Erziehliche legend, nicht auf Vielwisserei, immer mit dem
hohen Ziel vor Augen: fürs LEBEN auszurüsten, zu eigenem
und anderer Heil.
Die Abende in RuskimCollege sind teilweise harmlos'fröhlicher
Geselligkeit gewidmet, teilweise werden sie zu Diskutierübungen
und freien Vorträgen aus den Studentenkreisen ausgenützt.
Sie sind stets auch auswärtigen Gästen zugänglich. Vielfach
werden moderne Probleme behandelt. Hier zeigt es sich
besonders klar, was die Schüler leisten, was ihnen fehlt, was
sie profitierten, nach welcher Richtung ihr Denken geht; wie
weit sie sich die gegebene Gelegenheit zu beobachten, zu
fragen, selbst denken zu lernen zu nutze machten.
Bei ihrem Eintritt ins College frägt man sie nicht nach
ihrem politischen, auch nicht nach ihrem religiösen Glaubens^
bekenntnis. Getreu John Ruskins Ausspruch: „Education is
the leading human souls to what is best & getting what is
best out of them,“ wünscht man ja, sie sich frei entwickeln
zu lassen und ihnen nur die Anregung zu geben, mit Be^
wußtsein und Verständnis sich am staatliclvsozialen Leben
zu beteiligen.
Gute Gesundheit, guter Leumund und geistige Fähigkeiten
setzt man beim Eintritt voraus und verlangt, wie das in
England allenthalben üblich, die schriftliche Empfehlung von
zwei einwandfreien Bürgen, das ist alles. Eine Altersgrenze
ist nicht festgesetzt.
Gelehrt wird durchschnittlich in folgender Weise: der College^
Schüler wohnt einem der Vorträge bei, liest dann über das
Thema nach und schließlich findet ein freundschaftliches
Zusammensein von Schülern und Lektor statt. Durch Kreuze
und Querfragen seitens des letzteren stellt dieser das Wissen
seiner Hörer fest, außerdem aber dürfen sie selbst ihm ihre
Schwierigkeiten ausbreiten. Hierauf erhält jeder einen Frage-'
bogen, auf Grund dessen er wöchentlich einen Aufsatz zu
liefern hat. Dieser wird gewöhnlich mit jedem Schüler einzeln
durchgenommen und auf faktische und Stilfehler hin kor
rigiert und dem Ergebnis entsprechend wird die Nachhilfe
zu Einzellektionen bestimmt.
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil in der Vervoll
kommnung des Individuums ist der ständige Umgang im
College mit Gleichgesinnten, Gleichstrebenden.
Die Segnungen einer solchen Erziehung zu vollwertigem
Staatsbürgertum würden natürlich auch bei stetig wachsender
Erweiterung des College-Komplexes immer nur einer sehr
beschränkten Zahl zu gute kommen, wenn man sich nur
auf diese eine Seite des Unterrichtes beschränkte.
Für alle diejenigen, die einen Aufenthalt in Oxford aus
diesem oder jenem Grunde nicht ermöglichen können, denen
es aber um ihre Weiterbildung ernstlich zu tun ist, hat man
eine „Correspondence-School“ eingerichtet, ein System, das
in Großbritannien weit verbreitet ist und, wie statistische Zahlen
beweisen, in ausgedehntem Maße benützt wird. Von den
Zentren der großen Städte spannt sie ihre Fäden bis in die
fernsten und abgelegensten Winkel des Inselreiches und seiner
außereuropäischen Kolonien und macht es auf diese ihre
Weise möglich, den Wissensdurst all derer zu stillen, die
sonst von aller Kultur abgeschnitten wären, ihnen die er
hebende Geistesnahrung wenigstens als Surrogat zuzuführen.
Natürlich ist dieser Unterricht jedem, der es wünscht, Mann
wie Frau, zugänglich.
Die meisten Lehrfächer von Ruskin-College sind auch zum
System der Correspondence-School ausgearbeitet; für jedes
einzelne Fach ein systematischer Satz von Fragen und genau
detaillierte methodische Anleitung, sich zur vertieften Beant
wortung derselben vorzubereiten. Der erste und einmalige
Fragebogen nach Anmeldung eines neuen Lernbeflissenen
sucht, soweit dies möglich, zu ergründen, wie weit Bildungs
zustand und Wünsche des Betreffenden gehen.
Die Teilnehmer der Correspondence-School haben monatlich
einen Schilling Beitrag zu zahlen; hierin sind die Gebühren
für die eingehende Korrektur des (allmonatlich je einen)
Aufsatzes, der von der Verarbeitung der pp Studien des
Schülers Zeugnis zu geben hat, inbegriffen. Man rechnet auf
täglich eine Stunde ernsthaften Studierens und erwartet
danach, daß in vier bis sechs Monaten der Schüler einen
allgemeinen Überblick über den einzelnen Gegenstand haben
soll.
Unter welchen enormen Schwierigkeiten diese einzige Stunde
täglich oft nur ermöglicht wird, erhellt aus den in großer
Zahl und in rührend freimütiger Offenheit eingehenden
Briefen der „Schüler“, die sich, fast ausnahmslos, ihren Rat
gebern dankbar nahe fühlen.
Ein drittes Moment endlich in der Übermittlung der Lehren
bilden die „Ruskin-Hall-Extension-Lectures“. Sie gelten in
erster Linie denen, die nicht eigener Wille treibt, die größten
teils verstumpft oder verbittert sind und jede Fähigkeit sich
aufzuraffen verloren oder überhaupt nie besessen haben.
Wanderredner ziehen von Ort zu Ort, halten Vorträge und
suchen durch Anknüpfung persönlicher Bekanntschaft die
Fähigsten unter diesen Massen herauszufinden und aufzurütteln.
Durch Sonntagsschullehrer, durch Gewerk-, Temperenz- und
Wohlfahrtsvereine werden sie unterstützt.
Die Extension-Lectures betonen die Notwendigkeit einer
systematischen und zweckmäßigen Allgemeinerziehung auf
reformerischer Grundlage; sie halten streng zum Ideal von
Ruskin-College, daß nicht Wissen allein Macht ist, sondern
nur das Wissen, das den Mann befähigt, sich mit den
Problemen des Lebens auseinander zu setzen. Aus diesem
Grunde bringt man alle Vorträge, allen Unterricht in engste
Beziehung zu den Aufgaben unserer heutigen sozialen
Probleme.
Der Vollständigkeit halber bleibt mir noch übrig zu erwähnen,
daß ältere „Schüler“, respektive frühere Bewohner von Ruskin-
College, es sich angelegen sein lassen, ihn ihrem Dörfchen
oder Städtchen „Klassen“ zu organisieren, um anzuregen und
Anregung zu empfangen. Gleichgesinnte bemühen sie sich
zu vereinen und teilen nun diesen mit von dem, was sie in
Ruskin-College aufgenommen. Auch dieser „Leiter" erhält
von Ruskin-College genaue Anweisung zur möglichst frucht
baren Entfaltung seiner kulturwichtigen Tätigkeit; die Gebühren
zu seiner eigenen Fortbildung sind ihm erlassen; die einzelnen
Mitglieder seiner „Klasse“, die mindestens fünf Mitglieder
beträgt, stehen außerdem jedes für sich in direkter Verbindung
mit Ruskin-College-Oxford.
Alles in allem, darf man wohl sagen, daß Ruskin-College
sich nicht nur seiner hohen Aufgabe bewußt ist, daß es sie
auch tatkräftig ausführt und redlich mithilft, den Grund einer
vorbereitenden Arbeit zu legen für eine gesunde, freie und
hohe Entfaltung auf dem Gebiete des gesamten Volkslebens,
in materieller und ideeller Beziehung.
WENN SIE DIE EIGENSCHAFTEN IN SICH
FÜHLEN, EIN ECHTER HANDWERKER ZU
WERDEN, MEINEN GLÜCKWUNSCH ZU
IHRER STELLUNG, DENN SIE GEHÖREN
DADURCH, WAS SIE AUCH SONST BETREF
FEN MAG, ZU DER EINZIGEN SORTE VON
LEUTEN IN DER ZIVILISIERTEN WELT,
DIE WIRKLICH GLÜCKLICH IST: LEUTEN,
DEREN IHNEN TÄGLICH OBLIEGENDE
ARBEIT UNZERTRENNLICH VON IHREM
Vv JfA GRÖSSTEN VERGNÜGEN IST.
WILLIAM MORRIS.