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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

KÜNSTLERISCHE KONKURRENZEN. 
EIN VORSCHLAG. 
un hat in Wien wieder einmal eine große künst^ 
lerische Preisausschreibung eine arge Enttäuschung 
gebracht. Für den Bau der Niederösterr. Handels^ und 
Gewerbekammer war ein Wettbewerb ausgeschrieben, 
und trotz einiger bemerkenswerten Arbeiten sind ein paar 
künstlerisch indifferente Entwürfe prämiiert worden. Daß 
die Niederösterr. Handels^ und Gewerbekammer nicht den 
Beruf verspürt, das TALENT gelten zu lassen, ist durch 
ihren Jahresbericht unseren Lesern bekannt geworden. Eine 
Institution, die laut Bericht fabriksmäßige Schundware für 
moderne Kunst und die moderne Kunst für Schund hält, 
weiß von vornherein, daß sie keinem modernen Künstler 
einen Auftrag geben wird. Warum werden also die Künstler 
bemüht und zu der ungeheuren Arbeitsvergeudung, die in 
jeder allgemeinen Konkurrenz liegt, verleitet? Daß sich trotz' 
dem eine verhältnismäßig große Zahl von Künstlern dazu bereit 
fand, erklärt sich aus dem Umstand, daß der Jury zum Teil 
Fachleute und Künstler angehörten, deren Objektivität nicht 
in Frage steht. Um so fragwürdiger ist das Juryergebnis, das 
dem kunstfeindlichen Hausgeist recht zu geben scheint. 
Das ist der Punkt, wo das Interesse der Kunst, deren 
Wahrung die eigentliche Aufgabe der Jury sein soll, dem 
herrschenden Konkurrenzenunwesen gegenüber betont und 
verteidigt werden muß. Werden Konkurrenzen ausgeschrieben, 
damit die Mittelmäßigkeit triumphiere, die auch ohne den 
umständlichen Apparat eines öffentlichen Wettbewerbs ge' 
funden wird, oder werden Konkurrenzen ausgeschrieben, 
damit Talente ans Tageslicht gebracht und nach Verdienst 
ausgezeichnet werden? Gehört eine Konkurrenz, die nicht 
das letztere Ziel, die Auslösung des Talentes, unbeirrt im 
Auge behält, nicht in das Gebiet des groben Unfugs? Können 
in einer Konkurrenz jemals vollkommen „baureife" Projekte 
erwartet werden, und ist es nicht selbstverständlich, daß 
abzustellende Mängel der Projekte nicht als Ausschließungs' 
grund zu betrachten, sondern einer nachträglichen Berich' 
tigung auf Grund späterer Beratungen mit dem Bauherrn 
anheimzugeben sind? Ist es also nicht selbstverständlich, daß 
ein Wettbewerb nichts anderes als eine Ideenkonkurrenz 
darstellt, in der die höchste künstlerische Qualität den Sieg 
entscheidet? Bedeutet es nicht eine Schädigung der Kunst' 
interessen und eine Kränkung der Künstler, wenn die 
Mittelmäßigkeit im öffentlichen Wettbewerb höher gestellt 
wird als die künstlerisch hochqualifizierte Leistung, und ist 
anderseits nicht jeder wahrhaft künstlerisch Denkende taktvoll 
genug, der höheren Leistung den Vorzug zu gönnen? Diese 
Fragen sind natürlich auf das beste erledigt — in der Theorie. 
Aber wie sieht es in der Praxis aus? 
Konkurrenzen, in deren Verlauf die Kunst skandalisiert wird, 
gehören zu den Alltagserscheinungen und haben eine Flut 
von Besserungsvorschlägen gezeitigt, die sich augenscheinlich 
nicht bewährt haben. Die Erfahrung hat gezeigt, daß allen 
versuchten Arten empfindliche Mängel anhaften, den großen 
Wettbewerben, wie den kleinen, den allgemeinen wie den 
beschränkten, ungeachtet aller möglichen versuchten Jury' 
Zusammensetzungen. 
Was ist also zu tun? Die Konkurrenzen abschaffen? Das hieße 
das Kind mit dem Bade verschütten. Ich will in diesem 
Zusammenhang eine Idee mitteilen, die Professor Alfred Roller 
zur Reform des Konkurrenzenwesens gelegentlich einer 
früheren Unterredung vorschlug. 
Warum versucht man es nicht anstatt der vielköpfigen Jury 
einmal mit einer einköpfigen? 
Der Veranstalter einer künstlerischen Preiskonkurrenz bestellt 
einen Künstler, dessen Werke und Kunstanschauungen all' 
gemein bekannt sind, als einzigen Juror. Sein Name wird 
gleichzeitig mit den übrigen Konkurrenzbedingungen ver' 
lautbart und er trägt der Öffentlichkeit gegenüber die Ver' 
antwortung für seine Entscheidung, die für den Veranstalter 
der Konkurenz verbindlich ist. Der Veranstalter drückt durch 
die Wahl des Jurors seine Geschmacksrichtung aus, sagt, ob 
er eine zeitgemäße Arbeit verlange und die Künstler ver' 
mögen im Hinblick auf die Persönlichkeit des Jurors zu 
erkennen, ob sie sich mit Aussicht auf Erfolg an dem 
Wettbewerb beteiligen können oder nicht. Der schwerste 
Fehler der bisherigen Konkurrenzen, die unsinnige Ver' 
geudung künstlerischer Arbeitskraft ist solcherart erheblich 
eingeschränkt. Diese Reform bedeutet gleichzeitig denVersuch, 
mit dem Kompromiß einer aus verschiedenen Künstlerlagern 
zusammengesetzten Jury, daraus die meisten Mißhelligkeiten 
erwachsen und in den seltensten Fällen ein künstlerisch 
wirklich befriedigendes Ergebnis hervorgegangen ist, zu 
brechen, und eine reinliche Scheidung, die die Gegensätze 
auf die Spitze treibt, herbeizuführen. Es ist natürlich voraus' 
Zusehen, daß zunächst dem Akademismus die Mehrzahl der 
Konkurrenzen zufallen wird. Aber was tut’s? Der individuelle 
große Künstler, der bei der Kompromißjury in der Regel 
kein Glück hat, kann keinesfalls weniger als keinen Einfluß 
haben. Kommt aber einmal ein intelligenter Konkurrenz' 
Veranstalter, der durch die geeignete Wahl des richtigen 
Jurors das Verlangen nach echter, moderner Kunst ausdrückt, 
dann wird sicherlich jeweils der größte und individuellste 
Künstler zu Wort kommen. Dem Veranstalter der Kon' 
kurrenz aber ist auf diese Art die Möglichkeit benommen, 
sich, wenn das fertige Werk dem Juryurteil unrecht gibt, 
auf dieses auszureden und sich selbst als Opfer der ent' 
standenen Rechtslage hinzustellen. Er, der Juror und der 
preisgekrönte Künstler sind dann in unzweifelhafter Weise 
der Kritik ausgesetzt und die jetzt beliebte Streiterei, wer 
an dem neuen Unglück die Schuld trage, hat ein Ende. 
Es liegt nun an der Künstlerschaft, ob diesem Reformgedanken 
Geltung verschafft werden soll; unter dem Eindruck des 
jüngsten Konkurrenzskandals ist vorauszusetzen, daß die 
gegebene Anregung auf empfänglichen Boden fallen wird. 
NACH EINEM WORTE LICHTWARKS HANDELT ES 
SICH UM DIE GABE, DAS LEISTUNGSVERMÖGEN 
WERDENDER KRÄFTE ZU ERKENNEN UND IHM 
ENTSPRECHENDE AUFGABEN ZUZUERTEILEN. 
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