KUNSTAUSSTELLUNGEN.
ENGLISCHE RADIERERKUNST.
ie englische Radiererkunst, die den Inhalt der gegenwärtigen Ausstellung
im Hagenbund bildet, und aus dem Besitz des Herrn
Gutbier in Dresden stammt, zeigt, was hierzulande fehlt. Allerdings haben
auch wir Radiererklubs, Aquarellistenklubs, Amateurphotographenklubs,
die technisch gewiß auf der Höhe stehen; aber was leisten sie für
die Kultur und für die künstlerische Erziehung? Welchen bedeutsamen
Inhalt haben ihre Arbeiten aufzuweisen? Inwiefern verbreiten sie die
Kenntnis der Heimat und ihrer Kulturwerte, was tragen sie dazu bei,
damit diese volkstümlichen Schätze der Verkanntheit entrissen und für
das Schaffen der Neuzeit wieder fruchtbar werden? Daß hierin ein wichtiges
Programm für die genannten Künstler- und Amateurgruppen vorliegt,
ist bei uns noch wenig erkannt. Ich habe wiederholt darauf hingewiesen,
daß die Zukunft dieser Kunstbetätigungen in der angedeuteten
Lokalisierung liegt. Im einzelnen sind Versuche gemacht worden, die
Schönheiten alter Wiener Stadtteile in geschlossenen Zyklen festzuhalten.
Wenn es sich aber einmal darum handeln sollte, in einer Ausstellung die
volkstümliche Bauweise der verschiedenen Provinzen zum Besten der
baukünstlerischen Bildung und zur Verallgemeinerung des Architekturverständnisses
mit den malerischen und den künstlerischen Reproduktionsmitteln
darzustellen, würde man keine nennenswerte Vorarbeit
auffinden. Das ist bei den Engländern ganz anders. Die haben mit
ihrem ausgeprägten gesunden Sachlichkeitssinn das ganze Um und Auf
ihrer Kultur zu allen Zeiten künstlerisch und gewissenhaft gebucht.
Man erinnere sich, daß der große englische Maler William Turner sein
gewaltiges Lebenswerk mit der graphischen Darstellung der zahlreichen
englischen Schlösser, also mit einem ansehnlichen Stück Heimatskunst
im modernen Sinne begonnen hat. Dieser Gedanke ist in jeder Generation
mit gleicher Kraft lebendig. Auf diese Art erscheint es möglich,
daß eine Ausstellung moderner englischer Radiererkunst zugleich ein
Spiegelbild des englischen Kulturlebens ergibt und dessen ganzes Inventar
enthält, die Kirchen, Schlösser, Brücken, Uferwerke, Denkmäler,
Straßen, Plätze, Schiffe, Docks, Villen, Hütten, Gärten,
Brunnen, Gartenmauern, Baugerüste, Architekturdetails, Städtebilder,
Towers, Höfe, Dächer, Fenster, Paläste, Schwibbogen,
Tunnels, Häusergruppen, Interieurs, Läden, Werkstätten. Auch der
individuelle künstlerische Charakter dieser Radierung empfängt von
den sachlichen Grundlagen eine besondere Prägung. Wenn der
Radierer die charakteristischen Merkmale seines Vorbildes auf die
Platte gebracht hat, ist sein Werk fertig, wie skizzenhaft es auch ererscheinen
möge. Aber es ist wirklich fertig und besitzt die malerische
Wirkung, die Frische und Ursprünglichkeit einer unmittelbaren
Impression.
ZWEITE JAHRESMAPPE DES RADIERKLUBS
WIENER KÜNSTLERINNEN.
12 Originalradierungen, in Kommission bei ARTARIA & COMP., Wien,
as Wesen der Heimat zu schildern — wäre diese Heimat auch die
Stadt — ihre charakteristischen Formen und die Eigenart ihrer
Menschen aufzuspüren und darin den Kulturzustand aufzuzeigen, das
wäre ein wichtiges künstlerisches Programm, das den Vereinen dieser
Art nebst der Gemeinsamkeit der Technik noch ein weiteres wertvolles
künstlerisches Cachet aufdrücken würde. Das möchte ich gerne
dem Radierklub Wiener Künstlerinnen empfehlen, die ihre zweite
Jahresmappe in Kommission bei Artaria & Comp., Wien, soeben
herausgegeben und den Freunden der Griffelkunst eine sehr angenehme
Überraschung bereitet. Die Blätter von Marie Adler —
Griechengaßl, Wien — Portal der Kirche Maria am Gestade, Wien —
sind bereits in dem angedeuteten Sinne Heimatsschilderung, und
weisen in die Richtung, die der Radierkunst neue Freunde bringen
kann. An und für sich schon ist der Radierklub eine sehr erfreuliche
Erscheinung, der seinen Mitgliedern für einen Jahresbeitrag von
50 Kronen eine stattliche Jahresmappe mit zwölf, von den Künstlerinnen
selbst hergestellten Drucken der Originalradierungen liefert. Mitglied
kann jeder werden, der diesen Jahresbeitrag leistet. Die beschränkte
Auflage erhöht natürlich den Originalwert. Auf den geringen Preis
und auf die gediegene künstlerische Qualität, die dafür zu haben ist,
wird sehr empfehlend hingewiesen. Die Statuten sind im Radierklub,
Wien, I. Weihburggasse Nr. 9 erhältlich.
BÜCHER, DIE MAN LESEN SOLL.
ARCHITEKTURSKIZZEN, herausgegeben von PROF. H. BILLING,
in Mappe, 10 Mark. Verlag von JULIUS HOFFMANN, STUTTGART,
it aufrichtiger Genugtuung sind die von Professor H. Billing
herausgegebenen Architekturskizzen zu begrüßen, die die Poesie
einfacher großer Mauerflächen und die Gestaltung, die der deutschen
Erde auf Grund der bodenwüchsigen Kultur frommt, veranschaulichen.
Diese Sammlung ist künstlerisch von um so größeren erziehlichen
Wert, als sie den von Professor Billing in seinen Vorträgen betonten
inneren Zusammenhang der Architektur, Malerei und der Plastik, mit
einem Wort das Wesen der RAUMKUNST und ihre Beziehung zur
Landschaft an den Skizzen seiner Schüler, die Maler und Bildhauer
sind, sichtbar macht. Dieser Zusammenhang ist im allgemeinen
selbst den Künstlern nicht immer in dem wünschenswerten Maße bewußt,
ein Umstand, der dem vorliegenden an Anregung reichem
Bilderbuch für Künstler und künstlerisch empfindende Menschen
eine besondere Aktualität verleiht. Ich darf mir erlauben, meine
eigenen Ausführungen zu wiederholen (siehe Lux’ „Das moderne
Landhaus“, Verlag Anton Schroll & Co.), in denen ich vor zwei
Jahren die Wurzelgemeinschaft des Malerischen und Architektonischen,
die nun auch Billings Architekturskizzen zugrunde liegt, aufgezeigt
habe. Dort heißt es u. a.: „Das Auge, welches das Malerische empfindet,
hat im Grunde genommen das Organische, Rhythmische, Zusammengehörige
erfaßt, also etwas, das vor allem architektonisch
ist. Das Wort „malerisch“ ist eine unbewußte Huldigung für das
Architektonische. Selbst dann, wenn man als malerisch zunächst
nur das anscheinend Kunterbunte gelten lassen wollte. Denn was so
kunterbunt erscheint, wie etwa eine Dorfstraße im Gebirge, ist
keineswegs regellos oder willkürlich, sondern höchst folgerichtig und
darum gesetzmäßig .“ Daß junge Maler die Urheber
der Billingschen Architekturskizzen sind, ist symptomatisch und
wird aus dem Gesagten leicht begreiflich. Anderseits zeigen die
Skizzen, daß auch in der Malerei wie in allen] Künsten die Bedeutung
der Verhältnisse, der Verteilung der Massen, der Kontraste,
entscheidet. Billings Werk wird das Seine beitragen, um die Künste
wieder zur einheitlichen Wirkung zu vereinigen, was man dann
sagen kann, wenn auch in der Malerei und in der Plastik wieder der
Geist der Baukunst lebendig sein wird.
K. HENRICI, BEITRÄGE ZUR PRAKTISCHEN ÄSTHETIK IM
STÄDTEBAU. M. 4.—. Verlag von GEORG D. W. CALL WEY, München.
ARL HENRICI, hat seine „Beiträge zur praktischen Ästhetik im
Städtebau“ als eine Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen herausgegeben,
die früher in Fachzeitschriften verstreut erschienen waren
und einen künstlerischen Protest gegen die leider sehr vorgeschrittene
Schabionisierung unserer Städte bilden. Die künstlerischen Aufgaben
am Städtebau in allen Detailfragen, was die Anlage von Straßen, Plätzen
und Gebäuden unter verschiedenartigen Verhältnissen, das billige
Wohnen, die kleinen Häuser, die baupolizeilichen Vorschriften, die
Stadterweiterungen, die Pflege des Heimatlichen im ländlichen und
städtischen Bauwesen betrifft, erfreuen sich glücklicherweise wieder des
allgemeineren Interesses in den fachlichen und nichtfachlichen Kreisen.
ANFRAGEN.
AMSKOLA. Eine Anfrage liegt vor, „die Ursprung und Zusammenhang
des slawischen Wortes Samskola und wie es in das schwedische
Gothenburg kommt“ aufgeklärt haben will. Samskola ist
schwedisch, und zwar bedeutet die allen teutonischen Sprachgebieten
gemeinsame Wurzelsilbe Sam so viel wie gesamt und in der Zusammensetzung
mit skola so viel wie Gesamtschule oder Gemeinschule,
eine Bezeichnung, die in mehrfacher Beziehung gerechtfertigt ist, denn
es wird die Gesamtheit menschlicher Betätigungen in den Schulkreis
gezogen, und es herrscht Gemeinsamkeit, weil auch die Eltern und
Freunde mit der Schulgemeinde eine Gesamtheit bilden. BÜCHER-PREISE.
Dem in derselben Anfrage ausgesprochenen Wunsch, die Preise
mit den empfohlenen Büchern zu nennen, kommen wir gerne nach.
NACHDRUCKVERBOT für sämtliche in den Heften der „Hohen Warte“
erscheinenden Artikel und Illustrationen.
Alle Zuschriften und Sendungen Wien I. Wallfischgasse No. 4. Telephon 5461.
Verlag „Hohe Warte“ (Lux & Lässig). Für die Redaktion Joseph Aug. Lux.
Druck von Christoph Reisser’s Söhne, Wien V.
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