er die Mauern gleichsam zurückdrängen, um sich Platz zu
schaffen; und die Gebäude wurden nun nach außen hin
unter diesem Drucke zerstreut. Darum ist Versailles im
ästhetischen Sinne ein verfehltes Werk, das sich mit der
äußeren Einheitlichkeit eines venetianischen Palastes oder
eines Schlosses der Loire nicht vergleichen läßt.
Unter Ludwig XV. wurde die „Große Oper" im nördlichen
Flügel von Gabriel dem Jüngeren erbaut, der die Gesandtem
treppe abtragen ließ und den Hof mit zwei neuen nem
griechischen Pavillons versah. Die Arbeiten des XVIII. Jahr-
hunderts bezogen sich abgesehen davon ganz auf das Innere
und beschränkten sich auf die Anlage entzückender Räume,
die in diesem riesenhaften goldenen Grabe wirklich be^
wohnbar waren; dabei wurden die pomphaften Parade^
gemächer des „Sonnenkönigs“ ängstlich gewahrt. Die Tria^
nons, wahre Wunder von Anmut und Geschmack, erhoben
sich fern von dem alten düsteren Riesenpalast. Man muß
ins XIX. Jahrhundert eintreten, um auf die letzte Verwand
lung Versailles zu stoßen. Napoleon, der einen abscheu
lichen Geschmack hatte, hätte beinahe das Schloß und die
Gärten abgerissen, doch glücklicherweise hatte er weder
Zeit noch Geld, um die entsetzlichen Pläne auszuführen,
von denen das „Memorial de Sainte-Hélène" spricht. Nach
seiner Zeit rührte man nichts an, bis zu Louis Philipp,
der aus dem Schlosse eine nationale Ruhmeshalle Frank
reichs zu machen beabsichtigte. Eine an sich glückliche
Idee, denn sie rettete einen Ort, den niemand zu bewohnen
gewagt, und der infolgedessen zu verfallen drohte. Doch
der Bürgerkönig benutzte diesen Gedanken nur, um eine
Apotheose seiner Familie vorzunehmen, und es kam zu
scheußlichen Verstümmlungen. Schon Dufaur hatte unter
Ludwig XVIII. einen geschmacklosen Pavillon hinzugefügt,
der mit dem des jüngeren Gabriel korrespondierte. Der
Marmorhof wurde tiefer gelegt und das Innere des Schlosses
verwüstet, um eine Fülle mittelmäßiger Gemälde aufzu
nehmen. Im südlichen Flügel wurden alle Gemächer ge
plündert, um der ungeheuren und banalen Schlachten
galerie Platz zu machen. Man kann sagen, daß Louis
Philipp Versailles zwar gerettet, es aber verstümmelt und
das Chaos seiner Stilarten vollendet hat.
Das ist in kurzen Zügen die Entwicklung dieses einzig da
stehenden Monuments des Hochmuts. Das einzig Homogene
in Versailles sind die Gärten, weil sie nach einer einheitlichen
Auffassung gezeichnet, gepflanzt und ausgeschmückt sind
und niemand sie in der Folgezeit angerührt hat. Ihre An
ordnung, ihr Symbolismus, ihre Kultur, ihre Wasserspiele,
alles ist unvergleichlich und die Pracht der Natur hat es
übernommen, die leichte Trockenheit, die der Plan noch
aufwies, poetisch zu verklären. Doch das Schloß ist ein
trübseliger Ort, dem jede reine Schönheit fehlt.
Die abschüssige Stadt ist auch auf die Initiative Ludwigs XIV.
zurückzuführen. Das Terrain wurde jedem gegeben, der
bauen wollte, unter der Bedingung, daß man alle Häuser
im gleichen Stile errichtete, die drei ungeheuren Avenuen
respektierte, die von der Place D Armes ausgehen und vor
allem kein höheres Gebäude anlegte, damit das Niveau der
Dächer das Niveau des Marmorhofes nicht überragte. So
konnte der Blick von diesem Hofe aus über die Stadt bis
ins Unendliche schweifen. Der heute als Kaserne benutzte,
von Mansart dem Palais gegenüber erbaute Marstall, das
große Wirtschaftsgebäude hinter dem südlichen Flügel, in
welchem die Küchen lagen (heute Militärlazarett) — alles
respektierte dieses Gesetz. Durch die Bäume sah man nur
niedrige Mauern aus rosa Ziegeln und blaue Schieferdächer,
die den Eindruck eines großen Blumenbeetes machten. Die
Kathedrale Saint-Louis, im Jahre 1754 angelegt, das Kloster
der Ursulinerinnen, heute Mädchengymnasium Hoche,
lagen an den Seiten des Palastes, außerhalb seiner Perspek
tive. So sah die Stadt bis zum Jahre 1900 aus und bis
dahin respektierte man dieses dekorative Prinzip, das die
Landschaft zu Versailles durch den etwas eintönigen, aber
harmonischen Adel der großen Horizonte in einen der
schönsten der ganzen Welt verwandelt. Doch der unzeit
gemäße Ehrgeiz eines künstlerisch veranlagten Munizipalrates
zerstörte alles. An Stelle des alten kleinen Hotels Conti
wollte sie ein einer bedeutenden Stadt würdiges Rathaus
haben und baute deshalb ein Schloß im gefälschten Renais
sancestil mit einem Kampanile vom plattesten Geschmack, das
auf die ganze Landschaft herabblickt, die Linien zerbricht
und sich unverschämt dem Palast gegenüber aufpflanzt.
Man bedauert tatsächlich, daß die Regierung nicht gegen
eine solche Profanation aufgetreten ist. Es ist ungefähr
dasselbe, als wenn man mitten in den Champs-Elysées einen
Bahnhof anlegen wollte.
Dieses Rathaus ist ein wahrer Schandfleck, eine unheilbare
Kalamität für diese düstere und schöne Stadt, die in der
Vergangenheit schläft und deren ruhigen Zauber bis dahin
nichts beeinträchtigt hatte, weder das Anwachsen der modernen
Gebäude noch die Flut der Besucher, noch die Lebhaftigkeit
einer Garnison und einer Militärschule. Die Disharmonien
des Schlosses stammen von einem ersten Grundirrtum, der
durch die späteren ungeschickten Renovierungen noch ver
stärkt wurde. Nichts aber wird das Verbrechen entschuldigen,
das der Gemeinderat zu einer Zeit beging, wo die historische
Kritik den Charakter und die Daseinsberechtigung der von
Ludwig XIV. geschaffenen Stadt vollauf erkannt hat. Neben
dem Vorschläge, eine Chaussee nach Venedig anzulegen, die
Kanäle zuzuschütten und die Automobile auf dem Markus
platz auffahren zu lassen, mit der barbarischen Idee, aus
Brügge wieder einen Handelshafen zu machen und die
Schleppdampfer bis nach Minevater zu bringen, ist die
Errichtung des Rathauses von Versailles mit die größte
Schmach für die Kunst, eine Schmach, wie sie edle tote,
ehrwürdige Städte in den modernen Zeiten so oft über sich
ergehen lassen müssen.
IN DER KUNST LÄSST SICH DAS PUBLI
KUM GEFALLEN, WAS GEWESEN IST,
WEIL SIE ES NICHT ÄNDERN KÖNNEN,
NICHT WEIL SIE GESCHMACK DARAN
FINDEN. SIE VERSCHLUCKEN IHRE KLAS
SIKER MIT HAUT UND HAAR UND SIE
SCHMECKEN IHNEN NIE. OSCAR WILDE.
ZU DEN BILDERN UNSERES HEFTES. Die begonnenen Beispielsamm^
langen in bezug auf Wohnungen, gutes und schlechtes Bauen und Restau^
rieren, Handarbeiten etc. etc., werden in den folgenden Heften fortgesetzt
und auf andere Teile der formalen Erscheinungswelt ausgedehnt.
Alle Zuschriften und Sendungen Wien I. Wallfischgasse No. 4. Telephon 5461.
Verlag „Hohe Warte“ (Lux & Lässig). Für die Redaktion Joseph Aug. Lux.
Druck von Christoph Reisser's Söhne, Wien V.
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