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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Die  „Fesselung",  worunter  sonst  nur  die  Anlegung  von
Hand'  oder  Fußschellen  verstanden  wird,  ist  der  sechste
Punkt,  die  Dunkelhaft  der  neunte.  Eine  Kombination
von  Fesselung  und  Dunkelhaft  ist  nirgends  in  der  Haus'
Ordnung  enthalten.  Vom  Leibring,  einer  Garstener  Speziali'
tat,  ist  in  der  ganzen  Hausordnung  nicht  mit  einem  Wort
die  Rede!  Und  der  Leibring  ist  eine  viel  barbarischere
Züchtigung  des  Sträflings  wie  die  Fesselung,  weil  der
Sträfling  seine  Stellung  während  der  ganzen  Zeit  fast
gar  nicht  verändern  kann.  .  .  Daß  die  Sträflinge  hier
bald  „mürbe“  werden,  habe  ich  dem  Herrn  Beamten
wohl  geglaubt.  Auch  daß  man  hier  alle  halbe  Stunden
nachsehen  muß,  wie  es  mit  dem  Korrigenden  steht!  .  .  .

TECHNIK  UND  KUNST  DES  BUCH'
EINBANDES.

DER  KÜNSTLER  GING  AUS  DEN  HAND'
WERKERN  HERAUS  UND  LIESS  SIE  OHNE
HOFFNUNG  AUF  ERHEBUNG  ZURÜCK,
WÄHREND  ER  OHNE  DIE  HILFE  VER'
STANDNISVOLLER,  SORGSAMER  TEIL'
NÄHME  BLIEB.  UND  DER  HANDWERKER,
DEN  DER  KÜNSTLER  HINTER  SICH  ZU'
RUCKGELASSEN  HAT,  ALS  DIE  SCHEIDUNG
DER  KÜNSTE  EINTRAT,  MUSS  IHN  EIN'
HOLEN,  MUSS  WIEDER  SEITE  AN  SEITE
MIT  IHM  ARBEITEN.
ICH  WEISS,  WELCHE  UNGEHEUEREN  HIN'
DERNISSE,  SOZIALE  UND  WIRTSCHAFT'
LICHE,  SICH  DEM  IN  DEN  WEG  STELLEN;
DOCH  ICH  GLAUBE,  DASS  SIE  GRÖSSER
ZU  SEIN  SCHEINEN  ALS  SIE  SIND:  UND
EINES  WEISS  ICH  GEWISS,  DASS  KEINE
WIRKLICH  LEBENDE  DEKORATIVE  KUNST
MÖGLICH  IST,  WENN  DIES  UNMÖGLICH
IST.  WILLIAM  MORRIS.

WAS  MAN  VON  DER  PFLEGE  DES  BUCHES  WISSEN
SOLL.
D em  englischen  Buchbinder  Douglas  Cockerell  ist  die
sachliche  Kenntnis  der  technischen  Entwicklung  des
Buches  und  des  Einbandes  zu  danken.  Das  künstleri'
sehe  Moment  des  Einbandes  entwickelt  sich  im  engen
Zusammenhang  mit  der  Technik;  beides  zu  kennen,  ist
wichtig  für  die  persönliche  formale  Bildung,  deren  Grad
untrüglich  an  der  Art  zu  messen  ist,  wie  man  ein  Buch  in
die  Hand  zu  nehmen,  zu  öffnen  und  zu  pflegen  gewohnt  ist.
Von  der  „Überkunst“  die  an  den  fürchterlichen  Prachtein'
bänden  seit  ungefähr  1870  in  Schwang  kam,  ist  nicht  weiter
die  Rede;  gelegentlich  aber  gibt  es  Bücher,  die  der  Buch'
binder  verschwenderisch  schmücken  kann,  Bücher,  die  bei
wichtigen  Zeremonien,  wie  Altarbücher,  benutzt  werden.  Sie
werden  nur  kleine  prächtige  Stellen  bilden  in  einer  großen
Kirche  oder  Kathedrale,  und  man  kann  ihnen  nicht  den  Vor'
wurf  der  Überladung  machen,  solange  die  Dekoration  eine
gute  ist.  So  mag  jemand  gelegentlich  ein  Buch  haben,  an
dem  er  aus  irgend  einem  Grunde  mit  großer  Zuneigung
hängt,  und  daß  er  in  Schönheit  einzuhüllen  wünscht;  er
mag  es  dem  Buchbinder  überlassen,  es  nach  seinen  besten
Kräften  zu  schmücken.  Wenn  ein  Zimmer  und  alles  darin
mit  einem  reichen  Muster  geschmückt  ist,  dann  würde  irgend
etwas  mit  einer  einfachen  Oberfläche  als  Rast  für  das  Auge
willkommen  sein;  aber  in  einem  Zimmer,  das  vernünftiger'
weise  von  solchem  Schmuck  frei  ist,  sollte  eine  Stelle
reicher  Dekoration  willkommen  sein.  Während  aus  dem
XV.  und  XVI.  Jahrhundert  und  noch  aus  früherer  Zeit  Ein'
bände  existieren,  die  sich  in  ausgezeichneter  Verfassung  be'
finden,  ist  erwiesen,  daß  90  Prozent  der  in  den  letzten
30  Jahren  in  Leder  gebundenen  Bücher  während  der  nächsten
30  Jahre  umgebunden  werden  müssen.  Die  Ursachen  des
vorzeitigen  Verfalls  wurden  von  einem  aus  Lederfabrikanten,
Buchbindern,  Bibliothekaren  etc.  gebildeten  Komitee  der
Society  of  Arts  in  London  systematisch  untersucht  und  end'
            
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