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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

KUNSTAUSSTELLUNGEN.
ENGLISCHE  RADIERERKUNST.
ie  englische  Radiererkunst,  die  den  Inhalt  der  gegenwärtigen  Ausstellung ­
  im  Hagenbund  bildet,  und  aus  dem  Besitz  des  Herrn
Gutbier  in  Dresden  stammt,  zeigt,  was  hierzulande  fehlt.  Allerdings  haben
auch  wir  Radiererklubs,  Aquarellistenklubs,  Amateurphotographenklubs, ­
  die  technisch  gewiß  auf  der  Höhe  stehen;  aber  was  leisten  sie  für
die  Kultur  und  für  die  künstlerische  Erziehung?  Welchen  bedeutsamen
Inhalt  haben  ihre  Arbeiten  aufzuweisen?  Inwiefern  verbreiten  sie  die
Kenntnis  der  Heimat  und  ihrer  Kulturwerte,  was  tragen  sie  dazu  bei,
damit  diese  volkstümlichen  Schätze  der  Verkanntheit  entrissen  und  für
das  Schaffen  der  Neuzeit  wieder  fruchtbar  werden?  Daß  hierin  ein  wichtiges ­
  Programm  für  die  genannten  Künstler-  und  Amateurgruppen  vorliegt, ­
  ist  bei  uns  noch  wenig  erkannt.  Ich  habe  wiederholt  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Zukunft  dieser  Kunstbetätigungen  in  der  angedeuteten
Lokalisierung  liegt.  Im  einzelnen  sind  Versuche  gemacht  worden,  die
Schönheiten  alter  Wiener  Stadtteile  in  geschlossenen  Zyklen  festzuhalten.
Wenn  es  sich  aber  einmal  darum  handeln  sollte,  in  einer  Ausstellung  die
volkstümliche  Bauweise  der  verschiedenen  Provinzen  zum  Besten  der
baukünstlerischen  Bildung  und  zur  Verallgemeinerung  des  Architekturverständnisses ­
  mit  den  malerischen  und  den  künstlerischen  Reproduktionsmitteln ­
  darzustellen,  würde  man  keine  nennenswerte  Vorarbeit
auffinden.  Das  ist  bei  den  Engländern  ganz  anders.  Die  haben  mit
ihrem  ausgeprägten  gesunden  Sachlichkeitssinn  das  ganze  Um  und  Auf
ihrer  Kultur  zu  allen  Zeiten  künstlerisch  und  gewissenhaft  gebucht.
Man  erinnere  sich,  daß  der  große  englische  Maler  William  Turner  sein
gewaltiges  Lebenswerk  mit  der  graphischen  Darstellung  der  zahlreichen
englischen  Schlösser,  also  mit  einem  ansehnlichen  Stück  Heimatskunst
im  modernen  Sinne  begonnen  hat.  Dieser  Gedanke  ist  in  jeder  Generation ­
  mit  gleicher  Kraft  lebendig.  Auf  diese  Art  erscheint  es  möglich,
daß  eine  Ausstellung  moderner  englischer  Radiererkunst  zugleich  ein
Spiegelbild  des  englischen  Kulturlebens  ergibt  und  dessen  ganzes  Inventar ­
  enthält,  die  Kirchen,  Schlösser,  Brücken,  Uferwerke,  Denkmäler, ­
  Straßen,  Plätze,  Schiffe,  Docks,  Villen,  Hütten,  Gärten,
Brunnen,  Gartenmauern,  Baugerüste,  Architekturdetails,  Städtebilder, ­
  Towers,  Höfe,  Dächer,  Fenster,  Paläste,  Schwibbogen,
Tunnels,  Häusergruppen,  Interieurs,  Läden,  Werkstätten.  Auch  der
individuelle  künstlerische  Charakter  dieser  Radierung  empfängt  von
den  sachlichen  Grundlagen  eine  besondere  Prägung.  Wenn  der
Radierer  die  charakteristischen  Merkmale  seines  Vorbildes  auf  die
Platte  gebracht  hat,  ist  sein  Werk  fertig,  wie  skizzenhaft  es  auch  ererscheinen
  möge.  Aber  es  ist  wirklich  fertig  und  besitzt  die  malerische ­
  Wirkung,  die  Frische  und  Ursprünglichkeit  einer  unmittelbaren ­
  Impression.
ZWEITE  JAHRESMAPPE  DES  RADIERKLUBS
WIENER  KÜNSTLERINNEN.
12  Originalradierungen,  in  Kommission  bei  ARTARIA  &  COMP.,  Wien,
as  Wesen  der  Heimat  zu  schildern  —  wäre  diese  Heimat  auch  die
Stadt  —  ihre  charakteristischen  Formen  und  die  Eigenart  ihrer
Menschen  aufzuspüren  und  darin  den  Kulturzustand  aufzuzeigen,  das
wäre  ein  wichtiges  künstlerisches  Programm,  das  den  Vereinen  dieser
Art  nebst  der  Gemeinsamkeit  der  Technik  noch  ein  weiteres  wertvolles ­
  künstlerisches  Cachet  aufdrücken  würde.  Das  möchte  ich  gerne
dem  Radierklub  Wiener  Künstlerinnen  empfehlen,  die  ihre  zweite
Jahresmappe  in  Kommission  bei  Artaria  &  Comp.,  Wien,  soeben
herausgegeben  und  den  Freunden  der  Griffelkunst  eine  sehr  angenehme ­
  Überraschung  bereitet.  Die  Blätter  von  Marie  Adler  —
Griechengaßl,  Wien  —  Portal  der  Kirche  Maria  am  Gestade,  Wien  —
sind  bereits  in  dem  angedeuteten  Sinne  Heimatsschilderung,  und
weisen  in  die  Richtung,  die  der  Radierkunst  neue  Freunde  bringen
kann.  An  und  für  sich  schon  ist  der  Radierklub  eine  sehr  erfreuliche
Erscheinung,  der  seinen  Mitgliedern  für  einen  Jahresbeitrag  von
50  Kronen  eine  stattliche  Jahresmappe  mit  zwölf,  von  den  Künstlerinnen
selbst  hergestellten  Drucken  der  Originalradierungen  liefert.  Mitglied
kann  jeder  werden,  der  diesen  Jahresbeitrag  leistet.  Die  beschränkte
Auflage  erhöht  natürlich  den  Originalwert.  Auf  den  geringen  Preis
und  auf  die  gediegene  künstlerische  Qualität,  die  dafür  zu  haben  ist,
wird  sehr  empfehlend  hingewiesen.  Die  Statuten  sind  im  Radierklub,
Wien,  I.  Weihburggasse  Nr.  9  erhältlich.

BÜCHER,  DIE  MAN  LESEN  SOLL.
ARCHITEKTURSKIZZEN,  herausgegeben  von  PROF.  H.  BILLING,
in  Mappe,  10  Mark.  Verlag  von  JULIUS  HOFFMANN,  STUTTGART,
it  aufrichtiger  Genugtuung  sind  die  von  Professor  H.  Billing
herausgegebenen  Architekturskizzen  zu  begrüßen,  die  die  Poesie
einfacher  großer  Mauerflächen  und  die  Gestaltung,  die  der  deutschen
Erde  auf  Grund  der  bodenwüchsigen  Kultur  frommt,  veranschaulichen.
Diese  Sammlung  ist  künstlerisch  von  um  so  größeren  erziehlichen
Wert,  als  sie  den  von  Professor  Billing  in  seinen  Vorträgen  betonten
inneren  Zusammenhang  der  Architektur,  Malerei  und  der  Plastik,  mit
einem  Wort  das  Wesen  der  RAUMKUNST  und  ihre  Beziehung  zur
Landschaft  an  den  Skizzen  seiner  Schüler,  die  Maler  und  Bildhauer
sind,  sichtbar  macht.  Dieser  Zusammenhang  ist  im  allgemeinen
selbst  den  Künstlern  nicht  immer  in  dem  wünschenswerten  Maße  bewußt, ­
  ein  Umstand,  der  dem  vorliegenden  an  Anregung  reichem
Bilderbuch  für  Künstler  und  künstlerisch  empfindende  Menschen
eine  besondere  Aktualität  verleiht.  Ich  darf  mir  erlauben,  meine
eigenen  Ausführungen  zu  wiederholen  (siehe  Lux’  „Das  moderne
Landhaus“,  Verlag  Anton  Schroll  &  Co.),  in  denen  ich  vor  zwei
Jahren  die  Wurzelgemeinschaft  des  Malerischen  und  Architektonischen,
die  nun  auch  Billings  Architekturskizzen  zugrunde  liegt,  aufgezeigt
habe.  Dort  heißt  es  u.  a.:  „Das  Auge,  welches  das  Malerische  empfindet, ­
  hat  im  Grunde  genommen  das  Organische,  Rhythmische,  Zusammengehörige ­
  erfaßt,  also  etwas,  das  vor  allem  architektonisch
ist.  Das  Wort  „malerisch“  ist  eine  unbewußte  Huldigung  für  das
Architektonische.  Selbst  dann,  wenn  man  als  malerisch  zunächst
nur  das  anscheinend  Kunterbunte  gelten  lassen  wollte.  Denn  was  so
kunterbunt  erscheint,  wie  etwa  eine  Dorfstraße  im  Gebirge,  ist
keineswegs  regellos  oder  willkürlich,  sondern  höchst  folgerichtig  und
darum  gesetzmäßig  .“  Daß  junge  Maler  die  Urheber
der  Billingschen  Architekturskizzen  sind,  ist  symptomatisch  und
wird  aus  dem  Gesagten  leicht  begreiflich.  Anderseits  zeigen  die
Skizzen,  daß  auch  in  der  Malerei  wie  in  allen]  Künsten  die  Bedeutung ­
  der  Verhältnisse,  der  Verteilung  der  Massen,  der  Kontraste,
entscheidet.  Billings  Werk  wird  das  Seine  beitragen,  um  die  Künste
wieder  zur  einheitlichen  Wirkung  zu  vereinigen,  was  man  dann
sagen  kann,  wenn  auch  in  der  Malerei  und  in  der  Plastik  wieder  der
Geist  der  Baukunst  lebendig  sein  wird.
K.  HENRICI,  BEITRÄGE  ZUR  PRAKTISCHEN  ÄSTHETIK  IM
STÄDTEBAU.  M.  4.—.  Verlag  von  GEORG  D.  W.  CALL  WEY,  München.
ARL  HENRICI,  hat  seine  „Beiträge  zur  praktischen  Ästhetik  im
Städtebau“  als  eine  Sammlung  von  Vorträgen  und  Aufsätzen  herausgegeben, ­
  die  früher  in  Fachzeitschriften  verstreut  erschienen  waren
und  einen  künstlerischen  Protest  gegen  die  leider  sehr  vorgeschrittene
Schabionisierung  unserer  Städte  bilden.  Die  künstlerischen  Aufgaben
am  Städtebau  in  allen  Detailfragen,  was  die  Anlage  von  Straßen,  Plätzen
und  Gebäuden  unter  verschiedenartigen  Verhältnissen,  das  billige
Wohnen,  die  kleinen  Häuser,  die  baupolizeilichen  Vorschriften,  die
Stadterweiterungen,  die  Pflege  des  Heimatlichen  im  ländlichen  und
städtischen  Bauwesen  betrifft,  erfreuen  sich  glücklicherweise  wieder  des
allgemeineren  Interesses  in  den  fachlichen  und  nichtfachlichen  Kreisen.
ANFRAGEN.
AMSKOLA.  Eine  Anfrage  liegt  vor,  „die  Ursprung  und  Zusammenhang ­
  des  slawischen  Wortes  Samskola  und  wie  es  in  das  schwedische ­
  Gothenburg  kommt“  aufgeklärt  haben  will.  Samskola  ist
schwedisch,  und  zwar  bedeutet  die  allen  teutonischen  Sprachgebieten
gemeinsame  Wurzelsilbe  Sam  so  viel  wie  gesamt  und  in  der  Zusammensetzung ­
  mit  skola  so  viel  wie  Gesamtschule  oder  Gemeinschule,
eine  Bezeichnung,  die  in  mehrfacher  Beziehung  gerechtfertigt  ist,  denn
es  wird  die  Gesamtheit  menschlicher  Betätigungen  in  den  Schulkreis
gezogen,  und  es  herrscht  Gemeinsamkeit,  weil  auch  die  Eltern  und
Freunde  mit  der  Schulgemeinde  eine  Gesamtheit  bilden.  BÜCHER-PREISE.
  Dem  in  derselben  Anfrage  ausgesprochenen  Wunsch,  die  Preise
mit  den  empfohlenen  Büchern  zu  nennen,  kommen  wir  gerne  nach.
NACHDRUCKVERBOT  für  sämtliche  in  den  Heften  der  „Hohen  Warte“
erscheinenden  Artikel  und  Illustrationen.
Alle  Zuschriften  und  Sendungen  Wien  I.  Wallfischgasse  No.  4.  Telephon  5461.
Verlag  „Hohe  Warte“  (Lux  &  Lässig).  Für  die  Redaktion  Joseph  Aug.  Lux.
Druck  von  Christoph  Reisser’s  Söhne,  Wien  V.

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