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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Bauerngarten  an  der  Stadtmauer  von  Weißenkirchen.

Gemälde  von  J.  E.  Schindler.

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Beete  schmückten.  Die  lange,  gegen  Mittag  gerichtete  Mauer
war  zu  wohlgezogenen  Spalierpfirsichbäumen  benützt,  von
denen  uns  die  verbotenen  Früchte  den  Sommer  über  gar
appetitlich  entgegenreiften.  In  diesem  friedlichen  Revier  fand
man  jeden  Abend  den  Großvater,  mit  behaglicher  Geschäftige
keit  eigenhändig  die  feinere  Obste  und  Blumenzucht  besorgend,
indes  ein  Gärntner  die  gröbere  Arbeit  verrichtete.  Die  vielfachen
Bemühungen,  welche  nötig  sind,  um  einen  schönen  Nelkene
flor  zu  erhalten  und  zu  vermehren,  ließ  er  sich  niemals  ver^
drießen.  Er  selbst  band  sorgfältig  die  Zweige  der  Pfirsich'
bäume  fächerartig  an  die  Spaliere,  um  ein  reichliches  und
bequemes  Wachstum  der  Früchte  zu  befördern.“
Einzelne  Beispiele  sind  noch  vorhanden,  die  in  einem  etwas
fossilen  Zustand  die  Formen  überliefern,  die  sich  als  Nieder'
schlag  der  feinen  geistigen  Kultur  jener  Tage  offenbaren.
An  Haus  wie  an  Garten  wird  der  ewige  Grundsatz  sichtbar,
der  in  der  Anpassung  an  die  lokalen  Verhältnisse,  an  die
traditionellen  Gewohnheiten  und  an  die  Natur  des  Landes
beruht.  Ein  gewisser  und  zwar  ganz  bewußter  Gegensatz
zur  umliegenden  landschaftlichen  Natur  ist  in  den  kleinen
Gärten  festgehalten.  Jeder  naturalistische  Versuch  würde  die
Intimität  ausschließen,  Vergleiche  mit  der  wilden  Natur
hervorrufen  und  zugleich  das  Gefühl  des  Unzulänglichen,
was  den  Aufenthalt  sicherlich  ungemütlich  macht.  Der
Garten  ist  als  organische  Fortsetzung  des  Hauses  gedacht,
denn  ein  Teil  des  Lebens  soll  sich  in  ihm  abspielen.  Man
will  auch  an  feuchten  Tagen  trockenen  Fußes  darin  lust'
wandeln  können,  weshalb  die  ^Vege  mit  Backsteinfliesen
belegt  sind;  selbst  die  Blumenbeete  sind  vielfach  abgemauert,
oder  mit  großen  Kieselsteinen  zierlich  eingefaßt,  oder  auch,
was  man  heute  noch  hie  und  da  findet,  mit  braunen,

zylindrischen  Selterskrügen  abgesteckt.  Das  ist  von  einer
ganz  reizenden  dekorativen  Wirkung.  Überhaupt  sind,
namentlich  bei  unebenem  Terrain,  die  gemauerten  Gärten
besonders  sinngemäß,  und  das  nicht  nur  aus  praktischen
Gründen,  wegen  der  Bewässerung  und  Befestigung  des  Erd'
reiches,  sondern  auch  ganz  erheblich  aus  ästhetischen  Gründen,
die  aus  den  architektonischen  Bedingungen  des  Hausgartens
abzuleiten  sind,  über  die  Schönheit  der  trotz  ebenem  Terrain
gemauerten  Blumengärten  Hollands  ist  keine  Frage  mehr,
und  wer  jemals  den  gemauerten  italienischen  Bauerngärten
einige  Beachtung  geschenkt,  kann  es  bezeugen,  daß  der
praktische  Sinn  der  bäuerlichen  Besitzer  von  einem  instink'
tiven  Schönheitsgefühl  nicht  verlassen  ward.
Die  Ästhetik  solcher  gemauerter  Gärten  kann  man  übrigens
auch  an  den  meisten  Klostergärten  studieren,  und  wem  diese
Gelegenheit  entrückt  ist,  der  mag  immerhin  einen  Blick
auf  BÖCKLINS  Bild  „In  der  Gartenlaube“  werfen,  um
zu  ersehen,  wie  ein  feines  stilistisches  Empfinden  mit
den  einfachsten  Mitteln  die  höchsten  Wirkungen  erzielen
kann.
Etwas  von  diesem  Stilgefühl  lebt  auch  in  den  alten  Haus'
gärten,  die  darum  der  Ausdruck  einer  feinen  geistigen
Kultur  waren.  Ihre  Bestandteile  sind  nicht  Rasen,  Raum
oder  Baumgruppe,  sondern  Blumenbeet,  Laube  und  Hecke.
Diese  allein  stehen  im  richtigen  Verhältnisse  zum  Baum.
Der  schönste  Baum  würde  auf  dem  beengten  Platze  das
traurige  Gefühl  der  Gefangenschaft  erwecken,  sein  köstlicher
Schatten  würde  eine  trübselige  Finsternis  in  die  allzu  nahen
Fenster  werfen  und  auf  dem  Boden,  den  er  bedeckt,  keine
Blumen  gedeihen  lassen;  aller  Segen  würde  in  einem  solchen
Mißverhältnisse  ins  Gegenteil  verwandelt.  (Fortsetzung.)

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