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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DIE KUNST DES GARTENBAUES. 
(Schluß.) 
In den neuen Stadtteilen haben die Hausgärten, an denen 
einst die Städte und Vorstädte so reich waren, vor dem 
Utilitarismus der Bauspekulanten weichen müssen. Für die 
entschwundenen Hausgärten in den Städten müssen uns 
heute die öffentlichen Gartenanlagen entschädigen, die 
sicherlich als eine große Wohltat in den sich immer weiter 
ausbreitenden Städten empfunden werden. Aber soweit es 
sich nicht um alte historische Gartenschöpfungen aus früherer 
Zeit, die dem Publikum erschlossen worden sind, oder um 
eingefriedete, von den Städten annektierte Naturbezirke, Wald 
und Wiesenbestände handelt, sondern um neu geschaffene 
Anlagen, sind wir übel daran. In solchen öffentlichen Am 
lagen finden wir dieselben Unzulänglichkeiten und Ab 
geschmacktheiten, an die wir uns seit gut dreißig Jahren in 
allen Teilen der Haus- und Gartenarchitektur haben ge 
wöhnen müssen. Auf dem kleinsten Fleck Erde, der in 
unseren Straßen und Plätzen dem Verkehrsbedürfnisse ab 
gerungen werden konnte, treffen wir den mehr oder weniger 
verunglückten Versuch, im Gehege eines armseligen Draht 
gitters ein Stück Hydepark zu kopieren, darin sich eine 
unruhige, stockige Zusammenstellung von verschiedenen Ge 
büschen und Bäumen, auf engsten Raum unregelmäßig ver 
teilt, erhebt, um den Eindruck der frei wachsenden, von 
Menschenhand unberührten Natur hervorzurufen. Der Gras 
platz soll die Wiese vorstellen, das Gebüsch den Wald. In 
Bogen geführte Wege sollen vergeblich diesen Eindruck 
verstärken; direktionslos verlaufend, führen sie den eiligen 
Passanten weit vom Ziele ab und rauben ihm für die Zu 
kunft die Lust, eine Strecke lang im Grünen zu wandeln. 
Ist die Anlage größer, dann heißt sie Stadtpark oder eng 
lischer Garten. Und dann ist zu wetten, daß ein Teich in 
willkürlich geführten, unregelmäßigen Linien gegraben ist, der 
als Naturteich gelten soll und womöglich eine kleine Insel 
aufweist. Das französische Blumenparterre fehlt in diesen 
„englischen Gärten“ nie. Das Betreten der Rasenflächen ist 
bei Strafe verboten. Dagegen gibt es in solchen Gärten staub 
erfüllte Sandwüsten und die heißen Kinderspielplätze. Weil 
man bei solchen Anlagen die englischen Gärten als Vorbild 
ausgibt, muß gesagt werden, daß in Englanddie Rasen 
plätze der öffentlichen Gärten menschenbelebt sind, und daß 
selbst der Hydepark, jenes von der Stadt mit steinernen 
Armen umfangene Stück ursprünglicher Landschaft an den 
Peripherien streng architektonisch gegliedert ist, wie es das 
Verkehrsbedürfnis und der gute Geschmack erfordern. Keine 
Kurven gibt es da, sondern nur gerade Durchschnittlinien, 
die den Passanten nicht kreuz und quer, sondern direkt zu 
den Verkehrsknotenpunkten führen. 
Unsere alten, barocken Gartenschöpfungen endlich geben 
Beispiele, wo auf einem kleinen Platz geschnittene Laub 
wände stehen, die geradlinig auf einen zentralen Punkt zu 
laufen, darin sich eine schöne Statue, ein Brunnen, eine 
Gartenplastik wie von einem Hain umschlossen erhebt. Sind 
das nicht Vorbilder für städtische Anlagen? Der kleinste 
Fleck mag groß erscheinen, eine grüne Einsamkeit bilden, 
das irgend ein Kunstwerk wie ein Juwel umfaßt und mitten 
im Großstadtlärm das Gefühl der Entrücktheit gewähren 
kann. Unsere heutigen Gartenbauer gehen blind an den 
edlen Vorbildern vorüber. Wo ist das heimatliche Garten 
motiv: die gemütliche Laube, mit Wein, Ahorn oder Geiß 
blatt umsponnen, in den heutigen öffentlichen oder privaten 
Gärten zu finden? Wo die Pergola? 
■i * 
Der Gartenkünstler oder der geschmackvolle Gartenfreund, 
der an die Lösung der neuen Aufgaben herantritt, wird die 
Lehren, die in den großen historischen Gartenschöpfungen 
liegen, wohl beachten, aber er wird auch an dem über 
lieferten volkstümlichen Kulturbesitz nicht achtlos vorüber 
gehen. Er wird dem letzteren vielleicht eine ganz besonders 
eingehende Beachtung schenken und erkennen müssen, daß 
hier das künstlerische Erbe des Volkes vorliegt, von dem 
wir wieder ausgehen müssen. An den kleinen Resten, die 
aus jener früheren „Gartenkultur“ übriggeblieben sind, ist 
freilich der zersetzende Einfluß der nachfolgenden Nieder 
gangsperiode nicht ohne Spuren vorübergegangen und kaum 
ein Beispiel ist rein erhalten geblieben. Gleichwohl läßt das 
verwüstete Bild die einstigen schönen Züge noch erkennen, 
und sollte selbst diese wiedererkannte Schönheit ein bloßer 
Traum sein, so wäre er sicherlich der Verwirklichung und 
des Interesses der Allgemeinheit wert. Die lange Zeit der 
Verwahrlosung und Gleichgültigkeit in künstlerischen Fragen 
hat etwas sehr Gutes gefördert: einen allgemeinen Ekel vor 
der Unkunst und ein heißes Verlangen nach Schönheit. Die 
in allem Menschlichen schlummernden Gesetze des Ge 
schmackes und der Schönheit, die zugleich die der Zweck 
mäßigkeit sind und zeitweilig wohl vergessen werden, aber 
doch eigentlich nicht für immer verloren gehen können, im 
Bewußtsein der Gesamtheit zu erwecken, ist eine wichtige 
Kulturaufgabe, welche die Aufforderung enthält, daß die 
Schönheit der Erde nicht vermindert, sondern vermehrt 
werden soll. 
GOTT DER ALLMÄCHTIGE SCHUF ZUERST 
EINEN GARTEN. UND, FÜRWAHR, DER 
GARTEN IST DIE REINSTE DER MENSCH 
LICHEN FREUDEN. BACON.
	        
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