seite, und der Ehrenhof hat keinen Sinn mehr. Will man
das Palais Ludwigs XIV. betrachten, so muß man zunächst
an den Wirtschaftsgebäuden, dann am Palast Ludwigs XIV.
Vorbeigehen, dann in die Gärten treten und sich dort unv
drehen. Das ist die riesenhafte Torheit, die in dem Plane
Ludwigs XIV. liegt; ja, es ist sogar mehr als eine Torheit;
cs ist ein Verhängnis. Denn man mußte entweder eine
ungeheuere Kopie des Stiles Ludwigs XIII. vornehmen oder
das ursprüngliche Schloß rasieren und sich wegen des eigem
tümlichen Terrains entschließen, die Stadtfassade verschwinden
zu lassen und diesen Teil als die Kehrseite des Ganzen be--
trachten. Allerdings mußte der König und der Hof dann
durch die Gärten eintreten. Auf jeden Fall war eine Um
möglichkeit vorhanden, wegen der abschüssigen Bahn der
„Butte“. Man konnte aber die „Butte“ nicht applanieren,
denn damit hätte man die schönsten Aussichtspunkte des
Parkes zerstört. Wenn man das alles recht betrachtet und
noch hinzufügt, daß der Ort dem kältesten, ziemlich um
gesunden Winde ausgesetzt war, daß es ihm vollständig
an Wasser fehlte, während das Wasser in dekorativer Hirn
sicht das größte Element des Projektes bildete, so muß
man zugeben, daß Versailles eine Kundgebung des Hoclv
muts und einen großen ästhetischen Illogismus darstellt.
Mit ungeheuren Geld-' und Menschenkosten hat der Monarch
seine Eitelkeit befriedigt, aber mehr der Natur Gewalt am
getan, als etwas wirklich Schönes geschaffen.
Le Van, der wirkliche Schöpfer von Versailles, tat wenigstens,
was er konnte, um zwei verschiedenartige Harmonien zu
vereinen und so das Mißverhältnis zu mildern. Er nahm
entschlossen den italienischen Stil, im Parterre Bögen und
Nischen, im oberen Stockwerk Säulen, Attika mit vier'
eckigen Fenstern und einer Balustrade. Zwei Seitenhöfe
rechts und links, die er vom Schlosse Ludwigs XIII. er'
halten, schafften Licht und Luft. Alle neuen Pavillons, die
Gabriel erbaut, wurden um den erweiterten Ehrenhof ver'
teilt. An der Stelle, wo sich später die Spiegelgalerie er'
hob, wurde die auf die Gärten hinausgehende Fassade
unterbrochen, um eine schöne Terrasse zu bilden. Man
kann sagen, daß Versailles damals (Le Van starb 1670)
seinen harmonischesten Eindruck machte.
Doch das Anwachsen der königlichen Macht verlangte einen
dritten Umbau. Nach Le Van und Colbert fiel Louvois
und Jules Hardouin Mansart die Verantwortlichkeit für
diese dritte Phase zu. Mansart hatte ebenfalls mit dem
unglücklichen Schloß Ludwigs XIII. und mit der Weigerung
des Königs zu kämpfen. Er fügt nun ein Stockwerk mit
„Mansarden“ hinzu, um auf diese Weise das Niveau des
kleinen Monumentes zu heben, das bis dahin von en
Attiken Le Vans beherrscht wurde. In dieser Gestalt sehen
wir das Palais Ludwigs XIII.; denn was es vorher gewesen,
weiß man nur aus Dokumenten oder Kupferstichen. Nacm
dem Mansart auf diese Weise das Gebäude, das er nie t
zerstören konnte, „verstärkt“, paßte er es vollständig en
neuen Gebäuden an, und nun wird auf der Gartenseite
die Terrasse abgerissen und an ihrer Stelle erheben sic
die Spiegelgalerie und die beiden Säle, der Friedenssa on
und der Kriegssalon. Endlich wurde der südliche Fluge
im Jahre 1682 vollendet, der nördliche 1689, und nun ist
das Versailles Ludwigs XIV. fertig.
Doch im Innern ist die Umwälzung ebenso groß. Wir
haben gesehen, wie dieses unglückselige Schloß Ludwigs
abwechselnd von den Seiten erdrückt, von der Parkseite
maskiert, dann von den beiden Seitenhöfen freigelegt, un
endlich von Mansart gleichzeitig erdrückt und befreit wurde,
der es um ein Stockwerk erhöhte, ihm aber die beiden
Höfe nahm, die ihm Luft zuführten. Im Innern wurde
dieses Versailles Ludwigs XIII. durch die Anlage der Königin'
treppe, durch die Einrichtung der Gemächer des Königs,
durch den Herkulessaal (diesen Namen erhielt er im XVIII.
Jahrhundert, war aber unter Ludwig XIV. nur eine auf die
königliche Kapelle hinausgehende Tribüne), durch das Ver'
schwinden der kleinen Kapelle Ludwigs XIII. und ihre
Umwandlung in ein neues Monument, dessen Ungeheuer'
lichkeit das alte kleine Schloß erdrückte, entstellt und ver'
unstaltet. Dazu kommt, daß der Boden des Marmorhofes
(genau das Karreau zwischen den drei Ecken des ursprüng'
liehen Schlosses) infolge des langen Baues sich gesenkt
hatte, wie man das an der unlogischen Höhe der Pilaster'
mauern und an den Parterrefenstern sehen kann, die zuerst
Glastüren waren. Wenn man in diesem Hofe steht, er'
füllt einen das seltsame Projekt Ludwigs XIV. mit hohem
Erstaunen. Um die drei Ecken der Fassade zu erhalten,
hat er alles umgestülpt und Van und Mansart in eine um
glaubliche Situation gebracht. Sie konnten aus dieser
Situation nur heraus, indem sie einem, mit einer Attika
versehenen Gebäude ein Dach hinzufügten und das ganze
Innere demolierten. Allerdings hätte sich kein anderer
besser aus der Affäre gezogen, denn Mansart hat es noch
verstanden, aus diesem absurden Gemisch von Attika und
Dach, dank den Vergoldungen und Statuen und Eisern
beschlägen der Balkons, etwas Entzückendes zu schaffen.
Doch der Gesamteindruck ist ein recht trauriger. Es ist
ein ungeheurer Aufwand vertan, um einen Unsinn zu ver'
decken.
Es fehlt mir hier der Platz, um auf den Mangel an
Hygiene in diesem Bau — so möchte ich es nennen
ausführlich einzugehen. Die italienische Mode des Marmors,
die schon in den eiskalten Palästen von Florenz grausam
ist, ist auf diesem vom Winde durchtosten Plateau direkt
töricht, und man mußte diese eisigen Fliesen ausschließen
und die ungeheuren Räume anders als mit einigen nutz'
losen und ungesunden Kohlenbecken erheizen. Die langen
Steingalerien des Erdgeschosses, in denen eine so fürchter'
liehe Kälte herrscht, und in der man sich den schönsten
Schnupfen holen kann, wenn man von draußen kommt
— diese Galerien standen mit den Zimmern der Höflinge
in Verbindung, und hier waren die Küchen, die Geschirr'
kammern, die Toiletten und das übrige zusammengedrangt,
und zwar in recht primitivem Zustande. Man muß Saint'
Simon lesen, um die entsetzliche Unbequemlichkeit dieser
Wohnungen zu begreifen. Doch dafür befand man sich in
der Nähe des Königs! Erst nach und nach entschlossen
sich die Höflinge, Häuser in Versailles zu bauen und so
die Stadt zu schaffen.
Ich komme nun zum XVIII. Jahrhundert denn erst im
Jahre 1710 wurde die Kapelle eingeweiht. Sie ist von
innen das vornehmste Meisterwerk, doch äußerlich ein
Katafalk, wie Saint'Simon sagt, und so ist dieses auf der
rechten Seite zwischen einem Hof und einem Hinterhof
eingekapselte Gebäude ein Beweis mehr für das ästhetische
Verhängnis des Planes. Wenn man drinnen steht, bemerkt
man, daß diese Kapelle nur angelegt ist, um einen direkten
Zugang zu den Gemächern des Königs zu bilden und von
diesem Gesichtspunkte aus ist sie wunderbar gebaut. Hier
kann ich besser als anderswo den leitenden Gedanken
dieses Artikels mit einer Metapher verständlich machen:
„Versailles ist gleichsam ein Abdruck der Persönlichkeit
Ludwigs XIV. und scheint von INNEN nach AUSSEN
geschaffen zu sein“. Wenn das tyrannische Geschöpf, das
darin wohnte, einer neuen Bequemlichkeit bedurfte, ließ
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