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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

BESTIMMUNGEN  DER  ENGLISCHEN  GE/
SELLSCHAFT  ZUR  ERHALTUNG  ALTER
BAUWERKE.
(Fortsetzung.)  Bestimmte  Mischungsverhältnisse  können
nicht  gegeben  werden,  weil  die  Qualitätsunterschiede  der  Ingres
dienzien  verschiedene  Mengenverhältnisse  herbeiführen;  aus
diesem  Grunde  wird  man  zum  Rechten  nur  durch  jeweilige  Ver/
suche  vor  dem  Arbeitsbeginn  gelangen.  Hat  man  sich  für  Zement
und  Sand  oder  Kalk  und  Sand  als  Baumaterial  entschlossen,  so
kann  man  binnen  einer  Stunde  zur  Probe  vier  Blöcke  aus
Ziegel  oder  Mauerwerk  an  einem  schattigen  Ort  errichten  und
die  Mischungsverhältnisse  von  Zement  oder  Kalk  abgestuft
anwenden,  so  daß  der  erste  Block  den  höchsten  Zusatz  an
Zement  und  der  letzte  Block  den  geringsten  Zusatz  hat.
Das  Ergebnis  der  Zementprobe  kann  nach  zwei  oder  drei
Tagen  beurteilt  werden.  Schon  am  nächsten  Tag  kann  man
sich  eine  annähernde  Meinung  darüber  bilden.  Nach  24  Stunden
muß  die  Mischung  dem  Fingerdrucke  widerstehen  und  darf
nur  eine  leichte  Spur  davontragen,  und  wenn  man  am  nächsten
Tag  mit  einer  Messerklinge  unter  mäßigem  Nachdruck  hinein/
stechen  kann,  ist  die  Mischung  gut  gewählt.
Bei  Verwendung  von  gutem  Kalk  ist  zu  erwarten,  daß  der
Mörtel  in  ungefähr  einem  Tage  sich  setzt,  in  einer  Woche
ziemlich  hart  wird  und  in  vierzehn  Tagen  fest  genug  ist,
um  die  oberen  Lasten  zu  tragen.  Je  weniger  Sand,  desto
schneller  setzt  sich  jede  Art  Mörtel.  Wenn  Ziegel  oder  poröses
Gestein  verwendet  wird,  muß  es  mit  asser  gut  angesaugt
werden,  denn  es  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  keine  gute
Arbeit  mit  einem  Material  zu  stände  kommen  kann,  das
Wasser  aus  dem  Mörtel  zieht.  Das  Einfeuchten  des  Baumaterials
erhöht  allerdings  die  Frostgefahr;  daraus  folgt,  daß  wichtige  Bau/
teile  überhaupt  nicht  bei  Frostwetter  ausgeführt  werden  sollen.
Was  vom  Mörtel  gesagt  ist,  gilt  gleicherweise  vom  Beton.
Kalk,  Zement,  Sand,  zerkleinertes  Steinwerk  und  andere  Be/
standteile  müssen  trocken  gut  gemischt  und  dann  mit  Wasser
vermittels  der  Rose  gesprengt  werden.  Dabei  ist  zu  achten,
daß  nicht  zu  viel  Wasser  verwendet  wird,  weil  es  sonst  beim
Setzen  zu  Kontraktionen  kommt.  Für  Beton  ist  eher  mehr
Zement  oder  Kalk  erforderlich  als  für  Baumörtel.  Es  ist
vorteilhaft,  wenn  der  Stein  für  Beton  sehr  klein  geklopft
wird,  jeder  Stein  nicht  zwei  Zoll  dick,  denn  wenn  das  Stein/
material  zu  groß  und  infolgedessen  auch  das  Bindemittel
in  großen  Stücken  ist,  so  ist  das  eine  Ursache  der  Unhalt/
barkeit.  Vorteilhaft  ist  es,  wenn  harter  Ziegel  verkleinert
und  mit  Stein  oder  Kiesel  gemischt  wird,  weil  Ziegel  die
Feuchtigkeit  hält  und  sie  abgibt,  in  dem  Maße,  als  Zement
oder  Kalk  zu  erstarren  anfängt.  Aus  Sparsamkeit  werden
bei  Verwendung  großer  Mengen  Beton  breitere  Steine  ein/
gebettet,  weil  der  Verbrauch  von  Zementmaterial  dadurch
vermindert  wird,  doch  dürfen  in  einem  solchen  Falle  die
Steine  einander  nicht  berühren.  Für  Beton  muß  auch  Sand
angewendet  werden,  wenn  beim  Klopfen  der  Steine  oder
Ziegel  nicht  genug  Schutt,  der  den  Sand  ersetzen  würde,
ab  gefallen  ist.  Fünf  Teile  Stein,  drei  Teile  Sand,  ein  Teil  Zement
ist  die  stärkste  Mischung,  die  je  angewendet  wird.  Guter
scharfer  Sand  ist  genau  so  wichtig  wie  guter  Zement.  Man
vermehre  Zement,  wenn  der  Sand  nicht  scharf  genug  ist,
und  wasche  den  Sand,  wenn  er  schmutzig  ist.
Wird  Beton  zur  Fundierung  verwendet,  dann  sei  man  dessen
eingedenk,  daß,  je  mehr  es  in  Breite  ausgedehnt  werden  kann,
je  größer  die  Tragfläche  ist,  die  es  auf  dem  Grund  hat  (vor/
ausgesetzt,  daß  es  dick  genug  aufgetragen  wird,  um  nicht
unter  dem  darauflastenden  Gewicht  einzubrechen),  desto
geringer  ist  die  Gefahr,  daß  es  sich  setzt.

Moos  und  Flechte  soll  vom  Mauerwerk  um  keinen  Preis
entfernt  werden,  außer  wenn  es  in  den  Schichten  und  Fugen
vorkommt,  die  gereinigt  und  ausgebessert  werden  müssen.
Erwähnung  verdient,  daß,  wo  Moos  und  Flechte  den  Stein
überzogen,  das  Mauerwerk  intakt  befunden  wurde;  allein  in
unseren  Städten  entwickelt  sich  auf  dem  Mauerwerk  niemals
Vegetation.
Es  ist  zweifellos,  daß  Wasserfarben  oder  Kalkanstrich  die
Mauern  gegen  die  verderblichen  Einflüsse  von  Rauch  und
chemischen  Gasen,  die  die  Oberfläche  vieler  unserer  alten
Bauwerke  zerstören,  schützt,  und  deshalb  ist  es  ein  ausge/
zeichneter  Vorgang,  dieselben  durch  Wasserfarbenanstrich  zu
konservieren.  Man  wird  finden,  daß  Kalk  in  kochendem
Wasser  gelöst  (er  braucht  nicht  heiß  aufgetragen  werden)
sehr  fest  haftet;  selbst  wo  der  Stein  zu  zerbröckeln  begonnen
hat,  wird  der  wiederholte  Anstrich  dieser  Art  den  weiteren
Verfall  hemmen.  Neuestens  wurden  Proben  mit  chemischen
Konservierungsmitteln  gemacht,  aber  es  läßt  sich  über  deren
allgemeine  Gebrauchsfähigkeit  noch  kein  Urteil  abgeben.
Wo  es  notwendig  ist,  die  Fugen  eines  alten  Mauerwerks  neu
auszufüllen,  müssen  sie  gut  ausgekratzt  Werden,  und  zwar
ebenso  tief,  als  sie  breit  sind;  größere  Tiefe  ist  oft  noch  besser.
Die  Fugen  müssen  erst  gut  durchfeuchtet  und  der  Mörtel
gehörig  hineingepreßt  werden.  Die  neuen  Fugenspuren  dürfen
nicht  geschnitten,  liniiert  oder  in  irgend  einer  modernen  Art
behandelt  werden,  sondern  sie  müssen  absolut  flach,  in  einer
Ebene  mit  der  Mauerfläche  gehalten  und  der  Mörtel  für  die  Fugen
nur  aus  Kalk  und  reinem  scharfen  Sand  zusammengesetzt
werden  ohne  Beimischung  irgendwelcher  farbiger  Bestandteile.
DÄCHER.
Bei  Ausführung  von  Dachreparaturen  ist  es  zuweilen  not/
wendig,  das  Dach  abzudecken,  doch  soll  nicht  mehr  abgedeckt
werden,  als  mit  Dachpappe  verdeckt  werden  kann.  Dachsparren
und  Gebälke,  die  neu  "eingedeckt  werden  sollen  und,  bevor
sie  ganz  ausgetrocknet  sind,  durch  das  geöffnete  Dach  vom
Regen  neu  eingenäßt  werden,  sind  auf  dem  besten  Wege
zum  gänzlichen  Verfall,  abgesehen  davon,  daß  der  Regen  im
Inneren  eines  Gebäudes  große  Verheerung  anrichtet.  Jeder
Balken  muß  geprüft,  ausgebessert  oder  erneuert  werden,  je
nachdem  es  erforderlich  ist.  Kein  gesunder  Balken  soll  heraus/
genommen  werden;  wo  er  teilweise  verfallen,  kann  er  durch
eiserne  Bänder  befestigt  werden,  und  wo  mehr  notwendig
ist,  soll  ein  neuer  Balken  an  den  alten  angefalzt  und  am
genutet  werden.  Große  Sorgfalt  muß  auf  die  Untersuchung
der  Balken  gewendet  werden,  denn  die  weichen  Holzteile
unter  der  Borke  (Alburnum)  zerfallen  oft  und  erwecken  den
Glauben,  daß  der  Balken  ungesund  ist.  Wenn  aber  ein  Bohrer
angesetzt  wird,  stellt  sich  häufig  heraus,  daß  der  Bohrer,  nach/
dem  er  diese  Schicht  durchdrungen,  nichtmehr  angreift,  weil  ihn
die  Härte  des  Holzes  nicht  weiterläßt.  Ein  solcher  Balken
muß  natürlich  erhalten  bleiben.  Der  Verfall  der  äußeren  Schicht
hat  allerdings  die  Neigung,  sich  noch  immer  auszubreiten,
weshalb  die  zerstörte  äußere  Lage  weggeschnitten  werden  muß.
Es  kommt  vor,  daß  die  eingedrungene  Feuchtigkeit  auch
das  Innere  angegriffen  hat;  man  braucht  in  diesem  Falle  den
Balken  nicht  zu  entfernen,  es  genügt,  die  schadhafte  Schicht
zu  entfernen  und  die  Stellen  zu  verstärken.  Zerstörte  oder
fehlende  Ornamente  sollen  auf  keinen  Fall  erneuert  werden.
Was  noch  vom  Alten  übrig  ist,  hat  hohen  Wert;  dieser  Wert
wird  erheblich  vermindert  sein,  wenn  neues,  nachgeahmtes
Werk  eingefügt  wird.  Der  neue  Balken  soll  so  belassen  werden,
wie  er  von  der  Säge  kommt,  er  soll  unter  keinen  Umständen
bemalt,  gefirnist  oder  einer  ähnlichen  Behandlung  unterzogen
werden,  ebensowenig  wie  das  alte  Gebälk.  (Fortsetzung.)
            
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