INNERE VERWALTUNGSREFORM.
Man kommt schließlich zur Frage, ob denn ein großes Staats^
wesen und das ganze soziale Leben keine Monumental
architektur, keine Monumentalmalerei und keine Monumental
plastik — abgesehen von zahlreichen niederen Gattungen
der Kunstausübungen — benötige.
Es ist gar kein Zweifel, daß die heutigen Lebensformen
eine Fülle neuer Bauorganismen nötig haben und in der
Tat eine unübersehbare Menge hochinteressanter und ganz
neuartiger Aufgaben stellen, ohne daß der Staat oder die
bürgerliche Gesellschaft je die Verpflichtung gefühlt hätte,
diese Aufgabe künstlerisch gelöst zu sehen. Es hat nicht an
ernsten Reformvorschlägen gefehlt, die mit Hilfe dieser noch
zu lösenden Aufgaben eine zeitgemäße Umbildung des
akademischen Lehrplanes bezwecken und zunächst den Staat
auf den Widersinn aufmerksam machen, daß er mit Verhältnis^
mäßig hohen Kosten einen zahlreichen Künstlerstand erzieht
und ihn nicht für seine Aufträge auszunützen versteht. Um
Staatsbauten auszuführen, bedient sich die Regierung eigener,
gleichfalls mit hohen Kosten unterhaltener Baubureaus, deren
architektonische Leistungen, dem Geiste der Submission
und dem Mindestmaß persönlicher Eingebung entsprungen,
künstlerisch gleich Null sind. Der k. k. Bauamtsstil hat in
der Tat schon die ganzen Landstädte und Provinzen baulich zu
gründe gerichtet und jenes öde Schablonentum zur Herrschaft
gebracht, das eine tiefe Schädigung und Entstellung des Landes
bedeutet. Das ist um so erklärlicher, wenn man bedenkt, daß es
nicht die besten Künstler sind, die Bureaukraten werden und
sich in den Staatsdienst „retten“. Nach dem treffenden Aus^
spruch eines Künstlers ist es eine „Auslese der Schwächsten“,
mit denen der Staat seine großen Aufgaben bewältigen will.
Hier setzt der Reformgedanke ein. Er gipfelt in dem Plane,
sämtliche Staatsaufträge einer sogenannten Bauakademie zu^
zuweisen, deren Schüler technisch gut vorgebildet sind und die
Architektur, Monumentalmalerei, Monumentalplastik und die
anderen erforderlichen Kunstzweige zusammenfaßt. Natürlich
hat die Sache nur dann Sinn, wenn die größten Künstler be^
rufen werden und die Schüler an den großen praktischen Auf'
gaben unter der Aufsicht ihres schaffenden Meisters arbeiten
und sich entwickeln können. Das Ministerium hat einen
solchen von ernsten Künstlern ausgearbeiteten Reformplan seit
Jahren in Händen und hat nicht einen Schritt zu dessen Ver--wirklichung
getan. Wie leicht wäre zum Beispiel ein probe'
weiser Versuch an der Kunstgewerbeschule, wo den Architektur'
Schülern der selbständige Bau von kleineren Landschulen, Land'
kirchen etc. in die Hand gegeben, ein höchst wichtiger und
wertvoller Weg zur Entfaltung gegeben wäre. Auch dieser Vor'
schlag wurde jahrelang vergebens gemacht. Was nützen alle
Projekte, wenn sie bloß Papier bleiben und sich bestenfalls als
schöne Architekturzeichnung ausleben? Und wieviel wäre für
den Staat zu ersparen, wieviel für die jungen Talente und für
das Land zu gewinnen! Dem stehen freilich erhebliche Ver'
waltungsmängel entgegen. Das ganze staatliche VerwaltungS'
System ist ein ohnmächtiger Körper, in Ressorts zersplittert,
die gegeneinander durch chinesische Mauern abgegrenzt sind
und eifersüchtig wachen, daß die ausgefahrenen Geleise nicht
verlassen werden. Auch diese Mängel sind das Ergebnis einer
„Auslese der Schwächsten“.
So viel also steht fest, daß sich die künstlerische Entwicklung
außerhalb der Akademie vollzieht. Sollte sie je wieder in
den Mittelpunkt rücken, so kann es nur in der angedeuteten
Richtung geschehen. Das ist aber nur mit einer Auslese der
Besten möglich, der größten Künstler, nicht zu neuem Schul'
zwang vereinigt, sondern als Meister, mit Staatsaufträgen und
mitschaffenden Schülern, die einzig mögliche und gedeihliche
Reform der Akademie ist solcherart eigentlich - ihre Auflösung.
I m Zusammenhänge mit der im vorigen Artikel behandelten
Reform des akademischen Kunstunterrichtes erscheint,
soweit es künstlerische Bedürfnisse zunächst angeht, eine
innere Verwaltungsreform um so dringender, als jedes
Ministerium seine Bauten in ihren eigenen Ressorts ausführt
und den Vorschlägen des Kunstrates, die einmal gemacht
wurden und das künstlerische Moment bei neuen Staats'
bauten betonten, absolut nicht zugänglich gewesen ist. In
finanzieller Hinsicht ist nachzutragen, daß die staatlichen
Baubureaus ihr Dasein durch angebliche Ersparnisrücksichten
begründen. Diese Legende muß zerstört werden. Die Bau'
bureaus und namentlich die Dezentralisation können eher
dazu dienen, die Ausgaben für das staatliche Bauwesen zu
verschleiern, denn sie zu verringern. Im Gegenteil. Es ist
festgestellt, daß der freie Baukünstler die Herstellung eines
staatlichen Monumentalbaues inklusive Entwürfe, Herstellung
der Pläne und Bauführung für eine Entschädigung von %
von der Bausumme bewältigen kann, während die staatlichen
Bauämter in gleichen Fällen durchschnittlich mit einem
Aufwand von 10% arbeiten. Während der freie Baukünstler
sich mit 3 ‘/ 2 % begnügt, verschlingt die amtliche Kontrolle
über seine Bauführung allein 2 ‘/a °lo der Bausumme, ein
unerhörter Aufwand, der mit dem vorgeschützten ökonomi'
sehen Grundsatz in lächerlichem Widerspruch steht. Das
drastische Wort des Kaisers Franz von den tausend Beamten,
die bei zweitausend Kerzen einen Kreuzer suchen und ihn
nicht finden, will nicht aussterben.
Die unrationelle und verschwenderische Art der Sparsamkeit —
stets ein unvermeidliches Ergebnis des Bureaukratismus und
seiner aufgelegten Talentlosigkeit — geht besonders aus dem
Wohnungsmietverhältnis hervor, in dem einzelne Ministerien
und Staatsämter stehen. Infolge des Anwachsens der Bureaus
ist ein großer Teil in privaten Miethäusern unter gebracht,
in durchaus unzweckmäßigen unpassenden Räumen, Küchen
u. s. w., für die enorme Jahresmieten gezahlt werden, um einen
angemessenen Monumentalbau zu „ersparen“. So z. B. zahlt
das Handelsministerium 175.000 Gulden jährlich an Miete,
eine unerhörte Rente, die, auf Amortisation kapitalisiert, einen
Prachtbau um rund fünf Millionen Gulden ermöglichen würde.
Künstler sind mit einem solchen Finanzvorschlag an die
Ämter herangetreten — vergebens. Ein beharrliches Nein —
als die bequemste Art der Erledigung. Es wird weiter „ge'
spart“.
Die Schöpfung einer Bauakademie als Lehranstalt und aus'
führende Kunststätte mit Berufung der stärksten künstleri'
sehen Faktoren setzt natürlich die Auflassung der Bauämter,
respektive der Vereinigung zu einer bloß administrativen
Baubehörde, die die Rechnungen prüft, Schreibdienste tut
und den Künstler von der Verwaltungslast befreit, voraus,
also eine innere Verwaltungsreform. Man muß sich aber
fragen, ob eine akademische Reform und die Lösung des
künstlerischen Problems unter den heutigen Verhältnissen
zu erwarten und ob sie überhaupt derzeit wünschenswert
ist. Es ist unmöglich, Ja zu sagen. Sie ist erst dann wünschens'
wert, sobald die künstlerischen Anschauungen in den leitenden
Kreisen zeitgemäß geworden sein werden. Denn wenn der
heutige offizielle Kunstgeschmack, der durch den zwischen
barock und „sezessionistisch“ schwankenden k. k. Bauamtsstil
repräsentiert wird, eine Auslese unter den freien Künstlern
zu treffen sich anschickte, dann ist nur allzu sehr zu fürchten,
daß die niederträchtige mittlere Linie den Sieg davontragen
und den schönen Künstlergedanken einer akademischen
Reform auf Generationen hinaus prostituieren würde.
369