DER GARTEN HM HHUSE
—
lieben; aber es war noch zehnmal fchöner, wenn man fich zum
Rückweg anfcbickte, denn da war die Matte der Blumen und
hoch darüber aufgetürmt die edle Wucht der Riefenkathedrale
— eine der größten und doch lieblicbften Schöpfungen, die je*
mals der Menfch zur Ehre Gottes errichtet hat. □
Es hat zwar nicht jeder einen Garten, der von einem Strom
und einer edlen Kirche eingefaßt wird; aber felbft diefe Vorzüge
hätten durch unfeine oder ungeeignete Behandlung des Gartens
verloren gehen können. Hber das Gemüt feines Herrn ftand
fo ganz im Einklang mit der Stimmung des Ortes, daß niemand,
der den Vorzug gehabt bat, den Garten zu fehen, ihn jemals
anders als richtig und fchön finden konnte. □
Beide Gärten waren die Gärten von Predigern; ja, einige unterer
größten Gärtner find von jeher und auch heutigentags aus den
Dienern der Kirche bervorgegangen. Denn, haben wir nicht
einen glänzend begabten hoben Geiftlichen, deffen begeiftertes
Lob der Königin der Blumen ein klaffifches Werk geworden ift?
Und haben wir nicht unter unteren Geiftlichen den größten
Narziffenzüchter, den die Welt bisher gefehen bat, und andere
Namen von Geiftlichen rühmlich verknüpft mit Roten und Hu*
rikeln und Tulpen und anderen guten Blumen und febr zum
Betten der lederen? Die Bedingungen des Lebens eines Orts*
geiftlichen find wohl dazu geeignet, ihn zu einem guten Gärtner
zu machen; denn während andere Männer auswärts arbeiten,
bleibt er meiftens daheim; und mit feinem Garten zu leben ift
die bette Weife, das Woblfein desfelben zu fiebern. Und dann
— unter den vielen Sorgen und Verdrießlichkeiten und Ent*
täufchungen, die das Herz des Hirten der Seelen oft befchweren
mütten, wird fein Garten, mit feiner heilfamen Hrbeit und all
der Geduld und Zuverficht und Hoffnungsfülle, die er lehrt,
und feiner köftticben Erquickung, eins der betten Heilmittel feiner
oft bekümmerten Seele fein. □
Ich beneide die Bettler febr großer Gärten nicht. Der Garten
muß feinem Herrn oder deffen Gefchmacksrichtungen fo ange*
paßt fein, wie der Rock, den er trägt; er muß weder zu groß
noch zu klein fein, fondern gerade bequem. Wenn der Garten
zu groß ift, um von ihm felber geplant, beberrfebt und beauf*
fiebtigt werden zu können, fo ift er nicht mehr fein Herr, fondern
fein Sklave, gerade fo gewiß, als der viel zu reiche Mann der
Sklave und nicht der Herr feiner überflüffigen Reicbtümer ift.
Und wenn ich von den großen Betitlungen höre, wo der Küchen*
garten zwanzig Morgen Land groß und ganz ummauert ift, fo
finkt mir das Herz, wenn ich an das unerfreuliche Mißverbält*
nis zwifchen feinem Bettler und feinen Nachbarn denke und an
die Überfülle von Früchten und Gemüfen, die ein folcber Garten
hervorbringt; und ich frage mich, wieviel davon wohl hingebt,
wo es geben fotlte, und ob nicht der größte Teil davon irgend
wie verkommt und in geheimnisvolle Seitenkanäle abläuft, und
in wie viele Unterabteilungen die Beauffichtigung eines folcben
Riefengartens notwendig zerfallen muß, und wieviel Neben*
intereffen fich einfcbleicben mögen, und kurzum, was für eine
große Sorgenlaft und Gelegenheit zu Verfuchungen es werden
kann. Eine große Wahrheit fteckt in des alten Farmers Sprich
wort: »Des Herrn Huge macht das Schwein fett«; aber wie kann
irgend eines Herrn Huge dies Riefenfchwein von zwanzig Morgen
fett machen, mit all feiner umftändlicben und koftfpieligen Be*
bauung, feinen zwei bis drei Ernten im Jahr von all den Teilen,
die Sommergemüfen eingeräumt worden find, feinen Treib*
häufern, Kaltbäufern, Orchideen* und 'Obftbäufern, feinen Wein
bäufern, Hnanasbäufern, Feigenbäufern und allen fonftigen er
denklichen Hrten von Glasbäufern'? n
Hb er glücklicherweife find folcbe Monftregärten feiten; ich habe
nur zwei kennen gelernt und hoffe nie wieder einen zu fehen.
(Schluß folgt!)
WHLD UND GRRTEN
ie Bücher der englifchen Gartenfcbriftftellerin GERTRUDE
JEKYLL find aus der Praxis entftanden und aus der per*
fönlichen Liebe zur Gartenkunft, Umftände, die das Sach
liche mit dem Reiz des Perfönlichen verbinden. Das eigene
Hnwefen, Wald und Garten, ift der Ort ihrer perfönlichen Be*
tätigung, gleichfam das Studienzimmer, der Wobnraum im
Freien; von der Freude und den Erfahrungen bei der Pflege
und Husfcbmückung der eigenen Umgebung find diefe Bücher
erfüllt, und fie find daher auf natürliche und unbewußte Hrt
vorbildlich und erziehlich. Wenn irgend Bücher im Garten
leben behilflich und förderlich fein können, fo find es die Werke
der Gertrude Jekyll. Sie haben in England eine folcbe Be
deutung, daß man fich daran gewöhnt bat, ihren Befi^ in Mun*
ftead als das moderne Vorbild des Hausgartens zu betrachten.
Das geht wohl über die Hbfichten der Verfafferin hinaus. Sie
wünfeht nicht, den Eindruck zu erwecken, daß ihr eigenes kleines
Hnwefen als Husftellungsort, der zur Befichtigung auffordert
oder berechtigt, zu betrachten fei. Die Seelenfreude, die ein
fchön gepflegter Garten, wie klein er auch immer fei und davon
diefe Bücher erzählen, die Hnregung und Mithilfe, die fie gleich
artigen tätigen Gefinnungen gewähren, find Inhalt und Zweck
diefer Schriften, um derentwillen zu wünfehen ift, daß fie weit
hin verbreitet und gelefen werden, und daß fich der Nieder*
fcblag der Lefefreuden in emfig und liebevoll gepflegten Gärten
und Gärtchen zeige. Die Verlagshandlung Julius Baedecker in
Leipzig hat fich damit ein wahrhaft großes Verdienft erworben,
daß fie die deutfehe Überfe^ung eines diefer Bücher mit dem Titel
WHLD UND GHRTEN von GERTRUDE JEKYLL herausgab und
den Leferkreis mit den praktifchen und kritifchen Hnmerkungen
und Gedanken eines arbeitenden Hmateurs bekannt macht.
Wir können den Reiz des Buches und feinen praktifchen Wert
nicht beffer vermitteln, als indem wir nebenftehende Illuftratio
nen aus dem Hnwefen der Verfafferin, die wir dem freundlichen
Entgegenkommen der Verlagsanftalt danken, zeigen und vor*
ftehende Lefeprobe vorausfcbicken, die praktifche Ratfcbläge über
große und kleine Gärten enthält. Die Charakteriftik des Buches
ift durch die Kapitelangaben nicht zu erfchöpfen. Immerhin wird
die Hndeutung dienlich fein, daß das Buch der Hauptfache nach
in Monatscharakteriftiken zerfällt, die eine metbodifche Hufteilung
der Gartenarbeit des Jahres enthalten mit einer febier uner-
fcböpflicben Menge von Erfabrungsfätjen, von Lebensbefchrei*
bungen aller im Garten und im angrenzenden Wald vorkom
menden Pflanzen, der Darftellung ihrer Eigenfcbaften, ihrer
Farbenfchönbeit und ihrer Düfte, die vertiefte und detaillierte
Beobachtung der Natur mit künftlerifcb verfeinerten Sinnen, die
das Werk ftellenweife aus der Sachlichkeit eines praktifchen
Handbuches zum Rang einer dichterifchen Schöpfung erbeben.
84