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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Gartenseite des kaiserlichen Lustschlosses „Schloßhof“. 
DIE KUNST DES GARTENBAUES. 
on Bacon ist das Wort, daß die fortschreitende Kultur 
die Menschen früher dazu brachte, schöne Häuser zu 
bauen, als schöne Gärten anzulegen, als ob die Garten^ 
kunst ein höherer Grad von Vollkommenheit wäre. 
Jedenfalls kam die Menschheit, der Not gehorchend, zuerst 
darauf, Wohnungen zu schaffen, Wohnungen schlechthin, 
als Zufluchtsort, die der allmählich erstarkende Formensinn 
auszugestalten half. 
Sicherlich sehr viel später ist der Sinn für die Ästhetik der 
Pflanze erwacht und der Gedanke, auch das umliegende Stück 
Natur zu „vermenschlichen“. In der „Vermenschlichung“ 
der Naturformen, also ihrer Anpassung an die menschlichen 
Bedürfnisse liegt das Wesen der Architektur. 
Bei allen Völkern findet sich ausnahmslos bei ihrem Eintritt 
in die Geschichte eine mehr oder weniger reiche Gartenkultur, 
ja in mehreren Fällen ein hochentwickelter Gartenstil vor, 
dessen Grundsätze heute noch vielfach im Gartenbau wirksam 
sind, als ob sie ein zuzeiten vielleicht verkanntes, aber eigentlich 
unverlierbares Gesetz bildeten. Nach dem heutigen Stande 
der schönen Gartenkunst läßt sich sagen, daß in keiner Zeit 
und von keinem Volke ein bestimmter Gartenstil entwickelt 
wurde, der nicht in der Gartenarchitektur der Gegenwart 
nachzufühlen wäre. Der architektonische Garten mit regel 
mäßiger rechtwinkeliger Einteilung, von Solitärpflanzen be 
standen, war ein Zeitgenosse der Pyramiden; mit der Kunst 
Ägyptens wanderte er nach Mesopotamien, wo er den Ursprung 
zur Legende von den hängenden Gärten der Semiramis bildete; 
dem architektonischen Prinzip vermählte der Orient den 
wunderbaren Reichtum der Vegetation und nährte im Alter- 
Nach einem Gemälde von Canaletto. 
tum eine stark ausgeprägte Gartenliebe, die sich auf die Römer 
übertrug. Nach dem orientalen Vorbild brachten sie die Garten 
kultur ins Abendland und schufen in allen Besitzverhältnissen 
entzückende Beispiele, von den pompejanischen Haus- und 
Zimmergärtchen angefangen, bis zu den Villengärten der 
römischen Großen, deren Beschreibung man bei Plinius nach- 
lesen mag. Von der römischen Gartenkunst nehmen die 
Gartenanlagen des Mittelalters und der Renaissance ihren 
Ausgangspunkt; einerseits weisen die Klostergärten, die man 
heute noch in einzelnen Klosterhöfen findet, auf das Vorbild 
des gemauerten römischen Hausgartens zurück: abgezirkelte, 
steinumfaßte Beete in strenger geometrischer Einteilung, spar 
sam und symmetrisch verteilte Sträucher oder kleine Bäume, 
von der Schere in strenger Form gehalten; in der Mitte des 
Blumengartens singt eine Fontäne ihre monotone Melodie. 
Das Ganze ist ein fesselndes Bild, schön und eigenartig, der 
weiße Hof mit den dunklen Arkaden, die blühenden Rosen 
bäume, die hellen Blumenbeete und das düstere Kleid der 
Mönche. Andererseits gehen auch die Renaissancegärten auf 
den römischen Villengarten zurück. Der mittelalterliche Bau 
gedanke, das Zusammendrängen der Wohnstätten auf enge, 
befestigte Plätze begünstigte mehr die Entwicklung des spar 
samen Hausgartens, davon der Klostergarten und manche 
Bauerngärten ausgezeichnete architektonische Vorbilder bis 
in unsere Zeit überliefert haben. Seit der Renaissance geht 
der Garten wieder in die Landschaft hinaus. 
Die alten italienischen Gärten sind fast durchwegs architek 
tonische Meisterwerke in bezug auf künstlerische Ausnützung 
und Überwindung von Terrainschwierigkeiten, wie sie ein 
mit Bergen und Hügeln so durchsetztes Land wie Italien 
bietet. Die Linien des Gebäudes gehen in die freie Natur 
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