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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Kindern  Stricke  hinunter,  an  denen  sie  das  Podium  erklimmen
sollen  und  wer  nicht  klettern  kann,  der  mag  eben  unten
bleiben.  Sie  vergessen  eben,  daß  die  Psyche  des  Kindes  nicht
die  Psyche  des  Erwachsenen  ist,  sondern  auf  einer  viel  tieferen
Entwicklungsstufe  steht,  jedenfalls  zu  niedrig,  um  künstlerisch
zu  denken.  Und  demgemäß  ist  auch  die  „Kunst“  der  Kinder
eine  andere.  Der  Lehrer  muß  absolut  auf  das  Niveau  kind^
lieber  Kunst  herabsteigen  und  an  diese  anknüpfen,  wenn
überhaupt  was  werden  soll.  Eine  andere  Kunst  will  und  ver^
steht  das  Kind  nicht  einmal.  Es  benimmt  sich  hierin  genau
so  wie  die  Chinesen.  Trotz  ihrer  kolossalen  Fortschritte,
trotzdem  sie  uns  teilweise  überflügelt  haben,  wollen  sie  unsere
Begriffe  von  Licht  und  Schatten  nicht  annehmen,  weil  sie
dieselben  nicht  verstehen.  „Es  kann  keinem  Zweifel  untere
liegen,  daß  die  Kinder  ihre  eigene  Kunst  haben  wollen.“*
Bereits  im  vorschulpflichtigen  Alter  ist  es  möglich,  dem
Zeichnen  der  Kleinen  gewisse  Richtungen  zu  geben,  indem
man  sie  anleitet,  das  Zeichnen  mit  dem  Stäbchen-  und
Fädchenlegen  zu  verbinden.  Sie  lernen  dadurch  sich  an
wenige,  aber  charakteristische  Linien  zu  gewöhnen  und  dies
ist  wichtig,  da  wir  gesehen  haben,  daß  sonst  ein  Rückfall
in  die  Kritzelei-Periode  droht.  Vereinzelt  wird  dies  ja  bereits
gemacht,  z.  B.  von  dem  Zeichenlehrer  Fritz  Müller  in  Hamburg. ­
  Das  in  einigen  Gegenden  übliche  Netzzeichnen  ist
entschieden  zu  verwerfen,  da  es  durchaus  unnatürlich  ist.
Außerdem  sind  die  Resultate  tot.  An  Zeichnungen,  die  künstlich ­
  in  ein  Liniensystem  hineingezwängt  werden,  kann  und
wird  niemals  etwas  Lebendiges  sein.  Ebenso  verwerflich
scheint  das  Kindergartensystem  zu  sein,  denn  Kinder  aus
Kindergärten  malen  meistens  nur  eckige  Figuren.  Aus  diesem
Grunde  sind  auch  die  zwanzig  Tafeln  in  dem  Buch  „Das
Schiefertafelzeichnen  für  Schule  und  Haus“  zu  verwerfen.**
Die  Herausgeber  bitten  im  Vorwort,  daß  ihr  guter  Wille
nicht  verkannt  werde.  Ich  tue  dies  keinesfalls.  Ich  erkenne
ihn  an  und  erkenne  außerdem  an,  daß  die  Herausgabe,  dieser
Tafeln  ganz  ähnlichen  Gefühlen  entsprungen  ist  wie  die
vorliegende  Arbeit.  Aber  diese  Figuren  sind  viel  zu  „einseitig ­
  eckig“,  um  dem  Zweck  zu  entsprechen.  Weit  besser
sind  die  vier  kleinen  Heftchen  „Der  kleine  Zeichner“  von
Wehrenfennig,  aber  auch  ihnen  haften  viele  Mängel  an.***
Am  liebsten  gebe  ich  dieses  Werkchen  nicht  den  Kindern,
sondern  nur  dem  Lehrer,  damit  er  Ideen  daraus  schöpfe.
Herrlich  sind  dagegen  die  Resultate  des  Pestalozzi-Fröbel-Hauses
  zu  Berlin  und  würde  es  zum  Wohle  der  Jugend  gereichen, ­
  wenn  dieses  System  bekannter  würde.
Was  nun  das  Material  für  kleine  Kinder  anbelangt,  so  würde
ich  ihnen  am  liebsten  Bleistift,  Buntstifte  und  Papier  geben.
Die  Schiefertafel  hat  gar  so  viele  Nachteile.  Diese  sind  ja
der  Lehrerwelt  zur  Genüge  bekannt.  Man  wendet  ein,  es
gäbe  keinen  Ersatz  für  dieselbe.  Wenn  es  keinen  gäbe,  würde
diese  Entschuldigung  genügen.  Aber  kennen  denn  die  deutschen
Pädagogen  nicht  die  Dr.  Langesche  weiße  Zelluloidtafel?  In
Braunschweig  ist  sie  seit  Jahren  mit  Riesenerfolg  eingeführt.
Sowohl  Bleistift  wie  Tinte  ?  schreiben  auf  ihr  und  können
leicht  abgewaschen  werden,  sie  ist  leichter  und  ohne  den
lästigen  Holzrahmen  und  fast  unzerbrechlich.  Was  will  man
denn  mehr?
Daß  Kinder  bilderhungrig  sind,  hat  man  längst  gewußt  und
gibt  daher  denselben  in  der  Schule  zuerst  eine  illustrierte
Fibel.  Aber  schon  im  ersten  Schuljahr  vernachlässigt  man
*  Ernst  Linde,  Kunst  und  Erziehung,  p.  243.
Erschienen  bei  Oldenburg,  Leipzig,  München.
***  Der  kleine  Zeichner.  Hundert  Lebensformen  in  entwickelnder  Darstellung ­
  von  G.  Wehrenfennig.  (Verlag  Schimpff,  Triest.)

dieses  Verlangen  und  vergißt  Herbarts  Mahnung:  „Man  soll
keine  menschliche  Kraft  lähmen.“  Von  Ostern  bis  Pfingsten
die  Fibel  abmalen  und  nachher  das  Malen  durch  die  Schrift
zu  „ersetzen“,  ist  verkehrt.  Die  Schrift  sollte  allmählich
neben  dem  Malen  herlaufen.  Ja,  ich  habe  mich  überzeugt,
daß  viele  Lehrer  das  Malen  selbst  in  den  ersten  Wochen
höchstens  gelegentlich  als  eine  Belohnung  gestatten.  Schon
Leonardo  da  Vinci,  Lukas  Paccioli  und  Albrecht  Dürer
wollten  das  Zeichnen  mit  dem  Schreiben  in  Verbindung
setzen,  allerdings  nach  der  Manier  ihrer  Zeit.  Schon  weit
richtiger  faßt  Schleiermacher  die  Frage  auf,  wenn  man  seine
folgenden  Worte  aus  den  Vorlesungen  vom  Jahre  1826
überlegt:*
„Die  Hervorbringung  von  Bildern  ist  das  produktive  Gegenstück ­
  zum  richtigen  Sehen;  und  sowie  man  anfängt,  das
Auffassungsvermögen  durch  Bilder  zu  üben,  so  muß  man
gleich  die  Übung,  daß  die  Kinder  selbst  Bilder  machen,  anknüpfen, ­
  wozu  sie  auch  größtenteils  Neigung  haben.  Aber
Sinn  für  die  Richtigkeit  oder  Unrichtigkeit  entwickelt  sich
in  der  Regel  dabei  nicht;  weil  zu  dieser  Art  der  Tätigkeit
eine  lebendige  Kombination  kommt,  so  sind  sie  im  stände,
zu  einem  völlig  Unähnlichen,  was  sie  hervorbringen,  das
Richtige  zu  imaginieren.  Die  Kinder  fangen  bald  an,  sich
eine  Gestalt  zu  zeichnen,  oft  auf  die  abenteuerlichste  Weise:
so  menschliche  Gestalten;  sie  glauben  nie,  daß  diese  so  verrenkt ­
  aussehen,  wie  sie  es  malen,  das  Bild  wird  ihnen
eigentlich  zu  einem  symbolischen  Zeichen  für  das  lebendige
Bild  ihrer  Phantasie.  Nun  ist  es  aber  etwas  sehr  Wesentliches
und  Notwendiges,  daß  eine  sichere  Harmonie  zwischen  der
äußeren  und  inneren  Tätigkeit  hergestellt  werde.  Alles  aber,
was  hiebei  von  der  pädagogischen  Einwirkung  ausgeht,  muß
freilich  zwischen  Spiel  und  Ernst  gehalten,  der  Zwang  vermieden ­
  werden;  leichte  Gegenstände  lege  man  den  Kindern
vor,  damit  sie  an  diesen  ihre  Kraft  versuchen  und  in  der
Richtigkeit  und  Genauigkeit  sich  üben.  An  jene  Neigung
aber,  das  Bild  bloß  als  Symbol  zu  betrachten,  knüpft  sich
auch  das  Bilden  der  Sprachzeichen  durch  die  Hand  an,  weil
diese  wirklich  symbolische  Zeichen  sind.  So  muß  also  im
allgemeinen  aus  dem  Zeichnen  das  Schreiben  hervorgehen  ....
Nur  auf  diese  Weise  wird  die  Übung  eine  lebendige  werden.“
Eine  Folgerung  dieser  Ausführungen  würde  es  auch  z.  B.
sein,  wenn  man  den  Kindern  in  den  unteren  Klassen  statt
gedruckter  Märchen  und  Erzählungen  mitunter  dieselben  in
der  Form  der  Meggendorfer  Bilder  ohne  Worte  vorlegte.
Die  Kinder  müßten  die  Bilder  ablesen  und  besprechen  und
aus  dem  Gedächtnis  zeichnen  und  dann  die  Erzählung  wiedergeben. ­
  Man  wird  sehen,  daß  die  Kinder  die  Erzählung  viel
besser  kennen  und  besonders  chronologisch  geordneter  wiedergeben. ­

Besonders  muß  man  Kinder  alles  mögliche  zeichnen  lassen,
das  ihnen  Vergnügen  macht.  „Allerlei  physiognomische
Scherzaufgaben  gehören  hieher:  der  lachende  Mond,  der
dicke  und  der  dünne  Mann,  der  Struwwelpeter  u.  s.  w.  Aus
der  Karikatur  entwickelt  sich  so  allgemach  die  Gabe  der
Charakterisierung;  der  Lehrer  zanke  auch  nicht,  wenn  er
dabei  dann  und  wann  auf  sein  eigenes,  wohl  oder  übel  getroffenes ­
  Konterfei  stößt.**
Die  Lehrer  unserer  Zeit  verstehen  es  leider  gar  zu  oft  nicht,
der  Freund,  der  Vertraute  ihrer  Schüler  zu  sein;  sie  spielen
zu  gern  das  überlegene  Wesen  und  wollen  sich  auf  derartige
„Kindereien“  nicht  einlassen.
*  Schleiermachers  Pädagogische  Schriften.  Bibi.  Päd.  Klassiker,
Langensalza,  p.  237.
**  Hirth,  loc.  cit.,  p.  6.

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