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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Wiimtraeen und doch ganz genau wissen, daß es Unsinn, 
ia gefahrbringend wäre, einen Augenblick nur die Kontrol e 
darüber, auf welchem Standpunkte wir heute stehen, und das 
Bewußtsein davon, was die Stunde fordert, zu verlieren. 
Und das, was die Stunde fordert, ist etwas ganz anderes. 
Noch ist die Menschheit nicht zu den Hohen ethischer Ent^ 
Wicklung gestiegen, daß Menschen friedlich neben Menschen 
hausen lönnten. Noch ist die Raubtiernatur nicht «ber. 
wunden, die stets bereit ist, dem ermüdenden Gegner auf 
den Nacken zu springen. Ja, noch ist auch der Wille des 
Lebens im Menschen noch nicht geläutert genug um dieses 
Anneitschens zum Wettlauf entbehren zu können. Noch 
steht seine Existenzfrage auf dieser Raubtiernatur. Noch ist 
Deutschland ein von Waffen umstarrtes, in Waffen starren 
des Land, das seine Brotmagazine und seine Pkischkammer 
nicht leer werden lassen darf; noch muß es wie ein jedes 
andere Land eine kleine Welt für sich bilden und kann 
noch nicht teilnehmen an den Segnungen einer leichten 
Arbeitsteilung nach großen, weisen Gesichtspunkten. 
Und doch können wir wohl auch hierin unsere Hoffnung 
getrost für die fernste Zukunft auf das setzen, was wir 
Menschheitsentwicklung nennen. Diese großen Erziehungs^ 
Resultate treten, betrachtet man’s recht bei Lichte, doch 
immer noch in überschaubaren Epochen ein. Man mußte 
jedes Kulturbild, wie es uns historische Forschung rekon 
struiert, leugnen, wollte man nicht sehen, daß vom Mittel 
alter bis heut gerade auf diesem Gebiet ein mächtiger 
Menschheitsentwicklungsschritt getan ist. 
Gewiß, wir haben in diesem wirren aufgeregten AlA. J anr 
hundert viel, viel verloren. Aber noch können wir es 
wieder gewinnen. Und es hieße direkt: Nicht sehen wollen, 
daß es g AUCH ETWAS bedeutet, daß der Andersgläubige 
nicht mehr gefoltert, daß die Hexe nicht mehr verbrannt, 
der Kranke nicht mehr mit Aberglauben gequält, der Ein 
same nicht mehr beraubt, der Freie nicht mehr zum 
SkTaven gemacht wird, der Hilflose, nicht «lehr sAutzlos 
ist Gewiß — auch hier spukt noch ein gemessenes Hautlein 
Mittelalter in uns. Aber der Weg hat die Menschheit 
doch schon erkennbar hinaufgeführt, und er wird sie weiter- 
Ziehen wir die Moral aus dem Gesagten, so ist danach wohl 
zuzugeben, daß die Höherentwicklung der Menschheit uns 
tatsächlich in fernen „Zeiten einmal Verhältnisse bringen 
KANN, die so wenig Ähnlichkeit mit dem heut Bestehenden 
und uns ans Herz Gewachsenen haben F 10 ? 21 ^’ j^Lschaft 
uns keinen Bauernstand und keine große Landwirtschaft 
mehr gäbe, sondern in denen nur der einzelne im Privat 
leben wieder soweit zur uralten Form des Ackerbaues zuruck- 
kehrt, als die Verheißung des dort zu erntenden mensch 
lichen Glückes ihn dazu triebe. . < 
Daß dann natürlich die Form der Dörfer antiquarisch ge 
worden wäre, ist selbstverständlich. 
Aber man sollte doch das Fell des Baren nicht früher ver 
kaufen, als man ihn hat. , -i i* 
Und mir scheint, daß das augenblicklich in Deutschland 
recht reichlich geschieht. „ 
Ich nehme hier ein gewisses Gebiet, das mir am nächsten 
liegt, heraus, um an ihm die Erscheinung naher zu be 
schreiben: die Kunst. t- j ~ 
Seitdem bei uns eine beachtete Literatur über die Forderung 
von Zukunftsformen entstanden ist, ist auch gleich die 
Kehrseite einer jeden neuen Erkenntnis da: die Narren der 
neusten Mode. Es entzieht sich meiner Beurteilung, ob dies 
auch der Fall ist auf den Gebieten, die die Frage vom rem 
sozialen Standpunkt aus behandeln. 
Auf dem Gebiet mit künstlerischen Gesichtspunkten fangen 
aber die Symptome bereits an, bedenklich zu we ™5£* 
Wenn man der Wahrhaftigkeit der Ausspruche unserer Mit 
menschen immer ganz glauben wollte, so fntißten wir uns 
heute in einem Lande der Zukunftsdeuter befinden. Einig 
Sucher auf dem Gebiete der Kunsterkenntnis waren zum 1 eil 
auf empirischem, zum Teil auf rein spekulativem ege zu 
dem Satze gelangt, man dürfe, falls sich ein neuer Stil mit 
neuen Formen entwickeln sollte, in diesen Formen nichts 
Unberechtigtes sehen. Denn die Beobachtung der Vergangen 
heit könne uns lehren, daß jede Zeitepoche ihren eigenen 
Stil gehabt habe. Darum könne wohl auch unsere Zeit 
ihren eigenen Stil haben* . . . j 
Gegen solche Ideen ist rein theoretisch nichts einzuwenden. 
So lange man die Wahrheit in ihrem Kernpunkte auffaßte, 
daß, wenn ein neuer Sinn aufträte, eine neue Form diesen 
ausdrücken müßte, weil die Form nämlich immer der wahr 
haftige Ausdruck des dem Dinge innewohnenden Sinnes 
Wff können aber mit einem Schlagwort wie dem /„ge 
führten nicht wie mit der Elle messen. Wenn wir dem 
seltsamen Werden der Kultur vermittelst des Intellekts 
in seine Geheimnisse dringen wollen, so müssen wir das 
mit weit größerem Scharfsinn anstellen, als das so heute 
mit beliebter Oberflächlichkeit geschieht, die die Sache rasch 
mit dem Modeschlagwort abmacht. Nicht allein, daß ma 
mit allen programmäßig gezüchteten Zukunftskunstformen 
selten die Wege des natürlichen Wachstums einschlagt 
auch die Theorien leiden meist an einer Krampfhaftigkeit, 
die sie bis zur Wertlosigkeit herunterbringt. 
Der große Denkfehler, den jene Neuerer a tout prix gemacht 
haben, war der, daß sie einen Analogieschluß auf die Ver 
gangenheit zu ziehen glaubten, als sie den Satz au/ 2 //- 
Jede Epoche der Vergangenheit hat ihren eigenen s ti! gehabt, 
deswegen dürfen wir nicht in den uberkommenden Formen 
weiterichaffen. Denn sie sind nicht unsere Formen. 
Dieser Satz ist falsch gestellt. Es ist nämlich durchaus nicht 
richtig, daß alle Zeiten immer wieder ganz andere Formen 
gehabt haben. Ganz sicher hatte jede Epoche ihre charak- 
teristischen Stilformen, besonders in der schwankenden 
Mode der höfischen Luxuskunst, und am ausgesprochenste 
im Ornament; außerdem aber gab es immer noch GRUND 
FORMEN menschlich-künstlerischer Gestaltung, die zahi- 
reichen Epochen hintereinander GEMEINSAM waren und 
deren Veränderungen jedenfalls nur ganz langsam vor sich 
Düf Jünger dieser Richtung reden immer von Stil, Stil und 
wieder Stil. Und wenn man dann recht aufs Gewissen fragt,, 
dann entdeckt man, daß sie regelmäßig dabei nur an die. 
ornamentalen Schmuckformen denken, die auf den großen. 
Bauformen daraufsitzen. \ 
Will man denn gar nicht endlich zur Einsicht komme 
daß es neben diesen Schmuckformen der Stile, die etwa denA 
Blüten vergleichbar sind, noch etwas Stabileres gibt das 
gleichsam len Unterbau zu allem Verastel dar stellt, du, 
starken Wurzeln und den Stamm, der das bewegte Spie, 
ML S bl\Tch“ Ch dle m Entw|klung des mens d ch h c h en ^ ses - 
im Norden. Neben dem Renaissancebaus, dem Barockhaus 
dem Rokokohaus und dem Empirehaus — g lbt «s/mme* 
SS^ich Ä'rasS^n Ja£ ändert, sondern da, j 
Diese k s aU Haus ^u^ätas sehr Merkwürdiges sein meht | 
Tausenden von Exemplaren sieht es doch ke . | 
Wenigstens keiner von unseren Gebildeten. Und weil er j 
es nicht sieht! stolpert er hie und da über e,ns, und dann ? 
llut er es irgerlict »breiBen. Und auf dte ™*w'U-dg i 
Idee auf dieses Urhaus hinzuweisen, wenn es gilt, den 
Entwicklungsgang unserer Bauformen historisch darzu- i 
stellen, ist noch keiner gekommen. Wenigstens keiner von, 
Es" i?t U das schlichte deutsche Haus. Es hat auch noch einen- 1 
kleinen Bruder. Das ist das Bauernhaus. Aber auch dem ist 
es bisher nicht besser gegangen. Es ist überhaupt nur dan 
GESEHEN worden, wenn es sein bescheidenes Dasein mit < 
irgend einem Ornament, einer Holzschnitzerei oder was 
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