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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

VANDALISMUS.
VON  RICHARD  SCHAUCKAL.
enn  man  durch  die  Straßen  der  modernen  Groß'
stadt  wandelt  —  aber  wer  von  uns  hat  Zeit  und
Lust  —  zum  „Wandeln“  (auch  ein  Symptom  unwiederbringlichen ­
  Verlustes  an  geruhigem  Lebensrhythmus)! ­
  —  Fragt  man  sich  unwillkürlich  schaudernd,
wohin  das  geradezu  wahnwitzige  Bauen  führen  soll.  Wenn
das  so  fort  geht,  werden  wir  in  etwa  50  Jahren  kaum  mehr
ein  einsames  Wahrzeichen  verschollener  Baukultur  besitzen.
Eine  Orgie  der  BARBAREI  tut  sich  vor  dem  verwunderten
Blicke  auf.  Könnte  man  sich  den  Fall  denken,  eine  der
„zielbewußt“  ausgebauten  Städte  würde  heute  durch  einen
ästhetischen  Vesuv  im  Aschenregen  begraben  und  tauchte
nach  Jahrhunderten,  wie  einst  Pompeji,  aus  der  bewahrenden
Hülle  wieder  auf,  der  Geschichtschreiber  dieser  Ausgrabung
müßte  verzeichnen:  damals  scheint  in  den  Bewohnern  der
Sinn  für  Einheit,  Ebenmaß,  Würde,  Kraft,  Reiz  durch
irgend  eine  psychologisch  sicherlich  nicht  uninteressante
Bewußtseinsseuche  völlig  ausgetilgt,  das,  was  wir  Geschmack
nennen,  bis  auf  seine  letzten  Faserwurzelenden  ausgerottet
worden  zu  sein.  Wir  stehen  staunend  vor  den  unwiderleglichen ­
  Beweisstücken  einer  wahren  Hottentotten-Unkultur.
Das  Traurigste  an  der  Tatsache,  daß  wir  Mittel-  und  Nordeuropäer ­
  mit  Riesenschritten  in  eine  EPOCHE  DES  KULTURELLEN ­
  NIEDERGANGES  blind  hineinstürmen,  ist
aber  die  Erwägung,  daß  wirklich  nur  eine  Schar  mildtätiger
Feuerberge  uns  vom  Übel  erlösen  könnte.  Denn,  wie  denkt
sich  der  Sanguiniker,  der  an  eine  wohltätige  Wandlung  in
den  scheinbar  verschrumpften  Gehirnzellen  „für  Auffassung
des  Schönen“  etwa  noch  glaubt  —  die  tatsächliche  Umwandlung ­
  unseres  Stadtbildes?  Man  kann  doch  nicht  den  Eigentümern ­
  dieser  Negerpaläste,  die  uns  auf  Schritt  und  Tritt,
sich  wie  scheußliche  Pilze  im  Sumpfterrain  unserer  Bauzustände ­
  vermehrend,  entgegenblicken,  man  kann  den  mit
ihrem  Geld  hier  engagierten  Eigentümern  —  den  Tag  der
großen  Erleuchtung  angenommen  —  doch  nicht  von  heute
auf  morgen  zumuten,  das  alles  wieder  abzubrechen  und  aus
uneigennütziger  Freude  an  ihren  edlen  Errungenschaften  in
trefflicher  Gestalt  neu  zu  errichten?
Zweierlei  aber  ist  nicht  außer  allem  Bereich  der  Möglichkeit.
Erstens,  der  gedankenlosen  Bauwut,  die  aus  dem  Weichbild
der  Städte  längst,  ein  geschwollener  Giftmolch,  sich  ins  anmutige ­
  Gelände  hinausgewunden  hat  und  die  landschaftliche
Umgebung  unserer  Städte  zu  verheeren  droht,  EINHALT
zu  tun:  „Bleibt  stehen  und  seht  euch  um!“  Zweitens:  die
Erhaltung,  die  Rettung  des  gediegenen  Bestandes.  Ließe  sich
der  „historischen“  Denkmälern  zugewandte  löbliche  Konservierungseifer ­
  nicht  ausdehnen?  Ist  ein  schönes,  in  edlen  Akkordverhältnissen ­
  gebautes  Bürgerhaus  nicht  auch  ein  würdiges
Objekt  des  einsichtigen  Konservativismus?
Und  eine  Anmerkung:  Ist  die  Verbreiterung  unserer  Straßen,
der  gerühmte  „Straßenzug“,  denn  eine  so  um  jeden  Preis
zu  verteidigende  Errungenschaft?  Licht  und  Luft!  Eine  verlockende ­
  Devise.  Wird  man  sie  aber  in  den  Straßen  der
Stadt  suchen?  Ist  dieses  zehnfach  gefälschte  Licht,  dieser
verpestete  Atem  der  Großstadt  ein  Gut,  dem  man  die  architektonische ­
  Schönheit,  Labsal  der  Sinne,  unbedingt  opfern
muß?  Und  haben  wir  Mitteleuropäer,  deren  sozialer  Mittelschicht ­
  —  von  den  Enterbten  zu  geschweigen  —  das  Badezimmer ­
  noch  immer  ein  Luxusraum,  das  Klosett  „ein  notwendiges ­
  Übel“  dünkt,  ein  Recht  der  Betonung  von  hygienischen ­
  Faktoren,  die  betont  werden,  wie  von  den  Mandarinen ­
  —  Goethe  betont  wird,  wenn  —  Julius  Wolf  gemeint  ist?

KUNSTKRITIK  IN  DER  MODERNEN  GALERIE.
ie  Geschmacklosigkeit,  in  der  modernen  Galerie  in  Wien,  dem
ahnungslosen  Besucher  fertig  geprägte  kritische  Urteile  zu  verkaufen, ­
  wurde  bereits  im  5.  Hefte  der  „Hohen  Warte“,  in  dem  Artikel
über  die  österreichische  Volkskunst  und  staatliche  Kunstpolitik,  gebrandmarkt. ­

„EIN  LEITFADEN  ZUM  VERSTÄNDNIS  DER  MODERNEN  KUNST“
nennt  sich  das  dem  Unterrichtsminister  submissest  gewidmete  Werk,
dessen  Verfasser  das  unfreiwillige  Geständnis  liefert,  daß  ihm  selbst
der  Faden  zum  Verständnis  ausgegangen  ist.  Von  Klimt  sagt  er,  der
Künstler  sei  „auf  Wege  geraten,  auf  welchen  wir  ihm  nicht  folgen
können“.  Er  wünscht,  daß  Klimt  „in  Zukunft  wieder  Bilder  schaffe,
welche  der  bei  GEBILDETEN  vorhandenen  LOGIK  und  SITTE  halbwegs ­
  genügen“.  (!)  Er  hebt  hervor,  daß  Klimt  in  der  modernen
Galerie  „GLÜCKLICHERWEISE  NICHT  MIT  ARBEITEN  AUS  DEN
LETZTEN  ZWEI  JAHREN  VERTRETEN  IST“  —  der  ahnungslose
Käufer  weiß  nicht,  daß  es  als  ein  tiefes  Kompliment  nach  oben  zu
verstehen  ist.
In  Wahrheit  ist  es  kein  Kompliment,  sondern  eine  beschämende
Tatsache.
Die  bei  den  Gebildeten  vorhandene  Logik  und  Sitte  ist  etwas  anderes,
als  der  Autor  meint.
„Zum  Verständnis  der  modernen  Kunst“  anleiten  zu  wollen  und  sie
nicht  verstehen,  die  eingestandene  Unfähigkeit  zum  Scharfrichter
über  das  Kunstwerk  zu  bestellen,  zeugt  weder  von  Logik  noch  von
Sitte.
Die  Gebildeten  verwahren  sich.
Die  im  „Leitfaden“  vorhandene  Logik  entfaltet  einen  blühenden  Blödsinn ­
  in  dem  Satz  über  Emil  Orlik:  „er  lernte  japanisch  sprechen,
zeichnen  und  kolorieren  und  hat  eine  höchst  merkwürdige  Kunstbrücke ­
  zwischen  JAPAN  UND  BÖHMEN  geschlagen.“  (?!)
Von  Orliks  Schaffen  heißt  es  weiter:  „Doch  all  dies  ist  nur  der
sprühende  Schaum  der  großen  Woge,  in  deren  Wellenlinie  sich  seine
Tätigkeit  bewegt.“
Wie  machen  Sie  das,  Herr  Orlik?
Der  schlechte,  saloppe  Stil  ist  das  äußere  Merkmal  der  schiefen,  unklaren ­
  und  zum  Teil  lächerlichen  Kunsturteile,  von  denen  das  Buch
strotzt.  Ich  greife  auf  Geratewohl  eine  Stelle  heraus,  die  von  Klingers
„Urteil  des  Paris“  handelt:  „...es  wirkt  nicht,  wie  aus  einem  Guß
geworden.  Und  das  gibt  eine  gewisse  Kälte.“  (!)  Ergötzlich  ist  die
Bemerkung  über  „Servaes,  der  Segantini  zum  erlauchten  Klassiker
erhoben  hat.“  (!!!)
Nicht  minder  erheiternd  wirkt  es,  wenn  der  Führer  „zum  Verständnis
moderner  Kunst“  den  Impressionismus  widerlegt.  Wörtlich:  „Die
„Kunst,  die  nur  den  Fleck  malt,  statt  des  Auges,  der  radikale  Im-„pressionismus
  ist  ein  Taumel  der  Subjektivität,  dem  wir  nicht  folgen
„können.  Zwei  einfache  Beispiele  mögen  noch  illustrieren,  daß  der
„Impressionismus,  der  grenzenlose  Impressionismus,  den  Gesetzen  des
„menschlichen  Sehens  doch  nicht  ganz  entspricht.  Man  kann  den
„stehenden  Menschen,  etwa  den  Soldaten,  einbeinig  sehen,  man  kann
„die  Impression  eines  Einbeinigen  haben  —  aber  man  darf  ihn
„nicht  einbeinig  malen.  Denn  wir  Menschen  reagieren  nicht  auf
„Lichtstrahlen,  wie  eine  Maschine,  wie  eine  photographische  Platte
„—  wir  denken,  indem  wir  sehen,  wir  urteilen  indem  wir  sehen.
„Der  einbeinig  Gesehene  und  Gemalte  ist  ein  bedauernswerter
„Mensch  —  er  hat  eben  nur  ein  Bein!  Will  der  Maler  andeuten,
„daß  der  Dargestellte  im  Besitze  beider  Beine  sei,  so  muß  er
„auch  das  zweite,  trotzdem  es  in  seiner  Impression  fehlt,  andeuten.
„Oder:  das  Pendel  der  gehenden  Uhr  befindet  sich  unzählige  Augen-„blicke
  in  lotrechter  Stellung.  Wenn  der  Impressionist  es  so  sieht  und
„festhält,  so  malt  er  eine  stehende  und  nicht  die  gehende  Uhr.  Will
„er  letztere  darstellen,  so  darf  er  seiner  Impression  nicht  gehorchen
„und  muß  das  Pendel  schief  stellen.  Derartiger  Beispiele,  welche  den
„Impressionismus  widerlegen,  gibt  es  viele.“
Bei  Böcklin  überfließt  der  geschwätzige  Führer  voll  widerlicher
Lüsternheit:  „Ob  die  Blonden  oder  die  Braunen  schöner  seien,  darüber
„gibts  glücklicherweise  keine  ewigen  Kunstgesetze,  das  ist  unentscheidbar.
„Die  Nase  kann  verschiedene  Formen  haben  und  kann  doch  in  jeder
„schön  sein.  Wir  haben  eben  starke  Naturerfahrung  hinsichtlich
„der  Gesichter,  wir  wissen  dort  Reize  in  jedem  Wangengrübchen
„zu  finden.  Wir  haben  Verständnis  und  daher  volle  Freiheit  in  der

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