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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DER GARTEN HM HHUSE 
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lieben; aber es war noch zehnmal fchöner, wenn man fich zum 
Rückweg anfcbickte, denn da war die Matte der Blumen und 
hoch darüber aufgetürmt die edle Wucht der Riefenkathedrale 
— eine der größten und doch lieblicbften Schöpfungen, die je* 
mals der Menfch zur Ehre Gottes errichtet hat. □ 
Es hat zwar nicht jeder einen Garten, der von einem Strom 
und einer edlen Kirche eingefaßt wird; aber felbft diefe Vorzüge 
hätten durch unfeine oder ungeeignete Behandlung des Gartens 
verloren gehen können. Hber das Gemüt feines Herrn ftand 
fo ganz im Einklang mit der Stimmung des Ortes, daß niemand, 
der den Vorzug gehabt bat, den Garten zu fehen, ihn jemals 
anders als richtig und fchön finden konnte. □ 
Beide Gärten waren die Gärten von Predigern; ja, einige unterer 
größten Gärtner find von jeher und auch heutigentags aus den 
Dienern der Kirche bervorgegangen. Denn, haben wir nicht 
einen glänzend begabten hoben Geiftlichen, deffen begeiftertes 
Lob der Königin der Blumen ein klaffifches Werk geworden ift? 
Und haben wir nicht unter unteren Geiftlichen den größten 
Narziffenzüchter, den die Welt bisher gefehen bat, und andere 
Namen von Geiftlichen rühmlich verknüpft mit Roten und Hu* 
rikeln und Tulpen und anderen guten Blumen und febr zum 
Betten der lederen? Die Bedingungen des Lebens eines Orts* 
geiftlichen find wohl dazu geeignet, ihn zu einem guten Gärtner 
zu machen; denn während andere Männer auswärts arbeiten, 
bleibt er meiftens daheim; und mit feinem Garten zu leben ift 
die bette Weife, das Woblfein desfelben zu fiebern. Und dann 
— unter den vielen Sorgen und Verdrießlichkeiten und Ent* 
täufchungen, die das Herz des Hirten der Seelen oft befchweren 
mütten, wird fein Garten, mit feiner heilfamen Hrbeit und all 
der Geduld und Zuverficht und Hoffnungsfülle, die er lehrt, 
und feiner köftticben Erquickung, eins der betten Heilmittel feiner 
oft bekümmerten Seele fein. □ 
Ich beneide die Bettler febr großer Gärten nicht. Der Garten 
muß feinem Herrn oder deffen Gefchmacksrichtungen fo ange* 
paßt fein, wie der Rock, den er trägt; er muß weder zu groß 
noch zu klein fein, fondern gerade bequem. Wenn der Garten 
zu groß ift, um von ihm felber geplant, beberrfebt und beauf* 
fiebtigt werden zu können, fo ift er nicht mehr fein Herr, fondern 
fein Sklave, gerade fo gewiß, als der viel zu reiche Mann der 
Sklave und nicht der Herr feiner überflüffigen Reicbtümer ift. 
Und wenn ich von den großen Betitlungen höre, wo der Küchen* 
garten zwanzig Morgen Land groß und ganz ummauert ift, fo 
finkt mir das Herz, wenn ich an das unerfreuliche Mißverbält* 
nis zwifchen feinem Bettler und feinen Nachbarn denke und an 
die Überfülle von Früchten und Gemüfen, die ein folcber Garten 
hervorbringt; und ich frage mich, wieviel davon wohl hingebt, 
wo es geben fotlte, und ob nicht der größte Teil davon irgend 
wie verkommt und in geheimnisvolle Seitenkanäle abläuft, und 
in wie viele Unterabteilungen die Beauffichtigung eines folcben 
Riefengartens notwendig zerfallen muß, und wieviel Neben* 
intereffen fich einfcbleicben mögen, und kurzum, was für eine 
große Sorgenlaft und Gelegenheit zu Verfuchungen es werden 
kann. Eine große Wahrheit fteckt in des alten Farmers Sprich 
wort: »Des Herrn Huge macht das Schwein fett«; aber wie kann 
irgend eines Herrn Huge dies Riefenfchwein von zwanzig Morgen 
fett machen, mit all feiner umftändlicben und koftfpieligen Be* 
bauung, feinen zwei bis drei Ernten im Jahr von all den Teilen, 
die Sommergemüfen eingeräumt worden find, feinen Treib* 
häufern, Kaltbäufern, Orchideen* und 'Obftbäufern, feinen Wein 
bäufern, Hnanasbäufern, Feigenbäufern und allen fonftigen er 
denklichen Hrten von Glasbäufern'? n 
Hb er glücklicherweife find folcbe Monftregärten feiten; ich habe 
nur zwei kennen gelernt und hoffe nie wieder einen zu fehen. 
(Schluß folgt!) 
WHLD UND GRRTEN 
ie Bücher der englifchen Gartenfcbriftftellerin GERTRUDE 
JEKYLL find aus der Praxis entftanden und aus der per* 
fönlichen Liebe zur Gartenkunft, Umftände, die das Sach 
liche mit dem Reiz des Perfönlichen verbinden. Das eigene 
Hnwefen, Wald und Garten, ift der Ort ihrer perfönlichen Be* 
tätigung, gleichfam das Studienzimmer, der Wobnraum im 
Freien; von der Freude und den Erfahrungen bei der Pflege 
und Husfcbmückung der eigenen Umgebung find diefe Bücher 
erfüllt, und fie find daher auf natürliche und unbewußte Hrt 
vorbildlich und erziehlich. Wenn irgend Bücher im Garten 
leben behilflich und förderlich fein können, fo find es die Werke 
der Gertrude Jekyll. Sie haben in England eine folcbe Be 
deutung, daß man fich daran gewöhnt bat, ihren Befi^ in Mun* 
ftead als das moderne Vorbild des Hausgartens zu betrachten. 
Das geht wohl über die Hbfichten der Verfafferin hinaus. Sie 
wünfeht nicht, den Eindruck zu erwecken, daß ihr eigenes kleines 
Hnwefen als Husftellungsort, der zur Befichtigung auffordert 
oder berechtigt, zu betrachten fei. Die Seelenfreude, die ein 
fchön gepflegter Garten, wie klein er auch immer fei und davon 
diefe Bücher erzählen, die Hnregung und Mithilfe, die fie gleich 
artigen tätigen Gefinnungen gewähren, find Inhalt und Zweck 
diefer Schriften, um derentwillen zu wünfehen ift, daß fie weit 
hin verbreitet und gelefen werden, und daß fich der Nieder* 
fcblag der Lefefreuden in emfig und liebevoll gepflegten Gärten 
und Gärtchen zeige. Die Verlagshandlung Julius Baedecker in 
Leipzig hat fich damit ein wahrhaft großes Verdienft erworben, 
daß fie die deutfehe Überfe^ung eines diefer Bücher mit dem Titel 
WHLD UND GHRTEN von GERTRUDE JEKYLL herausgab und 
den Leferkreis mit den praktifchen und kritifchen Hnmerkungen 
und Gedanken eines arbeitenden Hmateurs bekannt macht. 
Wir können den Reiz des Buches und feinen praktifchen Wert 
nicht beffer vermitteln, als indem wir nebenftehende Illuftratio 
nen aus dem Hnwefen der Verfafferin, die wir dem freundlichen 
Entgegenkommen der Verlagsanftalt danken, zeigen und vor* 
ftehende Lefeprobe vorausfcbicken, die praktifche Ratfcbläge über 
große und kleine Gärten enthält. Die Charakteriftik des Buches 
ift durch die Kapitelangaben nicht zu erfchöpfen. Immerhin wird 
die Hndeutung dienlich fein, daß das Buch der Hauptfache nach 
in Monatscharakteriftiken zerfällt, die eine metbodifche Hufteilung 
der Gartenarbeit des Jahres enthalten mit einer febier uner- 
fcböpflicben Menge von Erfabrungsfätjen, von Lebensbefchrei* 
bungen aller im Garten und im angrenzenden Wald vorkom 
menden Pflanzen, der Darftellung ihrer Eigenfcbaften, ihrer 
Farbenfchönbeit und ihrer Düfte, die vertiefte und detaillierte 
Beobachtung der Natur mit künftlerifcb verfeinerten Sinnen, die 
das Werk ftellenweife aus der Sachlichkeit eines praktifchen 
Handbuches zum Rang einer dichterifchen Schöpfung erbeben. 
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