Gesellschaft. Der Staat hat nur die eine Pflicht: zu achten,
daß keine Kraft verloren gehe; er sorge für die Absatz^
quellen, für die Weltmarktstellung des Talents und der
Eigenart, er bekehre sich zur Erkenntnis, daß es ersprieß^
lieber ist, in London anstatt Wiener Nachahmungen englL
scher Möbel echte Volkskunst auszustellen, und er begreife,
daß es auch eine Volkswirtschaft des künstlerischen Schaffens
gibt. Dagegen hüte er sich vor den gewaltsamen „Förden
rungen“, Verabreichung „gangbarer“ Muster und bureau^
mäßiger Züchtung künstlicher Kunst. Seine Aufgabe besteht
zunächst darin, den Vertrieb auf eine moderne Grundlage
zu stellen, um nicht allein die Allgemeinheit für die Sache
zu gewinnen, sondern auch dem wucherischen Händler^
Unwesen, das sich auf Kosten der armen, weltunerfahrenen
Produzenten bereichert, das Handwerk zu legen. Die Freude
und der Stolz an der Arbeit, die auch der Arbeitende wieder
bekommen muß und beim Selbstschaffen bekommen wird,
bilden den wirksamen Schutz gegen die leider schon tief
eingerissene Verödung und sollen mit allen Mitteln rege
erhalten werden.
ÜBER DIE AUKTION MYRBACH
berichten die „Mitteilungen des k. k. Versatz^, Verwahrung^
und Versteigerungsamtes“:
„Mehr als 600 Studien und Zeichnungen den Wiener Kunstfreunden
auf einmal anzubieten, war auf jeden Fall ein gewagtes Beginnen;
wenn es glänzend ausfiel, so liegt das in der außerordentlichen Zug'
kraft, die der Name des Künstlers ausübte und in der — sit venia
verbo — schneidigen Handschrift, die selbst in der unscheinbarsten
Skizze und Zeichnung zu finden war.
Daß am ersten Tage der Saal zu klein ward, um all die Erschienenen
zu fassen, soll nicht besonders hervorgehoben werden, wenn aber auch
der zweite Tag sehr guten Besuch aufwies, Aufträge aus den Provinzen
Österreichs und sogar aus dem Auslande einliefen, letztere freilich zu
spät, so bewies dies am deutlichsten, wie weitverbreitet und zahlreich
die Myrbach'Gemeinde ist. Als Vertreter des kunstsinnigen Adels hatten
sich als Käufer die Grafen LanckoroAski und Dubsky, die Freiherren
Gudenus und Bourgoing eingefunden. Schriftsteller und Kunstreferenten
der Wiener Blätter, Künstler und viele Jünger der bildenden Künste
beteiligten sich lebhaft an der Auktion und trugen eine Erinnerung
an den Künstler heim. Die Launen einer Auktion erfuhren auch die
Arbeiten Myrbachs. Viele Blätter wiesen Steigerungen auf, die sie
eigentlich nicht verdient hätten (?), hingegen hatte das vom Künstler
als seine beste Bleistiftzeichnung erklärte Blatt ,Der Viehmarkt in
Völkermarkt' das Schicksal des Zurückgewiesenwerdens. Unverkauft
blieben nur einige Algraphien, Konvolute und etwa acht gerahmte
Aquarelle. .
Die unter Glas befindlichen Studien brachten durchschnittlich
40-60 Kronen; unter den Skizzenbüchern die Studien aus dem öster'
reichischen Abgeordnetenhause zur Zeit der Obstruktion gegen Badem
60 Kronen (10), die Studien aus den Wiener Theatern, von den Volks'
sängern 31 Kronen (5)» aus Paris 20 Kronen usw.
Der erste Versuch eines Wiener Künstlers, schon bei Lebzeiten jene
von ihm künstlerisch verwerteten Studien, die er der Mit' und Nach'
weit in einem Gemälde als dauerndes Kunstgut hinterlassen hatte,
auch materiell zu verwerten, war über alles Erwarten gut ausgefallen,
und es ist zu erwarten, daß dem gegebenen Beispiele manch namhafter
Künstler folgen und eine gewisse Befriedigung bei dem Gedanken hegen
dürfte, daß der kleine Kreis seiner Verehrer nicht auf den wohlhabenden
seiner Bilderkäufer beschränkt bleibe, sondern anläßlich der Verwertung
seiner Skizzen, Studien und Zeichnungen immer größer werdend, der
Kunst neue Freunde schaffe.“
Daran knüpft die Münchener „Werkstatt der Kunst“ folgende
Bemerkung, die den ungeteilten Beifall aller Einsichtigen
haben wird: „Wenn auch die Myrbach'Auktion als geglückt
bezeichnet worden ist, möchten wir dennoch einige Bedenken
nicht unterdrücken. Auktionen von Bildwerken, Skizzen usw.
haben nur zu leicht deren Entwertung zur Folge, und ins'
besondere wenn das kaufende Publikum sieht, daß es zu sehr
billigem Preis verhältnismäßig tüchtige, ja sogar Werke nanv
hafter Künstler erstehen kann, wird es bei sonstigen Käufen
zurückhaltender. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Idee
einer Skizzenauktion zu verwerfen ist. Aber im Interesse des
Künstlers, der, falls er nicht durch die Umstände dazu ge'
nötigt ist, freiwillig einen großen Teil seiner Entwürfe,
Zeichnungen etc. verwerten will, ist es gelegen, den Zeitpunkt
genau in Erwägung zu ziehen, wenn er eine Auktion ver'
anstalten will. Rasch aufeinanderfolgende Auktionen müssen
auf die Preise ungünstig wirken, denn die Aufnahmefähig'
keit des kaufenden Publikums hat auch gewisse Grenzen
und nur allzuleicht könnte die Meinung Platz greifen, daß
man immer noch nicht billig genug gekauft hat. Je größer
das Angebot, desto kleiner sind auch die Preise. Bei der
Myrbach'Auktion lagen die Verhältnisse ausnehmend günstig:
Der Künstler hatte als Direktor der Kunstgewerbeschule einen
vortrefflichen Namen; er war Gegenstand des öffentlichen
Interesses, als er vorigen Sommer durch Monate hindurch
sozusagen verschollen und unauffindbar in Amerika und
Kalifornien weilte. Allerlei Gerüchte schwirrten hin und her,
als er wieder auf der Bildfläche erschien. Dazu kam eine
eifrige Reklame für die Auktion selbst, die als etwas ganz
Neues hingestellt wurde. Aber hat es nicht etwas ungemein
Deprimierendes, wenn Zeichnungen und Studienblätter eines
so bedeutenden Künstlers vom Schätzmeister mit einer Baga'
teile bewertet werden, nur damit möglichst viele Leute als
Mitbietende herangelockt werden? Wenn Zeichnungen,
Studien und Entwürfe durchschnittlich mit einer Krone =
85 Pfennig oder weniges darüber zum Ausruf kommen?
Man vergleiche im Katalog der Auktionsausstellung die
Nummern 1—20, oder die Skizzenbücher mit einer ganzen
Anzahl von Blättern zum Ausrufspreis von zwei, drei, vier,
höchstens zehn Kronen! Aquarelle und große Blätter in Glas
und Rahmen von 25—60 Kronen eingeschätzt, sind um
weniges über den Ausrufspreis zugeschlagen worden, ein
Beweis dafür, daß das Publikum durch die niedrige Notierung
zum Mitlizitieren angeeifert werden sollte.
So bieten derlei Veranstaltungen immer nur ein Schauspiel
für die Menge und für solche, die sich eine Zeichnung kaufen
wollen, nicht aus wirklichem Interesse für den Künstler,
sondern weil sie ungemein billig, zu Spottpreisen etwas er'
gattern können, um dann im Freundeskreise damit zu renonv
mieren. Ein Künstler, dessen Studienmappen auf solche
Weise an den Mann gebracht wurden, wird, so ist jedoch zu
befürchten, noch lange Zeit nachher darunter zu leiden haben,
denn niemand wird ihm die besseren Preise bezahlen wollen,
die er vorher hatte. „Bei der Auktion kaufte man billiger,
wird man ihm zur Antwort geben. Das sind Gründe, die in
Erwägung gezogen werden wollen, bevor sich Kollegen zur
Nachahmung des gegebenen Beispieles entschließen. Den
Vorteil hat nur das Publikum und — der Auktianator.
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