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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Als  aber  im  Vorjahre  Prof.  Alfred  Roller  einen  solchen  Feriah
kurs  in  Salzburg  leitete,  gab  es  ganz  andere  Ergebnisse.  Hier
gab  es  kein  „Stilisieren“,  bloß  Übungen  im  Anschauen  der
Naturformen  und  im  zeichnerischen  Wiedergeben  der  ge^
wonnenen  Formanschauung.  Alles  auf  die  lebenden  Punkte
reduziert.  Dann  gab  es  Blätter  mit  knappen,  vielsagenden
Überschriften:  „Wiedergabe  eines  Natureindrucks  in  der
Sprache  eines  Materials  —  sogenanntes  „Stilisieren.“
„Schablonenschnitte  als  Materialsprache.“  Also  kein  „Sth
lisieren“,  sondern  Materialsprache!
Es  war  die  glänzendste,  nobelste  und  schlagfertigste  Art,  die
ein  Künstler  finden  konnte,  um  den  Unsinn,  der  in  anderen
Abteilungen  geschah,  zu  brandmarken.  Sollte  man  die  mO'
ralische  Ohrfeige  nicht  verspürt  haben?  Stellte  man  sich  nur
so,  als  ob  man  nichts  gespürt  hätte?  In  der  Ausstellung  er^
hielt  Rollers  Kurs  die  letzten,  finsteren  Winkel  —  die  Sache
MUSSTE  in  den  Winkel  geschoben  werden!  Galt  es  die
Kunst?  Nein,  Höheres!  Es  galt,  das  Dekorum  zu  wahren!
Das  angenehme  „Dekorum“,  das  nach  Hammels  Vorlagen
auf  allen  pseudomodernen  Erzeugnissen  der  Provinzen  auftaucht,
  und  das  nach  der  kunstpolitischen  Einsicht  der  Ver^
waltungsorgane  berufen  ist,  die  Kunst  auf  dem  Lande  am
geblich  wieder  „auf  einen  konkurrenzfähigen  Fuß  zu
bringen“.
Der  handelsökonomische  Grundsatz,  der  die  Verfügungen
der  Verwaltung  leitet,  gibt  also  den  Ausschlag  zur  plam
mäßigen  Vernichtung  der  bodenständigen  Heimatkunst,  die
einen  durchaus  eigenartigen,  persönlichen,  man  könnte  sagen:
handschriftlichen  Charakter  besitzt.  Der  handelsökonomische
Grundsatz  forderte  an  deren  Stelle  konkurrenzfähige  Mode'
wäre,  süßliches,  allgefälliges,  glattes,  akademisch  korrektes
Zeug.  Die  Erzeuger  der  alten  Hauskunst  waren  ideenarm,
sie  kopierten  immer  nur  die  eigenen  Sachen  —  der  handelst
ökonomische  Fortschritt  zwingt  sie,  nun  fremde  Sachen  zu
kopieren.  Die  Erzeuger  der  alten  Hauskunst  waren  Künstler;
was  sie  schufen  —  wie  wenig  und  ideenarm  es  auch  sei  —
schufen  sie  aus  ihrer  überlieferten  Vertrautheit  mit  dem
Material  und  der  Technik  und  aus  ihrer  VorstellungS'  und
Gefühlsweise  heraus;  der  handelsökonomische  Grundsatz  erniedrigt ­
  sie  zu  der  hirn-  und  gefühlslosen  Arbeit  mechanischer
Nachahmerei.  Die  Erzeuger  der  alten  Hauskunst  waren  selbständig ­
  und  ehrlich,  was  sie  schufen,  war  ihr  persönliches
Eigentum  und  hält  sich  innerhalb  der  natürlichen  Grenzen
ihres  angeborenen  und  ererbten  Könnens;  es  besaß  also
Qualität,  die  ohne  die  Grundlagen  der  Ehrlichkeit  und
Rechtlichkeit  und  der  Wahrung  der  Persönlichkeit,  sei  es
des  Individuums  oder  des  Stammes,  nicht  zu  denken  ist;
der  handelsökonomische  Grundsatz  entzieht  ihnen  die  Grundlagen ­
  ihrer  bisherigen  Lebens-  und  Arbeitsweise  und  gibt
ihnen  neue  Grundlagen,  die  sich  in  dem  Momente,  wo  das
Publikum  anfängt,  wirklich  künstlerisch  zu  empfinden  und
dem  ganzen  Modeschwindel  abhold  zu  werden,  als  vollständig
unhaltbar  erweisen  müssen.  Daß  eine  einst  hochentwickelte
und  blühende  Volkskultur  auf  dem  Spiele  steht  und  durch
Spekulationen  dieser  Art  für  immer  vernichtet  sein  kann,
ist  ein  Bedenken,  das  naturgemäß  in  der  Handelsökonomic
nicht  Platz  hat.  Die  Handelsökonomie  ist  nicht  die  Wissenschaft, ­
  die  sich  um  die  Erhaltung  der  wertbildenden  Kräfte
kümmert.  Die  Handelsökonomie  ist  nur  die  Wissenschaft
der  Umsatzziffern.  In  der  handelsökonomischen  Darstellung
der  Verhältnisse  mag  sich  der  Hofrat  von  Scala  eines  Erfolges ­
  der  von  ihm  in  London  veranstalteten  Wiener  Möbelausstellung ­
  berühmen;  es  ist  gelungen,  englische  Wiener
Möbel  in  London  um  einige  Shillings  billiger  zu  verkaufen,
als  sie  von  den  englischen  Firmen  geliefert  werden  können.

Er  wird  es  auch  noch  dahin  bringen,  daß  die  englischen
Möbel,  die  in  Wallachisch-Meseritsch  hergestellt  werden,  die
Londoner  Preise  ebenfalls  um  einige  Shillings  unterbieten
werden  können.  Handelsökonomisch  wird  man  sagen  können,
Österreich  konkurriert  erfolgreich  mit  England  —  in  englischen ­
  Möbeln.  Von  diesem  Handelsökonomischen  Standpunkt
aus  gewinnt  man  natürlich  ein  ganz  trügerisches  Bild.  Wie
aber  sieht  die  Sache  von  der  volkswirtschaftlichen  Seite  aus?
Der  Nationalökonom,  der  sich  nicht  mit  den  irreführenden
Handelsziffern  begnügt,  faßt  auch  die  Gegenposten  ins  Auge,
die  ungeheuren  materiellen  Opfer,  die  den  Ausstellern  für
ihre  Paradeleistungen  erwachsen,  der  Ruin  künstlerischer
Eigenart,  der  für  die  Volkswirtschaft  von  unberechenbarem
Schaden  sein  wird,  die  kolossalen  Staatskosten  für  die  künstliche ­
  Erhaltung  eines  unzweckmäßigen  Systems,  die  dem
Unterrichtsbudget  zur  Last  fallen,  alles  zusammengerechnet,
ein  riesenhaftes  Defizit,  das  letzten  Endes  von  der  im  schweren
Existenzkampf  arbeitenden  Bevölkerung  getragen  werden  muß.
Die  Grundlage  dieses  Systems  ist  die  folgenschwere  Verkennung ­
  der  für  die  Volkswirtschaft  unschätzbaren  wertbildenden
Kraft,  die  die  künstlerische,  aus  dem  heimatlichen  Boden
entspringende  ORIGINALLEISTUNG,  die  in  den  Erzeugnissen ­
  der  echten  volkstümlichen  Kunst,  als  der  Kunstleistung
eines  ganzen  Stammes  oder  Volksschlages,  ebenso  wie  in
der  persönlichen  Einzelleistung  des  schöpferischen  individuellen ­
  Künstlers  vorliegt.  Der  Unterrichtsverwaltung  gegenüber ­
  muß  ausdrücklich  konstatiert  werden,  daß  ein  volkswirtschaftlicher ­
  Aufschwung  und  eine  dauernde  Weltmarktstellung ­
  sich  nur  auf  solche  Originalleistungen  gründen
können,  daß  aber  umgekehrt  niemals  die  geschäftlichen  und
handelsökonomischen  Absichten  die  Grundlage  abgeben
können,  um  darauf  eine  lebendige  Kunst,  die  wirkliche
Werte  schafft,  zu  züchten.  Echte  Kunst  quillt  aus  den
inneren  Notwendigkeiten  der  menschlichen  Natur,  nicht  aus
den  äußeren  Antrieben  der  industriellen  Spekulation  oder
der  Handelspolitik.  Japans  Export  und  Handelspolitik  entspringen ­
  seiner  originellen  Volkskunst,  nicht  aber  entspringt
seine  Volkskunst  der  Handelspolitik.  Das  ist  ein  großer
Unterschied.  Wir  möchten  auch  einen  kunstgewerblichen
Export  und  eine  Weltmarktstellung.
Die  Unterrichtsverwaltung,  die  zugibt,  daß  „die  Erwerbszweige,
die  im  Wege  ländlicher  Hausindustrie  von  Dorfbewohnern
betrieben  werden,  mit  wenigen  Ausnahmen  einen  schweren
Kampf  ums  Dasein  führen“,  erkennt  ihre  Aufgabe  darin:
„diesen  vom  modernen  Kulturleben  größtenteils  noch  ausgeschlossenen ­
  Bevölkerungsschichten  werktätiges  Interesse
entgegenzubringen  und  sie  allmählich  auch  der  Vorteile  des
städtischen  Gewerbebetriebes  und  der  Früchte  der  Selbsthilfe  (?)
teilhaftig  werden  zu  lassen.“  Um  eine  Ausfuhr  zu  erzielen,
kopieren  die  Flechter  von  Staats  wegen  japanische  Muster,
die  volkstümlichen  Holzindustrien  englische  Möbel  oder
die  modernen  „Wohnräume“  des  im  Lehrmittelbureau  angestellten
  O.  Wrtlyk,  die  alten  Spitzenindustrien  die  Entwürfe
des  Prof.  Hrdlicka,  gleichfalls  aus  dem  Lehrmittelbureau,  und
in  der  Spielzeugindustrie,  die  von  altersher  entzückende
Leistungen  hervorgebracht  hat,  werden  laut  amtlicher  Äußerung ­
  „im  Wege  des  Wanderunterrichtes  den  betreffenden
Hausindustriellen,  neue,  gangbare  Muster  verabfolgt,  bessere
Herstellungsmethoden  gelehrt  und  ihnen  auch  sonst  fachliche
Unterstützung  gewährt“.  Endlich  sorgt  Hammels  Stilkunst
für  Vorlagenblätter  „in  einer  für  den  unmittelbaren  Gebrauch
in  den  Werkstätten  geeigneten  Darstellung“.  (Material  ist
Nebensache?!)  150.000  Reproduktionsblätter  sind  bisher
ausgegeben  worden.  Die  Unterrichtsverwaltung  hofft,  wieder
in  eigenen  Worten,  „daß  es  hiedurch  in  absehbarer  Zeit

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