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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Personen bewohnt. Die Mieter werden mit heißem Wasser 
für Bäder, Koch-- und Waschzwecke versorgt, sie haben in 
einigen ihrer Häuser eigene Klubräume mit Zeitungen und 
Büchern und erhalten Kohlen zum Selbstkostenpreis der 
Sommervorräte. 
Von den Erwerbsgesellschaften hat die Handwerker^, Ar^ 
beiter^ und Allgemeine Wohnungsgesellschaft mit gutem Er' 
folge Stockwerkhäuser, Ein' und Zweifamilienhäuser und 
eine große Anzahl Läden errichtet. Nicht weniger erfolgreich 
arbeitet die Ostendwohnungsgesellschaft, die sich zur Auf' 
gäbe macht, Wohnungen für die Allerärmsten zu bauen. 
Die englischen Arbeiterwohnungen zerfallen in drei Gruppen: 
1. Allgemeine Logierhäuser; 
2. Stockwerkhäuser; 
3. Einzelhäuser, Cottages, für eine, höchstens zwei Familien. 
Die allgemeinen Logierhäuser haben für England eine be' 
sondere Bedeutung, da das Schlafgänger' und Einlogierwesen 
dort wenig entwickelt ist. Früher standen sie in schlimmem 
Ruf als Höhlen des Lasters und Verbrechens; heute ist es 
damit besser geworden, und die städtischen Musterlogier' 
häuser, unter denen wieder die von Lord Rowton erbauten 
hervorragen, sind als sehr gut zu bezeichnen. Ihre Einrichtung 
ist im allgemeinen die, daß im Erdgeschoß die Küchen und 
Speisesäle, der Tag' oder Erholungsraum und im Ober' 
geschoß die Schlafsäle angeordnet sind. Die Betten stehen 
in Kojen, durch zwei Meter hohe Zwischenwände getrennt. 
Zeitungen und Bücherei sind im Tagraum vorhanden, bis' 
weilen gibt es ein besonderes Lese' und Rauchzimmer. 
Abortanlagen, Wasch' und Baderäume sind durchgängig gut. 
Die Preise schwanken zwischen s'/a bis ö 1 ^ p. = 3° 55 
Pfennige für die Nacht, die Wochenmiete zwischen r88 Mark 
bis 3-30 Mark. Bisweilen ist das erste Frühstück mit inbe' 
griffen. 
Die Einrichtung der Logierhäuser ist nicht mit den Asylen 
für Obdachlose zu verwechseln, denn sie sind für ständiges 
Bewohnen eingerichtet und gelten nicht als WohltätigkeitS' 
anstalten, die den Besucher zum Almosenempfänger herab' 
drücken. In Großstädten, wo das Schlafgängerwesen viel ge' 
sundheitliche und sittliche Gefahren mit sich bringt, sind 
die Logierhäuser, wenn sie gut geleitet sind, von großer Be' 
deutung für den unverheirateten Teil der arbeitenden Be' 
völkerung. 
Die Stockwerkhäuser entsprechen unseren Miethäusern, nur 
mit dem Unterschied, daß die Stockwerkhäuser bei der 
Gesundheitsbehörde angemeldet sein müssen und die Lebens' 
gewohnheiten der Bewohner durch eine strenge Hausordnung 
geregelt ist. So sehr diese Stockwerkswohnungen den 
kulturellen Ansprüchen und den Forderungen der Billigkeit 
nachkommen und namentlich dort von großem praktischen 
Wert sind, wo der Grundpreis eine gehörige Ausnützung 
des Terrains nötig macht, so bilden solche Häuser nach 
der gesunden englischen Auffassung doch nur einen Not' 
behelf. 
Die einzig richtige Art zu wohnen und zu leben bietet 
das Einfamilienhaus. Gerade auf diesem Gebiete wurde für 
die Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung im einzelnen 
Hervorragendes geschaffen, davon das Beste in den Bildern 
unseres Heftes gezeigt wird. Lehwess Buch, das eine ein' 
gehende Darstellung aller Arten Arbeiterwehnungen mit guten 
Illustrationen enthält, und allen, die sich mit der Frage ein' 
gehend beschäftigen wollen, wärmstens empfohlen werden 
kann, bringt zum Schlüsse eine Darstellung der Sunlight 
und Bournville Kolonien und der Gartenstädte der Zukunft, 
die in unseren Heften bereits mehrfach besprochen worden 
sind. 
DIE ALTE STUBE. 
VON J. P. JACOBSEN. 
D es Hofes Gebäude waren alle alt, mit Ausnahme des 
hohen Packhauses, dessen langweiliges, totes Schiefer' 
dach Fjordbys neueste Neuigkeit auf dem Gebiete der 
Baukunst war. Das lange niedrige Vorderhaus sah aus, 
als wäre es von drei Dachstuben in die Knie gedrückt und lief in 
einer dunklen Ecke mit dem Brauhaus und dem Stallflügel, in 
einer lichteren Ecke mit dem Packhaus zusammen. Aber 
war man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden 
Qualm von Siegellack in den Gang hinausgelangt, der die 
Grenzscheide zwischen Geschäft und Familie bildete, so wurde 
man durch den hier herrschenden Duft von neuem Damen' 
putz auf die milde Blumenluft der Zimmer vorbereitet. Es 
war nicht der Duft eines Buketts, nicht einer wirklichen 
Blume; es war die mystische Erinnerungen weckende AtmO' 
Sphäre, die über jedem Hause ruht, und von der kein Mensch 
sagen kann, woher sie kommt. 
Jedes Haus hat seinen Duft; er kann an tausend Dinge 
erinnern, an den Geruch alter Handschuhe, an neue 
Spielkarten oder offenstehende Klaviere, doch immer ist er 
unterschieden von anderen; man kann ihn mit Räucher' 
werk, Parfüms und Zigarrendampf übertäuben, doch man 
kann ihn nicht töten; immer kommt er wieder und ist 
von neuem da, unverändert wie er vorher war. Hier war 
er wie Blumen, nicht Levkojen oder Rosen oder irgend eine 
Blume, die existiert, sondern wie man sich den Duft jener 
phantastischen, saphirmatten Lilienranken denken mag, die 
sich in Blüten um Vasen von altem Porzellan herum' 
Schnörkeln. Und wie er paßte zu diesen großen, niedrigen 
Stuben mit ihren ererbten Möbeln und ihrer altmodischen 
Zierlichkeit! Die Boden waren so weiß, wie nur der Groß' 
mütter Boden es sind; die Wände waren einfarbig mit einer 
leichten, lichten Girlandenzeichnung am Gesims entlang; 
es war eine Stückrose mitten auf dem Plafond und die 
Türen waren kanelliert und hatten blanke Messinggriffe im 
Gleichnis von Delphinen. Um die kleinscheibigen Fenster 
hingen luftige Filetgardinen, weiß wie Schnee, faltenreich 
und kokett mit farbigen Schleifen aufgeheftet wie der Um' 
hang eines Brautbettes von Coridon und Phyllis; und auf 
dem Fensterbrett blühten in grüngesprenkelten Töpfen die 
Blumen alter Zeiten, blauer Agapanthus, blaue Aronsruthen, 
feinblättrige Myrten, ferner rote Verbenen und schmetter' 
lingsbunte Geranien. Allein es waren doch vor allem die 
Möbel, die dem Ganzen sein Gepräge gaben; diese unver' 
rückbaren Tische mit weitgestreckten Flächen von gedunkeltem 
Mahagoni, Stühle, deren Rücken sich um einen gleich 
Spänen zusammenkrümmen, Schubladenstücke von allen 
möglichen Formen, Riesenkommoden, mit mythologischen 
Szenen in lichtgelbem Holz eingelegt, Daphne, Arachne und 
Narcissus, oder auch kleine Sekretäre auf dünnen gewundenen 
Beinen, in denen jede kleine Lade ein Mosaik aus dendriti' 
schem Marmor hat, einsame, viereckige Häuser mit einem 
Baum in der Nähe darstellend — das ist alles lange vor 
Napoleon her. Da sind auch Spiegel mit Blumen in Weiß 
und Bronze auf Glas gemalt: Röhricht und Lotus, der 
auf der blanken Seefläche schwimmt, und dann ist das Sofa 
da, nicht dies kleine Ding auf vier Beinen mit Platz für 
zwei; nein, grundgemauert und massiv hebt es sich vom 
Boden, eine völlige, geräumige Terasse, zu jeder Seite mit 
einem brusthohen Konsolenschrank zusammengebaut, über 
welchem wieder ein kleinerer Schrank architektonisch zu 
Manneshöhe aufsteigt und einen kostbaren, alten Krug 
außerhalb der Menschenkinder Reichweite bringt.
	        
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