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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

einfach  und  anspruchslos  sein.  Um  das  Bild  zu  heben,  hat  man  außer
Gold  auch  sonstige  Farben  versucht,  die  gute  Wirkung  haben,  wobei
freilich  als  Grundsatz  zu  beachten  ist,  daß  es  eine  Farbe  sei,  die  im
Bilde  nicht  vorkommt  und  einen  komplementären  Gegensatz  bildet.
Der  Form  nach  werden  immer  die  geraden  Leisten  am  besten  sein;
vor  den  verzierten  Rahmen,  die  auf  den  Namen  „Kunsthändler^Rahmen“
lauten,  ist  durchaus  zu  warnen.  Es  wird  oft  die  Frage  aufgeworfen,
ob  man  den  weißen  Rand  an  reproduzierten  Blättern  stehen  lassen
soll.  Bei  Radierungen,  die  den  Plattenrand  haben,  ist  der  weiße  Rand
sicherlich  von  großer  Berechtigung,  in  allen  Fällen  aber  ist  er  an  und
für  sich  schon  ein  Rahmen.  Man  muß  sich  in  diesem  Falle  begnügen,
einen  ganz  schmalen,  einfachen  Holzrahmen  herumzulegen,  der  ganz
gut  weiß  sein  kann,  ja,  man  braucht  nur  einen  schmalen  Streifen
Papier  um  den  Glasplattenrand  umzukleben,  um  des  vorteilhaftesten
Aussehens  gewiß  zu  sein.
DAS  SCHLAFZIMMER.
VOM  ARCHITEKTEN  FRANK  BRANGWYN  A.  R.  A.
ie  meisten  Schlafzimmer  sind,  vom  Standpunkte  einer  zweck'
entsprechenden  Ausstattungskunst  betrachtet,  vernachlässigt,  weil
sie  nicht  den  kritischen  Blicken  unserer  Freunde  und  Bekannten  aus'
gesetzt  sind.  Sie  werden  selten  von  jemandem  andern  gesehen,  als  von
ihren  Eigentümern.  Wenn  die  Schlafzimmer  in  dem  Maße  zugänglich
wären  wie  die  Gesellschaftsräume,  so  würden  sie  unter  den  Einfluß
jenes  seltsamen  Wetteifers  gekommen  sein,  der  seit  den  frühesten
Zeiten  zur  Ausschmückung  jedes  Gebrauchsgegenstandes  geführt  hat,
der  der  öffentlichen  Beachtung  ausgesetzt  war  und  Neid  oder  Bewunderung
  erregen  konnte.  Es  würde  sehr  wenig  Kunst  geben,  wenn
die  Menschen  unempfindlich  wären  für  den  Ansporn  des  Lobes  oder
der  Nadelstiche  des  Spottes  und  Neides.  Die  volkstümlichsten  Kunst'
formen,  wie  etwa  die  griechischen  Statuen,  und  die  Bilder  italienischer
Kirchen  aus  dem  fünfzehnten  und  sechzehnten  Jahrhundert  sind
immer  hervorgegangen  aus  den  besten  Traditionen  und  folglich  den
größten  Meistern.  Weltfremde  Einsamkeit  führt  die  Kunst  hinweg  von
dem  Hauptstrom  des  befruchtenden  Lebens,  und  landet  sie  in  irgend
einem  ungesunden  Sumpfwasser,  wo  sie  schwach  und  hinfällig  wird,
im  kleinlichen  Ehrgeiz  eingebildeter  Größe  befangen.  Erinnern  wir  uns
daher,  daß  die  Kunst  nichts  so  notwendig  braucht,  als  öffentliche  Am
erkennung  und  öffentliche  Nachfrage.
Bei  dieser  Sachlage  ist  es  wichtig,  daß  die  allgemeine  Aufmerksamkeit
auf  den  schlechten  Zustand  der  sehr  schlechten  Schlafzimmer  gelenkt
wird,  welcher  heute  in  99  von  100  Fällen  vor  kommt.  In  den  meisten
Schlafzimmern  findet  man  weit  weniger  Kunst,  als  in  der  roh  zu'
behauenen  Holzhütte  eines  Südsee'Insulaners.  Es  ist  seltsam,  daß  wir
nach  Jahrhunderten  des  Fortschritts  in  anderen  Dingen  ein  so  ge'
schmackloses  und  achtloses  Volk  geblieben  sind  in  bezug  auf  die  Dinge,
die  unserem  persönlichsten  Gebrauch  dienen.
Was  soll  ein  Schlafzimmer  sein?  Ein  paar  praktische  Betrachtungen
werden  die  Besonderheiten  klarlegen.
1.  Man  kann  annehmen,  daß  der  Raum,  der  einem  zur  Verfügung
steht,  klein  ist,  wie  in  den  meisten  Schlafzimmern.  Man  wird  daher
mit  den  Dimensionen  das  Möglichste  tun,  um  den  Eindruck  von
Geräumigkeit  und  Luftigkeit  hervorzubringen.  Der  Raum  soll  nicht
nur  angenehm  sein  für  den  Schlafenden,  sondern  auch  für  das  Er'
wachen.
2.  Ein  Schlafzimmer  ist  nicht  nur  ein  Raum,  um  darin  zu  schlafen,
sondern  auch  ein  Raum,  in  welchem  eine  kranke  Person  für  Wochen,
ja  Monate  liegen  kann,  und  deshalb  soll  sich  nichts  Übertriebenes  in
der  Ausstattung  vorfinden,  nichts,  das  sich  dem  Auge  mit  ermüdender
und  langweiliger  Beharrlichkeit  aufdrängt.  Aus  demselben  Grunde
ist  es  gut,  das  Bett  so  zu  stellen,  daß  die  kranke  Person  auf  das  Winter'
feuer  im  Kamin  blicken  kann  und  angeregt  und  erfreut  wird  von
seinem  lustigen  und  hellen  Flackern.  Man  mag  vielleicht  lächeln  über
diese  Kleinigkeiten,  aber  sie  sind  sehr  wichtig.
3.  Die  bisherigen  Betrachtungen  haben  rasch  über  die  Grundzüge  des
Entwurfes  belehrt.  Die  Notwendigkeit,  die  man  fühlt,  das  Zimmer
weiter,  geräumiger  und  luftiger  erscheinen  zu  lassen,  als  es  wirklich
ist,  führt  Sie  mit  der  Logik  des  gesunden  Menschenverstandes  zu  ver'
schiedenen  praktischen  Lösungen.  Man  entscheidet  sich  zum  Beispiel,
keine  gemusterte  Tapete  zu  nehmen.  Wenn  eine  Wand  über  und  über

gemustert  ist,  so  lockt  sie  von  allen  Standpunkten  die  Aufmerksamkeit
auf  sich,  sie  scheint  sich  dem  Auge  dadurch  näher  zu  bringen  und
dem  Raum  einiges  von  seiner  Länge  und  Breite  zu  rauben.  Man  ent'
scheidet  sich  auch  dafür,  daß  die  Einrichtung  nicht  mehr  Raum  einnehmen
  darf,  als  unbedingt  erforderlich  ist;  daher  muß  die  handwerkliche ­
  Leistung  die  höchsten  konstruktiven  Vorzüge  aufweisen,
damit  man  den  höchsten  Grad  von  Annehmlichkeit  und  Zweckmäßig'
keit  mit  dem  geringsten  Aufwand  von  Holz  erreicht.  Nachdem  das
Zimmer  ein  Schlafzimmer  ist,  hat  man  ganz  recht,  das  Bett  als  das
wichtigste  Möbelstück  zu  betrachten,  und  daß  Sie  es  aus  Holz  hersteilen,
  teils  weil  gut  gearbeitetes  Holz  so  schön  und  ruhig  harmonisch
wirkt,  teils  weil  Messingbetten  nicht  immer  mit  den  Farben  übereinstimmen,
  welche  man  im  Auge  hat,  und  endlich,  weil  sich  Metall
zu  frostig  anfühlt.  Das  Bett  wird  nicht  so  niedrig  sein,  daß  sich  die
Magd  versucht  fühlen  könnte,  die  Reinigung  des  Fußbodens  darunter
zu  vernachlässigen,  noch  wird  es  so  hoch  sein,  daß  der  Raum  zwischen
Matratze  und  Fußboden  als  Speicher  für  Schachteln  und  für  Staubansammlung
  geeignet  erscheint.  Wenn  man  zum  Schluß  das  Schlafzimmer ­
  als  Krankenzimmer  auffassen  will,  ist  der  Grundsatz  der
Wohnlichkeit  unerläßlich,  ebenso  eine  ruhige  Heiterkeit  in  der  Farbengebung. ­

4.  Man  wird  vielleicht  Bilder  in  diesem  Schlafzimmer  anbringen  wollen.
Man  hänge  keine  goldenen  Rahmen  auf  den  Grund  der  Tapete,  sondern
treffe  eine  solche  Anordnung,  daß  die  Malerei  einen  tektonischen  Teil
der  Wand  selbst  bildet.  In  andern  Worten,  man  wähle  einen  Fries
oder  ähnliche  andere  dekorative  Malereien,  die  man  seinem  Urteile
nach  für  gut  findet.  Das  Werk  muß  einigermaßen  mehr  sein  als
interessant;  es  muß  beitragen  zur  frischen  und  ursprünglichen  Farbengebung, ­
  die  man  als  passend  für  ein  Schlafzimmer  findet,  und  man
führt  sie  daher  so  durch,  daß  die  Malerei  nicht  aus  der  Mauer  hervorspringt,
  sondern  flächig  wirkt,  und  im  ganzen  eine  ebenso  wirkungsvolle ­
  als  bescheidene  Rolle  spielt.
5.  Welches  Holz  soll  man  verwenden?  Es  ist  klar,  daß  die  dekorative
Verwendung  von  Materialien  zwingt,  streng  und  einfach  zu  sein;  aber
der  Strenge  des  Stils  kann  durch  eine  glückliche  Wahl  des  Holzes
entgegengewirkt  werden.  Nußholz  würde  zu  schwer  im  Ton  sein  und
Eiche  zu  steif  und  unbiegsam  in  Substanz  und  Masse.  Was  man
braucht,  ist  ein  leichteres  Holz,  freundlicher  von  Aussehen,  und
so  scheint  es  nach  mancher  Überlegung  und  manchen  Versuchen
empfehlenswert,  Zuflucht  zu  Kirschholz  zu  nehmen.  Es  hat  eine  schöne
Textur,  der  Ton  ist  hell,  warm,  freundlich  und  es  hat  auch  eine  Art
von  häuslicher  Eleganz.  Von  ebenso  glücklicher  Wirkung  sind  weißlackierte
  Möbel.  Zu  ihrem  Lobe  kann  nicht  genug  gesagt  werden.  Und
wenn  nun  das  Werk  vollendet  ist  und  die  Morgensonne  in  das  Zimmer
tritt,  so  wird  man  das  Zimmer  heimlich  und  traut  finden,  als  einen
freundlichen  Raum,  sich  darin  anzukleiden  und  dem  Tag  einen  guten
Anfang  zu  geben.
ZEHN  JAHRE  ÖSTERREICHISCHE  VOLKSKUNDE.
D er  von  Dr.  M.  HABERLANDT  in  Verbindung  mit  Dr.  W.  HEIN
im  Jahre  I894  gegründete  Verein  für  österreichische  Volkskunde
blickt  auf  eine  zehnjährige  von  schönen  Erfolgen  gekrönte  Tätigkeit
zurück.  Die  aus  Anlaß  des  zehnjährigen  Bestandes  herausgegebene
Festschrift  enthält  einen  summarischen  Tätigkeitsbericht,  der  einen  Überblick ­
  über  die  bisherigen  überaus  verdienstlichen  Leistungen  gibt.  Zehn
Bände  der  Zeitschrift  sowie  das  Museum  für  österreichische  Volkskunde,
das  eine  Sammlung  von  rund  18.000  Objekten  enthält,  stellt  einen
großen  Teil  der  Lebensarbeit  des  Gründers  und  Vereinsleiters
Dr.  M.  Haberlandt  dar.  Die  in  dieser  Arbeit  vorliegenden  Forschungsresultate ­
  haben  eine  von  der  Allgemeinheit  und  zum  Teil  leider  auch
von  den  offiziellen  Kreisen  noch  viel  zu  wenig  erkannte  Bedeutung
für  die  Entwicklung  der  Kunst  und  Kultur  oder,  wie  man  vielleicht
richtiger  sagen  kann,  für  die  Erkenntnis  der  wahren  Quellen  der
volksmäßigen  Kunst  und  Kultur,  die  jeden,  der  einmal  seine  Sinne
an  diesem  Jungbrunnen  erfrischt  hat,  mit  tiefem  Widerwillen  gegen
die  heute  herrschende  Scheinkunst  und  Scheinkultur  erfüllen  müssen.
Was  hier  rückhaltslos  ausgesprochen  ist,  scheint  als  Grundgedanke
in  den  Worten  zu  liegen,  die  Dr.  Haberlandt  zur  Hoffnung  und
Bitte  an  seine  Mitarbeiter  zusammenfaßt,  daß  sie  die  sicht-  und
greifbaren  Dinge  des  Volkslebens  NOCH  MEHR  ALS  BISHER  zum
            
Waiting...

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