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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

seite, und der Ehrenhof hat keinen Sinn mehr. Will man 
das Palais Ludwigs XIV. betrachten, so muß man zunächst 
an den Wirtschaftsgebäuden, dann am Palast Ludwigs XIV. 
Vorbeigehen, dann in die Gärten treten und sich dort unv 
drehen. Das ist die riesenhafte Torheit, die in dem Plane 
Ludwigs XIV. liegt; ja, es ist sogar mehr als eine Torheit; 
cs ist ein Verhängnis. Denn man mußte entweder eine 
ungeheuere Kopie des Stiles Ludwigs XIII. vornehmen oder 
das ursprüngliche Schloß rasieren und sich wegen des eigem 
tümlichen Terrains entschließen, die Stadtfassade verschwinden 
zu lassen und diesen Teil als die Kehrseite des Ganzen be-- 
trachten. Allerdings mußte der König und der Hof dann 
durch die Gärten eintreten. Auf jeden Fall war eine Um 
möglichkeit vorhanden, wegen der abschüssigen Bahn der 
„Butte“. Man konnte aber die „Butte“ nicht applanieren, 
denn damit hätte man die schönsten Aussichtspunkte des 
Parkes zerstört. Wenn man das alles recht betrachtet und 
noch hinzufügt, daß der Ort dem kältesten, ziemlich um 
gesunden Winde ausgesetzt war, daß es ihm vollständig 
an Wasser fehlte, während das Wasser in dekorativer Hirn 
sicht das größte Element des Projektes bildete, so muß 
man zugeben, daß Versailles eine Kundgebung des Hoclv 
muts und einen großen ästhetischen Illogismus darstellt. 
Mit ungeheuren Geld-' und Menschenkosten hat der Monarch 
seine Eitelkeit befriedigt, aber mehr der Natur Gewalt am 
getan, als etwas wirklich Schönes geschaffen. 
Le Van, der wirkliche Schöpfer von Versailles, tat wenigstens, 
was er konnte, um zwei verschiedenartige Harmonien zu 
vereinen und so das Mißverhältnis zu mildern. Er nahm 
entschlossen den italienischen Stil, im Parterre Bögen und 
Nischen, im oberen Stockwerk Säulen, Attika mit vier' 
eckigen Fenstern und einer Balustrade. Zwei Seitenhöfe 
rechts und links, die er vom Schlosse Ludwigs XIII. er' 
halten, schafften Licht und Luft. Alle neuen Pavillons, die 
Gabriel erbaut, wurden um den erweiterten Ehrenhof ver' 
teilt. An der Stelle, wo sich später die Spiegelgalerie er' 
hob, wurde die auf die Gärten hinausgehende Fassade 
unterbrochen, um eine schöne Terrasse zu bilden. Man 
kann sagen, daß Versailles damals (Le Van starb 1670) 
seinen harmonischesten Eindruck machte. 
Doch das Anwachsen der königlichen Macht verlangte einen 
dritten Umbau. Nach Le Van und Colbert fiel Louvois 
und Jules Hardouin Mansart die Verantwortlichkeit für 
diese dritte Phase zu. Mansart hatte ebenfalls mit dem 
unglücklichen Schloß Ludwigs XIII. und mit der Weigerung 
des Königs zu kämpfen. Er fügt nun ein Stockwerk mit 
„Mansarden“ hinzu, um auf diese Weise das Niveau des 
kleinen Monumentes zu heben, das bis dahin von en 
Attiken Le Vans beherrscht wurde. In dieser Gestalt sehen 
wir das Palais Ludwigs XIII.; denn was es vorher gewesen, 
weiß man nur aus Dokumenten oder Kupferstichen. Nacm 
dem Mansart auf diese Weise das Gebäude, das er nie t 
zerstören konnte, „verstärkt“, paßte er es vollständig en 
neuen Gebäuden an, und nun wird auf der Gartenseite 
die Terrasse abgerissen und an ihrer Stelle erheben sic 
die Spiegelgalerie und die beiden Säle, der Friedenssa on 
und der Kriegssalon. Endlich wurde der südliche Fluge 
im Jahre 1682 vollendet, der nördliche 1689, und nun ist 
das Versailles Ludwigs XIV. fertig. 
Doch im Innern ist die Umwälzung ebenso groß. Wir 
haben gesehen, wie dieses unglückselige Schloß Ludwigs 
abwechselnd von den Seiten erdrückt, von der Parkseite 
maskiert, dann von den beiden Seitenhöfen freigelegt, un 
endlich von Mansart gleichzeitig erdrückt und befreit wurde, 
der es um ein Stockwerk erhöhte, ihm aber die beiden 
Höfe nahm, die ihm Luft zuführten. Im Innern wurde 
dieses Versailles Ludwigs XIII. durch die Anlage der Königin' 
treppe, durch die Einrichtung der Gemächer des Königs, 
durch den Herkulessaal (diesen Namen erhielt er im XVIII. 
Jahrhundert, war aber unter Ludwig XIV. nur eine auf die 
königliche Kapelle hinausgehende Tribüne), durch das Ver' 
schwinden der kleinen Kapelle Ludwigs XIII. und ihre 
Umwandlung in ein neues Monument, dessen Ungeheuer' 
lichkeit das alte kleine Schloß erdrückte, entstellt und ver' 
unstaltet. Dazu kommt, daß der Boden des Marmorhofes 
(genau das Karreau zwischen den drei Ecken des ursprüng' 
liehen Schlosses) infolge des langen Baues sich gesenkt 
hatte, wie man das an der unlogischen Höhe der Pilaster' 
mauern und an den Parterrefenstern sehen kann, die zuerst 
Glastüren waren. Wenn man in diesem Hofe steht, er' 
füllt einen das seltsame Projekt Ludwigs XIV. mit hohem 
Erstaunen. Um die drei Ecken der Fassade zu erhalten, 
hat er alles umgestülpt und Van und Mansart in eine um 
glaubliche Situation gebracht. Sie konnten aus dieser 
Situation nur heraus, indem sie einem, mit einer Attika 
versehenen Gebäude ein Dach hinzufügten und das ganze 
Innere demolierten. Allerdings hätte sich kein anderer 
besser aus der Affäre gezogen, denn Mansart hat es noch 
verstanden, aus diesem absurden Gemisch von Attika und 
Dach, dank den Vergoldungen und Statuen und Eisern 
beschlägen der Balkons, etwas Entzückendes zu schaffen. 
Doch der Gesamteindruck ist ein recht trauriger. Es ist 
ein ungeheurer Aufwand vertan, um einen Unsinn zu ver' 
decken. 
Es fehlt mir hier der Platz, um auf den Mangel an 
Hygiene in diesem Bau — so möchte ich es nennen 
ausführlich einzugehen. Die italienische Mode des Marmors, 
die schon in den eiskalten Palästen von Florenz grausam 
ist, ist auf diesem vom Winde durchtosten Plateau direkt 
töricht, und man mußte diese eisigen Fliesen ausschließen 
und die ungeheuren Räume anders als mit einigen nutz' 
losen und ungesunden Kohlenbecken erheizen. Die langen 
Steingalerien des Erdgeschosses, in denen eine so fürchter' 
liehe Kälte herrscht, und in der man sich den schönsten 
Schnupfen holen kann, wenn man von draußen kommt 
— diese Galerien standen mit den Zimmern der Höflinge 
in Verbindung, und hier waren die Küchen, die Geschirr' 
kammern, die Toiletten und das übrige zusammengedrangt, 
und zwar in recht primitivem Zustande. Man muß Saint' 
Simon lesen, um die entsetzliche Unbequemlichkeit dieser 
Wohnungen zu begreifen. Doch dafür befand man sich in 
der Nähe des Königs! Erst nach und nach entschlossen 
sich die Höflinge, Häuser in Versailles zu bauen und so 
die Stadt zu schaffen. 
Ich komme nun zum XVIII. Jahrhundert denn erst im 
Jahre 1710 wurde die Kapelle eingeweiht. Sie ist von 
innen das vornehmste Meisterwerk, doch äußerlich ein 
Katafalk, wie Saint'Simon sagt, und so ist dieses auf der 
rechten Seite zwischen einem Hof und einem Hinterhof 
eingekapselte Gebäude ein Beweis mehr für das ästhetische 
Verhängnis des Planes. Wenn man drinnen steht, bemerkt 
man, daß diese Kapelle nur angelegt ist, um einen direkten 
Zugang zu den Gemächern des Königs zu bilden und von 
diesem Gesichtspunkte aus ist sie wunderbar gebaut. Hier 
kann ich besser als anderswo den leitenden Gedanken 
dieses Artikels mit einer Metapher verständlich machen: 
„Versailles ist gleichsam ein Abdruck der Persönlichkeit 
Ludwigs XIV. und scheint von INNEN nach AUSSEN 
geschaffen zu sein“. Wenn das tyrannische Geschöpf, das 
darin wohnte, einer neuen Bequemlichkeit bedurfte, ließ 
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