ihr Gefallen findet und womöglich alte Tore mit Goldbronze
überkleistert, nach der Devise „Schmücke dein Heim“.
Wie aber eine neue Wohnungskunst den Barbarismus
unseres Stilempfindens reinigt, so muß auch eine solche
Straßendekoration künstlerischen Ausdruck haben. Das können
die, die es bezahlen, verlangen. Und ebenso können die
Künstler verlangen, daß an solchen großen Aufgaben nicht
der Dilettantismus sich versuche. Reiche Schulung gehört
dazu, die nur der besitzen kann, der in freiem Schaffen sich
an der Lösung solcher neuen Aufgaben versucht hat. Die
dekorativen Künstler werden viel zu sehr auf die Beschäftigung
mit kleineren Aufgaben verwiesen, auf Schaffung intimer
Interieurs. Freilich geht auch hier ein Weg zu großen
Problemen. Aber gerade da, wo ihre eigenste Aufgabe liegt,
da läßt man sie unberücksichtigt. Und da, wo große Summen
zur Verfügung stehen, die allen zur sichtbaren Freude dienen
könnten, verschwendet man diese, um einen lächerlichen
Mummenschanz, eine hohle Maskerade, bezogen von einem
Bühnengarderobier, aufzuführen. Die Künstler aber haben ein
Recht, daß sie zu den Aufgaben herangezogen werden, die
ihr Feld bedeuten, zu denen sie sich stetig vorbereiten, um
sie neu und fruchtbar lösen zu können.
Einem Kulturvolk, das auf eine so ruhmreiche Kunst ent'
Wicklung zurückblickt, sollte nichts selbstverständlicher er'
scheinen als diese Forderungen, die vielleicht als übertrieben
gescholten werden. Schon, daß man diese Selbstverständlich'
keiten als FORDERUNGEN aufstellen muß, charakterisiert
unsere Kultur, die abgeirrt ist von dem Pfade natürlicher Ent'
wicklung. Erst mühsam und allmählich findet sie sich zurück.
Es will ihr immer wieder angenehmer erscheinen, den Pfad der
Bequemlichkeit und Trägheit zu wandeln, und immer wieder
strebt sie dahin zurück. Immer wieder muß sie aufgestachelt
werden und auf einen frei und lebendig empfindenden Richter
der wenigstens das Wollen hat, kommen hundert wehleidige,
erzürnte und vorsichtige Bureaukraten, die sich an seine
Rockschöße drohend und beschwörend hängen. Und diese
Bureaukraten bestimmen, daß so und so viel Tausende
Meter Girlanden bestellt werden, daß so und so viel tausend
Meter Stoff, nur recht grell und bunt und immer natürlich
in den Farben des Landes, zu liefern sind, und dann wird
aus dem Vollen losgewirtschaftet. Der und der (er muß nur
den erforderlichen Titel von Staats oder Stadt wegen führen)
übernimmt die Ausführung. Womöglich teilen sich mehrere
darin und der eine wurstelt im alten fort, der andere klebt
neue Stücke auf. Natürlich bleiben beide unbedingt im Prinzip
in den alten Bahnen oder wenigstens in den Bahnen des
Erlaubten und nie kommt Frische, Lebendigkeit und Wage'
mut in dies verschlossene Gebiet. Es werden Zelte und Tribünen
errichtet und überall erscheint eine Krone und überall prangt
die Farbe des Landes. Es wird ein gewaltiger Apparat in
Bewegung gesetzt und Kosten spielen keine Rolle.
Es ist eine Aufgabe, die wohl einen Künstler reizen müßte,
eine Masse zu lenken, die Festfreude einer Gesamtheit sinn'
fällig zu ordnen und zu fügen. Und wenn wir an die Feste
der Vergangenheit denken, von denen wir lesen, wissen wir,
daß das Verlangen nicht utopisch ist. Kein Kostümfest, sondern
ein Raumgestalten in neuem, dekorativem Sinne!
III.
Wie festlich, farbenfreudig und schön könnte eine Straße
aussehen, die Künstler aus dem Ganzen heraus geschaffen
hätten! Eine auf und ab flutende Menge, die als Farbenwert
mit hinein bezogen sein müßte, belebte das Ganze. Hier
würde eine ganze Reihe von neuen Aufgaben zu lösen sein,
die für das künstlerische Empfinden unserer Zeit einen er'
heblichen Fortschritt bedeuten würden. Wie selten wird der
dekorative Künstler vor Taten gestellt! Hier könnte er seine
Fähigkeiten erproben, Neues versuchen, vielleicht entgleisen,
aber gerade durch das teilweise Mißlingen lernen. Wir wissen
ja gar nicht mehr, wie schön solch eine Feststraße aussehen
kann, die künstlerisches Gepräge verrät. Wir sehen immer
nur Kriegervereinsdraperien, patriotische Phrasenhaftigkeit,
Tapezierkunst. Das Blau des Himmels, das Grün der Bäume
spottet in seiner natürlichen Schönheit dieser lächerlichen
Firlefanzereien. Das Licht der Sonne enthüllt entsetzlich die
Schamlosigkeit dieser Gebürden. Und nur abends, wenn grauer
Straßendunst alles einhüllt, die schwarzen Massen der Passanten
sich durch die Straßen schieben und das Licht blitzt, ver'
schwindet untertauchend diese blamierende Häßlichkeit. Das
Licht und die Dunkelheit und der blaue Dunst der Fernen ist
das Schöne, das die Jahrmarktsgebürden unserer Schöpfungen,
die uns in ihrer Grellheit und Buntheit an eine bäuerliche
Festwiese, an Radau, Karussellgequiek und Phonographen'
gequietsch erinnern, verhüllt. Wir wissen aber aus manchen
Bildern, die freie Künstler malten, wie festlich und schön,
wie phantastisch reich, ja wie groß und erhaben eine solche
künstlerisch gebändigte und bewältigte Massendemonstration
wirken kann, in die sich die Architektur der Gebäude, die
Bewegtheit der auf und ab strömenden Massen, die ruhende
Schönheit der Natur organisch dem künstlerischen Bilde, das
schöpferisch alles eint und schmückend die Einzelheiten hebt,
einfügt. Was wir aber in der Tat sehen, ist ein Schema
geschmacklos aufgebauter Regelmäßigkeiten, das sich ein
künstlerisches Schaffen sehr leicht macht und im Grunde
nur danach sieht, daß, wenn rechts ein Pfosten steht,. auch
links einer stehen muß. So machen unsere Dekorationen
der Straßen einen basarmäßigen rohen Eindruck, architektonisch
nach Schema, malerisch nach dem Prinzip größtmöglicher
Grellheit aufgebaut. In die großen Schöpfungen der Archi'
tektur, Gebäuden, in denen die Menschen wohnen und hausen,
in die Freiheit der Natur wird eine puppige Allee gesetzt,
wie sie jeder kleine Junge ungefähr, jeder Neger zusammen'
bauen würde. Es wird nicht GESCHAFFEN, sondern: hinein'
gesetzt, aneinandergefügt. Das Zusammenhangslose ist
Trumpf. , ,, . „
Während doch dieses bestehen bleibt und klar sein sollte:
Daß die Häuserfront einer Straße in Form und Farbe ein
Faktor ist —
daß die Anlagen, die Bäume, die Sträucher und Platze in
Form und Farbe Faktoren sind —
daß der blaue Himmel, der weite, große Raum ein Faktor ist
daß das Licht des Tages, das Dunkel des Abends, der Nacht,
das über die Dinge hinspielt, sie einhüllt und schließlich
versenkt, Faktoren sind —
daß die leuchtenden Läden oder die tote Dunkelheit in einer
Straße, die gleichermaßen doch voller Lichter und Schatten
ist, Faktoren sind —
daß die Linienfolge der sich ablösenden Straßen und Gassen
und Plätze Faktoren sind, daß jede Straße IHRE Phy'
siognomie hat, die zu berücksichtigen, mit hinein zu
beziehen ist — . ^
UND DASS ES SCHLIESSLICH DIE AUFGABE DES
RAUMEMPFINDENDEN KÜNSTLERS IST, DIESE
FAKTOREN ALLE ZU SEINEM ZWECKE ZU BE'
NÜTZEN, MIT IHNEN ZU ARBEITEN, AUS IHNEN
UND FÜR SIE ZU SCHAFFEN, SICH UND SEINE
IDEEN DABEI NICHT ZU VERGESSEN UND SO EIN
GANZES, EINE SINNVOLLE, FREIE EINHEIT ZU
GEBEN.
Aber wie weit sind wir heute noch davon entfernt.
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