ins Fäustchen lachte, denn er wußte, daß die Sachen von
seiner Kundschaft hochgeschätzt waren. Dieser Kunstfleiß,
der einer verständigen und unaufdringlichen Pflege und
Förderung seitens der dazu bestellten Kräfte entbehren
mußte, erlahmte in demselben Grade, als die Erzeugnisse
geringgeschätzt wurden; der häusliche Kunstschatz wanderte
aus dem Besitz seiner Hervorbringer in die Sammlungen,
und so kommt es, daß die gesamte gepriesene Volkskunst
heute fast nur mehr Museumsgut oder Museumsgerümpel
ist. Sie ist kaum mehr am Leben zu finden. Ein paar Fa^
briken liefern Hausindustrie in bewußt schlechter Naclv
ahmung. Die Quellen sind fast verschüttet; hie und da
noch eine spärliche Regung; im großen und ganzen aber
die verheerende Wirkung einer blinden Unterdrückung.
Und nun enthüllt diese Ausstellung, die ebenfalls nur aus
verschiedenem Museumsbesitz auf kurze Dauer zusammen^
gerafft ist, das köstliche Bild des leichtsinnig und gewissem
los verschleuderten volkstümlichen Kunsterbes. Der raffü
nierteste Modegeschmack würde nicht im stände sein, ein
Frauenkleid zusammenzustellen, das von solcher Erlesenheit
ist wie das alte Kostüm einer böhmischen oder mährischen
Bäuerin. Mag sein, daß das Modekleid im Materialsinne
kostspieliger ist, im künstlerischen Sinne kostbarer ist zwei'
fellos das bäuerliche Kostüm. Die kunstgewerblichen Uber'
lieferungen von Generationen haben mitgewirkt, um dem
selbstgefertigten Staat der Bäuerin oder auch des Bauern
über das bloß Stoffliche hinaus einen besonderen Adel durch
die kunstvolle Nadelarbeit zu geben. In der Weißstickerei
kommt noch der besondere Reiz lebhafter Farben in Weg'
fall, die schöne Form, die Technik und die Sauberkeit der
Ausführung bestreiten allein die erstaunliche künstlerische
Wirkung. Ein solches Stück Linnen ist denn kostbarer als
Silber und wurde wohl auch zuzeiten demgemäß gehütet.
Nach vielen Mustern zu urteilen, ist die Kunstblüte nicht
allzulang her erloschen. Darauf weisen die überaus zahl'
reichen Empire' und Biedermeiermotive: Vasen, gestickt,
mit â jour'Arbeit und in zarter und stilvoller Anordnung
von Blumenbuketten gekrönt, gestickt mit durchbrochener
sogenannter Einarbeit oder â jour gehalten und durch die
Lückerltechnik bereichert. Jeder der â jour gehaltenen Teile
weist ein anderes Muster der zusammengezogenen Fäden
auf. Wenn die Bäuerin Sonntags in vollem Putz zur Kirche
ging, dann trug sie, die Hände an die Brust gedrückt, nebst
Gebetbuch und Rosmarinzweig ein solches kunstvolles Tüch'
lein auf die Art, daß vorn die Vase mit dem Bukett sicht'
bar war.
In den Mustern, die zum großen Teil der Blumenwelt ent'
nommen sind, redet die Heimat. Auf dem Gebiete der
Böhmerwaldspitze, davon eine Kollektion aus dem Volks'
kundemuseum des Dr. M. Haberland dieser Ausstellung
einverleibt ist, verdanken wir den Forschungen des Lehrers
Josef Blau in Silberberg im Böhmerwald die intimere
Kenntnis der Muster und ihrer aus Naturvergleichen abge'
leiteten Benennungen. Die lokale und volkstümliche Boden'
ständigkeit geht aus diesen Bezeichnungen, die auf Vorbilder
im heimatlichen Gesichtskreis hindeuten, unzweifelhaft
hervor. Spinnlein, Rübeiseln, Bodenstiegen, der liegende
Baum, Rosenkranzla, Zipfelhauma, Stiersojcha und andere
sind solche Namen von Spitzenmustern und Motiven. Auch
in der böhmischen Erzgebirgespitzenfabrikation kommen
diese und ähnliche uralte Bezeichnungen vor, wie Messer'
spitzen, Mauszähnchen, Landstraße, Schafhütten u. s. f. Ein
Beweis für die Bodenwüchsigkeit ist die Tatsache, daß alle,
auch fern voneinander liegende Orte die Namen ihrer Muster
aus Naturvergleichen schöpfen, im Böhmerwalde wie im
Erzgebirge, in der Jungbunzlauer Gegend, bei den Tschechen
und Slovaken, in der Chrudimer Gegend, bei den mähri'
sehen Walachen, die ihren Stickereien ähnliche Namen
geben, ebenso wie die Zeichenmuster der bemalten Eier in
der Bukowina, in Galizien, in Mähren mit Namen bezeichnet
werden, die auf angeschaute Naturvorbilder hindeuten.
Aus diesen Tatsachen geht ohneweiters hervor, daß durch
Verabreichung sogenannter „gangbarer“ Muster, die in den
Wiener Zeichenateliers hergestellt und von den ländlichen
Künstlern sklavisch kopiert werden sollen, der Volks' und
Hauskunst nicht auf die Füße geholfen werden kann, som
dem daß durch eine solche Art des „Organisierens“, wie es
im selbstgefälligen Beamtenjargon heißt, nur die Eigenart
ertötet und an Stelle des charakteristischen eigenen Schaffens
die Schablone gesetzt wird. Derselbe Staat, der die künst'
lerische Hausindustrie zu gründe organisiert und ihre irdi'
sehen Reste in der Museumsausstellung aufbahrt, ignoriert
vollkommen, daß Dr. Haberland in seinem Volkskunde'
museum seit zehn Jahren diese Dinge aufspeichert und wegen
Platzmangel seine Herrlichkeiten nicht dauernd zur Schau
stellen kann, was man angesichts der bedeutungsvollen Sache
verlangen müßte. Die Prager haben für ihre derartige Samm'
lung ein ganzes Palais bekommen, in Wien hat man der
einzigen Sammlung Haberlands die entsprechenden Räum'
lichkeiten, das heißt den erforderlichen Museumszubau ver'
weigert.
Wenn es auch nicht das letzte und erstrebenswerteste Ziel
sein kann, die Kunst im Museum enden und begraben zu
lassen, so ist es doch dem unermüdlichen Sammeleifer der
Volkskunstfreunde, Haberland voran, zu danken, daß diese
Dinge wieder Beachtung finden und künftig vielleicht als
Ausgangspunkt einer neuen volksmäßigen künstlerischen
Bewegung für das Leben fruchtbar gemacht werden — falls
einmal die rechten Leute ans Ruder kommen.
Was soll aber zunächst geschehen?
Es hat sich im Beginn dieser Ausstellung ein Komitee zur
Förderung der dalmatinischen Spitzenindustrie gebildet, und
es existiert seit einiger Zeit auch ein anderes, das dem Heil
der österreichischen Spitzenfabrikation dienen will; das junge
Komitee, das offenbar von dem guten Willen beseelt ist,
der armen dalmatinischen Bevölkerung zu helfen, weiß nicht
recht, wie es die Sache anpacken wird. Hier gilt es jedem
falls, die Fehler anderer ähnlicher „Förderungen“ zu ver'
meiden. Die Damen haben vielleicht keine Ahnung, daß ein
solches Werk, wenn es taugen soll, eine unermüdliche, stille
und opferwillige, begeisterte Arbeit fordert, die weit von
Lärm und Wichtigtuerei entfernt ist und Jahre braucht, um
Früchte zu zeigen. Nicht nur für die dalmatinische Spitze,
sondern für die künstlerische Heimindustrie aller Gegenden
gilt dasselbe, daß dort wieder angefangen werden muß, wo
aufgehört worden ist. Den Leuten darf nicht die Verachtung
gegen ihre eigene Überlieferung gelehrt werden, sie müssen
im Gegenteil zur Liebe für diese Dinge erzogen werden.
Die Bestrebungen der schwedischen Handarbeitsvereine, die
uns kürzlich in einer kleinen Musterausstellung von einer
Schwedin, Frau Sjölander, gezeigt wurden, bedeuten ein
nachahmenswertes Beispiel. Es beginnt mit der Wiederauf'
nähme der alten Techniken und alten heimatlichen Muster.
Die müssen wieder ins Volksbewußtsein kommen, und aus
dem Volksbewußtsein heraus und vielleicht von dem Schaffen
großer Künstler, die immer den Kulturgang leiten, von
fernher bestimmt muß sich eine Weiterentwicklung ermög'
liehen, und sie wird sich ermöglichen, freilich in einem
langen Prozeß, der nichts zu tun hat mit den überstürzten
Hilfsaktionen einiger funktionsbedürftiger Damen aus der
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