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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Ferne führen, mußte notwendig das Kulturzentrum dieser 
Ebene werden, sei’s auch ihre politische Hauptstadt, sei’s 
nur das Handels^ und Industriezentrum. Hier diese in ein 
Tal oder ein paar enge Täler eingeklemmte Örtchen in 
armer Gebirgsgegend konnten es natürlich zu nichts anderem 
bringen, als zum kleinen Bauernstädtchen oder dergleichen — 
da dieser, einen wichtigen Berg' oder Flußübergang be^ 
herrschende Punkt mußte den Gedanken anregen, den dort 
sich entwickelnden Ort zu einer besonders starken Festung 
zu machen. Hier machte die zentrale Lage einer Stadt im 
mitten eines energischen, eigenartigen deutschen Volks' 
Stammes sie zur Repräsentantin eines besonderen Kultur' 
Charakters — dort beförderte die Lage an der Grenze oder 
an einer großen, ins Ausland führenden Handelsstraße fremde 
Einflüsse in hohem Maße. Und anderes mehr. 
Daß diesen Verschiedenheiten auch Verschiedenheiten im 
Aussehen der Städte entsprechen, liegt auf der Hand. Die 
Festungsstadt ist naturgemäß enger als die offene Stadt — 
in der Seestadt entstehen Kaistraßen, Deichanlagen, Schleusen, 
die die Binnenhandelsstadt nicht kennt — der Einfluß des 
Nachbarlandes prägt sich in Straßentypen und Einzelbauten 
der Grenzstadt aus u. s. f. 
Grundeigen und grundlegend für die innere Gestaltung der 
Stadt sind alsdann die Terrainverhältnisse. Der freien 
Disposition über die Straßenanlage, Straßenbreite und der' 
gleichen in der Stadt der freien Ebene, steht die Gebundenheit 
der Gebirgsstadt gegenüber, sei’s die der Talstadt mit ihren 
an die Form der Täler gebundenen Straßen, sei’s die der 
Bergstadt mit ihren emporklimmenden Zickzackfahrstraßen 
und Treppengängen für die Fußgänger. Der Flußstadt, die 
infolge eines weitgedehnten sumpfigen Vorlandes die Anlage 
einer kanalreichen Handels' und Speichervorstadt gestattet, 
steht die hügelige Flußstadt gegenüber, der nur ein schmales 
Streifchen bequem zugänglichen Landes für den Hafen zur 
Verfügung steht. Auch die Art des Bodens an dieser oder 
jener Stelle, ob Fels, ob Sand, ob Nagelfluh sowie sein 
Bewachsensein kann eine Rolle spielen, das Vorhandensein 
eines nahen Wäldchens beispielsweise spielt heute eine 
wichtige Rolle bei der Anlage von Vorstädten, Stadtparks 
oder dergleichen. 
Grundeigen und grundlegend für das Aussehen der Stadt 
ist sodann das heimatliche Baumaterial. Hier sind große 
Waldungen in der Nähe, die Fachwerkbau, Holzverschalung, 
Holzschindelverkleidung der Häuser ermöglichen, anderswo 
ist das Holz rar, wir sehen daher reine Backsteinbauten in 
der Tiefebene oder Bruchsteinbauten, Schieferverkleidungen, 
Schieferdächer im oder am Gebirge. 
Grundeigen und grundlegend ist endlich die ursprüngliche 
Bewohnerschaft. Das einemal eine rein niedersächsische, das 
anderemal eine rein fränkische Stadt, das drittemal eine 
rein niederländische, das viertemal eine gemischtblutige 
Kolonistenstadt — das einemal daher Straßen, denen die 
Häuser mit der Giebelseite sich zuwenden, wie das nieder' 
sächsische Bauernhaus, das anderemal fränkische Straßen' 
anlage: die Häuser kehren der Straße die Breitseite zu 
und zeigen Neigung zur Hofbildung, das drittemal sehen 
wir auf deutschem Boden niederländischen Straßentypus; 
eine Pracht in der Mitte der Straße, dazu Häuser, die an 
Krügge oder Amsterdam erinnern, das viertemal ein Gemisch 
verschiedener Formen. Hier eine ernste, fast düstere Stadt, 
entsprechend dem Charakter der vorherrschenden Rasse, 
dort eine farbenfröhliche, blumenliebende, hier Neigung zu 
Einzelhäusern, dort zu eng aneinander geschobenen Mehr' 
familienhäusern. 
Grundeigen und Grundlegend ist die Bevölkerung auch in 
ihrer in Verbindung mit ihrer durch Lage, Landart, Natur' 
schätze u. dgl. bestehenden Hauptbeschäftigungsart — hier eine 
reine Ackerbürgerstadt, dort die einzige Kaufstadt eines 
großen Landgebietes, hier eine Bergmannsstadt, dort eine 
Weberstadt, hier eine Fabriksstadt, dort eine Durchgangs' 
handelsstadt oder eine Seehandelsstadt. In der einen Stadt 
überalt, auch in Häusern, die gar nicht mehr Bauernhäuser 
sind, doch die große Einfahrtstür des niedersächsischen 
Bauernhauses oder die Schuppen und Scheuern mittel' 
deutscher Dörfer, in der anderen Häuser, die offenbar nichts 
als Übersetzungen des Bauernhauses ins Städtische und unter 
Hinweglassung des Unnötigen und Hinzufügung des unter 
den anderen Bedingungen Nötigen. In der einen Stadt 
Kleinhandwerkerhäuser mit Garten' oder Ackerwirtschaft, 
in der anderen Fabriken mit kahlen Arbeiterstraßen. In der 
einen die alten Kaufmannshäuser oder die modernen Lager' 
häuser und sonstige Handelsvorstehungen des Binnenhandels, ^ 
in der anderen die typischen am Wasser belegenen Speicher 
und Schuppen, die Werften, Reedereien usw. der See' 
handelsstadt. 
In dies Grundeigene mischen sich aber überall auch fremde 
Einflüsse. In Seestadt, Handelsstadt und Fabriksstadt be' 
stimmt der Fremde nicht nur Gedeihen oder Verfallen mit, 
sondern fremde Kolonisten oder das in der Fremde ge' 
sehene Vorbild erzeugen direkt fremde Züge in der Stadt. 
Die Nähe einer Großstadt beeinflußt stark die benachbarten 
Kleinstädte. Insbesondere hat sodann das Eisenbahnnetz im 
folge der neuen Verbindungen zwischen hier und dort ge' 
waltige Änderungen in der Eigenart der Städte hervorgerufen 
— hier hat es aus einer stillen Landstadt eine große Fabrik' 
stadt gemacht, dort hat es das Zentrum der Stadt von der 
Altstadt fort in eine neue Vorstadt verlegt u. a. m. 
Grundeigen könnte man sagen, sind auch Naturschätze einer 
Stadt, wie schöne gebirgige Umgebungen, Waldungen, irgend 
welche heilkräftigen Quellen u. dgl., aber schon der Aus' 
druck Fremdenstadt zeigt, daß in Städten, wo diese Natur' 
schätze eine Hauptrolle im Erwerbsleben bilden, die Einflüsse 
der herrschenden Fremden die Physiognomie der Stadt be' 
stimmen. 
Ein Gemisch von Eigenem und äußeren Einflüssen ergibt 
meist die politische Geschichte der Stadt. Wohl gibt es 
stille, fernab von allen geschichtlichen Ereignissen der Äußern 
weit belegene Orte, die, aus einem Dorfe hervorgegangen, 
allezeit unter dem gleichen Herrn, zu klein, unmächtig für 
irgend welche eigene Handlung, stets ein beschauliches Still' 
leben geführt haben. Sowie aber von Geschichte in größerem 
Maße die Rede sein kann, spielen von außen her kommende 
Einflüsse hinein. 
Schon in der Entstehungsart der Stadt liegen große Ver' 
schiedenheiten zwischen den einzelnen Städten. Die eine hat 
sich allmählich aus einem Dorfe entwickelt, aus einem germa' 
nischen oder slawischen — wir sehen es an der Grundgestalt 
der Altstadt. Die andere steht auf den Trümmern einer 
römischen Stadt — redende Zeugen ihrer Vorgängerin er' 
zählen’s. Diese Stadt ist aus einer fränkischen Militärkolonie 
hervorgegangen, jene aus einem um eine christliche Kirche 
sich gestaltenden Orte, eine dritte hat sich an die Burg 
eines adeligen Geschlechtes angelehnt. Hier haben wir eine 
von vornherein als Residenzstadt eines Fürsten geplante, 
dort eine Konkurrenzstadt gegen eine beneidete Handels' 
großstadt angelegte Stadt vor uns u. s. f. Hier eine uralte 
Stadt, deren Anfänge im Nebel der Vorzeit sich verlieren, 
dort eine Gründung des frühen Mittelalters oder noch 
späterer Zeiten. Hier eine Stadt, die natürlich aus ihrer 
Umgebung heranwuchs, dort eine, die künstlich angelegt 
wurde, besiedelt mit fremden Kolonisten. 
Hier eine Stadt mit ruhmvoller eigener Geschichte, von der 
ihre stolzen Bauten erzählen — dort eine andere, deren Ge' 
schichte jederzeit eng verknüpft war mit dem eines Fürsten' 
hauses, dessen Residenz sie war — dort eine dritte, die aus 
einer freien zu einer unterworfenen wurde, dort endlich eine 
vierte, die mehrfach von einer Hand in die andere über' 
ging. 
Hier kriegerisch tüchtige Kaufleute, dort ein tüchtiges 
Fürstenhaus oder eine geistliche Herrschaft, die die Ge' 
schichte der Stadt bestimmten. Hier größte Blüte der Stadt 
im frühen Mittelalter, da zur Reformationszeit, da im XVIII., 
da erst im XIX. Jahrhundert. 
(Fortsetzung im nächsten Heft.) 
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