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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

kleinen Einfluß der eigenen Kultur, des eigenen Geschmackes 
fand man in der allgemeinen adeligen Tracht, in dem reichen 
Gewerbe der polnischen, seidenen, golddurchwirkten, schah 
artigen Gürteln, hie und da auch an den Verzierungen der 
adeligen Schlösser und bürgerlichen Häuser. Es war aber 
zu wenig, um sich darauf stützen und daraus das Vertrauen 
zum selbständigen künstlerischen Dasein schöpfen zu können. 
Man wandte sich dann an die Kunst, welche weder an 
Gold noch wertvollen Kleinodien noch Seide reich war, 
an die Kunst der einfachsten Leute. Und dort fand man 
wahrlich Schätze. — Die Volkskunst hörte auf einmal auf, 
den Ausdruck etwas Minderwärtigen zu bilden, im Gegenteil, 
sie leuchtete mit ihrer ganzen Pracht auf als die ergiebigste 
Quelle, als ein Originaldokument, als eine sichere Grundlage. 
Auf den Schauplatz trat jetzt Zakopane. Das mächtige Ma^ 
terial, gesammelt durch den Matlakowski, die Dembowskis, 
Gnatowski, Graf Krasihski und andere, wurde dank den von 
Matlakowski herausgegebenen Werken allen zugänglich. Das 
Talent des Witkiewicz flößte ihm Leben ein, verschaffte ihm 
einen Ruf, und als vor ungefähr drei Jahren eine Handvoll 
Menschen sich organisierte, um der Sache ihre Arbeit zu 
widmen, hatte der Zakopaner Stil bereits eine glänzende 
Geschichte. Es gab aber etwas, was den Talbewohnern keine 
Ruhe gab. Manchmal war es zu enge in der Atmosphäre 
dieser Kunst. Trotz der vollkommenen Entwicklung der 
Grundsätze der Baukunst der Göralen, war es ein eigem 
tümlicher Anblick, zu sehen, wie diese Zakopaner Häuser auf 
einmal auf den polnischen Ebenen aufwuchsen, auf den 
Ebenen, wo das Auge gewöhnt war, andere Formen zu sehen, 
wo man in der Baukunst einen anderen Gedanken sah und 
die Seele in dieser Umgebung eine andere Stimmung empfing. 
Die niedrige, ausgebreitete, mit Stroh gedeckte, mit Kalk am 
gestrichene, öfter mit farbigen Malereien verzierte Mazurem 
Hütte; Häuser mit Lauben und zierlich geschnitzten Säulen; 
kleine Kirchlein mit auswärtigen, mit Dach gedeckten Gale^ 
rien, welche wie schützend das Hauptschiff der Kirche unv 
geben; kleine Häuschen mit charakteristischen Dächern und 
kleinen Veranden, dies alles wartete darauf, um gesammelt, 
bearbeitet, ausgenützt zu werden. Und weiters — die ganze 
märchenhafte Farbenwelt, der ganze Reichtum von Verzier 
rungen, entdeckt unter dem Volke aller polnischen Landen, 
brachte für die Kunst eine unvorhergesehene Menge neuer 
Werte, neuer Gedanken, Hoffnungen und Ahnungen. Man 
beschloß daher mit dem ganzen Pietismus für die in Zakopane 
so glänzend angefangene Sache, die Arbeit auf noch breü 
teren Grundlagen zu stützen und die Sammlung der Volkse 
kunst und der Holzbaukunst in ganz Polen anzustreben. 
Und dann erinnerte man sich an die Namen und die Tätig' 
keit der ersten Arbeiter auf diesem Felde. Mit einer wahren 
seelischen Erregung fing man in den alten Jahrgängen der 
„Klosy“, „Tygodnik Ilustrowany“, „Wedrowiec“ und „Wisla“ 
nach Zeichnungen zu suchen, man suchte in den Maler' 
theken des Matejko, der Lepkowski, des Luszczkiewicz, 
Gerson, Maszynski und vieler anderer. Zur wahren Hilfe 
wurde die gegenwärtige Ethnographie und ihre derartigen 
Vertreter, wie Zygmund Gloger, Seweryn Udziela, Kazimierz 
Moklowski, Maryan Wawrzeniecki, Matthias Bersohn und 
andere. Jeden Augenblick trat jemand anderer auf. Jeden 
Augenblick hörte man von neuen Entdeckungen — neuen 
Schätzen. Dort, auf der westlichen Grenze Polens in Schle' 
sien, entdeckte man ungewöhnlich originelle Milchschöpfer; 
in der Gegend von Lowicz wieder eine reiche, über alle 
Maßen sehenswürdige Kunst, mit aus färbigem Papier heraus' 
geschnittenen Verzierungen die Wände der Wohnhäuser 
zu schmücken; in Litauen prächtige Holzschnitzereien. Das 
Sammeln wurde chaotisch betrieben. Das Material zer' 
splitterte sich. Der Verein „Polska Sztuka Stosowana“ in 
Krakau beschloß, dieses Material auf eine Stelle zu kom 
zentrieren, und gegenwärtig ist seine Sammlung imposant. 
Die Abteilung des Nationalmuseums für die Volkskunde 
und die private Sammlung des Herrn Seweryn Udziela in 
Podgörze ergänzen vorzüglich dieses Material. 
Diese Volkskunst, je mehr sie ihre ungeahnten und reichen 
Seiten hervorkehrte, umsomehr drängte sich die Frage auf, 
wozu sie dienen, was man mit ihr machen, wie man sie 
behandeln soll. Klar war es, daß sie neben der Sprache und 
dem Liede das am meisten heimische und selbständige Element 
darstellt; dies ist nämlich das allgemeine Kennzeichen der 
Volkskunst. Daß sie bei uns prächtig, vielartig und um vieles 
reicher ist, als man es zugab, dies haben Ausstellungen, 
Untersuchungen und fast jeden Augenblick neue Sammlungen 
bewiesen. Daß sie nicht eine tote Kunst ist, daß sie in sich 
selbst Lebens' und Entwicklungsbedingungen trägt, trotz 
ihres Verschwindens in manchen Gegenden infolge ökono' 
misch'wirtschaftlicher Evolutionen in dem Volksleben, dies 
beweisen ihre zahlreichen gegenwärtigen Erscheinungen. Aber 
wie soll sich ihr Verhältnis in der Zukunft zum polnischen 
Kunstgewerbe und der Baukunst, zu den polnischen Künstlern 
und Handwerkern gestalten und umgekehrt? Sollen wir aus 
ihr mit voller Hand schöpfen, entwickeln, nach eigenen Am 
schauungen umschmelzen, den schöpferischen Volksmotiven 
einen neuen Charakter durch das Schaffen eines „Syntese“' 
Stils geben; oder aber im Gegenteil, sollen wir sie als etwas 
von sich selbst Geborenes, Vollkommenes betrachten, als 
das Produkt einfacher Menschen, solcher, wie wir nicht sind 
und nie sein können, als eine Kunst, die verbleiben und 
leben oder verschwinden und vergehen soll, aber nur im 
mitten einfacher Menschen, inmitten des Volkes? Wenn es 
aber so ist, sollte nicht diese einfache Kunst für uns eine 
Lehre, ein Befehl sein, daß das Schaffen und Denken selb' 
ständig sein soll und die Schaffenslust in sich selbst zu 
suchen sei; und sollten wir uns ihr nicht nur aus diesem 
Grunde nähern, um die eigenen schöpferischen Gedanken 
in einer gesunden, uns nahen Atmosphäre zu spinnen, ihre 
Stimme anhören, wie wir ein Lied, ein Märchen, die heimat' 
liehen Klänge, die Musik der heimatlichen Fluren und Wälder 
anhören, sollten wir nicht ihren Reiz mit unseren Jugend' 
erinnerungen, mit dem Bilde des heimatlichen Dörfchens 
mit dem Widerhall der heimatlichen Geschichte vermengen? 
Viele haben bereits die Frage mit großer Entschiedenheit 
beantwortet. Und so hören wir: die Volkskunst, das ist ein 
unantastbares Heiligtum; oder dies ist nur ein minder' 
wertiges Kunstmaterial; die einzige Quelle des polnischen 
Stils; oder endlich dies ist die einzig richtige Atmosphäre, 
in welcher gelebt und geschaffen werden soll. Es liegt viel' 
leicht in jeder von diesen Ansichten ein wenig Wahrheit, 
aber keine davon darf man, unter dem Fluche, eine Schablone 
zu schaffen, zur Bedeutung eines Dogmas erheben. Die Er' 
fahrung sagt uns aber mit voller Entschiedenheit: man muß 
die originelle Schaffungskraft bewachen; das blinde und um 
ehrliche Nachahmen immer und überall mißbilligen, vor der 
Annahme der Volksmotive, ohne ihren Geist richtig verstanden 
zu haben, warnen; die Volkskunst dagegen mit dem größten 
Schutze umgeben und den wirklichen Talenten aus dem 
Volke die Entwicklung zu erleichtern, und zwar durch Bei' 
bringung einer verständigen künstlerischen Ausbildung oder 
einzig und allein durch Verschaffung möglichst vollkommener 
technischer Mittel. 
Und noch eins. Man muß den fruchtlosen Streit um den 
Vorrang dieser oder jener Motive, dieses oder jenes Grund' 
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