Personen bewohnt. Die Mieter werden mit heißem Wasser
für Bäder, Koch-- und Waschzwecke versorgt, sie haben in
einigen ihrer Häuser eigene Klubräume mit Zeitungen und
Büchern und erhalten Kohlen zum Selbstkostenpreis der
Sommervorräte.
Von den Erwerbsgesellschaften hat die Handwerker^, Ar^
beiter^ und Allgemeine Wohnungsgesellschaft mit gutem Er'
folge Stockwerkhäuser, Ein' und Zweifamilienhäuser und
eine große Anzahl Läden errichtet. Nicht weniger erfolgreich
arbeitet die Ostendwohnungsgesellschaft, die sich zur Auf'
gäbe macht, Wohnungen für die Allerärmsten zu bauen.
Die englischen Arbeiterwohnungen zerfallen in drei Gruppen:
1. Allgemeine Logierhäuser;
2. Stockwerkhäuser;
3. Einzelhäuser, Cottages, für eine, höchstens zwei Familien.
Die allgemeinen Logierhäuser haben für England eine be'
sondere Bedeutung, da das Schlafgänger' und Einlogierwesen
dort wenig entwickelt ist. Früher standen sie in schlimmem
Ruf als Höhlen des Lasters und Verbrechens; heute ist es
damit besser geworden, und die städtischen Musterlogier'
häuser, unter denen wieder die von Lord Rowton erbauten
hervorragen, sind als sehr gut zu bezeichnen. Ihre Einrichtung
ist im allgemeinen die, daß im Erdgeschoß die Küchen und
Speisesäle, der Tag' oder Erholungsraum und im Ober'
geschoß die Schlafsäle angeordnet sind. Die Betten stehen
in Kojen, durch zwei Meter hohe Zwischenwände getrennt.
Zeitungen und Bücherei sind im Tagraum vorhanden, bis'
weilen gibt es ein besonderes Lese' und Rauchzimmer.
Abortanlagen, Wasch' und Baderäume sind durchgängig gut.
Die Preise schwanken zwischen s'/a bis ö 1 ^ p. = 3° 55
Pfennige für die Nacht, die Wochenmiete zwischen r88 Mark
bis 3-30 Mark. Bisweilen ist das erste Frühstück mit inbe'
griffen.
Die Einrichtung der Logierhäuser ist nicht mit den Asylen
für Obdachlose zu verwechseln, denn sie sind für ständiges
Bewohnen eingerichtet und gelten nicht als WohltätigkeitS'
anstalten, die den Besucher zum Almosenempfänger herab'
drücken. In Großstädten, wo das Schlafgängerwesen viel ge'
sundheitliche und sittliche Gefahren mit sich bringt, sind
die Logierhäuser, wenn sie gut geleitet sind, von großer Be'
deutung für den unverheirateten Teil der arbeitenden Be'
völkerung.
Die Stockwerkhäuser entsprechen unseren Miethäusern, nur
mit dem Unterschied, daß die Stockwerkhäuser bei der
Gesundheitsbehörde angemeldet sein müssen und die Lebens'
gewohnheiten der Bewohner durch eine strenge Hausordnung
geregelt ist. So sehr diese Stockwerkswohnungen den
kulturellen Ansprüchen und den Forderungen der Billigkeit
nachkommen und namentlich dort von großem praktischen
Wert sind, wo der Grundpreis eine gehörige Ausnützung
des Terrains nötig macht, so bilden solche Häuser nach
der gesunden englischen Auffassung doch nur einen Not'
behelf.
Die einzig richtige Art zu wohnen und zu leben bietet
das Einfamilienhaus. Gerade auf diesem Gebiete wurde für
die Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung im einzelnen
Hervorragendes geschaffen, davon das Beste in den Bildern
unseres Heftes gezeigt wird. Lehwess Buch, das eine ein'
gehende Darstellung aller Arten Arbeiterwehnungen mit guten
Illustrationen enthält, und allen, die sich mit der Frage ein'
gehend beschäftigen wollen, wärmstens empfohlen werden
kann, bringt zum Schlüsse eine Darstellung der Sunlight
und Bournville Kolonien und der Gartenstädte der Zukunft,
die in unseren Heften bereits mehrfach besprochen worden
sind.
DIE ALTE STUBE.
VON J. P. JACOBSEN.
D es Hofes Gebäude waren alle alt, mit Ausnahme des
hohen Packhauses, dessen langweiliges, totes Schiefer'
dach Fjordbys neueste Neuigkeit auf dem Gebiete der
Baukunst war. Das lange niedrige Vorderhaus sah aus,
als wäre es von drei Dachstuben in die Knie gedrückt und lief in
einer dunklen Ecke mit dem Brauhaus und dem Stallflügel, in
einer lichteren Ecke mit dem Packhaus zusammen. Aber
war man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden
Qualm von Siegellack in den Gang hinausgelangt, der die
Grenzscheide zwischen Geschäft und Familie bildete, so wurde
man durch den hier herrschenden Duft von neuem Damen'
putz auf die milde Blumenluft der Zimmer vorbereitet. Es
war nicht der Duft eines Buketts, nicht einer wirklichen
Blume; es war die mystische Erinnerungen weckende AtmO'
Sphäre, die über jedem Hause ruht, und von der kein Mensch
sagen kann, woher sie kommt.
Jedes Haus hat seinen Duft; er kann an tausend Dinge
erinnern, an den Geruch alter Handschuhe, an neue
Spielkarten oder offenstehende Klaviere, doch immer ist er
unterschieden von anderen; man kann ihn mit Räucher'
werk, Parfüms und Zigarrendampf übertäuben, doch man
kann ihn nicht töten; immer kommt er wieder und ist
von neuem da, unverändert wie er vorher war. Hier war
er wie Blumen, nicht Levkojen oder Rosen oder irgend eine
Blume, die existiert, sondern wie man sich den Duft jener
phantastischen, saphirmatten Lilienranken denken mag, die
sich in Blüten um Vasen von altem Porzellan herum'
Schnörkeln. Und wie er paßte zu diesen großen, niedrigen
Stuben mit ihren ererbten Möbeln und ihrer altmodischen
Zierlichkeit! Die Boden waren so weiß, wie nur der Groß'
mütter Boden es sind; die Wände waren einfarbig mit einer
leichten, lichten Girlandenzeichnung am Gesims entlang;
es war eine Stückrose mitten auf dem Plafond und die
Türen waren kanelliert und hatten blanke Messinggriffe im
Gleichnis von Delphinen. Um die kleinscheibigen Fenster
hingen luftige Filetgardinen, weiß wie Schnee, faltenreich
und kokett mit farbigen Schleifen aufgeheftet wie der Um'
hang eines Brautbettes von Coridon und Phyllis; und auf
dem Fensterbrett blühten in grüngesprenkelten Töpfen die
Blumen alter Zeiten, blauer Agapanthus, blaue Aronsruthen,
feinblättrige Myrten, ferner rote Verbenen und schmetter'
lingsbunte Geranien. Allein es waren doch vor allem die
Möbel, die dem Ganzen sein Gepräge gaben; diese unver'
rückbaren Tische mit weitgestreckten Flächen von gedunkeltem
Mahagoni, Stühle, deren Rücken sich um einen gleich
Spänen zusammenkrümmen, Schubladenstücke von allen
möglichen Formen, Riesenkommoden, mit mythologischen
Szenen in lichtgelbem Holz eingelegt, Daphne, Arachne und
Narcissus, oder auch kleine Sekretäre auf dünnen gewundenen
Beinen, in denen jede kleine Lade ein Mosaik aus dendriti'
schem Marmor hat, einsame, viereckige Häuser mit einem
Baum in der Nähe darstellend — das ist alles lange vor
Napoleon her. Da sind auch Spiegel mit Blumen in Weiß
und Bronze auf Glas gemalt: Röhricht und Lotus, der
auf der blanken Seefläche schwimmt, und dann ist das Sofa
da, nicht dies kleine Ding auf vier Beinen mit Platz für
zwei; nein, grundgemauert und massiv hebt es sich vom
Boden, eine völlige, geräumige Terasse, zu jeder Seite mit
einem brusthohen Konsolenschrank zusammengebaut, über
welchem wieder ein kleinerer Schrank architektonisch zu
Manneshöhe aufsteigt und einen kostbaren, alten Krug
außerhalb der Menschenkinder Reichweite bringt.