Wiimtraeen und doch ganz genau wissen, daß es Unsinn,
ia gefahrbringend wäre, einen Augenblick nur die Kontrol e
darüber, auf welchem Standpunkte wir heute stehen, und das
Bewußtsein davon, was die Stunde fordert, zu verlieren.
Und das, was die Stunde fordert, ist etwas ganz anderes.
Noch ist die Menschheit nicht zu den Hohen ethischer Ent^
Wicklung gestiegen, daß Menschen friedlich neben Menschen
hausen lönnten. Noch ist die Raubtiernatur nicht «ber.
wunden, die stets bereit ist, dem ermüdenden Gegner auf
den Nacken zu springen. Ja, noch ist auch der Wille des
Lebens im Menschen noch nicht geläutert genug um dieses
Anneitschens zum Wettlauf entbehren zu können. Noch
steht seine Existenzfrage auf dieser Raubtiernatur. Noch ist
Deutschland ein von Waffen umstarrtes, in Waffen starren
des Land, das seine Brotmagazine und seine Pkischkammer
nicht leer werden lassen darf; noch muß es wie ein jedes
andere Land eine kleine Welt für sich bilden und kann
noch nicht teilnehmen an den Segnungen einer leichten
Arbeitsteilung nach großen, weisen Gesichtspunkten.
Und doch können wir wohl auch hierin unsere Hoffnung
getrost für die fernste Zukunft auf das setzen, was wir
Menschheitsentwicklung nennen. Diese großen Erziehungs^
Resultate treten, betrachtet man’s recht bei Lichte, doch
immer noch in überschaubaren Epochen ein. Man mußte
jedes Kulturbild, wie es uns historische Forschung rekon
struiert, leugnen, wollte man nicht sehen, daß vom Mittel
alter bis heut gerade auf diesem Gebiet ein mächtiger
Menschheitsentwicklungsschritt getan ist.
Gewiß, wir haben in diesem wirren aufgeregten AlA. J anr
hundert viel, viel verloren. Aber noch können wir es
wieder gewinnen. Und es hieße direkt: Nicht sehen wollen,
daß es g AUCH ETWAS bedeutet, daß der Andersgläubige
nicht mehr gefoltert, daß die Hexe nicht mehr verbrannt,
der Kranke nicht mehr mit Aberglauben gequält, der Ein
same nicht mehr beraubt, der Freie nicht mehr zum
SkTaven gemacht wird, der Hilflose, nicht «lehr sAutzlos
ist Gewiß — auch hier spukt noch ein gemessenes Hautlein
Mittelalter in uns. Aber der Weg hat die Menschheit
doch schon erkennbar hinaufgeführt, und er wird sie weiter-
Ziehen wir die Moral aus dem Gesagten, so ist danach wohl
zuzugeben, daß die Höherentwicklung der Menschheit uns
tatsächlich in fernen „Zeiten einmal Verhältnisse bringen
KANN, die so wenig Ähnlichkeit mit dem heut Bestehenden
und uns ans Herz Gewachsenen haben F 10 ? 21 ^’ j^Lschaft
uns keinen Bauernstand und keine große Landwirtschaft
mehr gäbe, sondern in denen nur der einzelne im Privat
leben wieder soweit zur uralten Form des Ackerbaues zuruck-
kehrt, als die Verheißung des dort zu erntenden mensch
lichen Glückes ihn dazu triebe. . <
Daß dann natürlich die Form der Dörfer antiquarisch ge
worden wäre, ist selbstverständlich.
Aber man sollte doch das Fell des Baren nicht früher ver
kaufen, als man ihn hat. , -i i*
Und mir scheint, daß das augenblicklich in Deutschland
recht reichlich geschieht. „
Ich nehme hier ein gewisses Gebiet, das mir am nächsten
liegt, heraus, um an ihm die Erscheinung naher zu be
schreiben: die Kunst. t- j ~
Seitdem bei uns eine beachtete Literatur über die Forderung
von Zukunftsformen entstanden ist, ist auch gleich die
Kehrseite einer jeden neuen Erkenntnis da: die Narren der
neusten Mode. Es entzieht sich meiner Beurteilung, ob dies
auch der Fall ist auf den Gebieten, die die Frage vom rem
sozialen Standpunkt aus behandeln.
Auf dem Gebiet mit künstlerischen Gesichtspunkten fangen
aber die Symptome bereits an, bedenklich zu we ™5£*
Wenn man der Wahrhaftigkeit der Ausspruche unserer Mit
menschen immer ganz glauben wollte, so fntißten wir uns
heute in einem Lande der Zukunftsdeuter befinden. Einig
Sucher auf dem Gebiete der Kunsterkenntnis waren zum 1 eil
auf empirischem, zum Teil auf rein spekulativem ege zu
dem Satze gelangt, man dürfe, falls sich ein neuer Stil mit
neuen Formen entwickeln sollte, in diesen Formen nichts
Unberechtigtes sehen. Denn die Beobachtung der Vergangen
heit könne uns lehren, daß jede Zeitepoche ihren eigenen
Stil gehabt habe. Darum könne wohl auch unsere Zeit
ihren eigenen Stil haben* . . . j
Gegen solche Ideen ist rein theoretisch nichts einzuwenden.
So lange man die Wahrheit in ihrem Kernpunkte auffaßte,
daß, wenn ein neuer Sinn aufträte, eine neue Form diesen
ausdrücken müßte, weil die Form nämlich immer der wahr
haftige Ausdruck des dem Dinge innewohnenden Sinnes
Wff können aber mit einem Schlagwort wie dem /„ge
führten nicht wie mit der Elle messen. Wenn wir dem
seltsamen Werden der Kultur vermittelst des Intellekts
in seine Geheimnisse dringen wollen, so müssen wir das
mit weit größerem Scharfsinn anstellen, als das so heute
mit beliebter Oberflächlichkeit geschieht, die die Sache rasch
mit dem Modeschlagwort abmacht. Nicht allein, daß ma
mit allen programmäßig gezüchteten Zukunftskunstformen
selten die Wege des natürlichen Wachstums einschlagt
auch die Theorien leiden meist an einer Krampfhaftigkeit,
die sie bis zur Wertlosigkeit herunterbringt.
Der große Denkfehler, den jene Neuerer a tout prix gemacht
haben, war der, daß sie einen Analogieschluß auf die Ver
gangenheit zu ziehen glaubten, als sie den Satz au/ 2 //-
Jede Epoche der Vergangenheit hat ihren eigenen s ti! gehabt,
deswegen dürfen wir nicht in den uberkommenden Formen
weiterichaffen. Denn sie sind nicht unsere Formen.
Dieser Satz ist falsch gestellt. Es ist nämlich durchaus nicht
richtig, daß alle Zeiten immer wieder ganz andere Formen
gehabt haben. Ganz sicher hatte jede Epoche ihre charak-
teristischen Stilformen, besonders in der schwankenden
Mode der höfischen Luxuskunst, und am ausgesprochenste
im Ornament; außerdem aber gab es immer noch GRUND
FORMEN menschlich-künstlerischer Gestaltung, die zahi-
reichen Epochen hintereinander GEMEINSAM waren und
deren Veränderungen jedenfalls nur ganz langsam vor sich
Düf Jünger dieser Richtung reden immer von Stil, Stil und
wieder Stil. Und wenn man dann recht aufs Gewissen fragt,,
dann entdeckt man, daß sie regelmäßig dabei nur an die.
ornamentalen Schmuckformen denken, die auf den großen.
Bauformen daraufsitzen. \
Will man denn gar nicht endlich zur Einsicht komme
daß es neben diesen Schmuckformen der Stile, die etwa denA
Blüten vergleichbar sind, noch etwas Stabileres gibt das
gleichsam len Unterbau zu allem Verastel dar stellt, du,
starken Wurzeln und den Stamm, der das bewegte Spie,
ML S bl\Tch“ Ch dle m Entw|klung des mens d ch h c h en ^ ses -
im Norden. Neben dem Renaissancebaus, dem Barockhaus
dem Rokokohaus und dem Empirehaus — g lbt «s/mme*
SS^ich Ä'rasS^n Ja£ ändert, sondern da, j
Diese k s aU Haus ^u^ätas sehr Merkwürdiges sein meht |
Tausenden von Exemplaren sieht es doch ke . |
Wenigstens keiner von unseren Gebildeten. Und weil er j
es nicht sieht! stolpert er hie und da über e,ns, und dann ?
llut er es irgerlict »breiBen. Und auf dte ™*w'U-dg i
Idee auf dieses Urhaus hinzuweisen, wenn es gilt, den
Entwicklungsgang unserer Bauformen historisch darzu- i
stellen, ist noch keiner gekommen. Wenigstens keiner von,
Es" i?t U das schlichte deutsche Haus. Es hat auch noch einen- 1
kleinen Bruder. Das ist das Bauernhaus. Aber auch dem ist
es bisher nicht besser gegangen. Es ist überhaupt nur dan
GESEHEN worden, wenn es sein bescheidenes Dasein mit <
irgend einem Ornament, einer Holzschnitzerei oder was
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