Ferne führen, mußte notwendig das Kulturzentrum dieser
Ebene werden, sei’s auch ihre politische Hauptstadt, sei’s
nur das Handels^ und Industriezentrum. Hier diese in ein
Tal oder ein paar enge Täler eingeklemmte Örtchen in
armer Gebirgsgegend konnten es natürlich zu nichts anderem
bringen, als zum kleinen Bauernstädtchen oder dergleichen —
da dieser, einen wichtigen Berg' oder Flußübergang be^
herrschende Punkt mußte den Gedanken anregen, den dort
sich entwickelnden Ort zu einer besonders starken Festung
zu machen. Hier machte die zentrale Lage einer Stadt im
mitten eines energischen, eigenartigen deutschen Volks'
Stammes sie zur Repräsentantin eines besonderen Kultur'
Charakters — dort beförderte die Lage an der Grenze oder
an einer großen, ins Ausland führenden Handelsstraße fremde
Einflüsse in hohem Maße. Und anderes mehr.
Daß diesen Verschiedenheiten auch Verschiedenheiten im
Aussehen der Städte entsprechen, liegt auf der Hand. Die
Festungsstadt ist naturgemäß enger als die offene Stadt —
in der Seestadt entstehen Kaistraßen, Deichanlagen, Schleusen,
die die Binnenhandelsstadt nicht kennt — der Einfluß des
Nachbarlandes prägt sich in Straßentypen und Einzelbauten
der Grenzstadt aus u. s. f.
Grundeigen und grundlegend für die innere Gestaltung der
Stadt sind alsdann die Terrainverhältnisse. Der freien
Disposition über die Straßenanlage, Straßenbreite und der'
gleichen in der Stadt der freien Ebene, steht die Gebundenheit
der Gebirgsstadt gegenüber, sei’s die der Talstadt mit ihren
an die Form der Täler gebundenen Straßen, sei’s die der
Bergstadt mit ihren emporklimmenden Zickzackfahrstraßen
und Treppengängen für die Fußgänger. Der Flußstadt, die
infolge eines weitgedehnten sumpfigen Vorlandes die Anlage
einer kanalreichen Handels' und Speichervorstadt gestattet,
steht die hügelige Flußstadt gegenüber, der nur ein schmales
Streifchen bequem zugänglichen Landes für den Hafen zur
Verfügung steht. Auch die Art des Bodens an dieser oder
jener Stelle, ob Fels, ob Sand, ob Nagelfluh sowie sein
Bewachsensein kann eine Rolle spielen, das Vorhandensein
eines nahen Wäldchens beispielsweise spielt heute eine
wichtige Rolle bei der Anlage von Vorstädten, Stadtparks
oder dergleichen.
Grundeigen und grundlegend für das Aussehen der Stadt
ist sodann das heimatliche Baumaterial. Hier sind große
Waldungen in der Nähe, die Fachwerkbau, Holzverschalung,
Holzschindelverkleidung der Häuser ermöglichen, anderswo
ist das Holz rar, wir sehen daher reine Backsteinbauten in
der Tiefebene oder Bruchsteinbauten, Schieferverkleidungen,
Schieferdächer im oder am Gebirge.
Grundeigen und grundlegend ist endlich die ursprüngliche
Bewohnerschaft. Das einemal eine rein niedersächsische, das
anderemal eine rein fränkische Stadt, das drittemal eine
rein niederländische, das viertemal eine gemischtblutige
Kolonistenstadt — das einemal daher Straßen, denen die
Häuser mit der Giebelseite sich zuwenden, wie das nieder'
sächsische Bauernhaus, das anderemal fränkische Straßen'
anlage: die Häuser kehren der Straße die Breitseite zu
und zeigen Neigung zur Hofbildung, das drittemal sehen
wir auf deutschem Boden niederländischen Straßentypus;
eine Pracht in der Mitte der Straße, dazu Häuser, die an
Krügge oder Amsterdam erinnern, das viertemal ein Gemisch
verschiedener Formen. Hier eine ernste, fast düstere Stadt,
entsprechend dem Charakter der vorherrschenden Rasse,
dort eine farbenfröhliche, blumenliebende, hier Neigung zu
Einzelhäusern, dort zu eng aneinander geschobenen Mehr'
familienhäusern.
Grundeigen und Grundlegend ist die Bevölkerung auch in
ihrer in Verbindung mit ihrer durch Lage, Landart, Natur'
schätze u. dgl. bestehenden Hauptbeschäftigungsart — hier eine
reine Ackerbürgerstadt, dort die einzige Kaufstadt eines
großen Landgebietes, hier eine Bergmannsstadt, dort eine
Weberstadt, hier eine Fabriksstadt, dort eine Durchgangs'
handelsstadt oder eine Seehandelsstadt. In der einen Stadt
überalt, auch in Häusern, die gar nicht mehr Bauernhäuser
sind, doch die große Einfahrtstür des niedersächsischen
Bauernhauses oder die Schuppen und Scheuern mittel'
deutscher Dörfer, in der anderen Häuser, die offenbar nichts
als Übersetzungen des Bauernhauses ins Städtische und unter
Hinweglassung des Unnötigen und Hinzufügung des unter
den anderen Bedingungen Nötigen. In der einen Stadt
Kleinhandwerkerhäuser mit Garten' oder Ackerwirtschaft,
in der anderen Fabriken mit kahlen Arbeiterstraßen. In der
einen die alten Kaufmannshäuser oder die modernen Lager'
häuser und sonstige Handelsvorstehungen des Binnenhandels, ^
in der anderen die typischen am Wasser belegenen Speicher
und Schuppen, die Werften, Reedereien usw. der See'
handelsstadt.
In dies Grundeigene mischen sich aber überall auch fremde
Einflüsse. In Seestadt, Handelsstadt und Fabriksstadt be'
stimmt der Fremde nicht nur Gedeihen oder Verfallen mit,
sondern fremde Kolonisten oder das in der Fremde ge'
sehene Vorbild erzeugen direkt fremde Züge in der Stadt.
Die Nähe einer Großstadt beeinflußt stark die benachbarten
Kleinstädte. Insbesondere hat sodann das Eisenbahnnetz im
folge der neuen Verbindungen zwischen hier und dort ge'
waltige Änderungen in der Eigenart der Städte hervorgerufen
— hier hat es aus einer stillen Landstadt eine große Fabrik'
stadt gemacht, dort hat es das Zentrum der Stadt von der
Altstadt fort in eine neue Vorstadt verlegt u. a. m.
Grundeigen könnte man sagen, sind auch Naturschätze einer
Stadt, wie schöne gebirgige Umgebungen, Waldungen, irgend
welche heilkräftigen Quellen u. dgl., aber schon der Aus'
druck Fremdenstadt zeigt, daß in Städten, wo diese Natur'
schätze eine Hauptrolle im Erwerbsleben bilden, die Einflüsse
der herrschenden Fremden die Physiognomie der Stadt be'
stimmen.
Ein Gemisch von Eigenem und äußeren Einflüssen ergibt
meist die politische Geschichte der Stadt. Wohl gibt es
stille, fernab von allen geschichtlichen Ereignissen der Äußern
weit belegene Orte, die, aus einem Dorfe hervorgegangen,
allezeit unter dem gleichen Herrn, zu klein, unmächtig für
irgend welche eigene Handlung, stets ein beschauliches Still'
leben geführt haben. Sowie aber von Geschichte in größerem
Maße die Rede sein kann, spielen von außen her kommende
Einflüsse hinein.
Schon in der Entstehungsart der Stadt liegen große Ver'
schiedenheiten zwischen den einzelnen Städten. Die eine hat
sich allmählich aus einem Dorfe entwickelt, aus einem germa'
nischen oder slawischen — wir sehen es an der Grundgestalt
der Altstadt. Die andere steht auf den Trümmern einer
römischen Stadt — redende Zeugen ihrer Vorgängerin er'
zählen’s. Diese Stadt ist aus einer fränkischen Militärkolonie
hervorgegangen, jene aus einem um eine christliche Kirche
sich gestaltenden Orte, eine dritte hat sich an die Burg
eines adeligen Geschlechtes angelehnt. Hier haben wir eine
von vornherein als Residenzstadt eines Fürsten geplante,
dort eine Konkurrenzstadt gegen eine beneidete Handels'
großstadt angelegte Stadt vor uns u. s. f. Hier eine uralte
Stadt, deren Anfänge im Nebel der Vorzeit sich verlieren,
dort eine Gründung des frühen Mittelalters oder noch
späterer Zeiten. Hier eine Stadt, die natürlich aus ihrer
Umgebung heranwuchs, dort eine, die künstlich angelegt
wurde, besiedelt mit fremden Kolonisten.
Hier eine Stadt mit ruhmvoller eigener Geschichte, von der
ihre stolzen Bauten erzählen — dort eine andere, deren Ge'
schichte jederzeit eng verknüpft war mit dem eines Fürsten'
hauses, dessen Residenz sie war — dort eine dritte, die aus
einer freien zu einer unterworfenen wurde, dort endlich eine
vierte, die mehrfach von einer Hand in die andere über'
ging.
Hier kriegerisch tüchtige Kaufleute, dort ein tüchtiges
Fürstenhaus oder eine geistliche Herrschaft, die die Ge'
schichte der Stadt bestimmten. Hier größte Blüte der Stadt
im frühen Mittelalter, da zur Reformationszeit, da im XVIII.,
da erst im XIX. Jahrhundert.
(Fortsetzung im nächsten Heft.)
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