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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DIE  MIETSWOHNUNG
i  ii

L.:  GRUNDSÄTZE  FÜR  DIE  GESTALTUNG
DES  WOHNRHUMES
in.
DIE  FARBE  FORTSETZUNG
D as  volkstümliche  Spielzeug,  die  gefcbnitjten  Heiligenfiguren
in  den  Landkirchen  und  alles,  was  irgendwie  Farbe
vertrug,  wurde  nach  der  heraldifchen  Farbenfkala  bemalt.
Wir  dürfen  nicht  annehmen,  daß  zwifchen  alten  dielen  übereinftimmenden
  Erfcheinungen  irgend  eine  Verabredung,  eine
ftiliftifcbe  Konvention  liegt,  im  Gegenteil.  Wir  können  Völker
aller  Zeiten  und  aller  Weltteile  miteinander  vergleichen  und
diefelbe  Übereinftimmung  finden.  Wie  z.  B.,  daß  das  japanifche
  Volk  ebenfalls  beraldifcbe  Farben  pflegte.  Die  einzige
Erklärung,  die  fticbbält,  ift  der  Naturfinn  oder  Naturinftinkt,  der
diele  Menfcben  richtig  führte.  Denn  die  Natur  felbft  ift  die
Lehrmeifterin  der  Heraldik.  Ihre  einfache  und  wunderbare
Farbenlehre  können  wir  an  den  bunten  Wiefen,  an  der  Blumen*
pracht  der  Bauerngärten  und  an  den  Knalleffekten  des  herbft*
liehen  Laubes  wahrnehmen,  wo  Ströme  von  knalligem  Gelb,
purpurnem  Rot  und  Papageiengrün  zufammenfließen.  Schließlich
darf  nicht  überfehen  werden,  daß  in  Übereinftimmung  mit  diefer
Natur  auch  beftimmte  Tiergattungen,  namentlich  Vögel,  echte
und  rechte  Heraldiker  find.  Und  die  Edelfteine,  die  Halbedel*
fteine,  mit  der  Farbenpracht,  die  wie  Märchen  find,  Märchen  aus
1001  Nacht?  Es  gäbe  kein  Ende  des  flufzäblens.  □
Der  heutige  Menfch,  namentlich  der  ftädtifche,  hat  Furcht  vor
der  Farbe,  vor  der  einfachen,  klaren,  ftarken  Farbe.  Das  Weiß
der  Kirfchblüte,  die  Bläue  des  tiefen  Himmels  oder  des  Lapis*
lazzuli,  das  Grün  der  Smaragde  und  der  Sittiche,  das  Weingelb
der  Topafe,  der  Chryfanthemen  und  der  indifchen  und  japanifchen
Seiden,  von  der  Zitronenfarbe  bis  zu  den  febwereren  Sättigungen
der  Orange,  des  Granatapfels  und  der  Judenkirfche,  alle  diefe
reinen  Farbenwerte  find  Sünde  in  feinen  Flügen.  Er  liebt  die
gebrochenen,  gedämpften,  abgeftimmten  Farben  oder  beffer  ge*
fagt,  die  Farblofigkeit.  Wir  begegnen  fie  in  den  modernen
Möbeln  und  in  den  modernen  Räumen.  Diefe  Vorliebe  ift  ein
Niederfchlag  der  modernen  Schule  des  Impreffionismus.  Der
impreffioniftifche  Maler  fieht  nicht  die  Farbigkeit  der  Dinge  als

folcbe,  fondern  er  fieht  fie  durch  das  veränderliche  Medium  der
Fitmofphäre  in  den  wechfelnden  Beleuchtungen  zu  den  verfehle*
denen  Zeiten  des  Tages  und  des  Jahres.  Ihm  ergibt  fich  die
Impreffion  von  Mittelwerten  und  abtönenden  Reflexen,  ein  Ge*
webe  mit  einer  neuen  Skala  von  gebrochenen,  gedämpften
Farben,  die  er  fertig  gemifcht  von  feiner  Palette  nimmt.  Ich
bin  überzeugt,  daß  diefe  Farbenanfchauung  ein  Übergang  ift.
In  unferen  farblofen  Räumen  und  mit  trüben  Rügen  gefehen,
erfcheinen  diefe  Werke  noch  immer  feftlich,  aber  ins  Freie  ge*
ftellt,  in  die  ftrablende  Wiefe,  zeigt  fich  in  der  Regel,  daß  diefe
Bildfchöpfungen,  ungeachtet  ihres  künftlerifchen  Wertes  neben
der  heraldifchen  Natur  nicht  ftandhalten  können.  Die  Farben
fehen  trüb  und  febmutpg  aus,  wie  meiftens  die  Mifchungen.  Es
ift  ein  Irrtum,  der  fich  rächen  wird,  daß  man  diefe  gemifchten
und  gebrochenen  Farbenwerte,  die  in  der  impreffioniftifchen
Phafe  der  Malerei  relativen  Wert  batten,  in  die  gewerbliche
Produktion  herübernahm.  Die  Kunftgewerbler  haben  es  zudem
nicht  verftanden,  ihre  gemilchte,  gebrochene  Farbengebung  mit
jenem  künftlerifchen  Takt  aus  der  heraldifchen  Natur  abzuleiten,
wie  die  Maler.  Die  Malerei  felbft  ift  fchon  in  einigen  taftenden
Verfuchen  auf  dem  Wege,  aus  dem  Impreffionismus  wieder  jene
höhere  Ordnung  des  Stils,  den  die  Natur  auch  in  der  Farbe
lehrt,  zu  entwickeln.  Schon  an  der  Schwelle  fteben  Künftler,
wie  SEGFINTINI,  VHN  GOGH,  HODLER  und  einige  andere,  die
ihre  Farbe  nicht  mehr  durch  Mifchungen,  Brechen  und  Flbtönen,
fondern  in  urfprünglicher  Frifcbe  auf  die  Leinwand  fetjen  und
das  Ineinanderfließen  der  Lokattöne  ruhig  der  Optik  des  menfch*
liehen  Huges  überlaffen.  Ihre  Farbe  bat  wieder  den  Material*
ausdruck.  So  gleichen  einzelne  diefer  Werke  mit  den  vielen  far*
bigen  Strähnen  und  Mofaiken  alten  Bildwebereien,  Teppichen  mit
weichem  feidigen  Glanz.  Sie  erfcbließen  eine  Perfpektive  von  Bild*
werken,  die,  anftatt  in  Ölfarben  die  Schönheit  anderer  Materialien
vorzutäufchen,  gleich  in  echtem  Material  ausgefübrt  find,  wo  die
Farben  aud)  aus  echtem  Material,  aus  Gold  und  Silber,  Halbedel*
fteinen  ufw.  gewonnen  find.  Immer  deutlicher  ift  die  Rückkehr  des
Malerifcben  zur  FSrcbitektur  und  den  ihr  unterftebenden  technifchen
Künften  wabrzunebmen.  Immer  ftärker  wird  gerade  aus  dem
Impreffionismus  der  Entwicklungsdrang  werden,  der  in  der
Farbe  das  Gefet)  der  Heraldik  erneuert.  Es  ift  die  Entwicklung
der  Farbenanfchauung  in  der  Richtung  zum  Monumentalen.  □

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