kleinen Einfluß der eigenen Kultur, des eigenen Geschmackes
fand man in der allgemeinen adeligen Tracht, in dem reichen
Gewerbe der polnischen, seidenen, golddurchwirkten, schah
artigen Gürteln, hie und da auch an den Verzierungen der
adeligen Schlösser und bürgerlichen Häuser. Es war aber
zu wenig, um sich darauf stützen und daraus das Vertrauen
zum selbständigen künstlerischen Dasein schöpfen zu können.
Man wandte sich dann an die Kunst, welche weder an
Gold noch wertvollen Kleinodien noch Seide reich war,
an die Kunst der einfachsten Leute. Und dort fand man
wahrlich Schätze. — Die Volkskunst hörte auf einmal auf,
den Ausdruck etwas Minderwärtigen zu bilden, im Gegenteil,
sie leuchtete mit ihrer ganzen Pracht auf als die ergiebigste
Quelle, als ein Originaldokument, als eine sichere Grundlage.
Auf den Schauplatz trat jetzt Zakopane. Das mächtige Ma^
terial, gesammelt durch den Matlakowski, die Dembowskis,
Gnatowski, Graf Krasihski und andere, wurde dank den von
Matlakowski herausgegebenen Werken allen zugänglich. Das
Talent des Witkiewicz flößte ihm Leben ein, verschaffte ihm
einen Ruf, und als vor ungefähr drei Jahren eine Handvoll
Menschen sich organisierte, um der Sache ihre Arbeit zu
widmen, hatte der Zakopaner Stil bereits eine glänzende
Geschichte. Es gab aber etwas, was den Talbewohnern keine
Ruhe gab. Manchmal war es zu enge in der Atmosphäre
dieser Kunst. Trotz der vollkommenen Entwicklung der
Grundsätze der Baukunst der Göralen, war es ein eigem
tümlicher Anblick, zu sehen, wie diese Zakopaner Häuser auf
einmal auf den polnischen Ebenen aufwuchsen, auf den
Ebenen, wo das Auge gewöhnt war, andere Formen zu sehen,
wo man in der Baukunst einen anderen Gedanken sah und
die Seele in dieser Umgebung eine andere Stimmung empfing.
Die niedrige, ausgebreitete, mit Stroh gedeckte, mit Kalk am
gestrichene, öfter mit farbigen Malereien verzierte Mazurem
Hütte; Häuser mit Lauben und zierlich geschnitzten Säulen;
kleine Kirchlein mit auswärtigen, mit Dach gedeckten Gale^
rien, welche wie schützend das Hauptschiff der Kirche unv
geben; kleine Häuschen mit charakteristischen Dächern und
kleinen Veranden, dies alles wartete darauf, um gesammelt,
bearbeitet, ausgenützt zu werden. Und weiters — die ganze
märchenhafte Farbenwelt, der ganze Reichtum von Verzier
rungen, entdeckt unter dem Volke aller polnischen Landen,
brachte für die Kunst eine unvorhergesehene Menge neuer
Werte, neuer Gedanken, Hoffnungen und Ahnungen. Man
beschloß daher mit dem ganzen Pietismus für die in Zakopane
so glänzend angefangene Sache, die Arbeit auf noch breü
teren Grundlagen zu stützen und die Sammlung der Volkse
kunst und der Holzbaukunst in ganz Polen anzustreben.
Und dann erinnerte man sich an die Namen und die Tätig'
keit der ersten Arbeiter auf diesem Felde. Mit einer wahren
seelischen Erregung fing man in den alten Jahrgängen der
„Klosy“, „Tygodnik Ilustrowany“, „Wedrowiec“ und „Wisla“
nach Zeichnungen zu suchen, man suchte in den Maler'
theken des Matejko, der Lepkowski, des Luszczkiewicz,
Gerson, Maszynski und vieler anderer. Zur wahren Hilfe
wurde die gegenwärtige Ethnographie und ihre derartigen
Vertreter, wie Zygmund Gloger, Seweryn Udziela, Kazimierz
Moklowski, Maryan Wawrzeniecki, Matthias Bersohn und
andere. Jeden Augenblick trat jemand anderer auf. Jeden
Augenblick hörte man von neuen Entdeckungen — neuen
Schätzen. Dort, auf der westlichen Grenze Polens in Schle'
sien, entdeckte man ungewöhnlich originelle Milchschöpfer;
in der Gegend von Lowicz wieder eine reiche, über alle
Maßen sehenswürdige Kunst, mit aus färbigem Papier heraus'
geschnittenen Verzierungen die Wände der Wohnhäuser
zu schmücken; in Litauen prächtige Holzschnitzereien. Das
Sammeln wurde chaotisch betrieben. Das Material zer'
splitterte sich. Der Verein „Polska Sztuka Stosowana“ in
Krakau beschloß, dieses Material auf eine Stelle zu kom
zentrieren, und gegenwärtig ist seine Sammlung imposant.
Die Abteilung des Nationalmuseums für die Volkskunde
und die private Sammlung des Herrn Seweryn Udziela in
Podgörze ergänzen vorzüglich dieses Material.
Diese Volkskunst, je mehr sie ihre ungeahnten und reichen
Seiten hervorkehrte, umsomehr drängte sich die Frage auf,
wozu sie dienen, was man mit ihr machen, wie man sie
behandeln soll. Klar war es, daß sie neben der Sprache und
dem Liede das am meisten heimische und selbständige Element
darstellt; dies ist nämlich das allgemeine Kennzeichen der
Volkskunst. Daß sie bei uns prächtig, vielartig und um vieles
reicher ist, als man es zugab, dies haben Ausstellungen,
Untersuchungen und fast jeden Augenblick neue Sammlungen
bewiesen. Daß sie nicht eine tote Kunst ist, daß sie in sich
selbst Lebens' und Entwicklungsbedingungen trägt, trotz
ihres Verschwindens in manchen Gegenden infolge ökono'
misch'wirtschaftlicher Evolutionen in dem Volksleben, dies
beweisen ihre zahlreichen gegenwärtigen Erscheinungen. Aber
wie soll sich ihr Verhältnis in der Zukunft zum polnischen
Kunstgewerbe und der Baukunst, zu den polnischen Künstlern
und Handwerkern gestalten und umgekehrt? Sollen wir aus
ihr mit voller Hand schöpfen, entwickeln, nach eigenen Am
schauungen umschmelzen, den schöpferischen Volksmotiven
einen neuen Charakter durch das Schaffen eines „Syntese“'
Stils geben; oder aber im Gegenteil, sollen wir sie als etwas
von sich selbst Geborenes, Vollkommenes betrachten, als
das Produkt einfacher Menschen, solcher, wie wir nicht sind
und nie sein können, als eine Kunst, die verbleiben und
leben oder verschwinden und vergehen soll, aber nur im
mitten einfacher Menschen, inmitten des Volkes? Wenn es
aber so ist, sollte nicht diese einfache Kunst für uns eine
Lehre, ein Befehl sein, daß das Schaffen und Denken selb'
ständig sein soll und die Schaffenslust in sich selbst zu
suchen sei; und sollten wir uns ihr nicht nur aus diesem
Grunde nähern, um die eigenen schöpferischen Gedanken
in einer gesunden, uns nahen Atmosphäre zu spinnen, ihre
Stimme anhören, wie wir ein Lied, ein Märchen, die heimat'
liehen Klänge, die Musik der heimatlichen Fluren und Wälder
anhören, sollten wir nicht ihren Reiz mit unseren Jugend'
erinnerungen, mit dem Bilde des heimatlichen Dörfchens
mit dem Widerhall der heimatlichen Geschichte vermengen?
Viele haben bereits die Frage mit großer Entschiedenheit
beantwortet. Und so hören wir: die Volkskunst, das ist ein
unantastbares Heiligtum; oder dies ist nur ein minder'
wertiges Kunstmaterial; die einzige Quelle des polnischen
Stils; oder endlich dies ist die einzig richtige Atmosphäre,
in welcher gelebt und geschaffen werden soll. Es liegt viel'
leicht in jeder von diesen Ansichten ein wenig Wahrheit,
aber keine davon darf man, unter dem Fluche, eine Schablone
zu schaffen, zur Bedeutung eines Dogmas erheben. Die Er'
fahrung sagt uns aber mit voller Entschiedenheit: man muß
die originelle Schaffungskraft bewachen; das blinde und um
ehrliche Nachahmen immer und überall mißbilligen, vor der
Annahme der Volksmotive, ohne ihren Geist richtig verstanden
zu haben, warnen; die Volkskunst dagegen mit dem größten
Schutze umgeben und den wirklichen Talenten aus dem
Volke die Entwicklung zu erleichtern, und zwar durch Bei'
bringung einer verständigen künstlerischen Ausbildung oder
einzig und allein durch Verschaffung möglichst vollkommener
technischer Mittel.
Und noch eins. Man muß den fruchtlosen Streit um den
Vorrang dieser oder jener Motive, dieses oder jenes Grund'
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