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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

OFFENES  SCHREIBEN
AN  DIE  STADT  DORNBIRN  IN
VORARLBERG.
as  schöne  alte  Haus,  das  in  einer  Abbildung  aui
Seite  284  unseres  Heftes  zu  sehen  ist,  soll  in  nächster
Zeit  abgebrochen  werden.
Es  liegt  also  hier  ein  Fall  vor,  der  sich  täglich
hundertfach  in  allen  Gegenden  ereignet:  interessante  alte
Bauwerke,  denen  die  Stadt  ihre  Charakteristik  dankt,  müssen
fallen,  nicht  weil  sie  baufällig  sind,  sondern  weil  ein  banales
Interesse  vorliegt,  ein  Regulierungsplan,  Großstadtsucht  oder
irgend  eine  sonstige  Spekulationsidee.
Wenn  schon  keine  andere  Rücksicht  gelten  soll  als  die
materielle  Rücksicht  auf  den  Gewinn,  so  soll  doch  auch
hierin  das  Rechte  getan  werden.  Und  das  Rechte  wäre  auch
in  diesem  Hinblick  die  Erhaltung  solcher  charakteristischer
Bauwerke,  weil  sie  es  sind,  die  einer  Stadt  oder  einem
Land  Anziehungskraft  geben  und  den  guten  Ruf,  daß  es
noch  was  Originelles  zu  sehen  gibt  für  alle,  die  sich  von
der  Öde  und  Langweile  der  gleichartigen  internationalen
Stadtphysiognomien  erholen  wollen.
Wenn  nun  einmal  die  Erkenntnis  aufgedämmert,  daß  ein
solches  altes  Werk  noch  immer  ein  lebendiger  Wert  ist,
dann  kommt  wohl  auch  nach  und  nach  das  ungleich
wichtigere  Verständnis  für  die  Gründe,  warum  solch  ein
altes  verwittertes  Bauwerk  anziehender  und  bedeutsamer  ist
als  alles,  was  der  ReißbrettkArchitekt  an  dessen  Stelle  zu
setzen  vermeinte  —  und  wenn  das  einmal  erkannt  ist,  dann
ist  für  die  weitere  bauliche  Stadtpflege  das  Beste  zu  hoffen.
Nicht  daß  man  derartige  Bauten  kopieren  sollte  —  wenn
diese  Gefahr  vorläge,  wäre  es  besser,  sie  ruhig  dem  Verfall
und  dem  Vandalismus  zu  überlassen.
Kein  vernünftiger  Mensch  würde  eine  „stilgerechte“  Wieder"
holung  dessen  fordern,  was  die  Menschen  vor  Jahrhunderten
unter  gänzlich  anderen  Verhältnissen  schufen.  Aber  was
damals  den  Menschen  heilig  war,  das  Material  und  der
Zweck  und  die  organische  Beziehung  zum  menschlichen
Dasein,  so  sie  der  alte  Baumeister  und  der  Künstler  überhaupt
unbeirrt  von  der  Schablone  herstellt,  das  kann  man  an
einem  alten  Bauwerk  als  einem  lebendigen  Beispiel  immer
ersehen  und  zum  Mittelpunkt  der  eigenen  gegenwärtigen
Bestrebungen  machen.  Der  rechte  Baumeister  kann  an  diesen
Werken  den  rechten  Geist  lernen,  der  ihn  erfüllen  muß,
so  wie  er  alle  Künstler  erfüllt  hat,  die  in  wahrer  Liebe  zur
Menschheit  für  den  Fortschritt  der  Menschlichkeit,  der  auch
an  solchen  praktischen  Dingen  hängt,  geschaffen  haben.
Das  Neuschaffen  möge  sich,  wenn  es  von  diesem  Gedanken
ausgeht,  selbständig  und  wahrhaft  modern  betätigen  und  es
wird  nicht  fehlgreifen  können.  Es  wird  sich  aber  auch  nicht
an  den  alten  Gütern  vergreifen,  sie  weder  nachahmen  noch
zerstören,  sondern  an  den  Reliquien  noch  immer  den  Geist
der  Menschlichkeit  verehren,  der  in  diesen  Dingen  lebt  und
dem  Neuschaffen  nicht  mangeln  soll.  Das  Neuschaffen

wirke  nicht  auf  Kosten  des  Alten;  es  lasse  das  Alte  be"
stehen  und  betätige  sich  in  neuen  Bezirken  und  trachte  es
auf  seine  Art  zu  so  guten  oder  besseren  Lösungen  zu  bringen
wie  die  alte  Zeit.  Wenn  auch  das  alte  Bauwerk  nicht  mehr
bewohnbar  sein  sollte,  so  ist  es  immerhin  in  brauchbaren
Stand  zu  setzen,  um  als  Museum  weiter  zu  dienen  und  vor
allem  als  Vermächtnis  früherer  Geschlechter  und  als  Prüf"
stein  für  das  Neue,  das  von  daher  den  Ansporn  empfangen
müßte,  seinerseits  auf  unmittelbarste  und  zeitgemäßeste  Art
das  Beste  zu  tun,  um  neben  dem  Alten  in  Ehren  zu
bestehen.  Eine  Stadt,  die  diesen  Geist  pflegt  und  ihr  jahr"
hundertelanges  Wachstum  und  ihre  kulturelle  Entwicklung
in  den  Wohnbauten  und  sonstigen  Bauwerken  als  eine
lapidare  Chronik  aufrollt,  muß  eine  wahrhaft  schöne  Stadt
sein,  die  man  gerne  besucht  und  in  gutem  Andenken  behält
wie  ein  Bild,  in  dem  viel  gute  reichliche  Menschlichkeit
vieler  Geschlechter  in  allen  Abstufungen  auf  einmal  sichtbar
wird  und  alles,  was  in  langer  Vergangenheit  nacheinander
erfolgt,  in  unmittelbarer  Gegenwart  nebeneinander  steht.
Dornbirn  hat  sicherlich  eine  gute  Stadtverwaltung  und
eine  verständige  Bürgerschaft,  die  in  ihrem  eigenen  Interesse
Wert  darauf  legt,  daß  die  Stadt  schön  sei  und  daß  zu  diesem
Zwecke  der  Geist  gepflegt  werde,  von  dem  die  Rede  war.
Man  wird  es  daher  nicht  zugeben,  daß  ein  solches  ehrwürdiges
Gebäude  abgebrochen  werde,  und  man  wird  sicherlich  alles
tun,  es  zu  erhalten,  sobald  die  Sache  zur  allgemeinen  Kenntnis
gebracht  ist.  Das  ist  hiemit  geschehen  und  es  ist  zu  hoffen,
daß  die  Erhaltung  des  alten  Baues,  so  es  auf  Beschluß  der
Stadt  und  durch  Einsetzung  eines  Komitees  mit  großem
Anhang  in  der  Bürgerschaft  als  gesichert  hingestellt  werden
kann.
Die  Stadt  Dornbirn  würde  damit  ein  gutes  Beispiel  geben,
das  für  viele  ähnliche  Fälle  ein  Vorbild  liefert.

OFFENES  SCHREIBEN
AN  DIE  STADT  DÜSSELDORF
in  betreff  des  neuen  deutschen  Schauspielhauses.
D ie  Stadt  Düsseldorf  soll  infolge  einer  Stiftung  der
Schauspielerin  Dumont  ein  neues  Schauspielhaus
erhalten.  Ein  Berliner  Architekt  wird  genannt,  dem
die  Ausführung  erteilt  werden  soll,  und  schon
erheben  sich  Stimmen,  die  befürchten,  daß  es  eher  alles
andere  wird,  als  das  deutsche  Schauspielhaus  der  Jetztzeit.
Wir  haben  in  Heft  4  der  „Hohen  Warte“  an  Martin  Dülfers
Theaterbauten  die  allgemeinen  Grundsätze  des  neuen  Theater"
baues  erläutert,  soweit  sie  Gemeingut  sein  sollen.
Der  neue  Düsseldorfer  Theaterbau  gibt  Gelegenheit,  neue
Talente  kennen  zu  lernen.  Es  soll  ein  Bau  sein,  der  der
Physiognomie  der  Heimat  nicht  Schaden  tut  und  der  zu"
gleich  die  höchste  Zweckmäßigkeit  und  die  Verwendung
            
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