KUNST AUF DEM LANDE.
E in Wegweiser für die Pflege des Schönen und des
Heimatsinnes im deutschen Dorfe, herausgegeben vom
„Deutschen Verein für ländliche WohlfahrtS' und
Heimatpflege'S ist im Verlag Velhagen und Klasing er^
schienen. Der Deutsche Verein für ländliche Wohlfahrts^
und Heimatpflege will durch seine Veranstaltungen vor
allem die Landflucht bekämpfen, er zieht daher in den Kreis
seiner Aufgaben alles, was dazu dienen kann, das Land dem
Landvolke lieb und wert zu erhalten, und hofft hiezu auch
die Förderung der Kunst auf dem Lande benutzen zu
können. Die Teilnahme des Städters an den Reizen des
Dorfes ist uns gewiß nicht gleichgültig, allein wir wollen
doch sehr viel mehr erreichen, als dem Städter, wenn er das
Land besucht, das romantisclvsentimentale Gefühl zu erhalten,
welches das Landidyll im Gegensatz zur Stadt in ihm
zu erwecken pflegt. Wir wollen das Land in seiner Eigenart
und Schönheit weiter ausbilden, ganz besonders auch
um des Landvolkes selbst willen, in dem das Bewußtsein
gestärkt werden muß, daß das Land, wenn richtig ausgebaut,
zwar nicht in allen Punkten das gleiche bieten kann wie die
Stadt, dafür aber besondere Vorzüge besitzt, welche den
städtischen reichlich die Wage halten. Zu diesem Ausbau
des Landes die Kunst heranzuziehen, ist naheliegend. Ist es
doch ihre Aufgabe, wenn die Notdurft des Lebens gesichert,
die Freude am Dasein zu erhöhen und zu veredeln. Nichts
wäre törichter, als dem Landvolke, weil es in vielen Dingen
einen andern Geschmack hat als der Städter, eigenes Kunstgefühl,
eigenes Gefühl und den Sinn für den Schmuck des
Lebens abzusprechen. Dies Gefühl ist ja, wie die ältesten
vorgeschichtlichen Funde mit ihren unbeholfenen Radierungen
zeigen, eine ganz elementare Urkraft der Menschenseele,
warum sollte sie dem Bauernstände abhanden gekommen
sein, nachdem er sie, wie Tausende alter Bauten und Ausstattungen
in allen Gegenden unseres Vaterlandes zeigen,
in so hervorragender Menge besessen und zur Geltung gebracht
hat? Freilich waren frühere Zeiten der Entwicklung
einer besonderen Landkunst günstiger als die heutigen, in
welchen die Menschen in einer früher ganz ungeahnten
Weise durcheinander gewirbelt werden und ihre Eigenart
um so schwerer behaupten können, als auch die ganzen
ländlichen Verhältnisse in vielen Beziehungen den städtischen
ähnlicher werden und auch ähnlicher werden mußten, wenn
der Bauer überhaupt im Wettbewerb des geschäftlichen
Lebens obenauf bleiben will. Trotzdem gibt es noch genug
alte Überlieferungen auf dem Gebiete der ländlichen Kunst,
an die man anknüpfen und die man zu neuem kräftigen
Leben entwickeln kann. Diese Aufgabe bietet allerdings
manche Schwierigkeiten. Mit der einfachen Nachahmung
alter Muster, sosehr sie auch unser Kunstgefühl befriedigen
mögen, wird man nur in den seltensten Fällen sich begnügen
können. Was seinerzeit mustergültig war, kann es heute
kaum mehr sein, da sich fast alle bedingenden Verhältnisse
ganz bedeutend verändert haben. Neue Zeiten bringen neue
Bedürfnisse, und der gesteigerte Kampf ums Dasein läßt
vielfach die Rücksicht auf das Zweckmäßige die Oberhand
gewinnen über die Rücksicht auf das Schöne. Und doch
sollte zwischen dem Schönen und dem Zweckmäßigen gar
kein Widerspruch sein, ja man findet den Begriff des
Schönen in dem des vollendet Zweckmäßigen, wenn man,
soweit Menschen in Betracht kommen, die Freude am
Schönen als einen berechtigten Zweck auffaßt. Die Zweckmäßigkeit
selbst ist aber je nach den wechselnden Verhältnissen
eine veränderliche, und man würde mit den uns
jetzt zu Gebote stehenden mannigfaltigen Baustoffen sehr
unzweckmäßig handeln, wenn man einfach nur auf alte
Muster zurückgreifen wollte. Weiterentwicklung, nicht unverständige
Nachahmung alter ländlicher Vorbilder muß das
Losungswort sein. Noch unverständiger ist es freilich, wenn
man die Weiterentwicklung darin sucht, daß man städtische
Muster auf das Land verpflanzt. In dieser Beziehung ist im
Bauwesen besonders viel gesündigt worden, und kann man
unsere Bau- und sonstigen Behörden und unsere Lehranstalten
von Mitschuld nicht freisprechen. Nicht aus bösem
Willen, aber aus mangelndem Verständnis und mangelnder
Teilnahme für die ländlichen Verhältnisse hat man lange
Jahre hindurch sich um diese Dinge nicht bekümmert, ja
vielfach noch durch Bau- und ähnliche Ordnungen die naturgemäße
ländliche Entwicklung gestört und in städtische
Zwangsformen gebracht. Solange der Bauer seine Bauten
noch allein mit Hilfe ländlicher, durch keine Schule
gegangener Bauhandwerker besorgte, blieb noch vieles der
ländlichen Eigenart erhalten, ln dem Maße aber, wie jeder
Maurer- und Zimmermeister nun mindestens eine Baugewerkschule
besucht hat und hier wesentlich mit städtischen
Mustern gefüttert worden ist, wird die Sache um so gefährlicher,
je verführerischer das städtische Muster dem Bauern
erscheint. Denn das ist ja eine Haupteigenschaft des Bauern,
daß er nur zu gern den Nachbar übertrumpfen will, und
nichts kann ihm besser als dazu geeignet vorgestellt werden
als ein ganz neuer, im Dorfe noch nicht vorhandener
städtischer Bau. Hier gilt es einzusetzen und die verzeihliche
Eitelkeit des Bauherrn zu befriedigen und doch den
besonderen Bedingungen der ländlichen Bauart gerecht zu
werden. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse, soweit das
Hausgerät, der Schmuck der Wohnung und die Tracht der
Menschen in Betracht kommen. In allen diesen Beziehungen
ist in letzter Zeit schon manches erreicht, und diese Wandlung
zum Besseren zu kräftigen und zu fördern, ist auch der
Zweck der Abhandlungen, zu welchen sich eine Anzahl in
der Sache stehender und für sie begeisterter Fachleute vereinigt
haben. Dieses Buch, das mit dem Gesagten eingeleitet
wird, wendet sich nicht in erster Reihe an das Landvolk
selbst, der deutsche Bauer ist Gott sei Dank nicht gerne
bevormundet, und besonders wo sein Geschmack und seine
Lebensgewohnheiten in Frage kommen, muß man ihn sehr
vorsichtig behandeln. Man glaubt schon viel erreicht zu
haben, wenn mit dieser Schrift in den Kreisen der Behörden
und aller Personen, welche in diesen Fragen Einfluß auf
dem Lande besitzen, also vor allem Gutsbesitzer, Geistliche
und Lehrer, der Sinn für Erhaltung der ländlichen Eigenart
auf den verschiedenen Gebieten der Kunst und die Neigung
zur Teilnahme an ihren Bestrebungen geweckt und gefördert
wird.
AUCH DIE GERINGSTE SACHE, DIE GUT
GEMACHT IST, TRÄGT BEI, DIE SCHÖNHEIT
DER ERDE ZU MEHREN.
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