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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Schattierungen, von der warm getönten Färbung der Hiebe bis 
zu lachsrot, und von der Tönung eines Champignons bis zu der 
eines alten Ziegels rofa genannt werden. Man könnte hierfür 
dreißig Schattierungen bereit halten, diefe Zahl noch multipli 
zieren, und das alles würde rofa genannt werden müffen; in 
manchem Raum, bei manchem Gegenftand oder bei mancher 
Blume von roter Farbe würden jedoch nur wenige diefer Ab 
tönungen barmonifcb wirken, andere würden furchtbar ftörend 
erfcheinen und die übrigen würden überhaupt in keinem Ver 
hältnis dazu ftehen. □ 
Wenn die Wände und meiften Möbel des Raumes z. B. vor- 
herrfchend blau find, werden alle hellgelben, warm getönten 
weißen und cremefarbigen Blumen gut wirken, fo gelbe Stock- 
rofen, Iris flavescens, Primeln, Spiracen, gefüllte Spierftauden 
und alles gelbgrüne Laub, wie Mais und Funkia. □ 
Wenn der Raum hellgelbe oder elfenbeinweiße Wände bat, 
müßten die Blüten im Gegenteil blau fein und man follte hellen 
und dunklen Ritterfporn, mit Ausnahme der purpurfarbenen 
Arten, Clematis Flammula und Schalen mit Vergißmeinnicht 
wählen. In einem weißgetönten Raum wirken alle Blumen gut, 
wenn immer nur eine Farbenfkata zugleich verwendet wird. 
Das foll nicht beißen, daß Farben gar nicht gemengt werden 
follten, doch ift es beffer, vorerft mit einer begrenzten Farbe 
zu beginnen. Wenn in einem weißen oder in der Farbe neu 
tralen Raum verfchiedenfarbige Blumen verwendet werden feilen, 
müßte man die Farben ebenfo wie in bezug auf den Raum 
zufammenftimmen, fo blaue und hellgelbe oder weiße Blumen 
und blaßgrünes Laub. □ 
In einem roten Raum fehen fcbarlacbrote und gelbe Blumen 
gut aus, fo Gladiolus, Tritoma, Sonnenblumen, fcbarlacbrote und 
gelbe Dahlien; diefe Blumen wirken auch in einem weißen Raum 
gut. Doch felbft in Räumen mit weißgetünchten Wänden müffen 
die Blumenarrangements oft ganz verfchieden fein. So nehmen 
fich z. B. in einem Wohnzimmer mit krapproten Vorhängen und 
dunkel orangefarbig überzogenen Möbeln folcbe Blumen gut aus, 
die die Farben der Einrichtung wiederholen, wie die gefüllte 
orangefarbige Feuerlilie oder Lilium croceum, und überdies 
einige Schalen mit purpurroten Blumen, und zwar an die 
weiße Wand geftellt. n 
Die Blumen fehen in verfebiedenen Räumen ganz verändert 
aus, fo erfcheint eine Blume in einem füdlicb gelegenen, fonnen- 
durcbleucbteten Raum ganz anders, als in einem dem Norden 
zugewandten, in dem die Beleuchtung durch den blauen Himmel 
beftimmt war. D 
Man darf auch nicht vergeffen, wie febr die Farbe der Blumen 
durch künftliches Licht verändert wird. Manchmal läßt elektrifcbes 
die Farben ebenfo wie bei Tageslicht erfcheinen, bei jeder an 
deren künftlichen Beleuchtung ift es aber am beften, bauptfäcblicb 
weiße, rote und gelbe Blumen zu verwenden. Blaue Blumen 
und Veilchen erfcheinen dunkel und farblos; Blaßblau verliert 
die Reinheit der Farbe und Purpurrot fieht wie ein ftumpfes 
Rot aus. Bei allen Nuancen von Mauve und Lila wird die Wärme 
des Farbentones erhöbt, fo find lichte Herbftmargueritten febr 
gut verwendbar. Hellgrünes Laub, wie die Blätter der Funkia 
grandiflora und der Maiglöckchen erfcheinen bei gelblichem Licht 
noch heller, während alles Rote und Gelbe intenfiver in der 
Farbe erfebeint. 0 
Wenn der Sommer fortfehreitet und alles fich üppiger ent 
faltet, werden die Blumenarrangements kühner. Teerofen und 
wilde Rofen werden drei bis vier Fuß lang abgefchnitten. Die 
Eryngiums find auch febr gut verwendbar, die bläulichen 
E. oliverianum laffen fich auch febr bübfcb mit weißen Wicken 
gruppieren und die filbrigen E. giganteum können febr gut 
trocken aufgehoben werden und verlieren im Laufe vieler Monate 
nur wenig von ihrer Form und ihrem Glanz. □ 
Im Frühjahre ift es oft febwer, Laub für die Blumenfträuße 
zu finden. Im März ift der wilde Arum, der fo üppig in den 
Hecken wäcbft, zu diefem Zwecke fehr brauchbar, er nimmt fich 
mit Märzbechern febr gut aus. Die gelben Narziffen feben mit 
belaubten Birkenzweigen gruppiert, die gerade zu gleicher Zeit 
zu haben find, fehr gut aus; noch fpäter, Ende April und Anfang 
Mai, laffen fich weiße Narziffen fehr hübfeh mit Heckenrofen- 
zweigen binden. □ 
Viele Mai- und Juniblumen, fo der Flieder, Schneeballen, 
Rhododendron und Pfingftrofen haben genügend eigenes Laub 
und von da ab bat man eine reiche Auswahl. Für den Herbft 
ift es gut, ein wenig von dem Mais ähnlichen Zuckerrohr oder 
Hirfegras zu ziehen. Man febneidet den Stamm weg und grup 
piert die Zweige mit Gladiolus oder fchlingt fie um die weißen 
Blütenbüfchel der fpät blühenden Clematis Flammula im Sep 
tember oder der noch fchöneren C. paniculata im Oktober. □ 
Und welch einen Reichtum von febön gefärbtem Laub gibt 
es im Herbft, fowobl im Garten als im Wald: Wein, wilder Wein 
und Bluteichen, gelbe Birken, rötliche Heckenrofen- und Schnee- 
ballenzweige, die mit Beeren behängt find. Rofa lucida, die für 
Gruppen und Büfcbe am geeignetften ift, leuchtet im Spätberbft 
mit ihrem roten und gelben Laub und den reichlichen Büfcbeln 
ihrer fcbarlacbroten, reifen Frucht. □ 
Man kann felbft mitten im Winter aus grünem Laub ohne 
Blumen Sträuße machen, die fich als Zimmerfcbmuck gut aus- 
nehmen, denn man findet da noch immer grünen Efeu, Hirfcb- 
zunge und Farnwedel; Eichenzweige find auch im Frübfommer 
gut verwendbar, fie haben im Mai und Juni kleine, ftark ge 
wellte, goldgrüne Blätter, und im Spätfommer gibt es für in 
Schalen geordnete Teerofen kein feböneres Laub als die pracht 
voll karminroten oder roftbraunen Eichenzweige. □ 
Herbftzweig 
in Vafe 
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