Wachau.
STÄDTESTUDIUM VOM STANDPUNKT
DER HEIMATLICHEN KULTUR.
V.
WACHAU.
LANDSCHAFT, Eine tiefe Berg^, Wald- und Stromeinsam-GESCHICHTE
keit, zwei Stunden Bahnfahrt von Wien,
UND KUNST. eine Zuflucht und Labung der Sinne, ein
altes Kulturland im Dornröschenschlaf ist
das Stück Donaulandschaft zwischen Krems und Melk, die „österreichischen
Rheinlande“, wie ein schiefes Kompliment lautet..
So sind wir in diesen Frühlingstagen wieder in dieses köstlich
unberühmte und unberührte Stromland hinausgefahren, um
auf einige Tage die erquickliche Einfacheit ländlicher Verhältnisse
zu genießen, in winkeligen Gassen und Gäßlein
zu wandern, zwischen alten urväterlichen Möbeln zu sitzen,
in Klostergärten, in den Stiftsgängen, der Bibliothek und
Kirche herumzustreifen, am Schiffsdeck die frische Stromluft
einzuatmen oder zwischen den bröckligen Gemäuern und
bergigen Straßen der Dörfer herumzuklettern und auf die
gegenwärtigen und vergangenen Stimmen zu horchen. Die
vergangenen: sie sprechen vernehmlich in dem Leben von
heute mit und es ist eine wichtige Sorge, sie nicht verklingen
zu lassen, ehe sie nicht recht gedeutet und genützt sind.
Nicht die Legende und Historie ist gemeint: die Erinnerung
an die Nibelungensage, die mit dem Donaustrom gerade in
der Wachau eng verbunden, oder der an den zahlreichen
Burgruinen, die von den Bergspitzen in den Strom niederschauen,
haftende Hinweis auf eine Zeit, da die Vorfahren
mancher vornehmer Herren hinterm Busch gelegen und die
ehrsamen Handelsleute der Bürde entledigten — die Legende
und Historie ist fest in den Sinn der Bewohner eingenistet
und macht in ihren Augen die Landschaft tief bedeutsam;
wichtiger aber ist doch, was an alten Kulturwerten noch
heute im alltäglichen Leben vorhanden und unentbehrlich
ist, die Bauten, die Häuser und die alte Anlage in den Donaustädten
und -dörfern, die sichtbaren Formen des Daseins,
die zum erheblichen Teil die charakteristische Schönheit der
Wachau ausmachen und gleichzeitig als Träger der historischen
Romantik bedeutende Gefühlswerte sind. Der geschichtliche
Sinn überwiegt leider die künstlerische Anschauung; ein
ausgegrabener Knochen, an dem der Finder eine Reminiszenz
an das Nibelungenlied hängen kann, eine alte phantastische
Leier, die eine vage Gedankenverbindung mit dem sagenhaften
Sänger Blondei anregt, irgend ein neuer Schund,
durch eine romantische, historische Aufschrift als Etikette
gedeckt, über die jeder Ladenschwengel zum Dichter wird
und allgemeine Bildungsphrasen über römische Siedlungen,
Nibelungennot, Richard Löwenherz, Raubrittertum herfaseln
kann, kurz, die allzu verbreitete Halbwissenschafteiei und
Halbbildung, die jeder von der Schulbank mitnimmt, trübt
das Auge der Menschen auch hier, daß sie nicht wahrnehmen,
was die Vergangenheit an interessanten Schöpfungen
in Dorf und Stadt überliefert hat, und verständnislos Zusehen,
wie auch hier die großstädtische Pseudo-Architektur
anfängt, die schlichten, aber künstlerisch unendlich überlegenen
alten Wohnbauten zu verdrängen. Wo bleibt das
Heimatsgefühl, die Freude an der großen Historie? Müßte
sie nicht mit dem Heimatschutz, mit der Erhaltung des guten
Bestehenden einsetzen? Ist die Gründung von Museen, die
Ausgrabung alter Knochenreste nicht ein Unsinn angesichts
dieser großartigen sichtbaren lebendigen Kultur, auf deren
Erhaltung alle Kräfte gerichtet sein müssen? Die ganze
Wachau müßte mit allem, was sie trägt. Beweglichem und
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