schwerwiegende Bedenken. Fast die ganze Altstadt ist von
Handwerkern, Gewerbetreibenden, kleinen Kaufleuten und
kleinen Rentnern bewohnt, die in den meisten Fällen die
Eigentümer des kleinen Hauses sind, das ihre Familie und
ihre Werkstätten behaust. Wenn der neue Stadtplan durchs
geführt wird, ist es dieser Bevölkerung unmöglich gemacht,
unter dem eigenen Dache zu wohnen, da der Preis der großen
Grundstücke das gleichmäßige Ausmaß über die Mittel über^
steigt, über die sie verfügen, und sie wären gezwungen, in
den traurigen Miethäusern selbst als Mieter zu wohnen. Es
sprechen also auch gegen diese neue Ordnung soziale Gründe,
die gerade in unseren Tagen nicht übersehen werden sollen,
da die Humanität für alle einen wenn auch nur kleinen
Platz an der Sonnenseite des Lebens reklamieren.
Außer den Gründen der Regelmäßigkeit, der Reinlichkeit
und des „wohlgesetzten“ Aussehens, die immer ins Treffen
geführt werden, wenn es gilt, den neuen Plan zu verteidigen,
ist das große Schlagwort seiner Anhänger die Feuersgefahr,
die unaufhörlich der Anhäufung von kleinen, mitunter sehr
eng aneinandergebauten Holzhäusern droht. Bei aller Aner^
kennung für diese berechtigten Argumente ist nicht die Notwendigkeit
einzusehen, alles niederzureißen. Indem man nach
Bedürfnis die Straßen erweitert, und zwar nach Maßgabe der
erforderlichen Neubauten, und indem man die allzu gedrängten
Gruppen auf diese Weise auflichtet, würde man mit ein wenig
gutem Willen ganz leicht zu einem Resultat gelangen, das die
Forderungen der Vorsicht gegen Feuergefahr befriedigt.
Vor einigen Jahren wurde seitens des Stadtrates ein Komitee
ernannt, das diese Frage studieren sollte. Die Untersuchungen
dieses von den besten Absichten geleiteten Komitees haben
noch zu keinem positiven Ergebnis geführt. Es ist immerhin
zu fürchten, daß das Vorurteil der einen, die Eitelkeit und
der schlechte Geschmack der anderen der Erhaltung des
charakteristischen Stadtbildes Schwierigkeiten entgegensetzen
werden. Aber es ist zu hoffen, daß der Fortschritt, die Lehren
und die guten Beispiele, die aus anderen Ländern kommen,
schließlich auch diese Schwierigkeiten beseitigen und dahim
führen, daß einer künftigen Generation das lebende Andenken
des Jahrhunderte alten Stadtbildes und der historischen Ereignisse
überliefert wird, die ja dazu beigetragen haben, daß
ein Land, ein Volk und schließlich eine Stadt ihre charakteristische
Prägung empfangen haben. Durch diesen Akt der
Pietät für die Überlieferungen der Vorfahren sollte die
Einwohnerschaft des alten Borga den nachkommenden Geschlechtern
diesen kleinen bestehenden charakteristischen
Stadtwinkel erhalten, der Jahrhunderte hindurch die entschwundenen
Geschlechter behaust hat.
Borgâ, im Jänner 1905. LOUIS SPARRE.
ES GIBT ZWEIERLEI, WORAUF WIR MODERNEN
MENSCHEN NACH MEINER ANSICHT
BESONDERS UNSER AUGE RICHTEN SOLLEN,
UM ANGENEHME EINDRÜCKE ZU EMPFANGEN:
AUF DIE SCHÖNHEITEN DER
NATUR UND DIE SCHÖNHEITEN DER
KUNST. WILLIAM MORRIS.
ZI 6
DAS GOLDENE WIENER HERZ.
DIE MÄNGEL
DER STÄDTISCHEN ARMEN-FÜRSORGE.
s ist nicht alles Gold, was glänzt — dieses Wahrwort
hat im Hinblick auf die Art, mit der dies im sentimentalen
Gefühlsdusel allzeit verhimmelte „Goldene Wiener
Herz“ die Armenpflege abtut, eine tieftraurige Bedeutung.
Die Mängel der städtischen Armenfürsorge hat nun
MAX WINTER in seinem ergreifenden Buche „DAS GOLDENE
WIENER HERZ“, das als Band ii in der von Hans
Ostwald herausgegebenen Sammlung „GROSSSTADT-DO-KUMENTE“
(pro Band M i*—, Verlag Hermann Seemann
Nachf. Berlin und Leipzig) erschienen ist, enthüllt, und damit
das träge Gewissen der Öffentlichkeit aufgerüttelt. Wenn
den „Großstadt-Dokumenten“ ein unbestreitbar hoher sozialpolitischer
Wert zukommt, so ist das in ganz besonderem
Maße von der Schrift Max Winters zu sagen, die die schweren
Schäden der auch in der Armenpflege waltenden Schablone
aufdeckt, die das Wohltun ins Gegenteil verwandelt und
HUMANITÄT zur DROHUNG stempelt. Wie es in dieser
Hinsicht mit dem goldenen Wiener Herzen in Wahrheit
steht, sagt der Autor in den einleitenden Worten, die in
Originalfassung folgen mögen.
„Wer da tiefer hineinsieht, wer selbst als Armer und Elender
die Straßen durchirrt und Hilfe heischend an die Pforte des
goldenen Wiener Herzens pocht, der erkennt bald an dem
Klang das Blech der Schmeichelei. Ein Abgrund von Jammer
und Leid öffnet sich vor dem erschauernden Blick und die
Teilnahmlosigkeit und Härte halten vor ihm Wacht. Wie
oft bin ich diesen beiden Wächtern begegnet, da ich beobachtend
die Straßen ging, die sonst nur die Armut zieht.
Die Offiziellen freilich singen ein anderes Lied. Haben wir
nicht, so fragen sie mich anklagend, eine öffentliche und
private Armenpflege? Haben wir nicht innerhalb der öffentlichen
Armenpflege beide Systeme, die OFFENE Armenpflege,
die Hilfe von Fall zu Fall bringt, und die GESCHLOSSENE,
die in Anstalten Werke des Mitleidens übt? Hat daneben die
private Armenpflege nicht auch für die Hungernden vorgesorgt,
für die Frierenden, für die Obdachlosen, für die Verunglückten,
für die Arbeitslosen, für die Kranken, für die
Gebärenden und Neugeborenen, denen das Elend Pate ist?
Hat sie nicht für den Blinden einen Stab, nicht für den Greis
ein ruhig Plätzchen, sorgt sie nicht für die Kinder hundertfach,
für die bejammernswerten Elendswürmer, für diese Zukunft
der Zweimillionenstadt?
Ja, alles das und noch manches andere haben wir und wohl
auch wohnen in dieser Stadt einige tausend Menschen, die
keinen Bettler von der Türe weisen und damit vermeinen,
Gutes getan zu haben — aber alles das mit wenigen Ausnahmen
unvollkommen, unzureichend und wer sich nur einen
Tag lang in die Reihen der Hilfeheischenden mengt, der
muß erkennen, daß nicht sozialer Ernst all dies geschaffen
hat, DASS NICHT DAS BEDÜRFNIS GUTES ZU TUN,
diese Werke schafft, sondern, das wenige, was geleistet wird,
nicht selten — bei der öffentlichen (städtischen) Armenpflege
Wiens, fast immer — ALS LÄSTIGE PFLICHT empfunden
und also auch ungenügend, ohne Wärme und Schwung erfüllt
wird.
Dazu kommt noch eine wahnwitzige ZERSPLITTERUNG
DER ARMENFÜRSORGE. Die öffentliche Armenpflege
weiß nichts von dem Wirken der privaten und umgekehrt
und die private Armenpflege gibt noch vielfach nach Gunst,
anstatt nach dem jeweiligen Bedürfnisse zu HELFEN. Wien
hat KATHOLISCHE, EVANGELISCHE und JÜDISCHE