St. Pölten ist nun allerdings nicht so schlimm daran. Denn
die Stadt besitzt einen ausgezeichneten Bürgermeister, der
ein hochgebildeter und für die geistigen, künstlerischen und
wirtschaftlichen Interessen der Stadt eifrig tätiger Mann ist.
Um den Bürgermeister ist auch eine Schar ebenso hoch'
gebildeter und einsichtsvoller Männer mitratend tätig und
die ganze Stadtverwaltung hat das Glück, eine verständige
Bürgerschaft unter sich zu haben.
Unter so günstig beschaffenen Umständen ist vorauszusehen,
daß dem Übel schon im Anbeginne des Entstehens wirksam
begegnet ist. Wenn auch inzwischen manches geschehen ist,
das nicht leicht gutzumachen ist, wie die Aufreißung des
ursprünglich wundervoll geschlossenen Rathausplatzes durch
die widersinnige, durch ein eingebildetes Verkehrsbedürfnis
erzwungene Erweiterung eines Straßenzuges, so kann
immerhin noch vieles zum besten gewendet werden. Das
Allerdringendste ist die Revision des Regulierungsplanes. Der
neue Regulierungsplan muß weg, er ist ein Attentat auf
die Stadt. Die Stadtväter sehen das ein und es wird wohl
geschehen, was kraft der vorgeschrittenen künstlerischen
Anschauung unvermeidlich ist. Der Künstler muß berufen
werden, um in allen Fragen, die die Regulierung und die
Verbauungstypen betreffen, zu entscheiden. Man wird den
rechten Mann dazu finden, wenn man ihn finden will. Er
kann genannt werden, wenn die Frage wird.
Der Bürgermeister der Stadt St. Pölten sichert sich durch eine
solche großartige Initiative den Dank und die Anerkennung
nicht nur des gegenwärtigen Stadtgeschlechtes, sondern auch
der künftigen und er stellt sich an die Spitze aller wahr'
haft fortschrittlich gesinnten Stadtverwaltungen, die Groß'
Städte nicht ausgenommen.
In einem solchen Falle gibt es überhaupt nur zwei Dinge:
Die Verwüstung um sich greifen lassen und den Fluch der
späteren Zeit aufzuladen oder mit weiser Voraussicht die
gesunde Entwicklung zu fördern und den Segen einzu'
heimsen. Es gibt hier keine mittlere Linie, kein Herum'
drücken; in solchen Fällen ist zu wählen, entweder das
eine oder das andere.
Der Bürgermeister wird wählen, und zwar das Rechte.
SOLANGE NICHT ETWAS GESCHIEHT, UM ALLEN
LEUTEN DURCH DEN ANBLICK IHRER EIGENEN
HÄUSER ODER IHRER NACHBARN FREUDE FÜR
DIE AUGEN ODER RUHE FÜR DEN GEIST ZU GE'
WÄHREN, SOLANGE DER GEGENSATZ ZWISCHEN
DEN FELDERN, WO TIERE LEBEN, UND DEN
STRASSEN, IN DENEN MENSCHEN LEBEN, EIN
SO BESCHÄMENDER BLEIBT, MUSS NACH MEINER
ANSICHT DIE AUSÜBUNG DER KUNST IN DER
HAUPTSACHE EINIGEN HOCHGEBILDETEN ÜBER'
LASSEN BLEIBEN, DIE OFT SCHÖNE ORTE AUF'
SUCHEN KÖNNEN, DEREN ERZIEHUNG SIE BE'
FÄHIGT, BEI DER BETRACHTUNG DER VERGAN'
GENEN HERRLICHKEITEN DER WELT IHRE AUGEN
VOR DEM SCHMUTZ ZU VERSCHLIESSEN, IN DEM
SICH DIE MEISTEN MENSCHEN ALLE TAGE BE'
WEGEN WILLIAM MORRIS.
WIENER
FASSADEN.
(Kodak-Aufnahme.)
GUTES
BEISPIEL.
Neue Wiener Fassade mit Granitplattenbelag;
Plastiken von Professor Metzner.
WIENER FASSADEN.
DIE UNTERSCHEIDUNG VON GUT UND SCHLECHT.
FALSCHE UND ECHTE ARCHITEKTUR.
D er Architektur steht die Allgemeinheit und ein er'
heblicher Teil der Kunstverständigen hilflos gegen'
über. Das Wesen der falschen Architektur und der
echten ist den wenigsten aufgegangen.
Und ich erkläre, daß es kein wahres Kunstverständnis gibt,
das nicht auf Architekturverständnis beruht.
Wie kann jemand die Plastik als Raumglied oder die Malerei
als Raumglied oder die Handwerkskunst als Raumglied ver'
stehen, wenn er nicht die abstrahierte Raumkunst, das ist
die Architektur versteht? Denn alle Künste empfangen erst
ihre besondere Weihe und Kraft in ihrem raumkünstlerischen
Zusammenhang.
Die Menge versteht unter Architektur den Schmuck eines
Hauses, sofern er irgend einem bekannten Stil ähnlich sieht.
Ein Haus ohne Schmuck ist in ihren Augen keine Archi'
tektur. Dieser vorherrschende Irrtum hat zu den peinlichen
Erscheinungen der falschen Architektur geführt, die nun
unsere Städte, die Großstädte voran, mit einem Wust von
Geschmacklosigkeit überwuchern. Eine Scheinarchitektur
entstand, die von der Industrie wohlfeil geliefert wird und
die Fassaden mit einem Prunk überzieht, der den inneren
Raum' und Lebensverhältnissen keinesfalls entspricht. Da
aber die Sache möglichst billig sein muß, so findet sich
nirgends echtes Material vor. Der Sinn für Materialechtheit
und Einfachheit ist gänzlich abhanden gekommen. Wir bringen
im obigen ein charakteristisches Beispiel und Gegenbeispiel,
das eine als falsche Architektur, das andere als seltener Fall,
wo wieder Einfachheit und Materialechtheit als Merkmal einer
wahren Architektur am Werke waren. Das schlechte Beispiel
ist um so verwerflicher, als der Neubau an Stelle des Sterbe'
hauses Beethovens, einem schlichten Altwiener Hause, steht,
292