MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Gesellschaft. Der Staat hat nur die eine Pflicht: zu achten, 
daß keine Kraft verloren gehe; er sorge für die Absatz^ 
quellen, für die Weltmarktstellung des Talents und der 
Eigenart, er bekehre sich zur Erkenntnis, daß es ersprieß^ 
lieber ist, in London anstatt Wiener Nachahmungen englL 
scher Möbel echte Volkskunst auszustellen, und er begreife, 
daß es auch eine Volkswirtschaft des künstlerischen Schaffens 
gibt. Dagegen hüte er sich vor den gewaltsamen „Förden 
rungen“, Verabreichung „gangbarer“ Muster und bureau^ 
mäßiger Züchtung künstlicher Kunst. Seine Aufgabe besteht 
zunächst darin, den Vertrieb auf eine moderne Grundlage 
zu stellen, um nicht allein die Allgemeinheit für die Sache 
zu gewinnen, sondern auch dem wucherischen Händler^ 
Unwesen, das sich auf Kosten der armen, weltunerfahrenen 
Produzenten bereichert, das Handwerk zu legen. Die Freude 
und der Stolz an der Arbeit, die auch der Arbeitende wieder 
bekommen muß und beim Selbstschaffen bekommen wird, 
bilden den wirksamen Schutz gegen die leider schon tief 
eingerissene Verödung und sollen mit allen Mitteln rege 
erhalten werden. 
ÜBER DIE AUKTION MYRBACH 
berichten die „Mitteilungen des k. k. Versatz^, Verwahrung^ 
und Versteigerungsamtes“: 
„Mehr als 600 Studien und Zeichnungen den Wiener Kunstfreunden 
auf einmal anzubieten, war auf jeden Fall ein gewagtes Beginnen; 
wenn es glänzend ausfiel, so liegt das in der außerordentlichen Zug' 
kraft, die der Name des Künstlers ausübte und in der — sit venia 
verbo — schneidigen Handschrift, die selbst in der unscheinbarsten 
Skizze und Zeichnung zu finden war. 
Daß am ersten Tage der Saal zu klein ward, um all die Erschienenen 
zu fassen, soll nicht besonders hervorgehoben werden, wenn aber auch 
der zweite Tag sehr guten Besuch aufwies, Aufträge aus den Provinzen 
Österreichs und sogar aus dem Auslande einliefen, letztere freilich zu 
spät, so bewies dies am deutlichsten, wie weitverbreitet und zahlreich 
die Myrbach'Gemeinde ist. Als Vertreter des kunstsinnigen Adels hatten 
sich als Käufer die Grafen LanckoroAski und Dubsky, die Freiherren 
Gudenus und Bourgoing eingefunden. Schriftsteller und Kunstreferenten 
der Wiener Blätter, Künstler und viele Jünger der bildenden Künste 
beteiligten sich lebhaft an der Auktion und trugen eine Erinnerung 
an den Künstler heim. Die Launen einer Auktion erfuhren auch die 
Arbeiten Myrbachs. Viele Blätter wiesen Steigerungen auf, die sie 
eigentlich nicht verdient hätten (?), hingegen hatte das vom Künstler 
als seine beste Bleistiftzeichnung erklärte Blatt ,Der Viehmarkt in 
Völkermarkt' das Schicksal des Zurückgewiesenwerdens. Unverkauft 
blieben nur einige Algraphien, Konvolute und etwa acht gerahmte 
Aquarelle. . 
Die unter Glas befindlichen Studien brachten durchschnittlich 
40-60 Kronen; unter den Skizzenbüchern die Studien aus dem öster' 
reichischen Abgeordnetenhause zur Zeit der Obstruktion gegen Badem 
60 Kronen (10), die Studien aus den Wiener Theatern, von den Volks' 
sängern 31 Kronen (5)» aus Paris 20 Kronen usw. 
Der erste Versuch eines Wiener Künstlers, schon bei Lebzeiten jene 
von ihm künstlerisch verwerteten Studien, die er der Mit' und Nach' 
weit in einem Gemälde als dauerndes Kunstgut hinterlassen hatte, 
auch materiell zu verwerten, war über alles Erwarten gut ausgefallen, 
und es ist zu erwarten, daß dem gegebenen Beispiele manch namhafter 
Künstler folgen und eine gewisse Befriedigung bei dem Gedanken hegen 
dürfte, daß der kleine Kreis seiner Verehrer nicht auf den wohlhabenden 
seiner Bilderkäufer beschränkt bleibe, sondern anläßlich der Verwertung 
seiner Skizzen, Studien und Zeichnungen immer größer werdend, der 
Kunst neue Freunde schaffe.“ 
Daran knüpft die Münchener „Werkstatt der Kunst“ folgende 
Bemerkung, die den ungeteilten Beifall aller Einsichtigen 
haben wird: „Wenn auch die Myrbach'Auktion als geglückt 
bezeichnet worden ist, möchten wir dennoch einige Bedenken 
nicht unterdrücken. Auktionen von Bildwerken, Skizzen usw. 
haben nur zu leicht deren Entwertung zur Folge, und ins' 
besondere wenn das kaufende Publikum sieht, daß es zu sehr 
billigem Preis verhältnismäßig tüchtige, ja sogar Werke nanv 
hafter Künstler erstehen kann, wird es bei sonstigen Käufen 
zurückhaltender. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Idee 
einer Skizzenauktion zu verwerfen ist. Aber im Interesse des 
Künstlers, der, falls er nicht durch die Umstände dazu ge' 
nötigt ist, freiwillig einen großen Teil seiner Entwürfe, 
Zeichnungen etc. verwerten will, ist es gelegen, den Zeitpunkt 
genau in Erwägung zu ziehen, wenn er eine Auktion ver' 
anstalten will. Rasch aufeinanderfolgende Auktionen müssen 
auf die Preise ungünstig wirken, denn die Aufnahmefähig' 
keit des kaufenden Publikums hat auch gewisse Grenzen 
und nur allzuleicht könnte die Meinung Platz greifen, daß 
man immer noch nicht billig genug gekauft hat. Je größer 
das Angebot, desto kleiner sind auch die Preise. Bei der 
Myrbach'Auktion lagen die Verhältnisse ausnehmend günstig: 
Der Künstler hatte als Direktor der Kunstgewerbeschule einen 
vortrefflichen Namen; er war Gegenstand des öffentlichen 
Interesses, als er vorigen Sommer durch Monate hindurch 
sozusagen verschollen und unauffindbar in Amerika und 
Kalifornien weilte. Allerlei Gerüchte schwirrten hin und her, 
als er wieder auf der Bildfläche erschien. Dazu kam eine 
eifrige Reklame für die Auktion selbst, die als etwas ganz 
Neues hingestellt wurde. Aber hat es nicht etwas ungemein 
Deprimierendes, wenn Zeichnungen und Studienblätter eines 
so bedeutenden Künstlers vom Schätzmeister mit einer Baga' 
teile bewertet werden, nur damit möglichst viele Leute als 
Mitbietende herangelockt werden? Wenn Zeichnungen, 
Studien und Entwürfe durchschnittlich mit einer Krone = 
85 Pfennig oder weniges darüber zum Ausruf kommen? 
Man vergleiche im Katalog der Auktionsausstellung die 
Nummern 1—20, oder die Skizzenbücher mit einer ganzen 
Anzahl von Blättern zum Ausrufspreis von zwei, drei, vier, 
höchstens zehn Kronen! Aquarelle und große Blätter in Glas 
und Rahmen von 25—60 Kronen eingeschätzt, sind um 
weniges über den Ausrufspreis zugeschlagen worden, ein 
Beweis dafür, daß das Publikum durch die niedrige Notierung 
zum Mitlizitieren angeeifert werden sollte. 
So bieten derlei Veranstaltungen immer nur ein Schauspiel 
für die Menge und für solche, die sich eine Zeichnung kaufen 
wollen, nicht aus wirklichem Interesse für den Künstler, 
sondern weil sie ungemein billig, zu Spottpreisen etwas er' 
gattern können, um dann im Freundeskreise damit zu renonv 
mieren. Ein Künstler, dessen Studienmappen auf solche 
Weise an den Mann gebracht wurden, wird, so ist jedoch zu 
befürchten, noch lange Zeit nachher darunter zu leiden haben, 
denn niemand wird ihm die besseren Preise bezahlen wollen, 
die er vorher hatte. „Bei der Auktion kaufte man billiger, 
wird man ihm zur Antwort geben. Das sind Gründe, die in 
Erwägung gezogen werden wollen, bevor sich Kollegen zur 
Nachahmung des gegebenen Beispieles entschließen. Den 
Vorteil hat nur das Publikum und — der Auktianator. 
287
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.