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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

schwerwiegende  Bedenken.  Fast  die  ganze  Altstadt  ist  von
Handwerkern,  Gewerbetreibenden,  kleinen  Kaufleuten  und
kleinen  Rentnern  bewohnt,  die  in  den  meisten  Fällen  die
Eigentümer  des  kleinen  Hauses  sind,  das  ihre  Familie  und
ihre  Werkstätten  behaust.  Wenn  der  neue  Stadtplan  durchs
geführt  wird,  ist  es  dieser  Bevölkerung  unmöglich  gemacht,
unter  dem  eigenen  Dache  zu  wohnen,  da  der  Preis  der  großen
Grundstücke  das  gleichmäßige  Ausmaß  über  die  Mittel  über^
steigt,  über  die  sie  verfügen,  und  sie  wären  gezwungen,  in
den  traurigen  Miethäusern  selbst  als  Mieter  zu  wohnen.  Es
sprechen  also  auch  gegen  diese  neue  Ordnung  soziale  Gründe,
die  gerade  in  unseren  Tagen  nicht  übersehen  werden  sollen,
da  die  Humanität  für  alle  einen  wenn  auch  nur  kleinen
Platz  an  der  Sonnenseite  des  Lebens  reklamieren.
Außer  den  Gründen  der  Regelmäßigkeit,  der  Reinlichkeit
und  des  „wohlgesetzten“  Aussehens,  die  immer  ins  Treffen
geführt  werden,  wenn  es  gilt,  den  neuen  Plan  zu  verteidigen,
ist  das  große  Schlagwort  seiner  Anhänger  die  Feuersgefahr,
die  unaufhörlich  der  Anhäufung  von  kleinen,  mitunter  sehr
eng  aneinandergebauten  Holzhäusern  droht.  Bei  aller  Aner^
kennung  für  diese  berechtigten  Argumente  ist  nicht  die  Notwendigkeit
  einzusehen,  alles  niederzureißen.  Indem  man  nach
Bedürfnis  die  Straßen  erweitert,  und  zwar  nach  Maßgabe  der
erforderlichen  Neubauten,  und  indem  man  die  allzu  gedrängten
Gruppen  auf  diese  Weise  auflichtet,  würde  man  mit  ein  wenig
gutem  Willen  ganz  leicht  zu  einem  Resultat  gelangen,  das  die
Forderungen  der  Vorsicht  gegen  Feuergefahr  befriedigt.
Vor  einigen  Jahren  wurde  seitens  des  Stadtrates  ein  Komitee
ernannt,  das  diese  Frage  studieren  sollte.  Die  Untersuchungen
dieses  von  den  besten  Absichten  geleiteten  Komitees  haben
noch  zu  keinem  positiven  Ergebnis  geführt.  Es  ist  immerhin
zu  fürchten,  daß  das  Vorurteil  der  einen,  die  Eitelkeit  und
der  schlechte  Geschmack  der  anderen  der  Erhaltung  des
charakteristischen  Stadtbildes  Schwierigkeiten  entgegensetzen
werden.  Aber  es  ist  zu  hoffen,  daß  der  Fortschritt,  die  Lehren
und  die  guten  Beispiele,  die  aus  anderen  Ländern  kommen,
schließlich  auch  diese  Schwierigkeiten  beseitigen  und  dahim
führen,  daß  einer  künftigen  Generation  das  lebende  Andenken
des  Jahrhunderte  alten  Stadtbildes  und  der  historischen  Ereignisse ­
  überliefert  wird,  die  ja  dazu  beigetragen  haben,  daß
ein  Land,  ein  Volk  und  schließlich  eine  Stadt  ihre  charakteristische ­
  Prägung  empfangen  haben.  Durch  diesen  Akt  der
Pietät  für  die  Überlieferungen  der  Vorfahren  sollte  die
Einwohnerschaft  des  alten  Borga  den  nachkommenden  Geschlechtern ­
  diesen  kleinen  bestehenden  charakteristischen
Stadtwinkel  erhalten,  der  Jahrhunderte  hindurch  die  entschwundenen ­
  Geschlechter  behaust  hat.
Borgâ,  im  Jänner  1905.  LOUIS  SPARRE.

ES  GIBT  ZWEIERLEI,  WORAUF  WIR  MODERNEN ­
  MENSCHEN  NACH  MEINER  ANSICHT
BESONDERS  UNSER  AUGE  RICHTEN  SOLLEN, ­
  UM  ANGENEHME  EINDRÜCKE  ZU  EMPFANGEN: ­
  AUF  DIE  SCHÖNHEITEN  DER
NATUR  UND  DIE  SCHÖNHEITEN  DER
KUNST.  WILLIAM  MORRIS.
ZI  6

DAS  GOLDENE  WIENER  HERZ.
DIE  MÄNGEL
DER  STÄDTISCHEN  ARMEN-FÜRSORGE.
s  ist  nicht  alles  Gold,  was  glänzt  —  dieses  Wahrwort
hat  im  Hinblick  auf  die  Art,  mit  der  dies  im  sentimentalen ­
  Gefühlsdusel  allzeit  verhimmelte  „Goldene  Wiener
Herz“  die  Armenpflege  abtut,  eine  tieftraurige  Bedeutung. ­
  Die  Mängel  der  städtischen  Armenfürsorge  hat  nun
MAX  WINTER  in  seinem  ergreifenden  Buche  „DAS  GOLDENE ­
  WIENER  HERZ“,  das  als  Band  ii  in  der  von  Hans
Ostwald  herausgegebenen  Sammlung  „GROSSSTADT-DO-KUMENTE“
  (pro  Band  M  i*—,  Verlag  Hermann  Seemann
Nachf.  Berlin  und  Leipzig)  erschienen  ist,  enthüllt,  und  damit
das  träge  Gewissen  der  Öffentlichkeit  aufgerüttelt.  Wenn
den  „Großstadt-Dokumenten“  ein  unbestreitbar  hoher  sozialpolitischer ­
  Wert  zukommt,  so  ist  das  in  ganz  besonderem
Maße  von  der  Schrift  Max  Winters  zu  sagen,  die  die  schweren
Schäden  der  auch  in  der  Armenpflege  waltenden  Schablone
aufdeckt,  die  das  Wohltun  ins  Gegenteil  verwandelt  und
HUMANITÄT  zur  DROHUNG  stempelt.  Wie  es  in  dieser
Hinsicht  mit  dem  goldenen  Wiener  Herzen  in  Wahrheit
steht,  sagt  der  Autor  in  den  einleitenden  Worten,  die  in
Originalfassung  folgen  mögen.
„Wer  da  tiefer  hineinsieht,  wer  selbst  als  Armer  und  Elender
die  Straßen  durchirrt  und  Hilfe  heischend  an  die  Pforte  des
goldenen  Wiener  Herzens  pocht,  der  erkennt  bald  an  dem
Klang  das  Blech  der  Schmeichelei.  Ein  Abgrund  von  Jammer
und  Leid  öffnet  sich  vor  dem  erschauernden  Blick  und  die
Teilnahmlosigkeit  und  Härte  halten  vor  ihm  Wacht.  Wie
oft  bin  ich  diesen  beiden  Wächtern  begegnet,  da  ich  beobachtend ­
  die  Straßen  ging,  die  sonst  nur  die  Armut  zieht.
Die  Offiziellen  freilich  singen  ein  anderes  Lied.  Haben  wir
nicht,  so  fragen  sie  mich  anklagend,  eine  öffentliche  und
private  Armenpflege?  Haben  wir  nicht  innerhalb  der  öffentlichen ­
  Armenpflege  beide  Systeme,  die  OFFENE  Armenpflege,
die  Hilfe  von  Fall  zu  Fall  bringt,  und  die  GESCHLOSSENE,
die  in  Anstalten  Werke  des  Mitleidens  übt?  Hat  daneben  die
private  Armenpflege  nicht  auch  für  die  Hungernden  vorgesorgt, ­
  für  die  Frierenden,  für  die  Obdachlosen,  für  die  Verunglückten, ­
  für  die  Arbeitslosen,  für  die  Kranken,  für  die
Gebärenden  und  Neugeborenen,  denen  das  Elend  Pate  ist?
Hat  sie  nicht  für  den  Blinden  einen  Stab,  nicht  für  den  Greis
ein  ruhig  Plätzchen,  sorgt  sie  nicht  für  die  Kinder  hundertfach, ­
  für  die  bejammernswerten  Elendswürmer,  für  diese  Zukunft ­
  der  Zweimillionenstadt?
Ja,  alles  das  und  noch  manches  andere  haben  wir  und  wohl
auch  wohnen  in  dieser  Stadt  einige  tausend  Menschen,  die
keinen  Bettler  von  der  Türe  weisen  und  damit  vermeinen,
Gutes  getan  zu  haben  —  aber  alles  das  mit  wenigen  Ausnahmen ­
  unvollkommen,  unzureichend  und  wer  sich  nur  einen
Tag  lang  in  die  Reihen  der  Hilfeheischenden  mengt,  der
muß  erkennen,  daß  nicht  sozialer  Ernst  all  dies  geschaffen
hat,  DASS  NICHT  DAS  BEDÜRFNIS  GUTES  ZU  TUN,
diese  Werke  schafft,  sondern,  das  wenige,  was  geleistet  wird,
nicht  selten  —  bei  der  öffentlichen  (städtischen)  Armenpflege
Wiens,  fast  immer  —  ALS  LÄSTIGE  PFLICHT  empfunden
und  also  auch  ungenügend,  ohne  Wärme  und  Schwung  erfüllt ­
  wird.
Dazu  kommt  noch  eine  wahnwitzige  ZERSPLITTERUNG
DER  ARMENFÜRSORGE.  Die  öffentliche  Armenpflege
weiß  nichts  von  dem  Wirken  der  privaten  und  umgekehrt
und  die  private  Armenpflege  gibt  noch  vielfach  nach  Gunst,
anstatt  nach  dem  jeweiligen  Bedürfnisse  zu  HELFEN.  Wien
hat  KATHOLISCHE,  EVANGELISCHE  und  JÜDISCHE
            
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