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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

St. Pölten ist nun allerdings nicht so schlimm daran. Denn 
die Stadt besitzt einen ausgezeichneten Bürgermeister, der 
ein hochgebildeter und für die geistigen, künstlerischen und 
wirtschaftlichen Interessen der Stadt eifrig tätiger Mann ist. 
Um den Bürgermeister ist auch eine Schar ebenso hoch' 
gebildeter und einsichtsvoller Männer mitratend tätig und 
die ganze Stadtverwaltung hat das Glück, eine verständige 
Bürgerschaft unter sich zu haben. 
Unter so günstig beschaffenen Umständen ist vorauszusehen, 
daß dem Übel schon im Anbeginne des Entstehens wirksam 
begegnet ist. Wenn auch inzwischen manches geschehen ist, 
das nicht leicht gutzumachen ist, wie die Aufreißung des 
ursprünglich wundervoll geschlossenen Rathausplatzes durch 
die widersinnige, durch ein eingebildetes Verkehrsbedürfnis 
erzwungene Erweiterung eines Straßenzuges, so kann 
immerhin noch vieles zum besten gewendet werden. Das 
Allerdringendste ist die Revision des Regulierungsplanes. Der 
neue Regulierungsplan muß weg, er ist ein Attentat auf 
die Stadt. Die Stadtväter sehen das ein und es wird wohl 
geschehen, was kraft der vorgeschrittenen künstlerischen 
Anschauung unvermeidlich ist. Der Künstler muß berufen 
werden, um in allen Fragen, die die Regulierung und die 
Verbauungstypen betreffen, zu entscheiden. Man wird den 
rechten Mann dazu finden, wenn man ihn finden will. Er 
kann genannt werden, wenn die Frage wird. 
Der Bürgermeister der Stadt St. Pölten sichert sich durch eine 
solche großartige Initiative den Dank und die Anerkennung 
nicht nur des gegenwärtigen Stadtgeschlechtes, sondern auch 
der künftigen und er stellt sich an die Spitze aller wahr' 
haft fortschrittlich gesinnten Stadtverwaltungen, die Groß' 
Städte nicht ausgenommen. 
In einem solchen Falle gibt es überhaupt nur zwei Dinge: 
Die Verwüstung um sich greifen lassen und den Fluch der 
späteren Zeit aufzuladen oder mit weiser Voraussicht die 
gesunde Entwicklung zu fördern und den Segen einzu' 
heimsen. Es gibt hier keine mittlere Linie, kein Herum' 
drücken; in solchen Fällen ist zu wählen, entweder das 
eine oder das andere. 
Der Bürgermeister wird wählen, und zwar das Rechte. 
SOLANGE NICHT ETWAS GESCHIEHT, UM ALLEN 
LEUTEN DURCH DEN ANBLICK IHRER EIGENEN 
HÄUSER ODER IHRER NACHBARN FREUDE FÜR 
DIE AUGEN ODER RUHE FÜR DEN GEIST ZU GE' 
WÄHREN, SOLANGE DER GEGENSATZ ZWISCHEN 
DEN FELDERN, WO TIERE LEBEN, UND DEN 
STRASSEN, IN DENEN MENSCHEN LEBEN, EIN 
SO BESCHÄMENDER BLEIBT, MUSS NACH MEINER 
ANSICHT DIE AUSÜBUNG DER KUNST IN DER 
HAUPTSACHE EINIGEN HOCHGEBILDETEN ÜBER' 
LASSEN BLEIBEN, DIE OFT SCHÖNE ORTE AUF' 
SUCHEN KÖNNEN, DEREN ERZIEHUNG SIE BE' 
FÄHIGT, BEI DER BETRACHTUNG DER VERGAN' 
GENEN HERRLICHKEITEN DER WELT IHRE AUGEN 
VOR DEM SCHMUTZ ZU VERSCHLIESSEN, IN DEM 
SICH DIE MEISTEN MENSCHEN ALLE TAGE BE' 
WEGEN WILLIAM MORRIS. 
WIENER 
FASSADEN. 
(Kodak-Aufnahme.) 
GUTES 
BEISPIEL. 
Neue Wiener Fassade mit Granitplattenbelag; 
Plastiken von Professor Metzner. 
WIENER FASSADEN. 
DIE UNTERSCHEIDUNG VON GUT UND SCHLECHT. 
FALSCHE UND ECHTE ARCHITEKTUR. 
D er Architektur steht die Allgemeinheit und ein er' 
heblicher Teil der Kunstverständigen hilflos gegen' 
über. Das Wesen der falschen Architektur und der 
echten ist den wenigsten aufgegangen. 
Und ich erkläre, daß es kein wahres Kunstverständnis gibt, 
das nicht auf Architekturverständnis beruht. 
Wie kann jemand die Plastik als Raumglied oder die Malerei 
als Raumglied oder die Handwerkskunst als Raumglied ver' 
stehen, wenn er nicht die abstrahierte Raumkunst, das ist 
die Architektur versteht? Denn alle Künste empfangen erst 
ihre besondere Weihe und Kraft in ihrem raumkünstlerischen 
Zusammenhang. 
Die Menge versteht unter Architektur den Schmuck eines 
Hauses, sofern er irgend einem bekannten Stil ähnlich sieht. 
Ein Haus ohne Schmuck ist in ihren Augen keine Archi' 
tektur. Dieser vorherrschende Irrtum hat zu den peinlichen 
Erscheinungen der falschen Architektur geführt, die nun 
unsere Städte, die Großstädte voran, mit einem Wust von 
Geschmacklosigkeit überwuchern. Eine Scheinarchitektur 
entstand, die von der Industrie wohlfeil geliefert wird und 
die Fassaden mit einem Prunk überzieht, der den inneren 
Raum' und Lebensverhältnissen keinesfalls entspricht. Da 
aber die Sache möglichst billig sein muß, so findet sich 
nirgends echtes Material vor. Der Sinn für Materialechtheit 
und Einfachheit ist gänzlich abhanden gekommen. Wir bringen 
im obigen ein charakteristisches Beispiel und Gegenbeispiel, 
das eine als falsche Architektur, das andere als seltener Fall, 
wo wieder Einfachheit und Materialechtheit als Merkmal einer 
wahren Architektur am Werke waren. Das schlechte Beispiel 
ist um so verwerflicher, als der Neubau an Stelle des Sterbe' 
hauses Beethovens, einem schlichten Altwiener Hause, steht, 
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