  erwähnte
Spezialgebiet  vorweg  intereffieren  und  nicht  zu  dem  naturgemäß
bei  weitem  umfangreicheren,  alle  Gebiete  des  Deutfcben  Reiches
umfaffenden  Bauernbauswerk  greifen  will.  □

DIE  MOTIVE  (FÜR  DAS  LANDHAUS)  BRAUCHTEN  WIR
NICHT  AUS  ENGLAND  ZU  HOLEN.  ALLES  EINZELNE
FINDET  SICH  IN  UNSERER  ÄLTEREN,  VON  ITALIEN,
FRANKREICH  UND  DER  MODERNEN  GOTIK  NOCH
NICHT  BERÜHRTEN  STÄDTISCHEN  UND  LÄNDLICHEN
ARCHITEKTUR.  LICHTWARK

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