Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

INNERE  VERWALTUNGSREFORM.

Man  kommt  schließlich  zur  Frage,  ob  denn  ein  großes  Staats^
wesen  und  das  ganze  soziale  Leben  keine  Monumental
architektur,  keine  Monumentalmalerei  und  keine  Monumental
plastik  —  abgesehen  von  zahlreichen  niederen  Gattungen
der  Kunstausübungen  —  benötige.
Es  ist  gar  kein  Zweifel,  daß  die  heutigen  Lebensformen
eine  Fülle  neuer  Bauorganismen  nötig  haben  und  in  der
Tat  eine  unübersehbare  Menge  hochinteressanter  und  ganz
neuartiger  Aufgaben  stellen,  ohne  daß  der  Staat  oder  die
bürgerliche  Gesellschaft  je  die  Verpflichtung  gefühlt  hätte,
diese  Aufgabe  künstlerisch  gelöst  zu  sehen.  Es  hat  nicht  an
ernsten  Reformvorschlägen  gefehlt,  die  mit  Hilfe  dieser  noch
zu  lösenden  Aufgaben  eine  zeitgemäße  Umbildung  des
akademischen  Lehrplanes  bezwecken  und  zunächst  den  Staat
auf  den  Widersinn  aufmerksam  machen,  daß  er  mit  Verhältnis^
mäßig  hohen  Kosten  einen  zahlreichen  Künstlerstand  erzieht
und  ihn  nicht  für  seine  Aufträge  auszunützen  versteht.  Um
Staatsbauten  auszuführen,  bedient  sich  die  Regierung  eigener,
gleichfalls  mit  hohen  Kosten  unterhaltener  Baubureaus,  deren
architektonische  Leistungen,  dem  Geiste  der  Submission
und  dem  Mindestmaß  persönlicher  Eingebung  entsprungen,
künstlerisch  gleich  Null  sind.  Der  k.  k.  Bauamtsstil  hat  in
der  Tat  schon  die  ganzen  Landstädte  und  Provinzen  baulich  zu
gründe  gerichtet  und  jenes  öde  Schablonentum  zur  Herrschaft
gebracht,  das  eine  tiefe  Schädigung  und  Entstellung  des  Landes
bedeutet.  Das  ist  um  so  erklärlicher,  wenn  man  bedenkt,  daß  es
nicht  die  besten  Künstler  sind,  die  Bureaukraten  werden  und
sich  in  den  Staatsdienst  „retten“.  Nach  dem  treffenden  Aus^
spruch  eines  Künstlers  ist  es  eine  „Auslese  der  Schwächsten“,
mit  denen  der  Staat  seine  großen  Aufgaben  bewältigen  will.
Hier  setzt  der  Reformgedanke  ein.  Er  gipfelt  in  dem  Plane,
sämtliche  Staatsaufträge  einer  sogenannten  Bauakademie  zu^
zuweisen,  deren  Schüler  technisch  gut  vorgebildet  sind  und  die
Architektur,  Monumentalmalerei,  Monumentalplastik  und  die
anderen  erforderlichen  Kunstzweige  zusammenfaßt.  Natürlich
hat  die  Sache  nur  dann  Sinn,  wenn  die  größten  Künstler  be^
rufen  werden  und  die  Schüler  an  den  großen  praktischen  Auf'
gaben  unter  der  Aufsicht  ihres  schaffenden  Meisters  arbeiten
und  sich  entwickeln  können.  Das  Ministerium  hat  einen
solchen  von  ernsten  Künstlern  ausgearbeiteten  Reformplan  seit
Jahren  in  Händen  und  hat  nicht  einen  Schritt  zu  dessen  Ver--wirklichung
  getan.  Wie  leicht  wäre  zum  Beispiel  ein  probe'
weiser  Versuch  an  der  Kunstgewerbeschule,  wo  den  Architektur'
Schülern  der  selbständige  Bau  von  kleineren  Landschulen,  Land'
kirchen  etc.  in  die  Hand  gegeben,  ein  höchst  wichtiger  und
wertvoller  Weg  zur  Entfaltung  gegeben  wäre.  Auch  dieser  Vor'
schlag  wurde  jahrelang  vergebens  gemacht.  Was  nützen  alle
Projekte,  wenn  sie  bloß  Papier  bleiben  und  sich  bestenfalls  als
schöne  Architekturzeichnung  ausleben?  Und  wieviel  wäre  für
den  Staat  zu  ersparen,  wieviel  für  die  jungen  Talente  und  für
das  Land  zu  gewinnen!  Dem  stehen  freilich  erhebliche  Ver'
waltungsmängel  entgegen.  Das  ganze  staatliche  VerwaltungS'
System  ist  ein  ohnmächtiger  Körper,  in  Ressorts  zersplittert,
die  gegeneinander  durch  chinesische  Mauern  abgegrenzt  sind
und  eifersüchtig  wachen,  daß  die  ausgefahrenen  Geleise  nicht
verlassen  werden.  Auch  diese  Mängel  sind  das  Ergebnis  einer
„Auslese  der  Schwächsten“.
So  viel  also  steht  fest,  daß  sich  die  künstlerische  Entwicklung
außerhalb  der  Akademie  vollzieht.  Sollte  sie  je  wieder  in
den  Mittelpunkt  rücken,  so  kann  es  nur  in  der  angedeuteten
Richtung  geschehen.  Das  ist  aber  nur  mit  einer  Auslese  der
Besten  möglich,  der  größten  Künstler,  nicht  zu  neuem  Schul'
zwang  vereinigt,  sondern  als  Meister,  mit  Staatsaufträgen  und
mitschaffenden  Schülern,  die  einzig  mögliche  und  gedeihliche
Reform  der  Akademie  ist  solcherart  eigentlich  -  ihre  Auflösung.

I m  Zusammenhänge  mit  der  im  vorigen  Artikel  behandelten
Reform  des  akademischen  Kunstunterrichtes  erscheint,
soweit  es  künstlerische  Bedürfnisse  zunächst  angeht,  eine
innere  Verwaltungsreform  um  so  dringender,  als  jedes
Ministerium  seine  Bauten  in  ihren  eigenen  Ressorts  ausführt
und  den  Vorschlägen  des  Kunstrates,  die  einmal  gemacht
wurden  und  das  künstlerische  Moment  bei  neuen  Staats'
bauten  betonten,  absolut  nicht  zugänglich  gewesen  ist.  In
finanzieller  Hinsicht  ist  nachzutragen,  daß  die  staatlichen
Baubureaus  ihr  Dasein  durch  angebliche  Ersparnisrücksichten
begründen.  Diese  Legende  muß  zerstört  werden.  Die  Bau'
bureaus  und  namentlich  die  Dezentralisation  können  eher
dazu  dienen,  die  Ausgaben  für  das  staatliche  Bauwesen  zu
verschleiern,  denn  sie  zu  verringern.  Im  Gegenteil.  Es  ist
festgestellt,  daß  der  freie  Baukünstler  die  Herstellung  eines
staatlichen  Monumentalbaues  inklusive  Entwürfe,  Herstellung
der  Pläne  und  Bauführung  für  eine  Entschädigung  von  %
von  der  Bausumme  bewältigen  kann,  während  die  staatlichen
Bauämter  in  gleichen  Fällen  durchschnittlich  mit  einem
Aufwand  von  10%  arbeiten.  Während  der  freie  Baukünstler
sich  mit  3  ‘/ 2  %  begnügt,  verschlingt  die  amtliche  Kontrolle
über  seine  Bauführung  allein  2  ‘/a  °lo  der  Bausumme,  ein
unerhörter  Aufwand,  der  mit  dem  vorgeschützten  ökonomi'
sehen  Grundsatz  in  lächerlichem  Widerspruch  steht.  Das
drastische  Wort  des  Kaisers  Franz  von  den  tausend  Beamten,
die  bei  zweitausend  Kerzen  einen  Kreuzer  suchen  und  ihn
nicht  finden,  will  nicht  aussterben.
Die  unrationelle  und  verschwenderische  Art  der  Sparsamkeit  —
stets  ein  unvermeidliches  Ergebnis  des  Bureaukratismus  und
seiner  aufgelegten  Talentlosigkeit  —  geht  besonders  aus  dem
Wohnungsmietverhältnis  hervor,  in  dem  einzelne  Ministerien
und  Staatsämter  stehen.  Infolge  des  Anwachsens  der  Bureaus
ist  ein  großer  Teil  in  privaten  Miethäusern  unter  gebracht,
in  durchaus  unzweckmäßigen  unpassenden  Räumen,  Küchen
u.  s.  w.,  für  die  enorme  Jahresmieten  gezahlt  werden,  um  einen
angemessenen  Monumentalbau  zu  „ersparen“.  So  z.  B.  zahlt
das  Handelsministerium  175.000  Gulden  jährlich  an  Miete,
eine  unerhörte  Rente,  die,  auf  Amortisation  kapitalisiert,  einen
Prachtbau  um  rund  fünf  Millionen  Gulden  ermöglichen  würde.
Künstler  sind  mit  einem  solchen  Finanzvorschlag  an  die
Ämter  herangetreten  —  vergebens.  Ein  beharrliches  Nein  —
als  die  bequemste  Art  der  Erledigung.  Es  wird  weiter  „ge'
spart“.
Die  Schöpfung  einer  Bauakademie  als  Lehranstalt  und  aus'
führende  Kunststätte  mit  Berufung  der  stärksten  künstleri'
sehen  Faktoren  setzt  natürlich  die  Auflassung  der  Bauämter,
respektive  der  Vereinigung  zu  einer  bloß  administrativen
Baubehörde,  die  die  Rechnungen  prüft,  Schreibdienste  tut
und  den  Künstler  von  der  Verwaltungslast  befreit,  voraus,
also  eine  innere  Verwaltungsreform.  Man  muß  sich  aber
fragen,  ob  eine  akademische  Reform  und  die  Lösung  des
künstlerischen  Problems  unter  den  heutigen  Verhältnissen
zu  erwarten  und  ob  sie  überhaupt  derzeit  wünschenswert
ist.  Es  ist  unmöglich,  Ja  zu  sagen.  Sie  ist  erst  dann  wünschens'
wert,  sobald  die  künstlerischen  Anschauungen  in  den  leitenden
Kreisen  zeitgemäß  geworden  sein  werden.  Denn  wenn  der
heutige  offizielle  Kunstgeschmack,  der  durch  den  zwischen
barock  und  „sezessionistisch“  schwankenden  k.  k.  Bauamtsstil
repräsentiert  wird,  eine  Auslese  unter  den  freien  Künstlern
zu  treffen  sich  anschickte,  dann  ist  nur  allzu  sehr  zu  fürchten,
daß  die  niederträchtige  mittlere  Linie  den  Sieg  davontragen
und  den  schönen  Künstlergedanken  einer  akademischen
Reform  auf  Generationen  hinaus  prostituieren  würde.

369
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.