HEIMISCHE BAUWEISE“.
ie Münchener Monatschrift „Volkskunst und Volkskunde“ bringt
u in ihrem Heft 3, Jahrgang 1905, unter dem Titel „Heimische Bau
weise“ einen Entwurf für ein Bahnhofgebäude im Allgäu, das den
dortigen Bauernhausstil repräsentiert und dazu der Text besagt, daß
„die Anschauung, daß Bahnhofgebäude den Stil und Charakter des
Landes repräsentieren sollen, sich erfreulicherweise immer mehr Bahn
bricht“.
Der besagte Entwurf aber ist unserer Anschauung nach das Symptom
eines groben Mißverständnisses. Wir müssen uns vor der Gefahr
hüten, eine neue Gattung von Stilmeierei einzuführen, die in diesem
Falle vorliegt, wo es sich darum handelt, einem Stationsgebäude den
Charakter eines Allgäuer Bauernhauses zu geben. Soweit darf man
denn die Heimatliebe nicht treiben, daß man eine solche Art von
Salontirolertum einbürgert, sonst dient man der Heimat schlecht. Mit
Empfindsamkeit ist hier nichts zu machen, sondern mit klarer Er
kenntnis, was die Aufgabe verlangt, sonst käme man über kurz oder
lang dahin, die bayrischen Eisenbahnwagen als Bauernstuben einzu
richten, so wie man die Speisesäle der Atlantic-Passagierdampfer in
der Art des schlechten Barocks der Variététheater eingerichtet hat. Ich
meinesteils kann bezeugen, daß die Eisenbahnwagen, die nur ihrem
Zweck entsprechend ohne jede künstliche Stilabsicht und ohne
schmückende Zutaten eingerichtet sind, bisher recht befriedigend
waren, und daß man nicht wünschen kann, daß hier die „Kunst“
oder die „Volkskunst“ ein Unnötiges beitrage. Und das Gleiche
müßte mit den Stationsgebäuden sein. Ein Stationsgebäude, das ein
Bauernhaus vortäuscht, ist genau so lächerlich und widerwärtig wie
die Mehrzahl dieser Gebäude, die irgend welche andere mehr oder
weniger verzerrte Stilreminiszenzen aufweisen. Hat das Stationsgebäude
als neuer eigenartiger Bauorganismus nicht eine selbständige Form,
die aus dem Zweckbegriff zu schöpfen ist? Sorgen wir lieber dafür,
daß das Stationsgebäude SEINE Form bekomme, anstatt ihm eine
andere als Maske anzuhängen, dann sorgen wir am besten für die
heimatkünstlerischen Interessen. Dies Geheimnis der heimatlichen
Bauweise liegt in der Charakteristik, das heißt in der SACHLICHEN
LÖSUNG der Aufgabe, davon gerade die Bauernhäuser ein lehrhaftes
Beispiel sind. Es hieße, diese Lehre falsch verstehen, wollte man von
diesen Bauernhäusern die Bauform entlehnen, anstatt den Baugedanken
zu befolgen, der die Sachlichkeit zum Prinzip erhebt und äußere Nach
ahmungen ausschließt. Ein ordentliches, zwecklich formal durchgeführtes
Bahnhofgebäude, das mit dem Baumaterial der betreffenden Gegend
hergestellt oder auch aus einem rein technischen Baustoff, wie etwa
dem Betoneisen, errichtet ist, und in einfachen sachlichen Linien da
steht, mit reinlich weißem Verputz, weiß oder mit sonstigen kräftigen
Farben gestrichenem Holzwerk (nicht Holzmaserungen oder Holz
naturfarbe im Anstrich imitierend) und einem entsprechend durch
gebildeten, nach den natürlichen Erfordernissen schützenden Dach
versehen, wird keiner Gegend zum Schaden gereichen, dagegen kann
WISSE, WAS DU WILLST.*
BLEIB FEST! ES EILT MIT NICHTS: GUT DING
WILL WEILE!
NUR SEI KLAR DIR, WOHIN DU ZIELST
UND WISSE, OB DU WOHNHAUS ODER WIRTSHAUS
ODER KIRCHE BAUEN WILLST!
DANN ABER WEG- UND WAGGEMUT ANS WERK,
VON BERG ZU BERG!
UND WENN SIE KOMMEN UND . . SIE KOMMEN IMMER
UND WISSEN IMMER BESSER, WAS DU SOLLST,
ALS JE DU SELBST;
BAUST DU EIN WOHNHAUS, WOLLEN SIE EIN WIRTSHAUS!
BAUST DU EIN WIRTSHAUS, WOLLEN SIE EINE KIRCHE!
UND IHRE GRÜNDE O! SIND IMMER GUT:
FÜR SIE IST’S EIN GESCHÄFT, DAS DU BEZWECKST!
FÜR DICH EIN TEIL VON DIR!
LASS SIE UND LACH!
UND BAU UND MACH
GETROST, WAS DU FÜR GUT HÄLTST, WEITER!
NUR HÜTE DICH VOR SCHNÖRKELEIN!
DIE GROSSEN LINIEN SIND ES, DIE ENTSCHEIDEN!
DIE HALTE REIN!
es sehr leicht sein, daß die Bauern in der Umgebung eines bauern
hausartigen Bahnhofgebäudes an ihren eigenen Häusern den Gefallen
verlieren werden, weil sie mit Recht sagen können, ein Dorf, das aus
lauter Stationsgebäuden besteht, ist doch auf die Dauer nicht mehr
zu ertragen.
Also, gerade weil wir die Heimat und ihre Art lieben, wollen wir
nicht, daß ihre ursprünglichen Formen zur Motivenjägerei mißbraucht
und als Schablonen bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten
angewendet werden.
Die besagte Monatschrift wird zugeben, daß hier ein Mißverständnis
und eine Gefahr zu verhüten ist, weshalb eine solche Sache einmal
zur Sprache gebracht werden mußte, ohne daß die Spitze gegen den
Münchener Verein, der die genannte Publikation herausgibt, gerichtet
ist, denn er ist vom löblichen Eifer für die gute Sache der Heimat
kultur erfüllt und steht daher unseren Bestrebungen nahe.
KUNSTPFLEGE IM STADTRAT.
ie Berliner Kunstzeitschrift „Kunst und Künstler“ veröffentlicht in
ihrem gegenwärtigen Hefte zwei Bilder von altösterreichischen
* Aus „Jost Seyfried, Ein Roman in Brief- und Tagebuchblättern“ von
Cäsar Flaischlen, siehe nächstes Heft „Bücher, die man lesen soll“.
Künstlern, das eine von Ferdinand Waldmüller, das andere von Erasmus
Engerth, die der Direktor der Berliner National-Galerie Herr von Tschudi
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