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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

lUS,

mit  {
was

dergleichen  mehr  ist,  als  berechtigt  erweisen  konnte.  Dann
ist  ihm  hie  und  da  die  Ehre  angetan  worden,  imitiert  zu
werden.  —
Ich  will  von  diesem  Typus  nun  nicht  behaupten,  daß  er
alle  Phasen  einer  Entwicklung  durchlaufen  habe  und  keiner
Erweiterung,  Bereicherung  fähig  sei.  Im  Gegenteil.  Ich  wüßte
nicht,  wozu  all  der  technische  und  wissenschaftliche  Vorstoß
des  XIX.  Jahrhunderts  geschehen  sein  sollte,  wenn  wir  ihn
nicht  anwendeten.
Es  wäre  also  durchaus  nur  zu  erwarten,  daß  wir  all  das,
war  wir  auf  dem  Gebiet  der  Gesundheitslehren,  der  Tedv
nik  etc.  GELERNT  haben,  dem  alten  Besitze  einver^
leibten.  Aber  ein  Weiterentwickeln  ist  doch  nur  dann
möglich,  wenn  man  es  versteht,  den  erworbenen  Schatz
zu  ERHALTEN.  Und  mit  welcher  Ahnungslosigkeit
ist  man  mit  diesem  Erbe  umgegangen;  ja,  es  haben  sich
immer  wieder  Phrasenhelden  gefunden,  die  diesen  Treu^
bruch  an  den  Traditionen  und  die  dafür  eingetauschte  Hilf'
losigkeit  und  Haltlosigkeit  guthießen  und  ihn  zu  gunsten
der  beliebten  Zukunftsformen  ausbeuten  möchten.
Nun  gibt  es  aber  wenig  konservativere  Dinge  als  das
Leben  des  Bauern.  Man  mag  sagen,  was  man  will;  da  wo
der  Bauer  noch  Landmann  ist,  haben  sich  seine  Lebens'
formen  NICHT  so  geändert,  daß  die  überlieferten  Formen
der  Dörfer  für  ihn  eine  formale  Lüge  bedeuteten.  Und  da
die  dörflichen  Bauten  doch  auch  heute  noch  eine  ganz  ge'
waltige  Rolle  spielen,  wäre  es  unsere  Pflicht,  zu  den  ein'
fachen,  schlichten,  aber  doch  eben  schon  so  hoch  entwickelten
GRUNDFORMEN  zurückzukehren.
Ja,  selbst  wenn  der  Bauer  verschwunden  wäre,  hätte  man
allen  Grund,  sein  Erbe,  die  Form  des  Bauernhauses,  nicht
verkommen  zu  lassen.
Denn  der  Schatz,  der  im  Bauernhause  als  Kunstform  nieder'
gelegt  ist,  birgt  die  höchsten  Werte  für  die  Formen  der
menschlichen  Behausung  ÜBERHAUPT.  Denn  es  ist  die
Keimform  des  feinorganisierten  KLEINEN  nordischen
Wohnhauses.
Die  Sehnsucht  unserer  neuen  Generation,  so  weit  sie  unsere
Wohnstätten  angeht,  zielt  auf  die  Wiedergründung  einer
feinen,  stillen,  bürgerlichen  Kultur,  in  der  sie  die  Ruhe  und
das  Behagen  wenigstens  zwischen  ihren  vier  Wänden  findet,
zu  dem  sie  der  Existenzkampf  draußen  sonst  nicht  kommen
läßt.
Aber  je  nach  Stand,  Herkunft,  Besitz  oder  auch  Neigung
teilt  sich  diese  Generation  doch  deutlich  merkbar  in  zwei
Klassen.
Die  eine,  die  mehr  die  wohlhabende,  behäbige  bürger'
liehe  Kultur  ihr  eigen  nennt;  die  andere,  die  eine  be'
scheidenere,  ländlichere  Form  für  sich  erringen  will.  Ich
denke  an  den  sich  überall  mit  Macht  verbreitenden  Trieb,
weit  draußen  vor  der  Stadt,  in  der  Ruhe  des  Waldes,  der
Wiese  und  der  Felder,  Wohnhauskolonien  zu  gründen,
die  auch  den  bescheidensten  Ansprüchen  gerecht  werden
sollten.  Ja,  gerade  von  diesen  scheint  die  Hauptbewegung
auszugehen.
Diese  Kolonieformen  sind  zwar  in  dieser  Ausdehnung  und
Verbreitung  neu.  Aber  auch  diese  Ansiedler  sind  doch  nicht
Heimatlose,  sondern  sie  haben  ihre  Geschichte  und  ihr
Herkommen.
Vornehmheit  ist  die  Treue  gegen  die  Tugenden  der  Vor'
fahren.  Was  liegt  also  näher,  als  daß  sie  die  in  Holz  und
Stein  gebrachten  Tugenden  ihrer  Ahnen,  die  Formen  des
deutschen  Bauernhauses,  in  Ehren  halten  und  sie  für  ihre
Wohnstätten  übernehmen?
Niemand,  der  mir  bis  hieher  mit  Aufmerksamkeit  gefolgt
ist,  wird  auf  die  Idee  kommen,  ich  wollte  ein  unwürdiges
Spielen  mit  Bauernhausimitationen  empfehlen.  Gott  behüte
uns  vor  noch  mehr  solchen  Schweizerhäusern  und  skandina'
vischen  Blockhäusern,  wie  sie  neulich  —  ich  weiß  nicht,  ob
augenblicklich  noch  —  Mode  waren.  Sondern  es  handelt  sich
um  das  Weiterführen  und  Anpassen,  genau  wie  es  Brauch
die  Jahrhunderte  hindurch  war.

EINE  EINFACHE  BÜRGERLICHE
WOHNUNG.
A  uch  die  kleinbürgerliche  Wohnung  und  die  Arbeiter'
/\  wohnung  kann  ein  Schmuckkästchen  sein,  was  Ge'
h—\  schmack,  Nettigkeit  und  Ordnung  betrifft,  ein  trauter
X  Raum,  in  dem  man  gerne  verweilt,  der  nicht  nur  be'
wohnbar,  sondern  auch  wohnlich  ist  und  dem  Kneipem  und
Tingltanglwesen  wirksam  entgegenarbeitet.  Der  Andrang  in
Kneipen  und  Tingltangln,  die  rohe  Duzbrüderschaft  lassen  unfehlbar ­
  auf  ein  zerrüttetes  Hauswesen  schließen.
Ein  Begriff  beherrscht  die  Anschauungen  aller  Klassen,  der
die  Lebens'  und  Wohnverhältnisse  bis  in  die  tiefsten  Schichten
der  arbeitenden  Bevölkerung  herab  vergiftet  hat,  der  Begriff:
Luxus.  Luxus  als  das  schlechthin  Überflüssige  und  darum
eigentlich  Schädliche.  Das  Wort  und  die  Sache,  die  es  deckt,
kam  eigentlich  dadurch  auf,  daß  eine  reiche  Lebenshaltung
auf  Kreise  übertragen  wurde,  die  keine  Bedürfnisse  in  dem
angemessenen  Maße  besaßen,  und  die  sich  der  übernommenen
Dinge  nur  bedienten,  den  Anschein  von  Vornehmheit  und
Größe  zu  erwecken.  Die  Sache  ward  Mode,  und  wer  sich
nicht  mit  kostbaren  Dingen  umgeben  konnte,  begnügte  sich
mit  billigem  Kleinkram  und  den  rohen,  effekthaschenden
Zieraten,  die  man  sogar  an  der  erbärmlichen  Trödelware
entdecken  kann.  Dieser  uneigentliche  „Luxus“,  der  in  den
meisten  Fällen  nur  über  die  wahre  Armseligkeit  und  Ode
vieler  Heimwesen  hinwegtäuschen  sollte,  brachte  die  gesunde
Anschauung,  die  auf  das  rein  Zweckliche  ausgeht  und  in
deren  Erfüllung  alle  Schönheitsmöglichkeiten  liegen,  zum
Verfall.  Die  ganze  moderne  Bewegung  bezweckt  letztenendes
die  Wiedererweckung  dieses  gesunden  Grundsatzes.
Nun  bilden  die  erfreulichen  Bildungsbestrebungen  der  mo'
dernen  intelligenten  Arbeiterschaft  freilich  die  sicherste  Gewä.hr
dafür,  daß  sich  der  Ausbau  einer  inneren  Kultur  allmählich
vollzieht,  der  sich  denn  auch  nach  außen  hin  in  höheren
Geschmacksanforderungen  da  und  dort  geltend  macht.  Wir
haben  ja  schon  einen  ziemlich  großen  Stand  vorgeschrittener
Kunsthandwerker,  die  berufen  wären,  voranzugehen  mit  der
Wahrmachung  des  Kulturgedankens.  Im  allgemeinen  aber
sieht  es  noch  ziemlich  schlimm  aus.
Man  kehrt  beim  Kleinbürger  ein,  bei  den  mittleren  Ständen
oder  bei  jenen  besseren  Handwerksleuten,  die  Anspruch  auf
ein  geordnetes  Hauswesen  machen.  Bei  Leuten,  die  sich  neu
eingerichtet  haben.  Es  ist  fast  überall  das  gleiche  Bild.  Kalt
und  hart  stehen  ein  paar  Möbelstücke  im  Raum;  fabriks'
mäßig  schleuderhaft  gearbeitete,  vom  Händler  um  schweres
Geld  gelieferte  Betten,  Tische  und  Stühle,  in  diesem  oder
jenem  Stil,  neuestens  gibt  es  auch  solche  im  „Sezessionsstile“.
Der  Stolz  der  Leute  hängt  an  ihnen,  sie  sitzen  in  der  Küche,
um  das  einzige  schöne  Zimmer  zu  schonen  und  lauschen
am  Abend  ängstlich  auf  das  mörderische  Krachen  des  zer'

Aus  einer
einfachen
Wohnung.

':r  R
I  ,

Von  Arch.
Prof.Joseph
Hoffmann.
            
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