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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

KUNST UND ERZIEHUNG.* 
(Fortsetzung.) Non scholae, sed 
vitae disdmus: wir wollen, daß die Schule den Wissensstoff, 
er sei welcher Art er wolle, in allen seinen Teilen der 
Jugend in einer solchen Weise vermittele, daß sie durch 
ihn befähigt wird, das Leben selbständig zu erkennen, zu 
deuten und zu gestalten; daß sie, aus der Schule ins Leben 
heraustretend, sich darin nicht fremd, hilflos und verlassen 
fühlt, sondern sich in ihm zurechtfindet und in dem ihr 
überlieferten Wissensschatze einen Schlüssel dazu besitzt. 
Ein ähnlicher Gedanke leitete das neue Volk im Westen, 
als es mit ungemeiner Energie und bedeutendem Organi 
sationstalente sein ganzes Erziehungs^ und Schulwesen in 
den Dienst der einen Aufgabe stellte, die den Inhalt des 
amerikanischen Lebens bildet, in den Dienst der Aufgabe 
to make money. Die Zielbewußtheit und Tatkraft des Vor' 
gehens der Amerikaner hat viele in Europa, und besonders 
auch in Deutschland, nervös gemacht, und überall hört 
man die Kassandrarufe erschallen: Wir werden von den 
Amerikanern überrannt, wenn wir ihnen nicht folgen, wenn 
wir nicht, wie sie, unsere Schule dahin entwickeln, daß sie 
der Jugend eine möglichst große Menge in einem bestimmten 
Berufe verwendbarer, in Gelderwerb umsetzbarer Kenntnisse 
übermittelt, wenn wir nicht unsere ganze Bildung zu einer 
praktischen, das heißt amerikanisch-praktischen gestalten. 
Allein was könnten wir auf diesem Wege erreichen? Wir 
könnten erreichen, daß die Deutschen zu einem Volke ge^ 
schickter und erwerbsfähiger Ingenieure, Kaufleute, See 
offiziere usw., kurz: zu einem Volke von Fachmenschen 
erzogen würden. Aber die Früchte dieses Verfahrens er 
kennen wir nicht allein an den Menschen und dem Leben 
Amerikas, sondern in unserem eigenen Lande, wo ja leider 
bereits zu Hunderten und Aberhunderten jene verkümmerten 
und abgehetzten Geschöpfe herumlaufen, die Nur-Richter, 
Nur-Ärzte, Nur-Kaufleute sind, die, bei aller „praktischen“ 
Tätigkeit, dem wahren Leben und seinem Reichtum so fern 
stehen und zu traurigen Frönern herabgesunken sind. Der 
beste Richter wird nicht der sein, der möglichst frühzeitig 
mit juristischem Wissen vollgestopft wurde, sondern der, 
der die reichste, frischeste und gesundeste Lebenserfahrung 
in der Rechtsprechung fruchtbar zu machen weiß; der beste 
Baumeister wird nicht der sein, der am smartesten Risse 
und Anschläge herzustellen versteht, sondern der, der das 
wirtschaftliche, gesellschaftliche, soziale, geistige und poli 
tische Leben seiner Mitbürger so vollkommen kennt, daß 
er Häuser zu bauen versteht, die allen ihren Bedürfnissen in 
jeder Hinsicht vollendet Genüge leistet. Mögen die Deutschen 
rechtzeitig erkennen, daß sie, wenn sie sich dem Amerika 
nismus überantworten, Gefahr laufen, ihr Unsterbliches 
preiszugeben und ihr selbständiges und schöpferisches Kultur 
ideal einem fremden Geiste zu opfern. Das deutsche Kultur 
ideal ist nicht ein Leben wüster, atemloser und zerstörender 
Arbeit, sondern ein Leben des Adels, der Menschenwürde, 
der Schönheit. Das deutsche Kulturideal ist nicht, das 
Leben zu einem Berufe zusammenschrumpfen zu lassen, 
sondern den Beruf zu einem großen, fruchtbaren, von allen 
Quellen der Kultur getränkten Leben auszubauen. Das 
deutsche Kulturideal ist nicht, den Menschen zu einem Ab 
bilde des Götzen Mammon, sondern zu einem Ebenbilde 
Gottes zu prägen. Der Deutsche wird seine Stellung in der 
Welt nur behaupten, dann aber auch unbesiegbar sein, 
wenn es ihm gelingt, das köstlichste Erbe seiner Ver- 
* Siehe: Bücher, die man lesen soll: Albert Dresdner „Weg der Kunst“, 
Heft 8, Seite 159. 
gangenheit in die Zukunft hinüberzuretten: jene humane, 
das will sagen; jene echt menschliche Bildung, die ihn zum 
Edelmenschen entwickeln, die alle seine Kräfte dazu er 
ziehen will, das Beste, Schönste und Kraftvollste der 
Menschennatur sichtbar zu machen. Und wie das größte 
Beispiel eines wahrhaft praktischen Lebens, das uns das 
verflossene Jahrhundert hinterlassen hat, nicht HerrVander- 
bilt oder Herr Pierpont Morgan, sondern Goethe ist, der 
Schätze gesammelt hat, neben denen die jener Dollarfürsten 
barer Plunder sind, und der seinen Reichtum mit einer 
Großartigkeit und Weisheit verteilt hat, neben der die Frei 
gebigkeit des Herrn Carnegie wie die einer Suppenanstalt 
erscheint, so ist diese humane und deutsche Bildung in 
ihrer rechten Form auch die wahrhaft praktische, indem sie 
dem Menschen die größere Beweglichkeit und Geschmeidig 
keit des geistigen Organismus, den größeren Reichtum der 
Erfahrung und des Lebens, die größere Klarheit und Schärfe 
des Denkens, das feinere Verständnis für die wahren Be 
dürfnisse der menschlichen Natur, den weiteren Blick, die 
größere sittliche Kraft und das höhere Ziel gibt. Also ist 
das Ziel der deutschen Schule nicht, die Kinder so früh 
zeitig als möglich zu Fachmenschen abzustempeln und ihnen 
die Vorstellung einzuimpfen, daß die Bedeutung und der 
Wert der Bildung nach Mark und Pfennigen zu berechnen 
sei, sondern es geht dahin, den geistigen Organismus der 
Kinder so auszurüsten, durchzubilden und zu üben, daß er 
der ganzen Fülle des Lebens gewachsen ist und sie ver 
arbeiten kann, daß er in den Stand gesetzt wird, das Leben 
zu deuten und schöpferisch zu gestalten. 
Ich will mich an einem Beispiele erklären. Dem Schüler 
wird die Geschichte Cromwells und seiner Zeit gelehrt. 
Was ist ihm Cromwell, was ist ihm Karl L, was sind ihm 
die Menschen und Begebenheiten ihres Englands? Tot, ver 
modert, verschollen! Er mag sich ihre Namen, ihre Zahlen 
einprägen; ob er von diesem Wissen je in seinem Leben 
einen praktischen Gebrauch machen kann, steht sehr dahin. 
Und doch ist dieser Cromwell in Wahrheit ein sehr 
lebendiges, sehr wirkliches und für den Schüler praktisch 
höchst wichtiges Phänomen! Ein einfacher Landedelmann, 
der es mit Gott und den göttlichen Geboten — wie er sie 
versteht — so fürchterlich ernst nimmt, daß er nichts tut, 
was ihm nicht seine innere Stimme als Gotteswerk be 
zeichnet, daß er alle seine Taten — Revolutionen, Schlachten, 
Gesetze, Staatsverträge, Rangerhöhungen und Rangerniedri 
gungen und selbst königliche Hinrichtungen — nur als 
Vollstreckungen göttlichen Willens ausführt, und der zu 
gleich so weltlich klug, ein so tiefer Kenner und so mäch 
tiger Beherrscher der Menschen und ihrer Bedürfnisse, ein 
so gewiegter Geschäftsmann und so nüchterner Politiker 
ist, daß er in eben diesem düsteren Feuer religiöser Leiden 
schaft zugleich den festen Grund zu der wirtschaftlichen 
und politischen Macht und Blüte seines Landes legt, — 
das ist, wie mich dünkt, die lebendige Wirklichkeit in 
Cromwell. Und wenn der Schüler sich diese Gestalt ein 
prägt, wenn er erfaßt, daß der Kampf der beiden Lager der 
Kampf zwischen einem Bruder Lustig-England und einem 
neuen, von gewaltigem Schöpferdrange, von dem Bewußt 
sein einer großen Kulturmission erfüllten England ist; 
wenn er an Cromwell das Bild des Helden schaut, indem 
sich, in welcher Mischung immer, stets göttliche und irdische 
Elemente treffen und durchdringen: dann hat er, wie ich 
meine, nicht ein totes Wissen, sondern ein großes Hilfs 
mittel für das Verständnis des Lebens empfangen. Es ist 
nicht wahrscheinlich, daß dem Menschen im Leben Crom- 
wellnaturen begegnen, aber es ist wohl wahrscheinlich, daß 
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