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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

ihr Gefallen findet und womöglich alte Tore mit Goldbronze 
überkleistert, nach der Devise „Schmücke dein Heim“. 
Wie aber eine neue Wohnungskunst den Barbarismus 
unseres Stilempfindens reinigt, so muß auch eine solche 
Straßendekoration künstlerischen Ausdruck haben. Das können 
die, die es bezahlen, verlangen. Und ebenso können die 
Künstler verlangen, daß an solchen großen Aufgaben nicht 
der Dilettantismus sich versuche. Reiche Schulung gehört 
dazu, die nur der besitzen kann, der in freiem Schaffen sich 
an der Lösung solcher neuen Aufgaben versucht hat. Die 
dekorativen Künstler werden viel zu sehr auf die Beschäftigung 
mit kleineren Aufgaben verwiesen, auf Schaffung intimer 
Interieurs. Freilich geht auch hier ein Weg zu großen 
Problemen. Aber gerade da, wo ihre eigenste Aufgabe liegt, 
da läßt man sie unberücksichtigt. Und da, wo große Summen 
zur Verfügung stehen, die allen zur sichtbaren Freude dienen 
könnten, verschwendet man diese, um einen lächerlichen 
Mummenschanz, eine hohle Maskerade, bezogen von einem 
Bühnengarderobier, aufzuführen. Die Künstler aber haben ein 
Recht, daß sie zu den Aufgaben herangezogen werden, die 
ihr Feld bedeuten, zu denen sie sich stetig vorbereiten, um 
sie neu und fruchtbar lösen zu können. 
Einem Kulturvolk, das auf eine so ruhmreiche Kunst ent' 
Wicklung zurückblickt, sollte nichts selbstverständlicher er' 
scheinen als diese Forderungen, die vielleicht als übertrieben 
gescholten werden. Schon, daß man diese Selbstverständlich' 
keiten als FORDERUNGEN aufstellen muß, charakterisiert 
unsere Kultur, die abgeirrt ist von dem Pfade natürlicher Ent' 
wicklung. Erst mühsam und allmählich findet sie sich zurück. 
Es will ihr immer wieder angenehmer erscheinen, den Pfad der 
Bequemlichkeit und Trägheit zu wandeln, und immer wieder 
strebt sie dahin zurück. Immer wieder muß sie aufgestachelt 
werden und auf einen frei und lebendig empfindenden Richter 
der wenigstens das Wollen hat, kommen hundert wehleidige, 
erzürnte und vorsichtige Bureaukraten, die sich an seine 
Rockschöße drohend und beschwörend hängen. Und diese 
Bureaukraten bestimmen, daß so und so viel Tausende 
Meter Girlanden bestellt werden, daß so und so viel tausend 
Meter Stoff, nur recht grell und bunt und immer natürlich 
in den Farben des Landes, zu liefern sind, und dann wird 
aus dem Vollen losgewirtschaftet. Der und der (er muß nur 
den erforderlichen Titel von Staats oder Stadt wegen führen) 
übernimmt die Ausführung. Womöglich teilen sich mehrere 
darin und der eine wurstelt im alten fort, der andere klebt 
neue Stücke auf. Natürlich bleiben beide unbedingt im Prinzip 
in den alten Bahnen oder wenigstens in den Bahnen des 
Erlaubten und nie kommt Frische, Lebendigkeit und Wage' 
mut in dies verschlossene Gebiet. Es werden Zelte und Tribünen 
errichtet und überall erscheint eine Krone und überall prangt 
die Farbe des Landes. Es wird ein gewaltiger Apparat in 
Bewegung gesetzt und Kosten spielen keine Rolle. 
Es ist eine Aufgabe, die wohl einen Künstler reizen müßte, 
eine Masse zu lenken, die Festfreude einer Gesamtheit sinn' 
fällig zu ordnen und zu fügen. Und wenn wir an die Feste 
der Vergangenheit denken, von denen wir lesen, wissen wir, 
daß das Verlangen nicht utopisch ist. Kein Kostümfest, sondern 
ein Raumgestalten in neuem, dekorativem Sinne! 
III. 
Wie festlich, farbenfreudig und schön könnte eine Straße 
aussehen, die Künstler aus dem Ganzen heraus geschaffen 
hätten! Eine auf und ab flutende Menge, die als Farbenwert 
mit hinein bezogen sein müßte, belebte das Ganze. Hier 
würde eine ganze Reihe von neuen Aufgaben zu lösen sein, 
die für das künstlerische Empfinden unserer Zeit einen er' 
heblichen Fortschritt bedeuten würden. Wie selten wird der 
dekorative Künstler vor Taten gestellt! Hier könnte er seine 
Fähigkeiten erproben, Neues versuchen, vielleicht entgleisen, 
aber gerade durch das teilweise Mißlingen lernen. Wir wissen 
ja gar nicht mehr, wie schön solch eine Feststraße aussehen 
kann, die künstlerisches Gepräge verrät. Wir sehen immer 
nur Kriegervereinsdraperien, patriotische Phrasenhaftigkeit, 
Tapezierkunst. Das Blau des Himmels, das Grün der Bäume 
spottet in seiner natürlichen Schönheit dieser lächerlichen 
Firlefanzereien. Das Licht der Sonne enthüllt entsetzlich die 
Schamlosigkeit dieser Gebürden. Und nur abends, wenn grauer 
Straßendunst alles einhüllt, die schwarzen Massen der Passanten 
sich durch die Straßen schieben und das Licht blitzt, ver' 
schwindet untertauchend diese blamierende Häßlichkeit. Das 
Licht und die Dunkelheit und der blaue Dunst der Fernen ist 
das Schöne, das die Jahrmarktsgebürden unserer Schöpfungen, 
die uns in ihrer Grellheit und Buntheit an eine bäuerliche 
Festwiese, an Radau, Karussellgequiek und Phonographen' 
gequietsch erinnern, verhüllt. Wir wissen aber aus manchen 
Bildern, die freie Künstler malten, wie festlich und schön, 
wie phantastisch reich, ja wie groß und erhaben eine solche 
künstlerisch gebändigte und bewältigte Massendemonstration 
wirken kann, in die sich die Architektur der Gebäude, die 
Bewegtheit der auf und ab strömenden Massen, die ruhende 
Schönheit der Natur organisch dem künstlerischen Bilde, das 
schöpferisch alles eint und schmückend die Einzelheiten hebt, 
einfügt. Was wir aber in der Tat sehen, ist ein Schema 
geschmacklos aufgebauter Regelmäßigkeiten, das sich ein 
künstlerisches Schaffen sehr leicht macht und im Grunde 
nur danach sieht, daß, wenn rechts ein Pfosten steht,. auch 
links einer stehen muß. So machen unsere Dekorationen 
der Straßen einen basarmäßigen rohen Eindruck, architektonisch 
nach Schema, malerisch nach dem Prinzip größtmöglicher 
Grellheit aufgebaut. In die großen Schöpfungen der Archi' 
tektur, Gebäuden, in denen die Menschen wohnen und hausen, 
in die Freiheit der Natur wird eine puppige Allee gesetzt, 
wie sie jeder kleine Junge ungefähr, jeder Neger zusammen' 
bauen würde. Es wird nicht GESCHAFFEN, sondern: hinein' 
gesetzt, aneinandergefügt. Das Zusammenhangslose ist 
Trumpf. , ,, . „ 
Während doch dieses bestehen bleibt und klar sein sollte: 
Daß die Häuserfront einer Straße in Form und Farbe ein 
Faktor ist — 
daß die Anlagen, die Bäume, die Sträucher und Platze in 
Form und Farbe Faktoren sind — 
daß der blaue Himmel, der weite, große Raum ein Faktor ist 
daß das Licht des Tages, das Dunkel des Abends, der Nacht, 
das über die Dinge hinspielt, sie einhüllt und schließlich 
versenkt, Faktoren sind — 
daß die leuchtenden Läden oder die tote Dunkelheit in einer 
Straße, die gleichermaßen doch voller Lichter und Schatten 
ist, Faktoren sind — 
daß die Linienfolge der sich ablösenden Straßen und Gassen 
und Plätze Faktoren sind, daß jede Straße IHRE Phy' 
siognomie hat, die zu berücksichtigen, mit hinein zu 
beziehen ist — . ^ 
UND DASS ES SCHLIESSLICH DIE AUFGABE DES 
RAUMEMPFINDENDEN KÜNSTLERS IST, DIESE 
FAKTOREN ALLE ZU SEINEM ZWECKE ZU BE' 
NÜTZEN, MIT IHNEN ZU ARBEITEN, AUS IHNEN 
UND FÜR SIE ZU SCHAFFEN, SICH UND SEINE 
IDEEN DABEI NICHT ZU VERGESSEN UND SO EIN 
GANZES, EINE SINNVOLLE, FREIE EINHEIT ZU 
GEBEN. 
Aber wie weit sind wir heute noch davon entfernt. 
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