DIE KUNST DES GARTENBAUES.
(Schluß.)
In den neuen Stadtteilen haben die Hausgärten, an denen
einst die Städte und Vorstädte so reich waren, vor dem
Utilitarismus der Bauspekulanten weichen müssen. Für die
entschwundenen Hausgärten in den Städten müssen uns
heute die öffentlichen Gartenanlagen entschädigen, die
sicherlich als eine große Wohltat in den sich immer weiter
ausbreitenden Städten empfunden werden. Aber soweit es
sich nicht um alte historische Gartenschöpfungen aus früherer
Zeit, die dem Publikum erschlossen worden sind, oder um
eingefriedete, von den Städten annektierte Naturbezirke, Wald
und Wiesenbestände handelt, sondern um neu geschaffene
Anlagen, sind wir übel daran. In solchen öffentlichen Am
lagen finden wir dieselben Unzulänglichkeiten und Ab
geschmacktheiten, an die wir uns seit gut dreißig Jahren in
allen Teilen der Haus- und Gartenarchitektur haben ge
wöhnen müssen. Auf dem kleinsten Fleck Erde, der in
unseren Straßen und Plätzen dem Verkehrsbedürfnisse ab
gerungen werden konnte, treffen wir den mehr oder weniger
verunglückten Versuch, im Gehege eines armseligen Draht
gitters ein Stück Hydepark zu kopieren, darin sich eine
unruhige, stockige Zusammenstellung von verschiedenen Ge
büschen und Bäumen, auf engsten Raum unregelmäßig ver
teilt, erhebt, um den Eindruck der frei wachsenden, von
Menschenhand unberührten Natur hervorzurufen. Der Gras
platz soll die Wiese vorstellen, das Gebüsch den Wald. In
Bogen geführte Wege sollen vergeblich diesen Eindruck
verstärken; direktionslos verlaufend, führen sie den eiligen
Passanten weit vom Ziele ab und rauben ihm für die Zu
kunft die Lust, eine Strecke lang im Grünen zu wandeln.
Ist die Anlage größer, dann heißt sie Stadtpark oder eng
lischer Garten. Und dann ist zu wetten, daß ein Teich in
willkürlich geführten, unregelmäßigen Linien gegraben ist, der
als Naturteich gelten soll und womöglich eine kleine Insel
aufweist. Das französische Blumenparterre fehlt in diesen
„englischen Gärten“ nie. Das Betreten der Rasenflächen ist
bei Strafe verboten. Dagegen gibt es in solchen Gärten staub
erfüllte Sandwüsten und die heißen Kinderspielplätze. Weil
man bei solchen Anlagen die englischen Gärten als Vorbild
ausgibt, muß gesagt werden, daß in Englanddie Rasen
plätze der öffentlichen Gärten menschenbelebt sind, und daß
selbst der Hydepark, jenes von der Stadt mit steinernen
Armen umfangene Stück ursprünglicher Landschaft an den
Peripherien streng architektonisch gegliedert ist, wie es das
Verkehrsbedürfnis und der gute Geschmack erfordern. Keine
Kurven gibt es da, sondern nur gerade Durchschnittlinien,
die den Passanten nicht kreuz und quer, sondern direkt zu
den Verkehrsknotenpunkten führen.
Unsere alten, barocken Gartenschöpfungen endlich geben
Beispiele, wo auf einem kleinen Platz geschnittene Laub
wände stehen, die geradlinig auf einen zentralen Punkt zu
laufen, darin sich eine schöne Statue, ein Brunnen, eine
Gartenplastik wie von einem Hain umschlossen erhebt. Sind
das nicht Vorbilder für städtische Anlagen? Der kleinste
Fleck mag groß erscheinen, eine grüne Einsamkeit bilden,
das irgend ein Kunstwerk wie ein Juwel umfaßt und mitten
im Großstadtlärm das Gefühl der Entrücktheit gewähren
kann. Unsere heutigen Gartenbauer gehen blind an den
edlen Vorbildern vorüber. Wo ist das heimatliche Garten
motiv: die gemütliche Laube, mit Wein, Ahorn oder Geiß
blatt umsponnen, in den heutigen öffentlichen oder privaten
Gärten zu finden? Wo die Pergola?
■i *
Der Gartenkünstler oder der geschmackvolle Gartenfreund,
der an die Lösung der neuen Aufgaben herantritt, wird die
Lehren, die in den großen historischen Gartenschöpfungen
liegen, wohl beachten, aber er wird auch an dem über
lieferten volkstümlichen Kulturbesitz nicht achtlos vorüber
gehen. Er wird dem letzteren vielleicht eine ganz besonders
eingehende Beachtung schenken und erkennen müssen, daß
hier das künstlerische Erbe des Volkes vorliegt, von dem
wir wieder ausgehen müssen. An den kleinen Resten, die
aus jener früheren „Gartenkultur“ übriggeblieben sind, ist
freilich der zersetzende Einfluß der nachfolgenden Nieder
gangsperiode nicht ohne Spuren vorübergegangen und kaum
ein Beispiel ist rein erhalten geblieben. Gleichwohl läßt das
verwüstete Bild die einstigen schönen Züge noch erkennen,
und sollte selbst diese wiedererkannte Schönheit ein bloßer
Traum sein, so wäre er sicherlich der Verwirklichung und
des Interesses der Allgemeinheit wert. Die lange Zeit der
Verwahrlosung und Gleichgültigkeit in künstlerischen Fragen
hat etwas sehr Gutes gefördert: einen allgemeinen Ekel vor
der Unkunst und ein heißes Verlangen nach Schönheit. Die
in allem Menschlichen schlummernden Gesetze des Ge
schmackes und der Schönheit, die zugleich die der Zweck
mäßigkeit sind und zeitweilig wohl vergessen werden, aber
doch eigentlich nicht für immer verloren gehen können, im
Bewußtsein der Gesamtheit zu erwecken, ist eine wichtige
Kulturaufgabe, welche die Aufforderung enthält, daß die
Schönheit der Erde nicht vermindert, sondern vermehrt
werden soll.
GOTT DER ALLMÄCHTIGE SCHUF ZUERST
EINEN GARTEN. UND, FÜRWAHR, DER
GARTEN IST DIE REINSTE DER MENSCH
LICHEN FREUDEN. BACON.