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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

ins Fäustchen lachte, denn er wußte, daß die Sachen von 
seiner Kundschaft hochgeschätzt waren. Dieser Kunstfleiß, 
der einer verständigen und unaufdringlichen Pflege und 
Förderung seitens der dazu bestellten Kräfte entbehren 
mußte, erlahmte in demselben Grade, als die Erzeugnisse 
geringgeschätzt wurden; der häusliche Kunstschatz wanderte 
aus dem Besitz seiner Hervorbringer in die Sammlungen, 
und so kommt es, daß die gesamte gepriesene Volkskunst 
heute fast nur mehr Museumsgut oder Museumsgerümpel 
ist. Sie ist kaum mehr am Leben zu finden. Ein paar Fa^ 
briken liefern Hausindustrie in bewußt schlechter Naclv 
ahmung. Die Quellen sind fast verschüttet; hie und da 
noch eine spärliche Regung; im großen und ganzen aber 
die verheerende Wirkung einer blinden Unterdrückung. 
Und nun enthüllt diese Ausstellung, die ebenfalls nur aus 
verschiedenem Museumsbesitz auf kurze Dauer zusammen^ 
gerafft ist, das köstliche Bild des leichtsinnig und gewissem 
los verschleuderten volkstümlichen Kunsterbes. Der raffü 
nierteste Modegeschmack würde nicht im stände sein, ein 
Frauenkleid zusammenzustellen, das von solcher Erlesenheit 
ist wie das alte Kostüm einer böhmischen oder mährischen 
Bäuerin. Mag sein, daß das Modekleid im Materialsinne 
kostspieliger ist, im künstlerischen Sinne kostbarer ist zwei' 
fellos das bäuerliche Kostüm. Die kunstgewerblichen Uber' 
lieferungen von Generationen haben mitgewirkt, um dem 
selbstgefertigten Staat der Bäuerin oder auch des Bauern 
über das bloß Stoffliche hinaus einen besonderen Adel durch 
die kunstvolle Nadelarbeit zu geben. In der Weißstickerei 
kommt noch der besondere Reiz lebhafter Farben in Weg' 
fall, die schöne Form, die Technik und die Sauberkeit der 
Ausführung bestreiten allein die erstaunliche künstlerische 
Wirkung. Ein solches Stück Linnen ist denn kostbarer als 
Silber und wurde wohl auch zuzeiten demgemäß gehütet. 
Nach vielen Mustern zu urteilen, ist die Kunstblüte nicht 
allzulang her erloschen. Darauf weisen die überaus zahl' 
reichen Empire' und Biedermeiermotive: Vasen, gestickt, 
mit â jour'Arbeit und in zarter und stilvoller Anordnung 
von Blumenbuketten gekrönt, gestickt mit durchbrochener 
sogenannter Einarbeit oder â jour gehalten und durch die 
Lückerltechnik bereichert. Jeder der â jour gehaltenen Teile 
weist ein anderes Muster der zusammengezogenen Fäden 
auf. Wenn die Bäuerin Sonntags in vollem Putz zur Kirche 
ging, dann trug sie, die Hände an die Brust gedrückt, nebst 
Gebetbuch und Rosmarinzweig ein solches kunstvolles Tüch' 
lein auf die Art, daß vorn die Vase mit dem Bukett sicht' 
bar war. 
In den Mustern, die zum großen Teil der Blumenwelt ent' 
nommen sind, redet die Heimat. Auf dem Gebiete der 
Böhmerwaldspitze, davon eine Kollektion aus dem Volks' 
kundemuseum des Dr. M. Haberland dieser Ausstellung 
einverleibt ist, verdanken wir den Forschungen des Lehrers 
Josef Blau in Silberberg im Böhmerwald die intimere 
Kenntnis der Muster und ihrer aus Naturvergleichen abge' 
leiteten Benennungen. Die lokale und volkstümliche Boden' 
ständigkeit geht aus diesen Bezeichnungen, die auf Vorbilder 
im heimatlichen Gesichtskreis hindeuten, unzweifelhaft 
hervor. Spinnlein, Rübeiseln, Bodenstiegen, der liegende 
Baum, Rosenkranzla, Zipfelhauma, Stiersojcha und andere 
sind solche Namen von Spitzenmustern und Motiven. Auch 
in der böhmischen Erzgebirgespitzenfabrikation kommen 
diese und ähnliche uralte Bezeichnungen vor, wie Messer' 
spitzen, Mauszähnchen, Landstraße, Schafhütten u. s. f. Ein 
Beweis für die Bodenwüchsigkeit ist die Tatsache, daß alle, 
auch fern voneinander liegende Orte die Namen ihrer Muster 
aus Naturvergleichen schöpfen, im Böhmerwalde wie im 
Erzgebirge, in der Jungbunzlauer Gegend, bei den Tschechen 
und Slovaken, in der Chrudimer Gegend, bei den mähri' 
sehen Walachen, die ihren Stickereien ähnliche Namen 
geben, ebenso wie die Zeichenmuster der bemalten Eier in 
der Bukowina, in Galizien, in Mähren mit Namen bezeichnet 
werden, die auf angeschaute Naturvorbilder hindeuten. 
Aus diesen Tatsachen geht ohneweiters hervor, daß durch 
Verabreichung sogenannter „gangbarer“ Muster, die in den 
Wiener Zeichenateliers hergestellt und von den ländlichen 
Künstlern sklavisch kopiert werden sollen, der Volks' und 
Hauskunst nicht auf die Füße geholfen werden kann, som 
dem daß durch eine solche Art des „Organisierens“, wie es 
im selbstgefälligen Beamtenjargon heißt, nur die Eigenart 
ertötet und an Stelle des charakteristischen eigenen Schaffens 
die Schablone gesetzt wird. Derselbe Staat, der die künst' 
lerische Hausindustrie zu gründe organisiert und ihre irdi' 
sehen Reste in der Museumsausstellung aufbahrt, ignoriert 
vollkommen, daß Dr. Haberland in seinem Volkskunde' 
museum seit zehn Jahren diese Dinge aufspeichert und wegen 
Platzmangel seine Herrlichkeiten nicht dauernd zur Schau 
stellen kann, was man angesichts der bedeutungsvollen Sache 
verlangen müßte. Die Prager haben für ihre derartige Samm' 
lung ein ganzes Palais bekommen, in Wien hat man der 
einzigen Sammlung Haberlands die entsprechenden Räum' 
lichkeiten, das heißt den erforderlichen Museumszubau ver' 
weigert. 
Wenn es auch nicht das letzte und erstrebenswerteste Ziel 
sein kann, die Kunst im Museum enden und begraben zu 
lassen, so ist es doch dem unermüdlichen Sammeleifer der 
Volkskunstfreunde, Haberland voran, zu danken, daß diese 
Dinge wieder Beachtung finden und künftig vielleicht als 
Ausgangspunkt einer neuen volksmäßigen künstlerischen 
Bewegung für das Leben fruchtbar gemacht werden — falls 
einmal die rechten Leute ans Ruder kommen. 
Was soll aber zunächst geschehen? 
Es hat sich im Beginn dieser Ausstellung ein Komitee zur 
Förderung der dalmatinischen Spitzenindustrie gebildet, und 
es existiert seit einiger Zeit auch ein anderes, das dem Heil 
der österreichischen Spitzenfabrikation dienen will; das junge 
Komitee, das offenbar von dem guten Willen beseelt ist, 
der armen dalmatinischen Bevölkerung zu helfen, weiß nicht 
recht, wie es die Sache anpacken wird. Hier gilt es jedem 
falls, die Fehler anderer ähnlicher „Förderungen“ zu ver' 
meiden. Die Damen haben vielleicht keine Ahnung, daß ein 
solches Werk, wenn es taugen soll, eine unermüdliche, stille 
und opferwillige, begeisterte Arbeit fordert, die weit von 
Lärm und Wichtigtuerei entfernt ist und Jahre braucht, um 
Früchte zu zeigen. Nicht nur für die dalmatinische Spitze, 
sondern für die künstlerische Heimindustrie aller Gegenden 
gilt dasselbe, daß dort wieder angefangen werden muß, wo 
aufgehört worden ist. Den Leuten darf nicht die Verachtung 
gegen ihre eigene Überlieferung gelehrt werden, sie müssen 
im Gegenteil zur Liebe für diese Dinge erzogen werden. 
Die Bestrebungen der schwedischen Handarbeitsvereine, die 
uns kürzlich in einer kleinen Musterausstellung von einer 
Schwedin, Frau Sjölander, gezeigt wurden, bedeuten ein 
nachahmenswertes Beispiel. Es beginnt mit der Wiederauf' 
nähme der alten Techniken und alten heimatlichen Muster. 
Die müssen wieder ins Volksbewußtsein kommen, und aus 
dem Volksbewußtsein heraus und vielleicht von dem Schaffen 
großer Künstler, die immer den Kulturgang leiten, von 
fernher bestimmt muß sich eine Weiterentwicklung ermög' 
liehen, und sie wird sich ermöglichen, freilich in einem 
langen Prozeß, der nichts zu tun hat mit den überstürzten 
Hilfsaktionen einiger funktionsbedürftiger Damen aus der 
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