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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Alt-Wiener Visitenkarte. 
ALT/WIENER GESCHÄFTS. UND VISITEN. 
KARTEN. 
W ir tun unrecht, über die Zeit, „als der Großvater die 
Großmutter nahm“, geringschätzig zu lächeln. Die 
Leute von damals hatten, wenn auch in be. 
scheidenen Formen, eine feine Kultur und stellten 
an die Dinge des Alltags künstlerische Ansprüche, die wir 
längst verlernt haben. Es war eine kunstfrohe Zeit. Aus allen 
Familien sind uns von damals Bildnisse überliefert, öl. 
porträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen von Daffinger 
und Genossen, auf Elfenbein säuberlich gemalt. In der 
graphischen Reproduktion dominierte der Kupferstich. Die 
hochentwickelte persönliche Kultur hob auch das graphische 
Kunstgewerbe auf ein ansehnliches Niveau. An den ein. 
fachen Besuchskarten mag man das erkennen. Es genügte 
dem Geschmacke der Biedermeierzeit nicht, daß die Besuchs, 
karten bloß den Namen trugen. Eine zierliche Zeichnung 
mußte dabei sein, die etwas von der Persönlichkeit, von 
ihrem Wesen, ihrem Berufe aussagte. Sie bekamen solcherart 
den Charakter von Ex.libris. Wer eine solche Visitenkarte 
empfing, hatte ein Interesse daran, sie aufzubewahren. Man 
hielt mit der Karte unwillkürlich die Person in Ehren oder 
mindestens in Erinnerung. Es kam von der Geselligkeit 
her und von der verbindlichen Lebensart, die sich als 
Legende aus jenen Tagen herschreibt. Erst als der Verkehr 
unter den Menschen kühler und geschäftsmäßiger wurde, 
begnügte man sich mit dem einfachen Namen auf der Karte, 
die keinen Anspruch mehr erhob, aufbewahrt zu werden. 
Also liegt eine leise Andeutung des vergangenen Lebens 
und seiner Formen in den alten Karten. Fast immer drückt 
das Bild eine Beziehung zur bürgerlichen Eigenschaft des 
Besitzers aus. Ein Zeichner oder Maler liebte die notwendigen 
Requisiten seines Berufes auf der Karte, eine Studienmappe, 
einen Malschirm, eine schöne Landschaft dahinter, oder eine 
zeichnende Muse mit Pinsel und Palette, Staffelei und 
Marmorbüste. Ein Zuckerbäcker gab Familienkarten aus, 
auf denen neben Apollo Musagetes herzige Putti Vorkommen, 
die Torten tragen. Dem romantisch klassizistischen Anstrich 
jener Tage entspricht es, daß die Torten die Form von 
Tempelchen, den beliebten Freundschaftstempeln, erhielten. 
Der antike Grundzug des Empire ist durchzuspüren. Der 
Kleinbürger fühlte sich nicht wohl, wenn er bei seinen 
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Alt-Wiener Geschäftskarte. 
Pasteten nicht griechisch schwärmen konnte. Daß ein Doktor 
der Arzneikunde einen grabsteinähnlichen Felsblock, darauf 
sein Name steht, in der Visitenkarte führt, ist wohl eine un. 
beabsichtigte Ironie, die seiner Klientel hoffentlich nicht 
aufgefallen ist. Der schwärmerische Klassizismus, der die 
Säulentempel, darin die Siegel der Freundschaft niedergelegt 
wurden, die elegischen Burgruinen, die antiken Baureste auf 
Alt'Wiener Wunschkarte von J. Endletzberger, ausgeführt in Gaze, 
Perlmutter, Perlen und Gold.
	        
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