Kindern Stricke hinunter, an denen sie das Podium erklimmen
sollen und wer nicht klettern kann, der mag eben unten
bleiben. Sie vergessen eben, daß die Psyche des Kindes nicht
die Psyche des Erwachsenen ist, sondern auf einer viel tieferen
Entwicklungsstufe steht, jedenfalls zu niedrig, um künstlerisch
zu denken. Und demgemäß ist auch die „Kunst“ der Kinder
eine andere. Der Lehrer muß absolut auf das Niveau kind^
lieber Kunst herabsteigen und an diese anknüpfen, wenn
überhaupt was werden soll. Eine andere Kunst will und ver^
steht das Kind nicht einmal. Es benimmt sich hierin genau
so wie die Chinesen. Trotz ihrer kolossalen Fortschritte,
trotzdem sie uns teilweise überflügelt haben, wollen sie unsere
Begriffe von Licht und Schatten nicht annehmen, weil sie
dieselben nicht verstehen. „Es kann keinem Zweifel untere
liegen, daß die Kinder ihre eigene Kunst haben wollen.“*
Bereits im vorschulpflichtigen Alter ist es möglich, dem
Zeichnen der Kleinen gewisse Richtungen zu geben, indem
man sie anleitet, das Zeichnen mit dem Stäbchen- und
Fädchenlegen zu verbinden. Sie lernen dadurch sich an
wenige, aber charakteristische Linien zu gewöhnen und dies
ist wichtig, da wir gesehen haben, daß sonst ein Rückfall
in die Kritzelei-Periode droht. Vereinzelt wird dies ja bereits
gemacht, z. B. von dem Zeichenlehrer Fritz Müller in Hamburg.
Das in einigen Gegenden übliche Netzzeichnen ist
entschieden zu verwerfen, da es durchaus unnatürlich ist.
Außerdem sind die Resultate tot. An Zeichnungen, die künstlich
in ein Liniensystem hineingezwängt werden, kann und
wird niemals etwas Lebendiges sein. Ebenso verwerflich
scheint das Kindergartensystem zu sein, denn Kinder aus
Kindergärten malen meistens nur eckige Figuren. Aus diesem
Grunde sind auch die zwanzig Tafeln in dem Buch „Das
Schiefertafelzeichnen für Schule und Haus“ zu verwerfen.**
Die Herausgeber bitten im Vorwort, daß ihr guter Wille
nicht verkannt werde. Ich tue dies keinesfalls. Ich erkenne
ihn an und erkenne außerdem an, daß die Herausgabe, dieser
Tafeln ganz ähnlichen Gefühlen entsprungen ist wie die
vorliegende Arbeit. Aber diese Figuren sind viel zu „einseitig
eckig“, um dem Zweck zu entsprechen. Weit besser
sind die vier kleinen Heftchen „Der kleine Zeichner“ von
Wehrenfennig, aber auch ihnen haften viele Mängel an.***
Am liebsten gebe ich dieses Werkchen nicht den Kindern,
sondern nur dem Lehrer, damit er Ideen daraus schöpfe.
Herrlich sind dagegen die Resultate des Pestalozzi-Fröbel-Hauses
zu Berlin und würde es zum Wohle der Jugend gereichen,
wenn dieses System bekannter würde.
Was nun das Material für kleine Kinder anbelangt, so würde
ich ihnen am liebsten Bleistift, Buntstifte und Papier geben.
Die Schiefertafel hat gar so viele Nachteile. Diese sind ja
der Lehrerwelt zur Genüge bekannt. Man wendet ein, es
gäbe keinen Ersatz für dieselbe. Wenn es keinen gäbe, würde
diese Entschuldigung genügen. Aber kennen denn die deutschen
Pädagogen nicht die Dr. Langesche weiße Zelluloidtafel? In
Braunschweig ist sie seit Jahren mit Riesenerfolg eingeführt.
Sowohl Bleistift wie Tinte ? schreiben auf ihr und können
leicht abgewaschen werden, sie ist leichter und ohne den
lästigen Holzrahmen und fast unzerbrechlich. Was will man
denn mehr?
Daß Kinder bilderhungrig sind, hat man längst gewußt und
gibt daher denselben in der Schule zuerst eine illustrierte
Fibel. Aber schon im ersten Schuljahr vernachlässigt man
* Ernst Linde, Kunst und Erziehung, p. 243.
Erschienen bei Oldenburg, Leipzig, München.
*** Der kleine Zeichner. Hundert Lebensformen in entwickelnder Darstellung
von G. Wehrenfennig. (Verlag Schimpff, Triest.)
dieses Verlangen und vergißt Herbarts Mahnung: „Man soll
keine menschliche Kraft lähmen.“ Von Ostern bis Pfingsten
die Fibel abmalen und nachher das Malen durch die Schrift
zu „ersetzen“, ist verkehrt. Die Schrift sollte allmählich
neben dem Malen herlaufen. Ja, ich habe mich überzeugt,
daß viele Lehrer das Malen selbst in den ersten Wochen
höchstens gelegentlich als eine Belohnung gestatten. Schon
Leonardo da Vinci, Lukas Paccioli und Albrecht Dürer
wollten das Zeichnen mit dem Schreiben in Verbindung
setzen, allerdings nach der Manier ihrer Zeit. Schon weit
richtiger faßt Schleiermacher die Frage auf, wenn man seine
folgenden Worte aus den Vorlesungen vom Jahre 1826
überlegt:*
„Die Hervorbringung von Bildern ist das produktive Gegenstück
zum richtigen Sehen; und sowie man anfängt, das
Auffassungsvermögen durch Bilder zu üben, so muß man
gleich die Übung, daß die Kinder selbst Bilder machen, anknüpfen,
wozu sie auch größtenteils Neigung haben. Aber
Sinn für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit entwickelt sich
in der Regel dabei nicht; weil zu dieser Art der Tätigkeit
eine lebendige Kombination kommt, so sind sie im stände,
zu einem völlig Unähnlichen, was sie hervorbringen, das
Richtige zu imaginieren. Die Kinder fangen bald an, sich
eine Gestalt zu zeichnen, oft auf die abenteuerlichste Weise:
so menschliche Gestalten; sie glauben nie, daß diese so verrenkt
aussehen, wie sie es malen, das Bild wird ihnen
eigentlich zu einem symbolischen Zeichen für das lebendige
Bild ihrer Phantasie. Nun ist es aber etwas sehr Wesentliches
und Notwendiges, daß eine sichere Harmonie zwischen der
äußeren und inneren Tätigkeit hergestellt werde. Alles aber,
was hiebei von der pädagogischen Einwirkung ausgeht, muß
freilich zwischen Spiel und Ernst gehalten, der Zwang vermieden
werden; leichte Gegenstände lege man den Kindern
vor, damit sie an diesen ihre Kraft versuchen und in der
Richtigkeit und Genauigkeit sich üben. An jene Neigung
aber, das Bild bloß als Symbol zu betrachten, knüpft sich
auch das Bilden der Sprachzeichen durch die Hand an, weil
diese wirklich symbolische Zeichen sind. So muß also im
allgemeinen aus dem Zeichnen das Schreiben hervorgehen ....
Nur auf diese Weise wird die Übung eine lebendige werden.“
Eine Folgerung dieser Ausführungen würde es auch z. B.
sein, wenn man den Kindern in den unteren Klassen statt
gedruckter Märchen und Erzählungen mitunter dieselben in
der Form der Meggendorfer Bilder ohne Worte vorlegte.
Die Kinder müßten die Bilder ablesen und besprechen und
aus dem Gedächtnis zeichnen und dann die Erzählung wiedergeben.
Man wird sehen, daß die Kinder die Erzählung viel
besser kennen und besonders chronologisch geordneter wiedergeben.
Besonders muß man Kinder alles mögliche zeichnen lassen,
das ihnen Vergnügen macht. „Allerlei physiognomische
Scherzaufgaben gehören hieher: der lachende Mond, der
dicke und der dünne Mann, der Struwwelpeter u. s. w. Aus
der Karikatur entwickelt sich so allgemach die Gabe der
Charakterisierung; der Lehrer zanke auch nicht, wenn er
dabei dann und wann auf sein eigenes, wohl oder übel getroffenes
Konterfei stößt.**
Die Lehrer unserer Zeit verstehen es leider gar zu oft nicht,
der Freund, der Vertraute ihrer Schüler zu sein; sie spielen
zu gern das überlegene Wesen und wollen sich auf derartige
„Kindereien“ nicht einlassen.
* Schleiermachers Pädagogische Schriften. Bibi. Päd. Klassiker,
Langensalza, p. 237.
** Hirth, loc. cit., p. 6.
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