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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Welt, muß er zittern und tönen; man muß es an ihm merken 
können. Immer soll, unter dem Vorwände der verschiedenen 
Fächer, vom Leben die Rede sein. Wie schön war es, als 
einmal ein Bergmann kam, ein gewöhnlicher Bergmann, 
der schlicht und schwer von seinen schwarzen Tagen er-- 
zählte; und wie für ihn, so steht der Lehrersessel für jeden 
da, der etwas erfahren hat: für den Reisenden, der von 
fremden Gegenden erzählt, für den Mann, der Maschinen 
baut, und vor allem für den Schlichtesten unter den Wissen^ 
den, den Handwerker mit den klugen, vorsichtigen Händen. 
Denk, wenn einmal ein Zimmermann käme! Oder ein 
Uhrmacher oder gar ein Orgelbauer! Und sie können jeden 
Augenblick kommen. Denn ganz leise nur, ohne Last, liegt 
das Netz des Stundenplanes über den Tagen. Es wird oft 
verschoben. Die Wochen gehen einem nicht mit der mono' 
tonen Eile eines Rosenkranzes durch die Finger. Jeder Tag 
fängt an als etwas Neues und bringt unerwartete und er^ 
wartete und völlig überraschende Dinge. Und für alles ist 
Zeit. Die Frühstückspause ist so lang, daß man den Tisch 
abräumen und mit hellem Wachstuch decken kann. Blumen 
werden in der Mitte daraufgestellt, Butterbrotteller und 
Gläser und Becher mit Milch; und dann sitzt es rund herum 
und ißt und träumt, lacht und erzählt und sieht wie eine 
Geburtstagsgesellschaft aus. 
Es ist Zeit und Raum in dieser Schule. Um jedes dieser 
kleinen, blonden Geschöpfe ist Raum. Wie ein Haus mit 
Garten ist jedes. Es ist nicht eingerammt zwischen seine 
Nachbarn. Es hat etwas um sich herum, etwas Lichtes, 
Freies, Blühendes. Es soll auch nicht gerade so wie seine 
Nachbarn aussehen; im Gegenteil: es soll so von Herzen 
verschieden sein, so aufrichtig anders, so wahr wie nur 
irgend möglich. 
Es war konsequent und mutig, diesen Kindern keinen Re^ 
ligionsunterricht im herkömmlichen Sinne aufzuerlegen. 
Eine autoritative Beeinflussung an dieser empfindlichsten 
Stelle inneren Eigenlebens hätte alles Gerechte und Mensch^ 
liehe, das hier versucht worden ist, wieder aufgewogen. Man 
hat sich entschlossen, die biblischen Stoffe nach den reinsten, 
absichtlosesten Quellen als Historie vorzutragen, und man 
will nach und nach dazu kommen, Religion nicht eim oder 
zweimal in der Woche zu geben, nicht heute von neun bis 
zehn, sondern immer, täglich, mit jedem Gegenstände, in 
jeder Stunde. Die Menschen, die diese Schule am meisten 
lieben, haben nach Tagen und nach Nächten, im ganzen 
Bewußtsein ihrer Verantwortung, diesen Beschluß gefaßt. 
Nun muß man Vertrauen zu ihnen haben. Kinder und 
Eltern. Denn diese Bedeutung scheint mir leise in dem 
Namen Samskola mitzuklingen: Gemeinschule, Schule für 
Knaben und Mädchen, aber auch: Schule für Kinder und 
Eltern und Lehrer. Da ist keiner über dem andern; alle 
sind gleich und alle Anfänger. Und was gemeinsam gelernt 
werden soll, ist: die Zukunft." 
Es ist klar zu sehen, wo man wieder anfangen muß. Beim 
Anfang. Mancher berühmt sich wohl und denkt, wie herr-- 
lieh weit wir es doch gebracht haben. Die Samskola ist ein 
lehrhaftes Beispiel, daß alle Schulerfahrungen geradesoviel 
wert sind, um mit allen Konventionen, den „Bazillen alter, 
verschleppter Schulseuchen“ und allen üblichen Einrich 
tungen, zu denen auch jene „hochnotpeinlichen Unter 
suchungen und Verhöre, die man Prüfungen nennt, und die 
damit zusammenhängenden Zeugnisse" gehören, gründlich 
aufzuräumen und von vorne anzufangen. 
Aber ich denke gar nicht daran, daß solches bei uns möglich 
ist. Vielleicht durch private Mittel und auf Grundlage einer 
sozialen Bildung, die in den Settlements am Bau ist. 
KUNSTKLEMPNEREI. 
VON FRED HOOD. 
unstklempnerei!“ — das Wort dürfte selbst denen, 
welche mit den kunstgewerblichen Bestrebungen 
unserer Zeit wohlvertraut sind, nicht geläufig sein. 
Künstler und Kunstfreunde haben der Klempnerei 
nicht das Interesse zugewandt, welches sie wohl verdient hätte; 
sie haben fast all ihre Liebe für die künstlerischen Werke der 
Innendekoration ausgegeben. Aber die Klempnerei ist einer 
künstlerischen Durchbildung durchaus fähig, und sie würde 
sich, dank ihrer ausgezeichneten technischen Mittel, ebenso 
hervorragend wie die Schmiedekunst entwickeln, wenn man 
ihr nur etwas mehr Gunst beweisen wollte. Man braucht 
nur die letzten Jahrgänge der Kunst- und Kunstgewerbe- 
Zeitschriften zu durchblättern, um sich zu überzeugen, daß 
man während der großen kunstgewerblichen Bewegung der 
letzten Jahre den Arbeiten des Klempners auch nicht das 
geringste Interesse zugewandt hat. 
Es ist wenig Aussicht vorhanden, daß die aus Blech ge 
fertigten, meist untergeordneten Geräte für den Haushalt 
jemals gefälligere Formen erhalten werden, weil diese äußerst 
wohlfeilen Gegenstände fast nur noch auf maschinellem 
Wege durch äußerst sinnreiche und vollkommene Blech 
bearbeitungsmaschinen gefertigt werden. Der tägliche Ge 
brauch hat diesen Gegenständen die praktische Form ge 
geben, und es fehlt offenbar an einem Publikum, das auf 
die Durchbildung oder Dekoration dieser Geräte irgend 
welchen Wert legt. Gegenstände aber, welche immer wieder 
in ganz bestimmten bequemen Formen verlangt werden, 
eignen sich vortrefflich zur fabriksmäßigen Herstellung durch 
Maschinen, und so haben auch die Fabriken dem Klempner 
fast die ganze Gefäßfabrikation aus den Händen genommen. 
Dieser bezieht selbst, wie jeder Kaufmann, die Büchsen, 
Kaffeekannen, Dosen etc., um den Ansprüchen seiner Kunden 
zu genügen, fertig aus der Fabrik. Manche reicher aus 
gestatteten Stücke, namentlich aus Kupferblech, werden wohl 
noch bisweilen durch den Klempner gefertigt; aber solche 
Aufträge sind doch nur vereinzelt und ohne großen Einfluß 
auf die künstlerische Durchbildung der Hausgeräte. Wir dürfen 
nicht vergessen, daß jedes edlere Stück des Haushaltes in Silber 
getrieben oder in Bronze gegossen wird. So mag es begreiflich 
erscheinen, daß eigentlich nur die Bauklempnerei eine künst 
lerische Entwicklung durchgemacht hat; aber auch im Bau 
wesen wird sie mehr als stiefmütterlich behandelt. 
Wenn wir uns die mit Zink oder Kupfer eingedeckten 
Dachaufbauten, die Rinnen, Gesimsbekleidungen, Regen 
abfallrohre u. dgl. an modernen Häusern betrachten, so 
finden wir, daß in den meisten Fällen nicht einmal der 
Versuch zu einer künstlerischen Durchbildung gemacht ist, 
daß man sich mit der Anwendung der nüchternen Formen, 
wie sie die Konstruktion ergibt, begnügt hat. Und doch sind 
diese Formen meist in der Architektur so störend, daß man 
sie zu verdecken oder durch Anstriche unkenntlich zu 
machen sucht. So legt man z. B. die Regenabfallrohre, 
welchen man in ganz mechanischer Weise stets die kreis 
runde Form gibt, in Mauerschlitze, damit sie nur ja nicht 
vor die Front vortreten und die Wirkung der Fassade 
herabdrücken. Welch törichtes Bemühen, einen wichtigen 
Konstruktionsteil, der schon aus praktischen Gründen frei 
liegen muß, den Augen entziehen zu wollen! Das Abführen 
des Regens vom Dache nach den unter Terrain liegenden 
Rohrleitungen bildet eine zu wichtige Funktion dieses an 
der Front des Hauses liegenden Organs, als daß man so 
gleichgültig darüber Weggehen sollte. Einige wenige Archi- 
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