MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

er die Mauern gleichsam zurückdrängen, um sich Platz zu 
schaffen; und die Gebäude wurden nun nach außen hin 
unter diesem Drucke zerstreut. Darum ist Versailles im 
ästhetischen Sinne ein verfehltes Werk, das sich mit der 
äußeren Einheitlichkeit eines venetianischen Palastes oder 
eines Schlosses der Loire nicht vergleichen läßt. 
Unter Ludwig XV. wurde die „Große Oper" im nördlichen 
Flügel von Gabriel dem Jüngeren erbaut, der die Gesandtem 
treppe abtragen ließ und den Hof mit zwei neuen nem 
griechischen Pavillons versah. Die Arbeiten des XVIII. Jahr- 
hunderts bezogen sich abgesehen davon ganz auf das Innere 
und beschränkten sich auf die Anlage entzückender Räume, 
die in diesem riesenhaften goldenen Grabe wirklich be^ 
wohnbar waren; dabei wurden die pomphaften Parade^ 
gemächer des „Sonnenkönigs“ ängstlich gewahrt. Die Tria^ 
nons, wahre Wunder von Anmut und Geschmack, erhoben 
sich fern von dem alten düsteren Riesenpalast. Man muß 
ins XIX. Jahrhundert eintreten, um auf die letzte Verwand 
lung Versailles zu stoßen. Napoleon, der einen abscheu 
lichen Geschmack hatte, hätte beinahe das Schloß und die 
Gärten abgerissen, doch glücklicherweise hatte er weder 
Zeit noch Geld, um die entsetzlichen Pläne auszuführen, 
von denen das „Memorial de Sainte-Hélène" spricht. Nach 
seiner Zeit rührte man nichts an, bis zu Louis Philipp, 
der aus dem Schlosse eine nationale Ruhmeshalle Frank 
reichs zu machen beabsichtigte. Eine an sich glückliche 
Idee, denn sie rettete einen Ort, den niemand zu bewohnen 
gewagt, und der infolgedessen zu verfallen drohte. Doch 
der Bürgerkönig benutzte diesen Gedanken nur, um eine 
Apotheose seiner Familie vorzunehmen, und es kam zu 
scheußlichen Verstümmlungen. Schon Dufaur hatte unter 
Ludwig XVIII. einen geschmacklosen Pavillon hinzugefügt, 
der mit dem des jüngeren Gabriel korrespondierte. Der 
Marmorhof wurde tiefer gelegt und das Innere des Schlosses 
verwüstet, um eine Fülle mittelmäßiger Gemälde aufzu 
nehmen. Im südlichen Flügel wurden alle Gemächer ge 
plündert, um der ungeheuren und banalen Schlachten 
galerie Platz zu machen. Man kann sagen, daß Louis 
Philipp Versailles zwar gerettet, es aber verstümmelt und 
das Chaos seiner Stilarten vollendet hat. 
Das ist in kurzen Zügen die Entwicklung dieses einzig da 
stehenden Monuments des Hochmuts. Das einzig Homogene 
in Versailles sind die Gärten, weil sie nach einer einheitlichen 
Auffassung gezeichnet, gepflanzt und ausgeschmückt sind 
und niemand sie in der Folgezeit angerührt hat. Ihre An 
ordnung, ihr Symbolismus, ihre Kultur, ihre Wasserspiele, 
alles ist unvergleichlich und die Pracht der Natur hat es 
übernommen, die leichte Trockenheit, die der Plan noch 
aufwies, poetisch zu verklären. Doch das Schloß ist ein 
trübseliger Ort, dem jede reine Schönheit fehlt. 
Die abschüssige Stadt ist auch auf die Initiative Ludwigs XIV. 
zurückzuführen. Das Terrain wurde jedem gegeben, der 
bauen wollte, unter der Bedingung, daß man alle Häuser 
im gleichen Stile errichtete, die drei ungeheuren Avenuen 
respektierte, die von der Place D Armes ausgehen und vor 
allem kein höheres Gebäude anlegte, damit das Niveau der 
Dächer das Niveau des Marmorhofes nicht überragte. So 
konnte der Blick von diesem Hofe aus über die Stadt bis 
ins Unendliche schweifen. Der heute als Kaserne benutzte, 
von Mansart dem Palais gegenüber erbaute Marstall, das 
große Wirtschaftsgebäude hinter dem südlichen Flügel, in 
welchem die Küchen lagen (heute Militärlazarett) — alles 
respektierte dieses Gesetz. Durch die Bäume sah man nur 
niedrige Mauern aus rosa Ziegeln und blaue Schieferdächer, 
die den Eindruck eines großen Blumenbeetes machten. Die 
Kathedrale Saint-Louis, im Jahre 1754 angelegt, das Kloster 
der Ursulinerinnen, heute Mädchengymnasium Hoche, 
lagen an den Seiten des Palastes, außerhalb seiner Perspek 
tive. So sah die Stadt bis zum Jahre 1900 aus und bis 
dahin respektierte man dieses dekorative Prinzip, das die 
Landschaft zu Versailles durch den etwas eintönigen, aber 
harmonischen Adel der großen Horizonte in einen der 
schönsten der ganzen Welt verwandelt. Doch der unzeit 
gemäße Ehrgeiz eines künstlerisch veranlagten Munizipalrates 
zerstörte alles. An Stelle des alten kleinen Hotels Conti 
wollte sie ein einer bedeutenden Stadt würdiges Rathaus 
haben und baute deshalb ein Schloß im gefälschten Renais 
sancestil mit einem Kampanile vom plattesten Geschmack, das 
auf die ganze Landschaft herabblickt, die Linien zerbricht 
und sich unverschämt dem Palast gegenüber aufpflanzt. 
Man bedauert tatsächlich, daß die Regierung nicht gegen 
eine solche Profanation aufgetreten ist. Es ist ungefähr 
dasselbe, als wenn man mitten in den Champs-Elysées einen 
Bahnhof anlegen wollte. 
Dieses Rathaus ist ein wahrer Schandfleck, eine unheilbare 
Kalamität für diese düstere und schöne Stadt, die in der 
Vergangenheit schläft und deren ruhigen Zauber bis dahin 
nichts beeinträchtigt hatte, weder das Anwachsen der modernen 
Gebäude noch die Flut der Besucher, noch die Lebhaftigkeit 
einer Garnison und einer Militärschule. Die Disharmonien 
des Schlosses stammen von einem ersten Grundirrtum, der 
durch die späteren ungeschickten Renovierungen noch ver 
stärkt wurde. Nichts aber wird das Verbrechen entschuldigen, 
das der Gemeinderat zu einer Zeit beging, wo die historische 
Kritik den Charakter und die Daseinsberechtigung der von 
Ludwig XIV. geschaffenen Stadt vollauf erkannt hat. Neben 
dem Vorschläge, eine Chaussee nach Venedig anzulegen, die 
Kanäle zuzuschütten und die Automobile auf dem Markus 
platz auffahren zu lassen, mit der barbarischen Idee, aus 
Brügge wieder einen Handelshafen zu machen und die 
Schleppdampfer bis nach Minevater zu bringen, ist die 
Errichtung des Rathauses von Versailles mit die größte 
Schmach für die Kunst, eine Schmach, wie sie edle tote, 
ehrwürdige Städte in den modernen Zeiten so oft über sich 
ergehen lassen müssen. 
IN DER KUNST LÄSST SICH DAS PUBLI 
KUM GEFALLEN, WAS GEWESEN IST, 
WEIL SIE ES NICHT ÄNDERN KÖNNEN, 
NICHT WEIL SIE GESCHMACK DARAN 
FINDEN. SIE VERSCHLUCKEN IHRE KLAS 
SIKER MIT HAUT UND HAAR UND SIE 
SCHMECKEN IHNEN NIE. OSCAR WILDE. 
ZU DEN BILDERN UNSERES HEFTES. Die begonnenen Beispielsamm^ 
langen in bezug auf Wohnungen, gutes und schlechtes Bauen und Restau^ 
rieren, Handarbeiten etc. etc., werden in den folgenden Heften fortgesetzt 
und auf andere Teile der formalen Erscheinungswelt ausgedehnt. 
Alle Zuschriften und Sendungen Wien I. Wallfischgasse No. 4. Telephon 5461. 
Verlag „Hohe Warte“ (Lux & Lässig). Für die Redaktion Joseph Aug. Lux. 
Druck von Christoph Reisser's Söhne, Wien V. 
104
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.