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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Erziehliche legend, nicht auf Vielwisserei, immer mit dem 
hohen Ziel vor Augen: fürs LEBEN auszurüsten, zu eigenem 
und anderer Heil. 
Die Abende in RuskimCollege sind teilweise harmlos'fröhlicher 
Geselligkeit gewidmet, teilweise werden sie zu Diskutierübungen 
und freien Vorträgen aus den Studentenkreisen ausgenützt. 
Sie sind stets auch auswärtigen Gästen zugänglich. Vielfach 
werden moderne Probleme behandelt. Hier zeigt es sich 
besonders klar, was die Schüler leisten, was ihnen fehlt, was 
sie profitierten, nach welcher Richtung ihr Denken geht; wie 
weit sie sich die gegebene Gelegenheit zu beobachten, zu 
fragen, selbst denken zu lernen zu nutze machten. 
Bei ihrem Eintritt ins College frägt man sie nicht nach 
ihrem politischen, auch nicht nach ihrem religiösen Glaubens^ 
bekenntnis. Getreu John Ruskins Ausspruch: „Education is 
the leading human souls to what is best & getting what is 
best out of them,“ wünscht man ja, sie sich frei entwickeln 
zu lassen und ihnen nur die Anregung zu geben, mit Be^ 
wußtsein und Verständnis sich am staatliclvsozialen Leben 
zu beteiligen. 
Gute Gesundheit, guter Leumund und geistige Fähigkeiten 
setzt man beim Eintritt voraus und verlangt, wie das in 
England allenthalben üblich, die schriftliche Empfehlung von 
zwei einwandfreien Bürgen, das ist alles. Eine Altersgrenze 
ist nicht festgesetzt. 
Gelehrt wird durchschnittlich in folgender Weise: der College^ 
Schüler wohnt einem der Vorträge bei, liest dann über das 
Thema nach und schließlich findet ein freundschaftliches 
Zusammensein von Schülern und Lektor statt. Durch Kreuze 
und Querfragen seitens des letzteren stellt dieser das Wissen 
seiner Hörer fest, außerdem aber dürfen sie selbst ihm ihre 
Schwierigkeiten ausbreiten. Hierauf erhält jeder einen Frage-' 
bogen, auf Grund dessen er wöchentlich einen Aufsatz zu 
liefern hat. Dieser wird gewöhnlich mit jedem Schüler einzeln 
durchgenommen und auf faktische und Stilfehler hin kor 
rigiert und dem Ergebnis entsprechend wird die Nachhilfe 
zu Einzellektionen bestimmt. 
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil in der Vervoll 
kommnung des Individuums ist der ständige Umgang im 
College mit Gleichgesinnten, Gleichstrebenden. 
Die Segnungen einer solchen Erziehung zu vollwertigem 
Staatsbürgertum würden natürlich auch bei stetig wachsender 
Erweiterung des College-Komplexes immer nur einer sehr 
beschränkten Zahl zu gute kommen, wenn man sich nur 
auf diese eine Seite des Unterrichtes beschränkte. 
Für alle diejenigen, die einen Aufenthalt in Oxford aus 
diesem oder jenem Grunde nicht ermöglichen können, denen 
es aber um ihre Weiterbildung ernstlich zu tun ist, hat man 
eine „Correspondence-School“ eingerichtet, ein System, das 
in Großbritannien weit verbreitet ist und, wie statistische Zahlen 
beweisen, in ausgedehntem Maße benützt wird. Von den 
Zentren der großen Städte spannt sie ihre Fäden bis in die 
fernsten und abgelegensten Winkel des Inselreiches und seiner 
außereuropäischen Kolonien und macht es auf diese ihre 
Weise möglich, den Wissensdurst all derer zu stillen, die 
sonst von aller Kultur abgeschnitten wären, ihnen die er 
hebende Geistesnahrung wenigstens als Surrogat zuzuführen. 
Natürlich ist dieser Unterricht jedem, der es wünscht, Mann 
wie Frau, zugänglich. 
Die meisten Lehrfächer von Ruskin-College sind auch zum 
System der Correspondence-School ausgearbeitet; für jedes 
einzelne Fach ein systematischer Satz von Fragen und genau 
detaillierte methodische Anleitung, sich zur vertieften Beant 
wortung derselben vorzubereiten. Der erste und einmalige 
Fragebogen nach Anmeldung eines neuen Lernbeflissenen 
sucht, soweit dies möglich, zu ergründen, wie weit Bildungs 
zustand und Wünsche des Betreffenden gehen. 
Die Teilnehmer der Correspondence-School haben monatlich 
einen Schilling Beitrag zu zahlen; hierin sind die Gebühren 
für die eingehende Korrektur des (allmonatlich je einen) 
Aufsatzes, der von der Verarbeitung der pp Studien des 
Schülers Zeugnis zu geben hat, inbegriffen. Man rechnet auf 
täglich eine Stunde ernsthaften Studierens und erwartet 
danach, daß in vier bis sechs Monaten der Schüler einen 
allgemeinen Überblick über den einzelnen Gegenstand haben 
soll. 
Unter welchen enormen Schwierigkeiten diese einzige Stunde 
täglich oft nur ermöglicht wird, erhellt aus den in großer 
Zahl und in rührend freimütiger Offenheit eingehenden 
Briefen der „Schüler“, die sich, fast ausnahmslos, ihren Rat 
gebern dankbar nahe fühlen. 
Ein drittes Moment endlich in der Übermittlung der Lehren 
bilden die „Ruskin-Hall-Extension-Lectures“. Sie gelten in 
erster Linie denen, die nicht eigener Wille treibt, die größten 
teils verstumpft oder verbittert sind und jede Fähigkeit sich 
aufzuraffen verloren oder überhaupt nie besessen haben. 
Wanderredner ziehen von Ort zu Ort, halten Vorträge und 
suchen durch Anknüpfung persönlicher Bekanntschaft die 
Fähigsten unter diesen Massen herauszufinden und aufzurütteln. 
Durch Sonntagsschullehrer, durch Gewerk-, Temperenz- und 
Wohlfahrtsvereine werden sie unterstützt. 
Die Extension-Lectures betonen die Notwendigkeit einer 
systematischen und zweckmäßigen Allgemeinerziehung auf 
reformerischer Grundlage; sie halten streng zum Ideal von 
Ruskin-College, daß nicht Wissen allein Macht ist, sondern 
nur das Wissen, das den Mann befähigt, sich mit den 
Problemen des Lebens auseinander zu setzen. Aus diesem 
Grunde bringt man alle Vorträge, allen Unterricht in engste 
Beziehung zu den Aufgaben unserer heutigen sozialen 
Probleme. 
Der Vollständigkeit halber bleibt mir noch übrig zu erwähnen, 
daß ältere „Schüler“, respektive frühere Bewohner von Ruskin- 
College, es sich angelegen sein lassen, ihn ihrem Dörfchen 
oder Städtchen „Klassen“ zu organisieren, um anzuregen und 
Anregung zu empfangen. Gleichgesinnte bemühen sie sich 
zu vereinen und teilen nun diesen mit von dem, was sie in 
Ruskin-College aufgenommen. Auch dieser „Leiter" erhält 
von Ruskin-College genaue Anweisung zur möglichst frucht 
baren Entfaltung seiner kulturwichtigen Tätigkeit; die Gebühren 
zu seiner eigenen Fortbildung sind ihm erlassen; die einzelnen 
Mitglieder seiner „Klasse“, die mindestens fünf Mitglieder 
beträgt, stehen außerdem jedes für sich in direkter Verbindung 
mit Ruskin-College-Oxford. 
Alles in allem, darf man wohl sagen, daß Ruskin-College 
sich nicht nur seiner hohen Aufgabe bewußt ist, daß es sie 
auch tatkräftig ausführt und redlich mithilft, den Grund einer 
vorbereitenden Arbeit zu legen für eine gesunde, freie und 
hohe Entfaltung auf dem Gebiete des gesamten Volkslebens, 
in materieller und ideeller Beziehung. 
WENN SIE DIE EIGENSCHAFTEN IN SICH 
FÜHLEN, EIN ECHTER HANDWERKER ZU 
WERDEN, MEINEN GLÜCKWUNSCH ZU 
IHRER STELLUNG, DENN SIE GEHÖREN 
DADURCH, WAS SIE AUCH SONST BETREF 
FEN MAG, ZU DER EINZIGEN SORTE VON 
LEUTEN IN DER ZIVILISIERTEN WELT, 
DIE WIRKLICH GLÜCKLICH IST: LEUTEN, 
DEREN IHNEN TÄGLICH OBLIEGENDE 
ARBEIT UNZERTRENNLICH VON IHREM 
Vv JfA GRÖSSTEN VERGNÜGEN IST. 
WILLIAM MORRIS.
	        
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