DIE FESTLICHE DEKORATON DER
STRASSEN.
VON ERNST SCHUR.
I.
an kann schon jetzt sehen, wie die kunstgewerblich^
dekorative Bewegung ihren Weg nehmen wird. Es
werden immer mehr Gebiete in Angriff genommen
werden, die bis dahin der Willkür und der Be^
quemlichkeit, der Nachahmung überlassen wurden. So wird
nach und nach sich die Erneuerung vollziehen und schließlich
stehen wir vor einer Reihe von künstlerischen Dokumenten,
die sich wie von selbst zu einem Zusammenhang zusammen^
schließen. Dann werden wir, sobald das wirre Streben sich
setzt, einen Stil ahnen und aus dem vielen, aus dem Tastenden
sehen wir das eine, den Grund und das Ziel.
Schon jetzt kann man einzelne Etappen festlegen. Das
Messelsche Warenhaus ist solch eine Etappe. Dann gibt
Riemerschmied den Versuch eines modernen Theaters, drauf
in Berlin jetzt ein modernes Weinrestaurant, die Trabachschen
Weinstuben. Wir ahnen die Zeit, wo die vielfachen Probleme
unserer an technischen Fragen, die der künstlerischen Lösung
harren, reichen Gegenwart allmählich in Angriff genommen
werden. Der moderne Bahnhof, das moderne Hotel, das
automatische Restaurant, die Cafés — all diese der öffentlich^
keit bestimmten Institute müssen vom Künstler neue Prägung
erhalten und gerade in diesem „Massenmomente“ liegt ein
besonderer Reiz, da hier der Künstler den in der dekorativen
Kunst liegenden Tendenzen unmittelbarer folgen kann, als
wenn er intime Wohnungen schafft, wo er der Vorliebe des
einzelnen nachgeben muß und oft zu leicht in Versuchung
kommt, in Stilanlehnung zu schwelgen, wo er oft die räumlichen
Abmessungen übersieht und auf kleinem Raume ein Zuviel
von Farbe und Form verschwendet, das nur |den Gesamt'
eindruck stört, ein Fehler, der den meisten Entwürfen an'
haftet. Der Künstler will zu sehr alles einzelne berücksichtigen
und gibt zuviel.
Von der anderen Seite kommt dem an öffentlichen Aufgaben
geschulten Künster die moderne, intime Wohnungskunst
entgegen. Was hier erprobt ist, wird dort versucht. Und
umgekehrt. Und in dem Abgrenzen beider Sphären werden
neue Gesichtspunkte, neue Anregungen gewonnen. Selbst
der Garten wird schon mit in den Bereich der Umgestaltung
miteinbezogen. Nicht nur in dekorativen Zeitschriften wird
diese Frage behandelt, die Kunstausstellungen bieten neben
Innenkunst auch Gartenanlagen moderner Art. All diese
Versuche sind vorgeschobene Posten, die leere Gebiete für
die Zukunft besetzen, und der Einsichtige sieht schon jetzt
das Programm abgesteckt, das darauf ausgeht, Schritt um
Schritt an der Erneuerung aller Verhältnisse zu arbeiten.
Eines dieser Gebiete, das merkwürdigerweise bisher ver'
nachlässigt wurde und höchstens als zufällige Gelegenheit
eine praktische Erledigung erfuhr, im Prinzip aber nicht be'
handelt wurde, soll im folgenden angedeutet werden und
dazu dienen, die Aufmerksamkeit der Künstler auf ein neues
Tätigkeitsfeld zu lenken, die berufen sind, der Andeutung
die zielsichere Prägung zu geben. Der Titel dieses Aufsatzes
deutet das Gebiet an, ES HANDELT SICH UM DIE DE'
KORATION DER STRASSEN, PLÄTZE UND HÄUSER
BEI FESTLICHEN GELEGENHEITEN.
II.
Wenn dieser selbstverständlichen Forderung erst durchwegs
entsprochen wird, wenn die Versuche einer festlichen Dekoration
nicht mehr sich auf Kunstausstellungen beschränken, dann
wird es nicht mehr möglich sein, daß in unseren Städten zu
festlichen Gelegenheiten ein so lächerlicher, kleinlicher und
kleinstädtischer Straßenschmuck erscheint, der wie ein Witz
wirkt. Die Künstler haben ein Recht, hier Beteiligung zu
verlangen. Und die Steuerzahler haben ein Recht, eine simv
gemäße Verwendung ihres Geldes zu verlangen.
Sehen wir uns eine solche, heutzutage übliche Fest'
dekoration an!
Es ist Frühling! Alles blüht und duftet! Und an den Frühlings'
bäumen hängen — Papierrosen, rot und plustrig. Man denke
sich: in der Zeit des ersten, frischen Blühens Papierrosen!
Diese können nicht bis in die obersten Spitzen gehängt
werden, sondern verteilen sich ärmlich in die unteren Zweige.
Von Baum zu Baum baumelt eine Girlande und an Drähten
hängen Lampions. An den Fenstern erscheinen gräßliche
Klischeebilder oder Zahlenangaben (etwa 200 oder von
1405 — 1905 oder dgl.) Tatsächliche, unumstößliche Notizen,
die obendrein noch abends elektrisch beleuchtet werden. In
Schaufenstern prangen Gipsbüsten, rechts ein Licht, links ein
Licht, rechts ein Blumenarrangement, links desgleichen.
Draperien mit billigem Stoff helfen, das Alltagsaussehen der
Straße schamhaft verstecken.
All dies fordert den Spott heraus. Und es bedarf keiner
gründlichen Überlegung, einzusehen, daß solche Straßen'
dekoration ein kläglicher, bejammenswerter Schmuck ist. Es
ist eben das Ganze kein Schaffen aus dem Vollen, sondern
eine Ansammlung von Einzelheiten, ein Zufallsarrangement,
wo jedes einzelne Ding neben dem andern sitzt und sich
nicht zu einem in Form und Farbe organischen Ganzen
fügt. Und unserer Unbefriedigtheit liegt diese uns schon in
Fleisch und Blut übergegangene Erkenntnis von der Noty
wendigkeit organischen Zusammenhangs zu gründe.
Am übelsten wirken noch abgeguckte, moderne Mätzchen,
die irgend ein findiger Kopf schnellfertig irgendwoher ent'
lehnte und ohne sich zu besinnen, dem Bilde einfügt, so
daß nun die moderne Entlehnung neben uraltem Wisch sich
breit macht und dem kühnen Verbreiter eigenen Ruhm
schafft. Wieviel Roheit des Geschmacks kommt da zum
Vorschein!
Auf riesige, breitviereckige Holzobelisken werden kleine
Lorbeerbäumchen gestellt, die da oben aussehen, als seien
sie auf einen Zahnstocher gespießt; so klein wirkt das dünne
Stämmchen. Die Großstadt macht in diesem Schmuck den
Eindruck einer von allem modernen künstlerischen Streben
abseits gelegenen Kleinstadt. Alles fällt auseinander und es
bleibt nur eines, ein Wirtschaften mit barbarischen, lädier'
liehen Effekten, ein Auseinanderfallen aller Einheiten, die
der Sinn einer solchen Massendekoration sind. Riesenköpfe
erscheinen in Gips an Holzpfeilern, die eine Glühbirne an
der Stirne tragen. In riesigen Pylonen, die in allen Farben
drapiert sind, ist eine kleine Fensterarchitektur eingefügt,
so daß es aussieht, als sollte dort jeden Augenblick auf
dieser improvisierten Bühne eine Holzpuppe erscheinen.
Der würdige Schlußeffekt ist eine eigens für diese Tage am
gelegte Fontäne, die abends in allen Farben schillert. Und
dieses in allen Farben Schillern imponiert dem um
künstlerisch Empfindenden am meisten. Es ist das primitive
Empfinden des Wilden, der am liebsten Glasperlen eintauscht.
Dann erscheinen kleine Sträuße auf hohe Stangen gespießt,
daß es einen jammert. Billige, bunte Fähnchen baumeln um
die Laternen, so daß es aussieht, als hätte ganz Berlin dort
seine Badekostüme aufgehängt. Eine öde kleinstädtische
Tapezierkunst, die sich da breit macht, die mit billigen Stoffen,
mit Nagel und Schraube und Gips und buntem Papier
wirtschaftet und in der entsetzlichen, flatternden Buntheit
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