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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Das  Arbeitskabinett  des  Fürsten  Metternich.  Nach  einer  Lithographie,  Herrn  Dr.  Aug.  Heymann  gehörig.

wäre.  Sie  bedeutet  einen  Abschluß.  Die  Revolution  hat  sie
samt  dem  ganzen  absolutistischen  Königtum  hinweggefegt.
Ein  strammer  militärischer  Zug  geht  durch  die  nächsten
Jahrzehnte.  Der  kaiserliche  Stil  trägt  den  Bedürfnissen  der
Zeit  Rechnung,  aber  Empire  ist  noch  sehr  aristokratisch.  Mit
dem  Glanz  der  Napoleonzeit  verschwand  auch  der  Empire^
Stil;  aus  dem  Kosmopolitismus  und  seinem  politischen
Katzenjammer  flüchtete  man  ins  alte  romantische  Land,
Uhland,  Eichendorff,  Schubert  weckten  die  schwärmerische
Liebe  zur  Natur,  und  ein  Einschlag  des  ländlichen  Elements,
wohl  auch  schon  damals  der  Einfluß  Englands  in  Modedingen,
führte  zu  den  biderben,  quadratischen  und  zylindrischen
Formen  des  Biedermeier-Möbels,  an  dem  Reminiszenzen  aus
dem  Barock-  und  Empirestil  als  dekorative  Details  hängen
blieben.  Das  Bürgertum  schafft  die  Formen,  die  es  braucht.
Es  will  nicht  glänzen,  nicht  präsentieren,  sondern  bequem
und  behaglich  leben.  Es  erfüllt  seine  Forderungen  mit  strenger
Sachlichkeit  und  zugleich  mit  einem  Erfindungsreichtum,  der
erstaunlich  ist.  Unsere  Möbeltypen  wurden  damals  geschaffen.
Und  es  bewahrt  meistens  eine  Feinsinnigkeit,  von  der  wir
uns  nicht  immer  einen  richtigen  Begriff  gebildet  haben.  Es
ist  die  Zeit  Adalbert  Stifters.  Er  ist  der  vollgültige  Repräsentant ­
  seiner  Zeit.  Biedermeier  im  besten  Sinne.  Er  erschließt ­
  uns  die  Interieurs  seiner  Zeit  und  die  Interieurs
seiner  Traumwelt  und  läßt  uns  alles  miterleben,  was  wir  beim
Betreten  eines  Altwiener  Raumes  heute  noch  nachzuempfinden
vermögen.  Alle  Räume  dieser  Art  sind  schwer  zugänglicher
Privatbesitz,  nur  mehr  spärlich  in  Vollständigkeit  erhalten,
meistens  als  Trödelgut  verschleudert,  da  und  dort  ein  Stück.
DIE  MUSEEN,  DIE  IM  BANNE  DER  KUNSTGESCHICHTE ­

  STEHEN,  HIELTEN  SICH  ZU  VORNEHM,
DIESE  DINGE  ZU  SAMMELN,  UND  AUCH  DIE  LEBENSART ­
  UNSERER  GROSSELTERN  ZU  ZEIGEN.
Nun  wird  die  Frage  laut,  was  wir  mit  diesen  verjährten
Dingen,  die  so  freundlich  zu  uns  sprechen,  anfangen  sollen.
Sie  nachahmen?  Das  hieße  ein  altes  Laster,  das  wir  beim
Haupttor  hinaustreiben,  durch  ein  Hinterpförtchen  wieder
hineinlassen  und  den  Zirkel  der  Stilhetze  mit  diesem  letzten
Glied  schließen.  Wie  von  allem  Vergangenen,  trennt  uns
auch  vom  Biedermeier  eine  tiefe  Kluft.  Dennoch  sind  diese
Dinge  wertvoll  durch  das  Beispiel,  das  sie  lehren.  Sie  lehren,
wie  die  Menschen  von  damals  sich’s  bequem  und  gemütlich
nach  ihrer  Art  einrichteten  und  solcherart  zu  Ausdrucksformen ­
  gelangten,  die  organisch  aus  dem  Leben  und  seinen
Forderungen  hervorgegangen  waren,  vielleicht  hie  und  da
ein  bißchen  unbeholfen  und  schwerfällig,  im  ganzen  aber  unbekümmert, ­
  treuherzig  und  bieder.  Sie  lehren,  daß  wir  es
auch  so  machen  müssen.  Der  Lebende  behält  Recht.  Viele
Dinge  sind  konstruktiv  so  vollkommen,  daß  man  sie  fast
unverändert  aufhehmen  könnte,  wenn  nicht  unsere  Zeit  doch
wieder  ihre  eigene  Art  hätte,  sich  auszuprägen.  Was  uns
von  Biedermeier  trennt,  sechzig,  achtzig  Jahre  einer  technischen, ­
  sozialen,  wirtschaftlichen,  künstlerischen  Entwicklung
müssen  durchgreifende  Veränderung  des  Lebensbildes  herbeiführen. ­
  Schämen  wir  uns  der  Gegenwart  nicht.  Während
vor  dem  Hause  das  Automobil,  das  Fahrrad,  die  elektrischen
Bahnen  vorbeirasen,  können  wir  im  Innern  des  Hauses,  wo
wir  alle  technischen  Vorteile  auszunützen  suchen,  vom  Telephon ­
  bis  zu  den  elektrischen  Glühkörpern,  nicht  den  historischen ­
  Biedermeier  spielen.  Das  hieße,  da  wir  uns  eben  alt-147

            
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