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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

STADTINDIVIDUALITÄT. VON OSKAR 
SCHWINDRAZHEIM.HAMBURG. 
(Fortsetzung und Schluß.) Einmal war sie verursacht 
durch allgemeine Zeitumstände, ein andermal war sie die 
Folge des Eingreifens einer kraftvollen Persönlichkeit, sei 
es ein Fürst oder ein Bürgermeister. In der Geschichte der 
einen Stadt ein stetes Aufwärts, in der der anderen ein 
jäher Absturz, dessen Denkmal die Stadt von heute ist! 
Alte Festungswerke und Tore, stolze Rathäuser oder Patrizier' 
häuser verschiedener Zeit, wohlerhalten oder verfallen, alte 
Kaiserpfalzen oder Fürstenschlösser des XVIII. Jahrhunderts, 
alte und neuere Kirchen, Straßentvpen, in ihrem Gemisch 
von Häusern aller Zeiten das stete Leben der Stadt, die, ver^ 
steinert einen alten Typus zeigend, Wappenschilde, Fürsten' 
monogramme an öffentlichen Bauten, all das redet eine 
laute Sprache, bestimmt in hervorragendem Maße den Eim 
druck, den die Stadt auf uns macht. 
Die künstlerische Geschichte erzielt nicht minder die größten 
Unterschiede. Hier ein natürliches Anschließen an den natio' 
nalen Bauernhaustypus, der nun höher entwickelt wird — 
dort ein absichtliches Abweichen davon, dafür Einführung 
fremder Formgedanken, Anschluß an die kirchliche, die 
fürstliche oder eine fremdstädtische Baukunst. Einmal stetes 
Mitleben mit dem allgemeinen Gange der Kunst, ein andermal 
ein zähes Festhalten des Alteigenen, sei’s im Grundriß sei’s 
in irgend welcher Einzelheit des Bürgerhauses. Hier Eim 
heitlichkeit in Kirchenbau, Bürgerhaus, Rathaus usw., dort 
Kirche und Rathaus isolierte, aus der Fremde geholte Bau' 
typen. Hier ein bestimmender seine Stadt beeinflussende 
Künstler, dieser dort jener Charakterart, hier zu dieser, 
dort zu jener Zeit. Hier allgemeine Neigung zum Prunk, 
dort zur Einfachheit, hier zur Farbigkeit, dort nicht. Hier 
das heimische Material jederzeit bevorzugt, dort Vorliebe für 
fremdes. Hier ein auffallend typischer Sondergedanke dieser 
Art, dort jener. 
Die religiöse Geschichte spielt gleichfalls eine bedeutende Rolle. 
Einmal eine alte, alte Bischofsstadt, deren Höhepunkt in die 
romanische Zeit fiel, ein andermal eine Bischofsstadt, die zur 
Rokokozeit besonders blühte, ein drittes Mal die Stadt zwar 
die Residenz eines Bischofs, aber ihm nicht untertan und 
deren Freiheit in ihren eigenen Kirchenbauten triumphierend 
offenbarend. Einmal eine rein katholisch gebliebene Stadt, 
vielleicht gar ein Wallfahrtsort, ein andermal eine protestan' 
tisch gewordene, ein drittes Mal eine, in der der Protestan' 
tismus erst im XVIII. oder XIX. Jahrhundert es zu eigenen 
Kirchen brachte. 
All diese grundeigenen Eigenschaften oder äußerlichen Ein' 
flüsse wirbeln durcheinander, bald so, bald so gemischt, bald 
sich vereinend, bald gegeneinanderstrebend und rufen diese 
auffällige Verschiedenheit unserer deutschen Städte hervor, 
eine Verschiedenheit, die bis ins kleinste geht, bis in Eigen' 
tümlichkeiten nicht nur alter, sondern auch neuester Zeit, 
die wir, so drastisch wir sie fühlen, gar nicht in Worten 
ausprechen können! Nicht nur bei alten Bauten zeigt sich 
die Unmöglichkeit, sie sich in eine andere, etwa unsere 
Heimatstadt verpflanzt zu denken, so gut wir hier sofort emp' 
finden: die sind bei uns undenkbar, sie würden völlig 
herausfallen, so gut ist das bisweilen selbst der Fall bei neuen 
Straßen. Woran’s liegt, wissen wir manchmal selbst nicht, 
alles ist zwar ähnlich, wie bei uns und doch anders. Kleine 
Unterschiede in Straßenbreite, Pflasterung, Vorgartentypus, 
Eingangsanlage, Häuserhöhe und 'breite, Hauptbaumaterial, 
Lädenart und dergleichen Einzelnheiten bringen’s in ihrer 
Gesamtwirkung fertig, ganz andere Straßenbilder zu schaffen, 
als wir sie gewohnt sind, die völlig typisch für just diese 
Stadt sind, redende Zeugnisse ihrer lebendigen Individualität. 
Die Verschiedenheit ist gar nicht derart, daß man sie 
erst allmählich bemerkt, im Gegenteil, man sieht auf 
den ersten Blick die große Gesamtverschiedenheit und man 
muß erst mühsam nach der Erklärung der auffallenden Er' 
scheinung suchen. 
Modesalon Schwestern Flöge, Wien, eingerichtet von der Wiener Werk' 
□ □ Stätte. Empfangsraum, Bureau und Anproberaum. □□ 
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