Als aber im Vorjahre Prof. Alfred Roller einen solchen Feriah
kurs in Salzburg leitete, gab es ganz andere Ergebnisse. Hier
gab es kein „Stilisieren“, bloß Übungen im Anschauen der
Naturformen und im zeichnerischen Wiedergeben der ge^
wonnenen Formanschauung. Alles auf die lebenden Punkte
reduziert. Dann gab es Blätter mit knappen, vielsagenden
Überschriften: „Wiedergabe eines Natureindrucks in der
Sprache eines Materials — sogenanntes „Stilisieren.“
„Schablonenschnitte als Materialsprache.“ Also kein „Sth
lisieren“, sondern Materialsprache!
Es war die glänzendste, nobelste und schlagfertigste Art, die
ein Künstler finden konnte, um den Unsinn, der in anderen
Abteilungen geschah, zu brandmarken. Sollte man die mO'
ralische Ohrfeige nicht verspürt haben? Stellte man sich nur
so, als ob man nichts gespürt hätte? In der Ausstellung er^
hielt Rollers Kurs die letzten, finsteren Winkel — die Sache
MUSSTE in den Winkel geschoben werden! Galt es die
Kunst? Nein, Höheres! Es galt, das Dekorum zu wahren!
Das angenehme „Dekorum“, das nach Hammels Vorlagen
auf allen pseudomodernen Erzeugnissen der Provinzen auftaucht,
und das nach der kunstpolitischen Einsicht der Ver^
waltungsorgane berufen ist, die Kunst auf dem Lande am
geblich wieder „auf einen konkurrenzfähigen Fuß zu
bringen“.
Der handelsökonomische Grundsatz, der die Verfügungen
der Verwaltung leitet, gibt also den Ausschlag zur plam
mäßigen Vernichtung der bodenständigen Heimatkunst, die
einen durchaus eigenartigen, persönlichen, man könnte sagen:
handschriftlichen Charakter besitzt. Der handelsökonomische
Grundsatz forderte an deren Stelle konkurrenzfähige Mode'
wäre, süßliches, allgefälliges, glattes, akademisch korrektes
Zeug. Die Erzeuger der alten Hauskunst waren ideenarm,
sie kopierten immer nur die eigenen Sachen — der handelst
ökonomische Fortschritt zwingt sie, nun fremde Sachen zu
kopieren. Die Erzeuger der alten Hauskunst waren Künstler;
was sie schufen — wie wenig und ideenarm es auch sei —
schufen sie aus ihrer überlieferten Vertrautheit mit dem
Material und der Technik und aus ihrer VorstellungS' und
Gefühlsweise heraus; der handelsökonomische Grundsatz erniedrigt
sie zu der hirn- und gefühlslosen Arbeit mechanischer
Nachahmerei. Die Erzeuger der alten Hauskunst waren selbständig
und ehrlich, was sie schufen, war ihr persönliches
Eigentum und hält sich innerhalb der natürlichen Grenzen
ihres angeborenen und ererbten Könnens; es besaß also
Qualität, die ohne die Grundlagen der Ehrlichkeit und
Rechtlichkeit und der Wahrung der Persönlichkeit, sei es
des Individuums oder des Stammes, nicht zu denken ist;
der handelsökonomische Grundsatz entzieht ihnen die Grundlagen
ihrer bisherigen Lebens- und Arbeitsweise und gibt
ihnen neue Grundlagen, die sich in dem Momente, wo das
Publikum anfängt, wirklich künstlerisch zu empfinden und
dem ganzen Modeschwindel abhold zu werden, als vollständig
unhaltbar erweisen müssen. Daß eine einst hochentwickelte
und blühende Volkskultur auf dem Spiele steht und durch
Spekulationen dieser Art für immer vernichtet sein kann,
ist ein Bedenken, das naturgemäß in der Handelsökonomic
nicht Platz hat. Die Handelsökonomie ist nicht die Wissenschaft,
die sich um die Erhaltung der wertbildenden Kräfte
kümmert. Die Handelsökonomie ist nur die Wissenschaft
der Umsatzziffern. In der handelsökonomischen Darstellung
der Verhältnisse mag sich der Hofrat von Scala eines Erfolges
der von ihm in London veranstalteten Wiener Möbelausstellung
berühmen; es ist gelungen, englische Wiener
Möbel in London um einige Shillings billiger zu verkaufen,
als sie von den englischen Firmen geliefert werden können.
Er wird es auch noch dahin bringen, daß die englischen
Möbel, die in Wallachisch-Meseritsch hergestellt werden, die
Londoner Preise ebenfalls um einige Shillings unterbieten
werden können. Handelsökonomisch wird man sagen können,
Österreich konkurriert erfolgreich mit England — in englischen
Möbeln. Von diesem Handelsökonomischen Standpunkt
aus gewinnt man natürlich ein ganz trügerisches Bild. Wie
aber sieht die Sache von der volkswirtschaftlichen Seite aus?
Der Nationalökonom, der sich nicht mit den irreführenden
Handelsziffern begnügt, faßt auch die Gegenposten ins Auge,
die ungeheuren materiellen Opfer, die den Ausstellern für
ihre Paradeleistungen erwachsen, der Ruin künstlerischer
Eigenart, der für die Volkswirtschaft von unberechenbarem
Schaden sein wird, die kolossalen Staatskosten für die künstliche
Erhaltung eines unzweckmäßigen Systems, die dem
Unterrichtsbudget zur Last fallen, alles zusammengerechnet,
ein riesenhaftes Defizit, das letzten Endes von der im schweren
Existenzkampf arbeitenden Bevölkerung getragen werden muß.
Die Grundlage dieses Systems ist die folgenschwere Verkennung
der für die Volkswirtschaft unschätzbaren wertbildenden
Kraft, die die künstlerische, aus dem heimatlichen Boden
entspringende ORIGINALLEISTUNG, die in den Erzeugnissen
der echten volkstümlichen Kunst, als der Kunstleistung
eines ganzen Stammes oder Volksschlages, ebenso wie in
der persönlichen Einzelleistung des schöpferischen individuellen
Künstlers vorliegt. Der Unterrichtsverwaltung gegenüber
muß ausdrücklich konstatiert werden, daß ein volkswirtschaftlicher
Aufschwung und eine dauernde Weltmarktstellung
sich nur auf solche Originalleistungen gründen
können, daß aber umgekehrt niemals die geschäftlichen und
handelsökonomischen Absichten die Grundlage abgeben
können, um darauf eine lebendige Kunst, die wirkliche
Werte schafft, zu züchten. Echte Kunst quillt aus den
inneren Notwendigkeiten der menschlichen Natur, nicht aus
den äußeren Antrieben der industriellen Spekulation oder
der Handelspolitik. Japans Export und Handelspolitik entspringen
seiner originellen Volkskunst, nicht aber entspringt
seine Volkskunst der Handelspolitik. Das ist ein großer
Unterschied. Wir möchten auch einen kunstgewerblichen
Export und eine Weltmarktstellung.
Die Unterrichtsverwaltung, die zugibt, daß „die Erwerbszweige,
die im Wege ländlicher Hausindustrie von Dorfbewohnern
betrieben werden, mit wenigen Ausnahmen einen schweren
Kampf ums Dasein führen“, erkennt ihre Aufgabe darin:
„diesen vom modernen Kulturleben größtenteils noch ausgeschlossenen
Bevölkerungsschichten werktätiges Interesse
entgegenzubringen und sie allmählich auch der Vorteile des
städtischen Gewerbebetriebes und der Früchte der Selbsthilfe (?)
teilhaftig werden zu lassen.“ Um eine Ausfuhr zu erzielen,
kopieren die Flechter von Staats wegen japanische Muster,
die volkstümlichen Holzindustrien englische Möbel oder
die modernen „Wohnräume“ des im Lehrmittelbureau angestellten
O. Wrtlyk, die alten Spitzenindustrien die Entwürfe
des Prof. Hrdlicka, gleichfalls aus dem Lehrmittelbureau, und
in der Spielzeugindustrie, die von altersher entzückende
Leistungen hervorgebracht hat, werden laut amtlicher Äußerung
„im Wege des Wanderunterrichtes den betreffenden
Hausindustriellen, neue, gangbare Muster verabfolgt, bessere
Herstellungsmethoden gelehrt und ihnen auch sonst fachliche
Unterstützung gewährt“. Endlich sorgt Hammels Stilkunst
für Vorlagenblätter „in einer für den unmittelbaren Gebrauch
in den Werkstätten geeigneten Darstellung“. (Material ist
Nebensache?!) 150.000 Reproduktionsblätter sind bisher
ausgegeben worden. Die Unterrichtsverwaltung hofft, wieder
in eigenen Worten, „daß es hiedurch in absehbarer Zeit
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