läutert, endeckt eine Fülle von GestaltungS' und SchönheitS'
möglichkeiten, die dem Erwachsenen verschlossen sind, und
setzt sie in beglückende Wirklichkeit um; ein Papierschnitzel,
ein Kartenblatt, ein Holzstückchen, einen Stuhl macht es
sich zu einem Vogel, einem Palast, einem Schiff, einem
Zimmer.
Es gibt eine schöne Stelle bei Ruskin, worin er, um die
Gestaltungskraft der griechischen Kunst zu erläutern, auf
diese Fähigkeit des Kindes hinweist und daran erinnert,
daß das Kind Dinge begehrt, die dem Erwachsenen wertlos
erscheinen: „Gib mir das; ich will mir etwas Schönes daraus
machen!“ Und erkennen wir diesen Drang des Kindes,
diesen Drang der Menschennatur nicht wieder in allem
fruchtbaren schöpferischen Wirken, welcher Art es auch sei
und welcher Bestimmung es auch diene? „Gib mir das, ich
will etwas Schönes daraus machen,“ sagt der Walker und
macht aus einem Lappen einen geschmeidigen und sauberen
Stoff. „Gib ihn mir, ich will etwas Schönes daraus machen,“ sagt
der Färber und schmückt ihn mit der Pracht der Farben. „Gib
ihn mir, ich will etwas Schönes daraus machen,“ sagt der
Schneider und wandelt ihn in ein köstliches Kleid um.
„Gebt mir eure Kinder,“ sagt der Lehrer, „ich will schönere
und reichere Menschen aus ihnen schaffen.“ „Gib mir deine
Erfahrungen und Schätze,“ sagt der Forscher zur Wissen^
schaff, „ich will etwas Neues, Schönes daraus machen.“ „Gebt
mir die Machtmittel des Staates,“ sagt der Politiker, „ich will
ihn zu etwas Kraftvollerem, Schönerem gestalten.“ Alles
Schöpfertum, alles echte Künstlertum wurzelt im Kinde und
stets müssen wir die Kindernatur darin wiedererkennen.
„So ihr nicht werdet wie die Kindlein, kommet ihr nicht
ins Himmelreich,“ sprach Jesu; so wir nicht die Kindernatur
in uns erhalten und entwickeln, gelangen wir nicht zum
Ziele schöpferischen Menschentums. Und wenn wir, von
Natur als Gestalter, Schöpfer, Künstler geschaffen, ins Leben
tretend unsere Phantasie gelähmt, unsere Schöpferkraft ver
kümmert finden, so muß es in erster Linie die Erziehung,
die Schule sein, die uns um diese göttlichen Gaben betrügt,
statt sie zu läutern, zu organisieren und zur höchsten
Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
Es ist ausgesprochen worden und es ist in weiten Kreisen
anerkannt, daß die Schule wie ein Fremdkörper auf unserem
Leben lastet. Unleugbar besteht ein großes, ein allgemeines
Mißtrauen gegen die Schule. Die Eltern seufzen, wenn sie
ihre Kinder der Schule überantworten; die Erwachsenen
seufzen, wenn sie an die io oder 12 Jahre denken, die sie
der Schule geopfert haben; und die Schüler selbst emp
finden nur in seltenen Fällen wirkliche Liebe zu der
Anstalt und zu den Männern, die ihnen die Schätze mensch
licher Weisheit vermitteln.
Es ist ein trauriger, unnatürlicher und ungesunder Zu
stand, daß wir die Schule nicht lieben, die uns die
schöne Eingangspforte zu einem schöneren Leben sein
sollte, mit der unsere teuersten Erinnerungen an große
innere Erlebnisse, an geistige Erweckungen und Genüsse,
an edle Vorbilder und herrliche Stunden der Freiheit wie
der Arbeit unzertrennlich verknüpft sein sollten, die uns
wie unsere zweite Mutter vor der Seele stehen sollte,
und um so trauriger und unnatürlicher ist dieser Zustand,
als vielleicht zu keiner Zeit der Staat, die Gemeinde und
die Lehrer selbst so viel Eifer, so viel Hingabe und Mühe
an die Schule gesetzt haben wie heute. Noch 1866 und 1870
hieß es, der Schulmeister habe die Schlachten von König-
grätz und Sedan gewonnen — damals bestand also noch
das Verhältnis des Vertrauens und des Verständnisses
zwischen Nation und Schule; und ihre Trennung ist erst
in dem Menschenalter eingetreten, in dem die moderne
Kultur unser Leben endgültig mit seiner Flutwelle über
schwemmt hat. Diese Trennung ist erkannt worden und
die Erkenntnis hat zu einer Reihe von Reformversuchen
geführt.
Wir sind aus einer Schulreform in die andere gestürzt
worden, ohne daß der Erfolg ein anderer gewesen wäre
als der, daß die Unsicherheit und das Mißtrauen der
Schule gegenüber sich fortgesetzt vertiefte und immer weiter
sich verbreitete. Aber so mannigfaltig diese Reformen waren,
so liegt ihnen doch allen ein und derselbe Leitgedanke zu
gründe: immer handelt es sich dabei um den Versuch einer
neuen Begrenzung und Einteilung des Wissensstoffes.
Welchen Raum die antike Welt, welchen die modernen
Sprachen, die Geschichte, die Naturwissenschaft im Lehr
plane einnehmen sollen, inwieweit er den Fortschritten der
modernen Wissenschaften anzupassen sei, — das bildet den
wesentlichen Inhalt aller Bemühungen. Neue Wissen
schaften sind entstanden, Anthropologie, Biologie, Geologie,
Hygiene, Volkswirtschaft, Orientalistik; und sie alle ver
langen Anteil am Schulunterrichte. Die Arbeit unserer
Schulpolitik gleicht der eines Mannes, der mit größter Mühe
in einem schwer überfüllten Boote auf hoher See das
Gleichgewicht zu erhalten strebt. Allein es liegt auf der
Hand, daß dieser Weg zum Chaos führt. Immer weiter
breitet sich die Wissenschaft aus, immer neue Spezial
wissenschaften entstehen, immer neue Interessen des öffent
lichen, des wirtschaftlichen, des sozialen Lebens fordern
Berücksichtigung; und die Schule kann eine weitere Zer
stückelung des Lehrplanes nicht mehr vertragen, ohne
völliger Unfruchtbarkeit anheimzufallen. Erweist sich also
die Umordnung des Lehrstoffes als ein unzureichendes
Mittel, um die Schule den Bedürfnissen der Gegenwart ge
wachsen zu machen, so muß die Lösung des Problems in
der Gestaltung der Unterrichtsmethode liegen.
Es besteht, man darf wohl sagen, ein allgemeines Einver
ständnis darüber, worin der eigentliche Mangel unserer
Schulerziehung zu suchen ist. Wir beklagen uns darüber,
daß sie die Jugend mit totem Wissensstoffe belaste; wir
machen ihr zum Vorwurfe, daß sie den Schüler lebens
fremd entlasse. Was meinen wir damit? Wir können un
möglich erwarten, daß ein junger Mensch von 16 oder 18
Jahren, wie er von der Schule kommt, im Besitze eines
reichen Schatzes von Lebenserfahrung sei, da er doch eben
erst recht beginnen soll, seine Erfahrungen zu machen. Wenn
wir ihn trotzdem lebensfremd nennen, so verstehen wir
darunter, daß er ungenügend darauf vorbereitet ist, Er
fahrungen im Leben zu machen. Wir verlangen von der Schule
beileibe nicht, daß sie der Jugend ein gewisses Quantum
Lebenserfahrung fix und fertig, wohlverwogen und abge
stempelt übergebe, sondern wir verlangen, daß sie ihren
Geist zu der Fähigkeit erziehe, die Erscheinungen des
Lebens selbständig ins Auge zu fassen und zu erkennen,
ihnen die Erfahrung, deren sie bedarf, abzugewinnen und
diese Erfahrung zu organisieren und zum Aufbau des
Lebens zu verwenden. Nicht Erfahrung erwarten wir von
den jungen Menschen, die die Schule verlassen, sondern
die Voraussetzungen, die Hilfsmittel, die Methode der Er
fahrung: und wenn wir wahrnehmen, daß die große Mehr
zahl von ihnen vom Leben zuerst ganz betäubt wird, daß
ihm gegenüber ihnen ihre Schulbildung in der Regel gar
nichts nützt, daß sie hilflos davor stehen und erst vieles
verlernen, vieles umlernen müssen, was die Schule ihnen
mit auf den Weg gab, so kommen wir zu dem Schluß, daß
sie ihre eigentliche Aufgabe nicht erfüllt. (Schluß.)
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