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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DIE FESTLICHE DEKORATON DER 
STRASSEN. 
VON ERNST SCHUR. 
I. 
an kann schon jetzt sehen, wie die kunstgewerblich^ 
dekorative Bewegung ihren Weg nehmen wird. Es 
werden immer mehr Gebiete in Angriff genommen 
werden, die bis dahin der Willkür und der Be^ 
quemlichkeit, der Nachahmung überlassen wurden. So wird 
nach und nach sich die Erneuerung vollziehen und schließlich 
stehen wir vor einer Reihe von künstlerischen Dokumenten, 
die sich wie von selbst zu einem Zusammenhang zusammen^ 
schließen. Dann werden wir, sobald das wirre Streben sich 
setzt, einen Stil ahnen und aus dem vielen, aus dem Tastenden 
sehen wir das eine, den Grund und das Ziel. 
Schon jetzt kann man einzelne Etappen festlegen. Das 
Messelsche Warenhaus ist solch eine Etappe. Dann gibt 
Riemerschmied den Versuch eines modernen Theaters, drauf 
in Berlin jetzt ein modernes Weinrestaurant, die Trabachschen 
Weinstuben. Wir ahnen die Zeit, wo die vielfachen Probleme 
unserer an technischen Fragen, die der künstlerischen Lösung 
harren, reichen Gegenwart allmählich in Angriff genommen 
werden. Der moderne Bahnhof, das moderne Hotel, das 
automatische Restaurant, die Cafés — all diese der öffentlich^ 
keit bestimmten Institute müssen vom Künstler neue Prägung 
erhalten und gerade in diesem „Massenmomente“ liegt ein 
besonderer Reiz, da hier der Künstler den in der dekorativen 
Kunst liegenden Tendenzen unmittelbarer folgen kann, als 
wenn er intime Wohnungen schafft, wo er der Vorliebe des 
einzelnen nachgeben muß und oft zu leicht in Versuchung 
kommt, in Stilanlehnung zu schwelgen, wo er oft die räumlichen 
Abmessungen übersieht und auf kleinem Raume ein Zuviel 
von Farbe und Form verschwendet, das nur |den Gesamt' 
eindruck stört, ein Fehler, der den meisten Entwürfen an' 
haftet. Der Künstler will zu sehr alles einzelne berücksichtigen 
und gibt zuviel. 
Von der anderen Seite kommt dem an öffentlichen Aufgaben 
geschulten Künster die moderne, intime Wohnungskunst 
entgegen. Was hier erprobt ist, wird dort versucht. Und 
umgekehrt. Und in dem Abgrenzen beider Sphären werden 
neue Gesichtspunkte, neue Anregungen gewonnen. Selbst 
der Garten wird schon mit in den Bereich der Umgestaltung 
miteinbezogen. Nicht nur in dekorativen Zeitschriften wird 
diese Frage behandelt, die Kunstausstellungen bieten neben 
Innenkunst auch Gartenanlagen moderner Art. All diese 
Versuche sind vorgeschobene Posten, die leere Gebiete für 
die Zukunft besetzen, und der Einsichtige sieht schon jetzt 
das Programm abgesteckt, das darauf ausgeht, Schritt um 
Schritt an der Erneuerung aller Verhältnisse zu arbeiten. 
Eines dieser Gebiete, das merkwürdigerweise bisher ver' 
nachlässigt wurde und höchstens als zufällige Gelegenheit 
eine praktische Erledigung erfuhr, im Prinzip aber nicht be' 
handelt wurde, soll im folgenden angedeutet werden und 
dazu dienen, die Aufmerksamkeit der Künstler auf ein neues 
Tätigkeitsfeld zu lenken, die berufen sind, der Andeutung 
die zielsichere Prägung zu geben. Der Titel dieses Aufsatzes 
deutet das Gebiet an, ES HANDELT SICH UM DIE DE' 
KORATION DER STRASSEN, PLÄTZE UND HÄUSER 
BEI FESTLICHEN GELEGENHEITEN. 
II. 
Wenn dieser selbstverständlichen Forderung erst durchwegs 
entsprochen wird, wenn die Versuche einer festlichen Dekoration 
nicht mehr sich auf Kunstausstellungen beschränken, dann 
wird es nicht mehr möglich sein, daß in unseren Städten zu 
festlichen Gelegenheiten ein so lächerlicher, kleinlicher und 
kleinstädtischer Straßenschmuck erscheint, der wie ein Witz 
wirkt. Die Künstler haben ein Recht, hier Beteiligung zu 
verlangen. Und die Steuerzahler haben ein Recht, eine simv 
gemäße Verwendung ihres Geldes zu verlangen. 
Sehen wir uns eine solche, heutzutage übliche Fest' 
dekoration an! 
Es ist Frühling! Alles blüht und duftet! Und an den Frühlings' 
bäumen hängen — Papierrosen, rot und plustrig. Man denke 
sich: in der Zeit des ersten, frischen Blühens Papierrosen! 
Diese können nicht bis in die obersten Spitzen gehängt 
werden, sondern verteilen sich ärmlich in die unteren Zweige. 
Von Baum zu Baum baumelt eine Girlande und an Drähten 
hängen Lampions. An den Fenstern erscheinen gräßliche 
Klischeebilder oder Zahlenangaben (etwa 200 oder von 
1405 — 1905 oder dgl.) Tatsächliche, unumstößliche Notizen, 
die obendrein noch abends elektrisch beleuchtet werden. In 
Schaufenstern prangen Gipsbüsten, rechts ein Licht, links ein 
Licht, rechts ein Blumenarrangement, links desgleichen. 
Draperien mit billigem Stoff helfen, das Alltagsaussehen der 
Straße schamhaft verstecken. 
All dies fordert den Spott heraus. Und es bedarf keiner 
gründlichen Überlegung, einzusehen, daß solche Straßen' 
dekoration ein kläglicher, bejammenswerter Schmuck ist. Es 
ist eben das Ganze kein Schaffen aus dem Vollen, sondern 
eine Ansammlung von Einzelheiten, ein Zufallsarrangement, 
wo jedes einzelne Ding neben dem andern sitzt und sich 
nicht zu einem in Form und Farbe organischen Ganzen 
fügt. Und unserer Unbefriedigtheit liegt diese uns schon in 
Fleisch und Blut übergegangene Erkenntnis von der Noty 
wendigkeit organischen Zusammenhangs zu gründe. 
Am übelsten wirken noch abgeguckte, moderne Mätzchen, 
die irgend ein findiger Kopf schnellfertig irgendwoher ent' 
lehnte und ohne sich zu besinnen, dem Bilde einfügt, so 
daß nun die moderne Entlehnung neben uraltem Wisch sich 
breit macht und dem kühnen Verbreiter eigenen Ruhm 
schafft. Wieviel Roheit des Geschmacks kommt da zum 
Vorschein! 
Auf riesige, breitviereckige Holzobelisken werden kleine 
Lorbeerbäumchen gestellt, die da oben aussehen, als seien 
sie auf einen Zahnstocher gespießt; so klein wirkt das dünne 
Stämmchen. Die Großstadt macht in diesem Schmuck den 
Eindruck einer von allem modernen künstlerischen Streben 
abseits gelegenen Kleinstadt. Alles fällt auseinander und es 
bleibt nur eines, ein Wirtschaften mit barbarischen, lädier' 
liehen Effekten, ein Auseinanderfallen aller Einheiten, die 
der Sinn einer solchen Massendekoration sind. Riesenköpfe 
erscheinen in Gips an Holzpfeilern, die eine Glühbirne an 
der Stirne tragen. In riesigen Pylonen, die in allen Farben 
drapiert sind, ist eine kleine Fensterarchitektur eingefügt, 
so daß es aussieht, als sollte dort jeden Augenblick auf 
dieser improvisierten Bühne eine Holzpuppe erscheinen. 
Der würdige Schlußeffekt ist eine eigens für diese Tage am 
gelegte Fontäne, die abends in allen Farben schillert. Und 
dieses in allen Farben Schillern imponiert dem um 
künstlerisch Empfindenden am meisten. Es ist das primitive 
Empfinden des Wilden, der am liebsten Glasperlen eintauscht. 
Dann erscheinen kleine Sträuße auf hohe Stangen gespießt, 
daß es einen jammert. Billige, bunte Fähnchen baumeln um 
die Laternen, so daß es aussieht, als hätte ganz Berlin dort 
seine Badekostüme aufgehängt. Eine öde kleinstädtische 
Tapezierkunst, die sich da breit macht, die mit billigen Stoffen, 
mit Nagel und Schraube und Gips und buntem Papier 
wirtschaftet und in der entsetzlichen, flatternden Buntheit 
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